Sex als Leistungssport: Ein Workshop für weibliche Ejakulation

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Robert Bejil (CC BY 2.0)

ein Gastbeitrag von Simone

„Lustvoll den Harneingang entdecken“

Seit ich auf einem linken Festival einen Workshop zu weiblicher Ejakulation besucht habe, schwirrt mir diese Aussage im Kopf herum. Der Workshop war zwar mit „weiblicher Ejakulation“ betitelt, wurde aber von Queerfeministinnen abgehalten. Die beiden sind Expertinnen, wenn es um weibliche Ejakulation geht: eine von ihnen besuchte mal einen Workshop zu diesem Thema, bei dem sie praktische Erfahrung sammeln konnte. Dort saßen mehrere Frauen in der Hocke „ganz entspannt“, den Rücken an die Wand gelehnt, in einem Raum, führten zwei Finger ein und …. ejakulierten! Ja, das gibt es offenbar.

Erhofft hatte ich mir eine umfassende Patriarchatskritik, denn im Grunde ist „squirten“ eine Praktik, die wir aus Pornos kennen. Aber ganz in liberal feministischer Manier bestand der Workshop aus Tipps und Tricks wie wir denn nun alle Squirten lernen könnten. Man könne beispielsweise den Harneingang lustvoll entdecken. Aua und
hallo Blasenentzündung. Die weibliche Ejakulation als das wonach wir Frauen zu streben haben. Frei nach dem Motto: Wer für Männer attraktiv sein will, muss leiden.

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Deutsche Verhältnisse: Das Kartoffelpatriarchat

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Christian Mayrhofer (CC BY-NC-ND 2.0)

Es sind gute Zeiten für das Kartoffelpatriarchat, jene deutsche Form der Misogynie, die so viel subtiler und deshalb unangreifbarer funktioniert als der rohe Frauenhass, der andernorts auf der Welt zu beobachten ist. Der Deutsche betrachtet offen zur Schau getragenen Frauenhass als „primitiv“, er hält es lieber mit einer stillen, weiter entwickelten Form der Frauenverachtung, die er hinter allerlei Gesetzen und Bekenntnissen verbirgt, bei Bedarf sogar spöttisch sezieren kann, nie aber aufgibt.

In Jonathan Franzens aktuellem Buch „Unschuld“ geht es, wie der Titel vermuten lässt, um Schuld und Unschuld und um Moralität und auch um Deutschland. Schon relativ am Anfang lässt Franzen eine seiner Figuren, eine Deutsche, folgenden Satz sagen: „Momentan ist es in Deutschland mit Männern und Frauen ziemlich schlimm.“ Dieser Satz wird bestätigt durch viele andere Nebensätze und Aufgaben, die erahnen lassen, dass Jonathan Franzen Deutschland nicht nur als Land von Pünktlichkeit, Teilung und toller Technik sieht, sondern auch als Land einer ganz besonderen Art von Misogynie, einer, die nur schwer greifbar ist und doch allgegenwärtig, die alles durchtränkt und doch unsichtbar bleibt, geleugnet und zugleich überall angewendet.

Rezensenten hielten dem Buch Frauenfeindlichkeit vor, wie immer bei Kunst und Literatur ist das wohl Interpretationssache, ich las viel mehr eine sehr gelungene Überspitzung der Tatsache, dass der Frauenhass alle gesellschaftlichen Befreiungsschläge überlebt, sich in jede Utopie einschleicht und durch das Internet nicht verringert, sondern gar katalysiert wird, was seine Ursache darin hat, dass er nie grundsätzlich reflektiert, sondern immer nur ein wenig kaschiert wird. Überall. Aber vor allem in Deutschland. Wir sind Weltmeister darin, Frauen in jovialer Altherrenmentalität auf ihre Plätze zu verweisen und ihnen entweder einzureden, es gäbe keine Unterdrückung ihres Geschlechts oder aber, wenn es sie gäbe, so seien sie selbst daran Schuld. Diese Art der Deutungsgewalt macht uns einmal mehr zu Vorbildern, wenn es darum geht, den alten Frauenhass in ein jüngst neu eingeläutetes Zeitalter zu transportieren: In der postfaktischen Gesellschaft zählt die Realität, ob beobachtet oder subjektiv empfunden, nicht mehr, sondern nur noch ihre Interpretation. Macht definiert sich über Deutungsmacht und Deutungsmacht ist die Macht des Patriarchats der Zukunft.

