#Ausnahmslos ALLE Opfer sexueller Gewalt benennen – #Frauenfrieden jetzt!

Mehr als 400 Unterzeichnerinnen haben heute eine Initiative unter dem Hashtag #Ausnahmslos und einen entsprechenden Aufruf gestartet. Wir begrüßen, dass drei Jahre nach #Aufschrei – endlich – eine längst überfällige, breite Diskussion über alltägliche sexuelle Gewalt in Deutschland,  und über den oft verschwiegenen Zusammenhang mit Sexismus, stattfindet. Jede Aktion, die sexuelle Gewalt zum Thema macht ist wichtig und verdient unsere Anerkennung.  Sexismus mündet in sexuelle Gewalt – wer diese vermeiden will, muss auch Sexismus deutlich kritisieren.

Trotzdem geht uns der Aufruf nicht weit genug. Wer das Übel nicht an der Wurzel packt, betreibt am Ende nur Schadensbegrenzung. Eine notwendige  grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung wird auf diesem Wege nicht erreicht.  Das große Ausmaß sexueller und körperlicher Gewalt gegenüber Frauen zeigt uns, dass politische Ziele noch deutlicher sein müssen.

Wir möchten deshalb noch weitergehen und forden Frieden, Freiheit und das Recht auf körperliche und mentale Unversehrtheit  für alle Frauen. Sexuelle Gewalt begegnet uns nicht nur im Alltag, auf öffentlichen Plätzen wie in #Köln in der Silvesternacht, sondern sie ist auch institutionalisiert in Porno und Prostitution. Solange wir hier noch Ausnahmen machen, kann es keinen Frauenfrieden geben. Es darf nicht das Ziel sein, dass die Gesellschaft eine Gruppe Frauen für Männer zur Verfügung stellt, an denen all die Taten legal begangen werden dürfen, um auf diese Weise das Gros der übrigen Frauen zu schützen.

Es gehts um’s Ganze: Der Kampf um Rechte für Frauen muss ein Kampf mit Blick auf das große Ganze sein. Gewalt gegen Frauen ist kein „Ausrutscher“, sondern hat System. Frauen werden als Waren verdinglicht und entmenschlicht, sowohl in sexistischer Werbung, im Pornorap, aber auch gezielt in Porno und Prostitution. Diese überall sichtbare Entmenschlichung von Frauen schafft das gesellschaftliche Klima, in dem Sexismus und sexuelle Gewalt weiter gedeihen.  Wer gegen sexuelle Gewalt eintritt, darf davor nicht die Augen verschließen. Patriarchale Unterdrückung ist Realität und diese gilt es in all ihren Facetten zu enttarnen und zu überwinden.

„Niemand ist frei, während andere unterdrückt sind“: Der Kampf um die Rechte der Frauen muss das Gesamtwohl ALLER Frauen in den Fokus stellen. Es dürfen keine Ausnahmen gemacht werden, die einzig und allein männlicher Freiheit und Machtausübung dienen. Ein Kampf nur für individuelle Freiheiten der Privilegierten reicht nicht.

Konkret für die Themen Sexismus und (sexuelle) Gewalt gegen Frauen bedeutet das:

1. Die Geschlechterdimension muss deutlich gemacht werden: Sexuelle Gewalt ist in erster Linie männliche Gewalt gegen Frauen.

Immer wieder wird in der Debatte laut geschrien, dass nicht nur Frauen Opfer sexueller Gewalt werden. Das ist richtig, trotzdem ist die überwältigende Mehrheit der Opfer weiblich und die überwältigende Mehrheit der Täter männlich. Sexuelle Gewalt ist ein männliches Verbrechen, das durch patriarchale Strukturen gefördert wird. Es ist wichtig, diesen Zusammenhang zu benennen, damit die patriarchalen Denkmuster aufgelöst werden und nicht länger in Gewalt münden können. Ein Mann, der eine Frau belästigt oder sogar vergewaltigt, hat für sich im Kopf das Urteil, dass er genau dazu das Recht hat, dass Frauen ihm zur Verfügung zu stehen haben. Es sind nicht nur religiöse Traditionen, die dieses Bild vermitteln, es wird auch und insbesondere durch sexistische Werbung und die Legalisierung von Sexkauf, sowie durch die Präsentation von Frauen im Porno transportiert. Erst wenn alle diese Ursachen benannt und bekämpft werden, werden Straßen, Wohnungen, Diskotheken und Arbeitsplätze für alle Frauen sicher sein. Die Einbeziehung von Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem verordnen lassen, darf nicht dazu führen, dass verschleiert wird, dass sexuelle Gewalt in erster Linie ein Verbrechen von Männern an Frauen ist.

