Als Autorin unter Männern – wie ich einen Western schrieb

The Wild West

The Wild West” by Chris Bickham (CC BY 2.0)

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Es war ein Zufall, der mich zur Westernliteratur brachte. In einem Seminar an der Uni las ich eine Quelle von zwei Mädchen im 18. Jahrhundert, die im Grenzland von Pennsylvania von Indianern entführt wurden und erst nach vier Jahren zurückkehrten. Mich faszinierte diese Geschichte sofort. Irgendwann beschloss ich, einen Roman darüber zu schreiben, er trägt den Titel „Der Ruf der Schildkröte – die Trommeln am Fluss“. Es geht in diesem Roman vorrangig um die beiden Mädchen, aber auch um Schlachten, Folter und jede Menge Militär. An einer Stelle gibt es eine Vergewaltigungsszene. Diese habe ich erfunden. Warum, weiß ich jetzt nicht mehr so genau. Vermutlich, weil so etwas meinem damaligen Gefühl nach einfach in einen historischen Roman gehört. Ich kenne die wenigsten Schinken, die nicht an irgendeiner Stelle so etwas einbringen. Erst heute, seit ich ein wenig feministisch geprägt bin, frage ich mich warum und komme zu dem traurigen Ergebnis, dass es dabei um eine Art sexuellen und potenziell frauenverachtenen Thrill geht, an dem sich einige der Leser erregen – und zwar leider Leser beiderlei Geschlechts. Das gilt auch für detaillierte Sexszenen, die sich in jedem Mittelalter-Roman finden. Als bestünde das Leben im Mittelalter nur aus Hexenwahn (nein, der gehört in die Frühe Neuzeit) und dazu gehörender sadistischer Folter an wehrlosen Frauen, schön detailliert beschrieben, herumreisenden Prostituierte und Orgien. Warum kommt Literatur nicht ohne diese Darstellung aus? Warum folgte auch ich diesem Ablauf?

Heute würde ich dieses Buch ganz anders schreiben. Wichtig war aber, dass es um zwei Frauen ging, denen eine heldenhafte Flucht gelang und die sich in der Folge auch gegen ihre eigene, engstirnige und ziemlich frauenverachtende Gesellschaft stellten. Es ist eine historische Tatsache, dass viele Siedlerfrauen, die im 18. Jahrhundert von Indianern entführt wurden, nicht wieder zurück in ihre Herkunftsgesellschaft wollten, weil sie bei den Indianern schlicht besser behandelt wurden. Keine Schläge, keine sexuelle Gewalt, dafür Gleichberechtigung und Respekt. So kam es also zu meinem ersten Indianerroman, ein richtiger Western war es noch nicht. Es fühlten sich aber so gleich einige Leute bemüßigt, mein Debüt an allen möglichen Stellen zu kritisieren und runterzumachen. Das traf mich. Mit einigen Kritikern setzte ich mich auseinander und wir sind heute sogar Freunde. Andere ertrugen es einfach nicht, dass ich mit Mitte 20 den Mut hatte, einfach einen Roman zu schreiben und das über ein Thema, in dem sie seit Jahren so mäßig Erfolg haben. Dieses Schicksal teile ich mit vielen jungen Autorinnen, doch ich würde behaupten, dass es in der Western- und Indianerwelt noch ausgeprägter ist als in anderen Zusammenhängen, immerhin geht es hier um Westernhelden, Indianerhäuptlinge und jede Menge Peng-Peng. Viele Männer sind diesem Genre schon seit ihrer Kindheit verhaftet und sehen es als ihr Refugium. Frauen haben hier wenig zu suchen. Meinem Gefühl nach sind Frauen als Autorinnen vor allem bei Liebesromanen und Kochbüchern willkommen. Sobald wir aber über Militär und (Männer-)geschichte schreiben, wird es eng für uns.