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Töten ist männlich

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Public Domain

Als Zeichen der Männlichkeit wird traditionell Aggressivität und die Fähigkeit zum Töten gesehen. Es ist ein Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte, denn es erklärt auch, als ein Faktor, die massive Gewalt an Frauen und Kindern, und natürlich auch Amokläufe, Terrorakte und „Familiendramen“. Und Gewalt fängt auch beim Verhalten gegenüber Tieren an, beim Schlachten, denn auch hier schon beginnt die „Psychologie des Tötens“. Ein Aspekt bedingt den anderen. Ja, wir müssen über das Töten und Männlichkeit sprechen.

Immer wieder wird man unverhofft mit direkter Gewalt an Tieren konfrontiert, seien es von Bäumen hängende Hasen in der Jagdzeit, auf die man während einer Fahrt mit der S-Bahn blicken muss, seien es an Gummiseilen tote hängende Meerschweinchen,  die zur Fütterung in Zookäfigen hängen, oder Bräuche wie Gänsereiten in der Karnevalszeit, wo Reiter zwischen den Bäumen hängenden Gänsen den Kopf abreißen müssen. Früher wurde dies mit lebenden Gänsen durchgeführt und war auch in England und den Niederlanden üblich. Die Gewalt der Massentierhaltung ist versteckter, aber natürlich genauso grauenhaft. Alles aber sind Gesichter männlicher Gewalt, auch wenn sich einige Frauen an dieser Form der Gewalt beteiligen.

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Deutsche Zustände

Zuganstüren in einem Bordell
By Usien (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Eine Momentaufnahme

Ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Es ist ein Samstag im September. Ich bin extra früh aufgestanden, weil ich zum Sport wollte. Aber das kann ich jetzt knicken, denn vor dem Sport sollte man ein bisschen was essen, und ich krieg jetzt nichts mehr runter. Ein Hoch auf die fatale Angewohnheit, noch vor dem Frühstück in die sozialen Medien zu gucken. Hätte ich mir sparen sollen.

Es ist ein Samstag im September, und ich lese, dass ein Bordellbetreiber, ein verurteilter Menschenhändlermit Kontakten in die organisierte Kriminalität, Prinz Marcus von Sachsen-Anhalt, im Fernsehen aus dem Nähkästchen plaudern darf. Darüber, wie reich ihn die Ausbeutung von Frauen gemacht hat. Darüber, wie das so läuft, wenn er Frauen an andere Zuhälter verkauft. Darüber, wie er die Frauen hat 16 Stunden am Tag schaffen lassen und darüber, wie viel Kohle ihm das gebracht hat. Darüber, dass er sich für einen „guten Luden“ hält. Und darüber, wie lustig das ist, dass die Polizei das alles für Sklaverei hält.

Denn in Deutschland, dem Land mit dem liberalsten Prostitutionsgesetz der Welt, haben im Jahr 15 seit Verabschiedung eben jenen Gesetzes Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber nichts weiter zu fürchten. Sie sitzen gelackt und geschniegelt in Talkshows und können sich offen über ihren Job verbreiten, sie sind angesehene Geschäftsmänner und wenn sie Ärger mit der Justiz bekommen, dann höchstens wegen Steuerhinterziehung. Willkommen in einem Land, für dessen Bevölkerung Zuhälter und Menschenhändler nicht verachtens- und ächtenswert, sondern Unterhaltung sind. In der sie als schillernde Vögel durch ihre Bordelle führen dürfen. In der sie Promis sind, deren Knasterfahrung und Nähe zu den Hells Angels höchstens noch als spannend angesehen werden.

Entführung von Frauen, die auf der Flucht vor ihnen sind und nicht mehr für sie anschaffen wollen?

Geschenkt. Zeigen wir lieber noch ein paar Bildchen mit Bling Bling mehr. Es kann nicht genug geprotzt werden. Hach, muss so ein Leben als Bordellbetreiber und Zuhälter spannend sein! Und wenn Dein Puff nicht mehr läuft, kommt ein Fernsehteam und schaut, woran es liegt und wie man ihn optimieren kann. Pimp my Puff.