2. Die Opfer müssen immer  in den Vordergrund gestellt werden, #ausnahmslos!

Eine Instrumentalisierung der Opfer für rassistische Zwecke, darf nicht dazu führen, dass nach sexuellen Übergriffen die Opfer in der Priorisierung aus Angst vor Rassismus nach unten gestuft werden. Der Kampf gegen Rassismus und das so genannte „Othering“ ist wichtig, aber zentral sind die Opfer. Wir stehen parteiisch an ihrer Seite. Immer.  Sie müssen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen und bleiben. Sexuelle Gewalt ist kein Verbrechen von Ausländern an Einheimischen, von Muslimen an Christen, sondern von Männern jeder Herkunft an Frauen jeder Herkunft. Von der sogenannten „Triple Opression“ sind allerdings migrantische Frauen besonders betroffen – sie werden als Migrantinnen, als Frauen und häufig auch aufgrund ihrer sozialen Klasse diskriminiert. Trotzdem sind ALLE Frauen in der einen oder anderen Form von Diskriminierung und Sexismus betroffen. Nur wenn wir uns mit ALLEN Opfern sexueller Gewalt solidarisieren, können wir sie beenden.

3. Prostitution ist sexuelle Gewalt – Sex hat kein Preisschild!

Rund 90% der Frauen in der Prostitution wünschen sich einen Ausstieg aus der Prostitution. Die Raten posttraumatischer Belastungsstörungen von prostituierten Personen bewegen sich auf dem Niveau von Kriegsveteranen und Folteropfern. Bei Reinszenierung von Traumata aus früheren sexuellen Gewalterfahrungen oder ökonomischer Not und einem konkreten Ausstiegswunsch kann von sexueller Selbstbestimmung und Freiwilligkeit keine Rede sein. Bei Prostitution wird das Nichtvorliegen von Konsens materiell entschädigt. Ohne diese Entschädigung gäbe es keine Zustimmung zu sexuellen Handlungen. Damit ist Prostitution als sexuelle Gewalt einzustufen und nicht tolerabel.  Da die Pornographie immer gewalttätiger wird, stehen reguläre SexualpartnerInnen für die extremeren Praktiken häufig nicht zur Verfügung. Herhalten müssen Frauen, die auf das Geld der Sexkäufer angewiesen sind. Diese kommen mit ganz wenigen Ausnahmen aus den Armenhäusern Europas. Prostitution ist rassistisch, da vor allem migrantische Frauen sie ausüben müssen und ihre Körper auch rassistisch beworben werden.

Diese Frauen haben ein gleichwertiges Recht auf ein Leben frei von sexueller Gewalt und sie dürfen nicht geopfert werden. Prostitution ist durch die Geschlechterzugehörigkeit bestimmt: Die Sexkäufer – und damit Täter – sind Männer, die Prostituierten überwiegend Frauen. Auch Sexkäufer männlicher Prostitution, die nicht weniger sexuelle Gewalt ist, sind vor allem Männer.

Sexkäufer müssen, wie in Schweden oder Norwegen, zur Rechenschaft gezogen werden, juristisch und gesellschaftlich, damit ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Solange auch nur eine Frau sexuelle Gewalt von berufswegen ertragen muss, sind wir alle unfrei.

4. Pornos inszenieren sexuelle Gewalt

Im Porno werden Vergewaltigungen als erregend inszeniert, ein „Nein“ der Darstellerinnen ist der Aufruf, diese mit Zudringlichkeiten schließlich doch zur Einwilligung zu bringen. Es ist eine Illusion zu denken, diese Darstellung würde unser Geschlechterleben nicht beeinflussen, immerhin sehen mehr als 90 Prozent aller Männer Pornos und in über 80 Prozent dieser Pornos wird sexuelle Gewalt in verbaler oder körperlicher Form gegen Frauen gerichtet. Pornographie ist nicht nur gefilmte Prostitution, sondern lebt auch von der Darstellung extremer sexueller Gewalt. Das kann man nicht nur mit eigenen Augen sehen, sondern das Belegen auch zahlreiche Aussagen von Betroffenen sowie Regisseuren und Produzenten. Darüber hinaus nährt Pornographie nachgewiesenermaßen die Nachfrage nach Prostitution: Männliche Masturbationsvorlagen wollen nicht selten auch selbst ausgelebt werden.