Von dauergeilen Sioux-Frauen und der Wahrheit

Mit dieser Erfahrung begann meine Reise in die von weißen Männern dominierte Westernwelt jedoch erst. Wer sich ein wenig in der Szene umschaut, sieht, dass es vor allem ein großer Männerspielplatz ist. Männer lieben Western, ob im Film oder im Buch, denn hier wird noch echte Männlichkeit zur Schau gestellt. Frauen sind meistens nur Staffage. So ging es mir auch, als ich einen Roman gegenlas, in dem es um eine historische Expedition ging. Obwohl in der historischen Wirklichkeit diese Expedition ohne mutige Frauen zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, machte der männliche Autor daraus eine lüsterne Abenteuerreise mutiger weißer Männer, denen sich die Sioux-Frauen reihenweise feilboten und sie dann auch noch mit Syphillis infizierten. Mit der Wahrheit hat das wenig zu tun, doch wen kümmert es, wenn ein solcher Roman die Bedürfnisse älterer Männer nach exotischem Sex befriedigen kann? Ich machte den „Fehler“, meine Kritik auszusprechen und zog mir so die ewige Feindschaft des männlichen Autors zu.

Calamity Jane und der Feminismus im Wilden Westen

Vor kurzem wagte ich ein neues Experiment. Ich wollte über Calamity Jane schreiben, die wohl bekannteste Revolverheldin des Wilden Westens. Sie taucht in Filmen, Groschenromanen und Serien auf, doch auch hier wird die historische Wirklichkeit immer wieder verzerrt. Angeblich sei sie hässlich gewesen, niemals hätte sich „Wild“ Bill Hickock (einer der großen, von vielen Western-Fans verehrten Revolverhelden) auf so eine eingelassen, so der übereinstimmende Tenor vieler männlicher Historiker und Westernliebhaber. In meinem Buch unter dem Pseudonym Elizabeth Burden „Mein Herz ist ein rauchender Colt“, das viele fiktive Elemente enthält, hielt ich mich aber, was den biografischen Teil des Lebens von Calamity Jane betraf, an die Fakten. Calamity Jane verlor auf dem gefährlichen Weg nach Westen sehr jung ihre Eltern, schlug sich schon mit 14 als Prostituierte durch, um ihre Geschwister zu ernähren. Um das zu ertragen, trank sie. Irgendwann entdeckte sie, dass ihre Frauenkleidung für sie eine Beschränkung darstellte, die sie nicht länger ertragen wollte. Seither trug sie Männerkleidung. Sie konnte besser reiten und schießen als die meisten Männer um sie herum und bestritt so tatsächlich manches Abenteuer. Mit dem Mythos um ihre Gestalt hat das aber wenig zu tun. In Wirklichkeit sehnte sie sich wohl ihr ganzes Leben nach einer Familie und einem „ehrbaren“ Leben. Erhalten hat sie es nicht, dafür wurde sie von ihrem späteren Ehemann mehrfach so schlimm geschlagen, dass sie schwere Verletzungen davon trug. Ihr Schicksal steht symbolisch für das vieler Frauen im sogenannten Wilden Westen.

Ständig ist von den männlichen Revolverhelden die Rede, doch die wahren Helden des Wilden Westens waren die Frauen. Sie hielten während der monatelangen Trecks nach Westen das Familienleben zusammen, sie machten aus armseligen Hütten ein zu Hause, legten hochschwanger oder mit kleinen Kindern tausende von Kilometern zurück und strotzten den widrigen Bedingungen einer gefährlichen Umgebung, wo häufig nur das Gesetz des Stärkeren galt. Ihre Geschichten sind so gut wie unsichtbar, werden nirgendwo erzählt oder erwähnt. Mit meinem Roman „Mein Herz ist ein rauchender Colt“ wollte ich das ändern, es sollte ein leises Buch werden, eines, das die ganze Tragik eines Frauenlebens im Wilden Westens des 19. Jahrhunderts aufzeichnete.