Ja, das ist Deutschland im Jahr 2016, hier leben wir, in einem Land, das einmal jährlich seine Rotlichtviertel mit Fähnchen und Girlanden überzieht und dort eine Party veranstaltet, damit sich „die Bevölkerung“ mal so ein paar Puffs von innen anschauen kann.

Die meisten Männer, keine Sorge, brauchen solche als Stadtteilfeste konzipierten Elendsvoyeurismen übrigens nicht. Die wissen sehr wohl, wie es im Puff ausschaut und abgeht. Aber einmal im Jahr werden in Frankfurt ein paar Glitzersternchen über der Elends- und Armutsprostitution verstreut, und dann können alle, die sonst nichts mit Prostitution zu tun haben, ein paar selbstgemachte Fotos von halbnackten, über dieses Event nicht informierten Zwangs- und Armutsprostituierten abfassen, sie ein bisschen beglotzen, sich auf sie einen runterholen oder sich an dem Abgrund, in dem sie leben, aufgeilen und dann mit einem Gefühl, mal etwas wirklich AUFREGENDES erlebt zu haben, wieder nach Hause gehen. Katastrophentourismus ist das, und ganz ehrlich, mich erinnern solche Veranstaltungen an die sogenannten Völker- und Menschenschauen der kolonialistischen Zeit, in der afrikanische, asiatische, amerikanische UreinwohnerInnen in Zoos gesteckt worden sind, um neben all den Wildtieren ausgestellt zu werden. Alles so toll! So exotisch! Wollen Sie mal ein paar Rumäninnen, Bulgarinnen sehen, in ihrer natürlichen Umgebung und in Stammestracht? Dann kommen Sie doch in die Laufhäuser Frankfurts! Hier können Sie sehen, was wir, die rassistischen, kolonialistischen Deutschen, für die natürliche Umgebung dieser jungen osteuropäischen „naturgeilen“ Frauen halten. Und was wir so denken das ihre angeborene Funktion und Aufgabe ist, nämlich unseren Männern die Schwänze zu lutschen!

Zwangsprostitution? Klar, gibt es sicher, irgendwo. Aber was, bitteschön, ist schon „Zwangsprostitution“ in einem Land, in welchem die Verletzung einer eingesperrten, vergewaltigten Zwangsprostituierten, die auf der Flucht vor ihrem Zuhälter aus dem Fenster springt, als ein „Arbeitsunfall“ gilt? Und in der Städte Broschüren rausgeben, in denen sie Bordelle empfehlen?

Unhaltbare Zustände? Oh ja! Aber zum Glück gibt es Änderungsvorschläge.

Einige davon kommen von der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen aus Frankfurt, Ursula auf der Heide. Die betont zunächst auf ihrem Facebookprofil, um „Rettung vor dem Anschaffen“ gehe es ihr nicht, aber „bessere Rahmenbedingungen wären schon gut“. So bezieht sie sich – in diesem Artikel wird sie zitiert  – auch auf die genannte Broschüre, in der die Stadt Frankfurt für ihre Bordelle wirbt, in denen rumänische und bulgarische Frauen anschaffen. Auch die werden genau so beworben. Rassismus, much?

Obwohl in dem Artikel konstatiert wird, dass es hier um Armutsprostitution und Menschenhandel geht, und obwohl sie selber konstatiert, dass es sich hier um „Personen ohne Wahlmöglichkeiten“ und um eine „humanitäre Katastrophe“ handelt, befindet sie, es sei „Quatsch“, Prostitution zu verbieten (warum eigentlich?) und erläutert, was sie für ein „Mindestmaß an humanitären Maßnahmen“ hält, die dazu führen sollen, das „Gewerbe menschenwürdiger zu machen“. Auf gut deutsch: Prostitution ist menschenunwürdig, aber leider, leider können wir trotzdem nichts daran ändern, dass es das gibt. Weil… weil aus Gründen! Also, es gibt ganz, ganz viele Gründe, warum Prostitution nicht abgeschafft werden kann. Das gilt, Frau Auf der Heide, dann bestimmt auch für andere Menschenrechtsverletzungen, Verbrechen, Straftaten? So wie Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, sexuelle Nötigung? Weil, darum handelt es sich bei Prostitution nämlich, verstehen Sie? Sagen Sie jetzt auch, das alles zu verbieten wäre „Quatsch“? Ach so, sorry. In der Prostitution bezahlt ja jemand dafür. Ah, also, DANN können wir das natürlich NICHT abschaffen!

