Als die Soldaten kamen

Buchcover: Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen, März 2015, DVA-Sachbuch, Verlagsgruppe Randomhouse

Es ist ein großes Tabu, an dem die Historikerin Miriam Gebhardt mit ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ rüttelt. Über die Vergewaltigungen am Ende des 2. Weltkrieges wurde nicht gesprochen, hunderttausende von Frauen schwiegen aus Scham. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft war kein Platz für ihre Trauer. Es galt, die vertraute patriarchale Ordnung wieder herzustellen und die seelischen und körperlichen Wunden der Kriegsversehrten zu heilen. Das Land lag in Trümmern, da galten die Traumata der Frauen wenig. Vergewaltigung im Krieg ist nichts leider kein Alleinstellungsmerkmal des 2. Weltkrieges. In allen Kriegen wird vergewaltigt, um den Feind zu demütigen, seinen Rückhalt zu zerstören. Die Frauenkörper sind dort wie anderswo nur Mittel zum Zweck. Vergewaltigung im Krieg ist als Kriegswaffe anerkannt. Wie viele Frauen Vergewaltigungen durch die sogenannten Befreier erlitten, lag lange im Dunkeln. Im Zuge der zweiten Frauenbewegung versuchte die Feministin Helke Sander das Schweigen zu brechen – und stieß auf heftigen Widerstand. Eingestehen wollte man höchstens, dass die Rotarmisten vergewaltigten, es unterstrich die rassistische Sicht auf die „Untermenschen“ aus dem Osten. Dennoch regte sich höchstens verletzter Nationalstolz ob des verlorenen Krieges und der „geschändeten“ Frauen, Mitgefühl mit den Frauen, Anerkennung oder gar Entschädigungen gab es nicht. Zusätzlich überragte das Entsetzen über die Gräueltaten des Holocaust jede emotionale oder wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Verlusten des „Tätervolkes“.

Miriam Gebhardt hat sich dennoch der Frage nach dem Ausmaß der Vergewaltigungen deutscher Frauen am Ende des 2. Weltkrieges aus wissenschaftlicher Sicht. Sie analysiert, aus wie viel Vergewaltigungen statistisch gesehen ein Kind entsteht, listet die Kinder, die von Besatzungssoldaten an der Front gezeugt wurden und errechnet daraus den statistischen Anteil der Vergewaltigung. Ihre Zahlen sind erschreckend: 860.000 Frauen wurden zwischen 1944 und Mitte der 1950er Jahre vergewaltigt, die Zahl der tatsächlichen Übergriffe liegt weitaus höher, da viele Frauen gleich mehrfach vergewaltigt wurden. Sie räumt auch mit einem anderen, sehr wirkmächtigen Mythos auf: Es waren keineswegs nur die Soldaten der Roten Armee, die vergewaltigten, auch Briten und Amerikaner vergriffen sich nicht nur an deutschen, sondern auch an französischen Frauen, den Frauen ihrer Verbündeten. Das Bild der britischen Gentlemen in Uniform, der freundlichen Amerikaner, die Zigaretten und Strumpfhosen verschenken und mit denen sich die „Fräuleins“ nur allzu gerne freiwillig einließen, muss dringend korrigiert werden. Amerikanische und britische Soldaten vergewaltigten Frauen, junge Mädchen und sogar Kinder. Zahlenmäßig liegt der Anteil zwar weit unter dem der russischen Soldaten, geht aber bei beiden Ländern in die hunderttausende.
Strafverfolgung hatten die alliierten Soldaten im ersten Jahrzehnt für diese Verbrechen so gut wie keine zu befürchten, da sie einzig und allein dem Militärrecht ihrer Herkunftsländer unterstanden.

Miriam Gebhardt zeigt auf, dass diese Vergewaltigungen in einen Zeitraum fielen, als die Frauen ihres sozialen Schutzes durch ihr Umfeld, ihre vertraute Umgebung und ihre Familien beraubt waren: Auf der Flucht, in ausgebombten Städten. Und die Demütigungen hatten nach der Vergewaltigung kein Ende, sie wurden fortgesetzt durch Geschlechtskrankheiten, die nicht richtig behandelt wurde, Beschämungen der anderen und verwehrte Abtreibungen. Viele dieser Frauen sind heute verstorben oder pflegebedürftig. Sie haben ihr ganzes Leben mit den schrecklichen Erinnerungen verbracht. Sie erhielten niemals eine Entschädigung, noch gab es Raum für ihre Erlebnisse. Manche mag nun denken, das alles sei lange her. Aber zum einen haben auch diese Frauen verdient, dass sie als Opfer – trotz ihrer Zugehörigkeit zum „Tätervolk“  – des Zweiten Weltkrieges benannt werden, zum anderen gaben sie ihr Trauma weiter an ihre Kinder und deren Kindeskinder.

Miriam Gebhardt hat ein wichtiges und aufrüttelndes Buch geschrieben, das unter all den Schichten von Ideologien, Geschlechterungleichheit und verwischten Erinnerungen der historischen Wahrheit nachspürt.

1 Kommentare

  1. Frauen(Körper) gelten nach wie vor als „Ressource“, resp. Ware, wie Vieh und andere Besitztümer. Und derMann, resp. die Nation (Vaterland) sind die Besitzer.

    Deshalb „kann“ Mann sie ja auch kaufen, in der Prostitution und Pornographie. Und: Was gekauft werden kann, kann man bekanntlich auch stehlen. Vergewaltigungen, Folter und Mord an Frauen sind also „Nichts“, resp. weniger als Sachbeschädigung. Dass dieses Denken auch noch bei uns vorhanden ist, und nicht nur bei den Taliban, zeigen ja die
    absurden und Menschen(Frauenverachtenden) Urteile bei Vergewaltigungs- und Tötungsprozessen.

    Und das: Bis zum heutigen Tag!

    Männer haben Rechte, Frauen haben Pflichten. Vor allem die Pflicht, wegzuschauen und zu schweigen, resp. still vor sich hin zu leiden, und ja kein Aufhebens zu machen.

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