Dann rezensierte ein großer Buchblog mein Buch. Das Buch, so schrieb die weibliche Verfasserin, sei einfach nicht genug „wildwest-mäßig“. Ich weiß bis heute nicht genau, was sie damit meint. Ich fürchte aber, dass ihm ihrer Meinung nach die klassischen Zutaten eines Wild West Romans fehlten. Schießende Männer auf wilden Pferden, dauergeile Frauen, die sich als Prostituierte aus den Saloon-Fenstern lehnen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Übrigens: Letztes Jahr arbeitete ich auf der Leipziger Buchmesse. Ich hatte das Pech oder Glück, je nachdem, wie man es betrachtet, in der Nähe jenes Bereich zu arbeiten, in dem Lesungen aus dem Bereich „Fantasy“ gemacht wurden. Den ganzen Tag hörte ich Ausschnitte, in denen es um „Dämonenschlampen“, sadistische Vampire und wollüstigte Frauen ging. Der Sexismus im Literaturbetrieb ist nicht nur auf den Western beschränkt. Vieles, was unter den Bereich „Kunst“ fällt, ist in Wirklichkeit nur schön umschrieben Misogynie. Bei vielen Autoren habe ich den Eindruck, dass sie ihren Frauenhass an ihren Figuren auslassen und dafür von einem großen Publikum bejubelt werden. Erinnert sich jemand an Stieg Larsson? Immer wieder wurde erklärt, dass seine Heldin Lisbeth Salander eine starke Frau sei. Wenn ich an die Bücher – und den Film – zurückdenke, ist da nur diese schreckliche Vergewaltigungsszene, die wieder und wieder in dem Buch auftaucht und so vor Frauenhass trieft, dass sie kaum zu ertragen ist. Auch als Leserin stolpere ich immer wieder über Sex- und Gewaltszenen, vornehmlich an Frauen. Für mich ist das inzwischen ein Grund, das Buch aus der Hand zu legen. Ich will Geschichten erfahren, keine versteckte (Gewalt-)pornografie lesen. Weil es als Literatur daherkommt, wird es nicht als genau das kritisiert.  Aus feministischer Sicht ist es für mich wichtig, das zu ändern. Ich werde auch in Zukunft als Autorin gegen den Strom schwimmen. Und meine Protagonistinnen keinen Vergewaltigungen mehr ausliefern. Meine Reise durch den Wilden Westen ist noch nicht zu Ende. Zu viele starke Frauen wie etwa Belle Starr warten noch darauf, dass ihre Geschichten von Frauen erzählt und nicht länger durch Männer verzerrt wiedergegeben werden. Ich werde den Wilden Westen nicht den Männern überlassen

Ein Gastbeitrag von Sarah Rubal

„Mein Herz ist ein rauchender Colt – das Leben der Calamity Jane“ gibt es hier zu kaufen.

1 Kommentare

  1. Die wahren Heldinnen waren die Frauen……. ! Genau! Überall und seit Je her! Das Patriarchat und der Otto Norm zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass weibliches Heldentum oder auch nur weibliche Intelligenz und Tatkraft bagatellisiert, abgewertet, lächerlich gemacht, oder verschwiegen wird. Die noch perfidere Strategie ist allerdings, sich ihrer Kraft und Intelligenz zu bemächtigen, sie zu vereinnahmen, davon zu profitieren, um sie alsdann umzudrehen (reversal) und zu dämonisieren.

    An dieser Strategie halten sie eisern fest, seit ca. 7000 Jahren. Das hat Ihnen ja auch die Oberherrschaft gebracht. Das ganze jämmerliche Patriarchat gründet NUR auf der Abwertung, Bagatellisierung und Verdrehung von weiblichem Können.

    Und vor allem die „Lüsternheit“ der Frau ist so eine Männer Projektion und das „Todschlag-Argument“ schlechthin. Übrigens wird das immer auch gerne bei Vergewaltigungsprozessen benützt um auf die abgrundtiefe sexuelle Verworfenheit und Amoral der Frau und den armen verführten unschuldigen Mann hinzuweisen.

    Und auch die Richter glauben dies dann gerne, denn auch sie sind Männer und lieben diesen verdrehten Kack.
    Wie z.B. auch Freud mit seinem Penisneid! (und den Töchtern, die angeblich die armen Väter verführen…..) OHA!

    Es wird einem schlecht, wenn man sich vorstellt wie lange es noch gehen wird, bis dieser ganze misogyne Sumpf trockengelegt ist.

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