Aber weiter, lesen wir doch mal nach, was so vorgeschlagen wird. Wie gedenken die Grünen, diese „humanitäre Katastrophe“ zu beenden? Ihre Antwort: „Die Politikerin schlägt beispielsweise Waschgelegenheiten und Toiletten an der Theodor-Heuss-Allee vor. Auch über „Verrichtungsboxen“, wie sie in Köln aufgestellt wurden, müsse man nachdenken.“

Jahaa. Fresst das. In your face, dignity. Verrichtungsboxen. Und sonst so? Wünscht sie sich Plakate, die die Freier sensibilisieren sollen. Wissend, dass „all diese Maßnahmen nicht Menschen vor dem Anschaffen retten“. Aber: „Wir müssen ein Signal auch an die nicht freiwillig Tätigen senden, dass die Stadt deren Situation nicht als normal akzeptiert. Man kann bei der modernen Sklaverei nicht tatenlos zusehen.“ Und was dieses „Signal“ sein soll, wird auch gleich noch präzisiert: „Es könne auch nicht sein, dass man von einem Gewerbe, dass für Bordelle so lukrativ sei, so wenig Steuern erhalte.“

Ich fasse zusammen.

Abertausende Frauen werden nach Deutschland verschleppt und hier zum Anschaffen gezwungen. Hunderttausende Frauen gehen hier einem kommerzialisierten sexuellen Missbrauch nach. Weil sie traumatisiert sind, arm sind, drogenabhängig sind, gezwungen werden.

Und unsere PolitikerInnen finden das schlimm, aber hach, man kann eben nichts machen.

Nein, gegen sexistische, rassistische, klassistische Systeme kann man leider NICHTS machen, wenn es Tradition hat, dass es ein Männerrecht auf Sex gibt, das WICHTIGER ist als die Unversehrtheit und die Würde von Frauen. Und Kindern, übrigens. ABER! Tatenlos zuschauen können wir trotzdem nicht. Und es ist unsere PFLICHT, diesen von einer permanenten Menschenrechtsverletzung bedrohten Personen zu helfen! Aber nicht, indem wir die Freier, die Täter an ihrem Tun hindern und sie dafür bestrafen, oh nein! DAS geht natürlich nicht! WO kommen wir denn da hin? Das anschaffen abschaffen? Nein! Wir helfen den Frauen, indem wir Menschenhandel menschenwürdiger machen! Indem wir ihnen WASCHMÖGLICHKEITEN bieten, damit sie sich nach dem sexuellen Missbrauch sauber machen können für den nächsten. DAS ist unsere Definition von Menschenwürde! Und nicht zu vergessen helfen wir diesen Frauen auch, wenn wir ihnen mitteilen, dass der deutsche Staat gern noch etwas mehr von ihrer Ausbeutung profitieren würde! Denn es geht natürlich nicht an, dass hier alle an dieser „humanitären Katastrophe“ und am Menschenhandel verdienen, nur der deutsche Staat kriegt den kleinsten Anteil! Das müssen wir ändern, dann geht es auch den Frauen besser.

Liebe Frau Auf der Heide, sie haben leider so gar nichts begriffen. Ich wette, hätten Sie in den Zeiten der schwarzen Sklaverei gelebt, sie hätten einen Eimer Wasser auf die Baumwollfelder gestellt, um zu „helfen“, und die Steuern die beim Verkauf eines Sklaven / einer Sklavin anfallen erhöht. Auch um zu „helfen“.

Das sind die deutschen Zustände, und sie sind peinlich bis dorthinaus. Das Elend liegt vor unserer Haustür, in den Laufhäusern, Megabordellen, Flatratepuffs, auf dem Straßenstrich und in den Modellwohnungen. Und wir sagen: „hier kannste dich waschen“ und „ich will auch was an deiner Ausbeutung verdienen“.

Es geht nur noch um das Aufgeilen am Elend, um das Rotlicht als Unterhaltung und es geht darum, dass auch alle was davon haben.

Außer die Prostituierten natürlich, wa. Aber die können sich jetzt wenigstens waschen. Wie schön.

© Huschke Mau

Lesben nehmen sich viel zu wichtig

Und bähm, rausgezockt hat es mich aus der Versenkung. Obwohl: Versenkung gibt es ja eigentlich nicht, wenn ich das singende Twitter-Liedchen mal wörtlich nehmen soll. Denn wir sind Ü.B.E.R.A.L.L. Und wir sind so S.I.C.H.T.B.A.R.

Und jetzt wird es mal Zeit, dass ich mal sage, was mich so richtig abgefahren nervt:

Lesben.

Jeden verdammten Tag. ÜBERALL.

Diese überdimensionale Präsenz lesbischen Begehrens: Sie ist wirklich nicht mehr zum aushalten.

Kennt ihr? Nein? Dann denkt mal nach, an den letzten Spaziergang, die Arbeitsstelle, die Fußgängerzone, Geschäfte, Cafés, Kneipen:

ÜBERALL treiben die sich rum, diese Lesben. ÜBERALL, wo man hinsieht: Frauenpärchen, Frauenpärchen, Frauenpärchen.

Und diese wilden Knutsch-Szenarien erst: furchtbar, können die nicht, ich meine zu Hause und so … MUSS DAS SEIN?

Um ehrlich zu sein, ich komme mit dieser Omnipräsenz meiner Zunft fast kaum noch zurecht. Ich suche mir jetzt eine Therapeutin – eine heterosexuelle selbstredend.

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Die Betroffenen-Expertinnen-Dichotomie

Betroffenen von sexueller Gewalt zuzuhören bedeutet, die eigene Enttäuschung, das eigene Ego für einen Moment hinten anzustellen

“There must be those among whom we can sit down and weep and still be counted as warriors.”Adrienne Rich

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Ky via Flickr, (CC BY 2.0)

In den letzten Jahren beobachte ich zunehmend ein Phänomen, das sich grob gesagt als „Entsolidarisierung unter Frauen“ bezeichnen lässt (und es ist sicher kein neues). Wir haben darüber an mehreren Stellen geschrieben und ich möchte heute ebenfalls noch einmal etwas dazu beisteuern:

Vor einiger Zeit, es war die Zeit, in der Thomas Fischer, seines Zeichens Bundesrichter am BGH seine ersten misogynen Ergüsse in der eigens für ihn eingerichteten Kolumne auf ZEIT Online zum Besten gab, entbrannten hier und da Diskussionen zum Sexualstrafrecht. Diese Diskussionen verfolgten unterschiedliche Muster, von denen ich eins hier näher beleuchten möchte.

In diesen Debatten meldeten sich häufig Betroffene zu Wort und häufig Menschen, die fachlich/beruflich mit der Thematik zu tun haben. Das können PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen, KriminalbeamtInnen, JuristInnen, etc. sein. Beide „Seiten“, wenn man von solchen sprechen kann, diskutier(t)en stets engagiert, mit Herzblut, jede aus ihrem Blickwinkel. Mit einem von mir häufig beobachteten Unterschied:

Während die „fachliche Seite“ sukzessive die Diskussionen dominiert, wird es um die Betroffenenseite genauso suḱzessive still.  Die fachliche Seite wird als die sachlich-richtige, weil emotions-freie, politisch-korrekte, die mit „Ahnung“ gehandelt, die Betroffenenseite in vielen dieser Diskussionen zum Individualschauplatz erklärt, zu über-emotional, nicht sachlich genug. Der Betroffenenheitsperspektive wird – ob gewollt oder nicht, ob bewusst oder unbewusst – jegliche fachliche Expertise abgesprochen und entzogen. Vergessen wird dabei, dass Betroffene von sexueller Gewalt in ihrer Sache die Expertinnen Nr. 1 sind, die psychischen Folgen, das Äußern von Fragilität, von Ohnmacht, von posttraumatischen Störungen entzieht ihnen jedoch – ob gewollt oder nicht, ob bewusst oder unbewusst – ihr Recht auf eine „sachliche“, „rationale“ Meinung.

Wir sollten uns bei solchen Dynamiken vergegenwärtigen, dass das eine urpatriarchale Strategie ist, die sich in Frauen-Geschichte immer wieder findet. Nehmen wir als ein Beispiel die „Hysterie“, ein Zwangsdiagnostikum, dass das Ziel hatte, die (Gewalt-)Erfahrungen von Frauen für nichtig und phantasiert zu erklären. Kurzum: ihnen nicht zu glauben, ihrem Leid keine Relevanz zuzusprechen – belangloses Leid eben.

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Burkini – es ist kompliziert

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By Petar Milošević (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Eigentlich wollte ich nichts zur Diskussion über den Burkini beitragen. Es wurde schon sehr viel geschrieben und viele scheinen Antworten zu haben. Ich habe keine Antwort, nicht wirklich.

Ich sehe im Patriarchat nicht wirklich die Freiheit zu tragen, was wir möchten und auch nicht das zu tun, was wir wirklich möchten, nicht wirklich und nirgendwo.

Es gibt auch nicht „die Burkini-Trägerin“: damit fängt das Problem an und wird kompliziert.

Die Entscheidungen einen Burkini zu tragen sind so vielfältig wie Frauen unterschiedlich sind. Eine europäische Burkini-Trägerin hat andere Beweggründe als eine Frau in einem islamischen Land, und auch islamische Länder sind völlig unterschiedlich kulturell geprägt.

Ich kann nur über Algerien wirklich sprechen, aber einige Aspekte sind übertragbar.

Und da die Burkini-Diskussion besonders Frankreich betrifft und hier angefangen hat, ist es unabdingbar über Algerien zu sprechen. Es geht gar nicht anders.

Wir müssen deshalb auch in die Vergangenheit blicken, in die Kolonialzeit, die ein Ende mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg hatte, 1962. Es ist nicht wirklich lange her. Die Gräueltaten der Franzosen sind präsent in Algerien, immer, viele der Mudjahedin, Revolutionskämpfer, leben noch.

Die algerische Nationalhymne spricht Frankreich direkt an: „Oh Frankreich, die Zeit der Unterdrückung ist vorüber, wir schlossen sie wie ein Buch, oh Frankreich, die Zeit der Abrechnung ist gekommen, so bereite Dich auf unsere Antwort vor.“

Algerien spricht von 1 ½ Millionen toten Algerier und Algeriererinnen in der Zeit des Krieges von 1954 bis 1962, Frankreich hat natürlich andere Zahlen. Aber schon 1945 kam es zum Massaker von Setif und Guelma, wo 45.000 Algerierinnen abgeschlachtet wurden von französischen Soldaten.

Das Denkmal der Revolution, le Monument, und das Museum befinden sich in Alger mit nachgestellten Szenen der Folterungen durch das französische Militär. Die FLN, die RevolutionskämpferInnen, hat 154.000 Menschen von insgesamt 336.000 verloren, also die Hälfte der Menschen, die ihr Leben für ein freies Algerien opfern wollten.

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Im Westen nichts Neues – Kriegsschauplatz Frauenkörper

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CHRISTOPHER DOMBRES, public domain

Erinnert ihr euch noch an das Sommerloch vom letzten Jahr? Damals ging es um das „Hotpants-Verbot an deutschen Schulen“ – alle disktutierten mit und regten sich auf. Jetzt, ein Jahr später, geht es wieder um Frauenkörper und was sie tragen – diesmal um die Burka und den Burkini. „Gesicht zeigen ist Teil unserer Kultur“, hört man da von offizieller Seite und wundert sich, warum das offensichtlich nur für Frauen gilt, nicht aber für Polizisten auf Demonstrationen. In allen Kommentarspalten, auf Facebook und in den Zeitungen selbst geht es nun hoch her, von „westlichen Werten“ ist die Rede und von gewollter Provokation, als vorgestern eine Frau im Burkini von französischen Polizisten am Strand dazu gezwungen wurde, Kleidung abzulegen, vor ihrem weinenden Kind. Parallel dazu wird Gina-Lisa Lohfink zu 20.000 Euro Strafe wegen Falschbeschuldigung verurteilt. Die Richterin erklärte, in dem Video, das übrigens von den Tätern selbst als „Vergewaltigungsvideo von Gina-Lisa Lohfink“ kurz nach der Tat Journalisten angeboten wurde, wirke es, als „würde sie [Gina-Lisa Lohfink] posen“ und außerdem „verhöhne“ sie „echte Vergewaltigungsopfer“. Genau zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Feministin, ihr Buch „Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens“, nachdem kurz zuvor schon Alice Schwarzers Buch „Der Schock“ über die Silvesternacht die Bestsellerlisten gestürmt hat. Im Zusammenhang mit Gina-Lisas Fall und den Ereignissen der Silvesternacht wurde das Sexualstrafrecht überarbeitet – „Nein“ soll demnach ab sofort auch wirklich „Nein“ heißen. Nur auf den ersten Blick stehen diese Ereignisse und die Reaktionen darauf in keinem Zusammenhang, tritt man einen Schritt zurück und unterzieht sie einer radikalfeministischen Analyse, so wird schnell deutlich, dass wir gerade Zeuge einer Entwicklung werden, die Grundlegendes über die Stellung von Frauen in westlichen Gesellschaften aufzeigt.

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Die Störenfriedas machen Sommerferien

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via Pixabay, Public Domain CC0

Liebe LeserInnen,

wir machen einige Zeit Pause, um neue Kraft zu tanken und neue Energien zu bündeln.

Mitte Oktober sind wir wieder da, um euch dann wieder mit neuen Artikeln, Buchbesprechungen, Frauenporträts der Vergangenheit und Gegenwart und viel mehr zu versorgen.

Wir freuen uns auf das Wiederlesen und wünschen euch einen schönen Restsommer!

Eure Störenfriedas

Rufe alle Lesben bitte kommen!

Woman Power Symbol, Feminist Fist
Public Domain C00

Die altgewohnten Lesben unter uns wissen, woher der Titel stammt. Und ich gestehe: ich habe ihn gnadenlos geklaut! 1974 veröffentlichte ein Lesbenkollektiv die CLIT-Papiere. 1977 publizierte der Tomyris Selbstverlag die deutsch-sprachige Ausgabe, der ihr den besagten Titel gab. (Übrigens: Leseempfehlung, aber bitte vorher hetero-normative Abwehrreflexe ausschalten – denn da wird das hetero-sexistische Patriarchat gnadenlos bis an die Wurzel analysiert! Im Zweifelsfall: Das mitnehmen, was passt, und das, was nicht passt, zurücklassen 😉 ).

Nun gut, back to topic: Ich meine den Titel ernst. Gibt es Lesben noch? Und wenn ja, wo?

In den letzten Tagen ist in meinem Kopf ein Facepalmenstrand gewachsen, ich las zuviel über Lesben(magazine), zuviel über queer, zuviel über die vermeintlich große Akzeptanz nicht heteronormativen Begehrens in der Gesellschaft und sah im Gegenzug dazu keine Lesben und keine dezidiert lesbenpolitischen Inhalte.

Deswegen wird es Zeit für eine Kolumne! Jawohl! Und ich leite sie völlig durcheinander und unstrukturiert mit ein paar Fragen und Gedanken ein.

Zu allererst möchte ich sagen:

Ich bin lesbisch!

Ich bin nicht queer!

Ich knüpfe direkt die Frage daran: Darf ich mich noch als Lesbe bezeichnen?

Geht es noch anderen so, dass sie den Sammelbegriff „queer“ als Kategorie – auch – als eine Art Mogelpackung empfinden? Unter queer darf sich nun jede_r versammeln und als queer bezeichnen. Auch Menschen, die in Hetero-Beziehungen leben. Das finde ich an sich nicht schlimm, wenn an die Positionierung als „queer“ heutzutage nicht per se ein Unterdrückungsverhältnis geknüpft würde. Ich stehe etwas auf dem Schlauch. Was hat ein sich als queer verstehendes heterosexuelles Paar mit meinen Erfahrungen als lesbische Frau zu tun? Ich frage, weil wir uns ja theoretisch das selbe Mäntelchen teilen dürfen – das Queer-Mäntelchen (also, wenn ich es wollte).

„Wer ist denn bei euch der Mann und wer die Frau?“ Tausend Mal gehört.

„Und hattest du vorher schon Beziehungen mit Männern?“ (Mindestens genauso oft gehört).

„Ach heute ist das doch alles kein Problem mehr!“ (sagen die Heteros/Heteras) Weiterlesen