#Ausnahmslos bedeutet, die Opfer kommerzialisierter sexueller Gewalt nicht im Regen stehen zu lassen!
Prostitution und Porno betreffen uns alle, sie machen aus Frauen Waren und prägen das Frauenbild der Männer. Prostitution und Porno sind in Deutschland allgegenwärtig – und eine Ursache für anhaltenden Sexismus und sexuelle Gewalt.

5. Schluss mit Rape-Culture – konsequente Strafverfolgung ALLER Formen sexueller Gewalt!

In Deutschland ist die Vergewaltigungskultur sehr lebendig, sie wird in Fernsehen und Musik gefeiert. Opfern wird häufig eine Mitschuld an der Tat gegegeben, etwa, weil sie getrunken haben oder „leicht“ bekleidet waren. Dieses sogenannte Victimblaiming ist teil der „Rape Culture“ und weit verbreitet. Sie fließt auch in die Strafprozesse mit ein. Fest steht: Schuld an sexueller Gewalt ist einzig der Täter – und die Gesellschaft, die sie hinnimmt und nicht angemessen sanktioniert. Wir fordern: Die längst überfällige Verschärfung des sogenannten Vergewaltigungsparagrafen – damit „Nein“ auch endlich „Nein“ heißt und eine konsequente Strafverfolgung aller Formen sexueller Gewalt inklusive sexueller Belästigung. Darüber hinaus benötigen Opfer professionelle Begleitung und Unterstützung, das institutionalisierte Victimblaiming muss beendet werden.

Opferverbände fordern seit Jahren, dass Spuren einer Vergewaltigung auch anonym gesichert werden müssen, damit die Opfer sich auch später noch zu einer Anzeige entscheiden können. Hören wir den Opfern zu – nicht länger den Tätern! Erst wenn sexuelle Gewalt konsequent geahndet wird, wird ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung sind keine „Kavaliersdelikte“, sie beruhen nicht auf „Missverständnissen“, oder Flirt- und Feierlaune! Jetzt Frauen aufzufordern, Gewalttaten anzuzeigen, für die es nicht einmal einen Straftatbestand gibt (Minister Maas) ist lächerlich und kontraproduktiv, da eine unweigerliche Einstellung der Verfahren nicht zu mehr Vertrauen in die Strafverfolgung beiträgt.

6. Solidarität mit Opfern – Victimblaiming beenden!

Eine lächerliche Verurteilungsquote, eine gesellschaftliches Klima des Victim Blamings und die Reproduktion des Mythos der massenhaften „Falschbeschuldigung“ führen dazu, dass Frauen in aller Regel sexuelle Gewalt, die ihnen angetan wurde nicht anzeigen. Das muss sich ändern. #Ausnahmslos alle Opfer sexueller Gewalt ernstzunehmen, bedeutet, dass auch jene Opfer von der Gesellschaft gehört werden, bei denen der Täter aus der weißen Mehrheitsgesellschaft kommt.

Sexuelle Gewalt im Generellen ist bislang ein beinahe straffreies Verbrechen. Nur ein winziger Prozentsatz wird angezeigt und von diesem wiederum nur 8.4 Prozent überhaupt je verurteilt. Für die Opfer ist eine Anzeige häufig eine demütigende und retraumatisierende Erfahrung. Glaubwürdigkeitsgutachten, öffentliche Prozesse, fehlende Begleitung und Unterstützung sowie degradierende Argumentationen der Gegenseite gehören zum Alltag und sind der Grund, warum so viele Frauen sexuelle Gewalt nicht anzeigen. Strafprozesse gegen sexuelle Gewalt müssen endlich die Rechte der Opfer schützen und nicht nur die der Täter. Weder das sexuelle Vorleben noch Bekleidung oder Alkoholkonsum des Opfers dürfen sich strafmildern für den Täter auswirken.

7. Opfer unterstützen und für angetanes Leid entschädigen!

Es reicht nicht aus nur für alle Opfer ausreichende Therapieangebote im örtlichen Nahbereich zur Verfügung zu stellen. Auch deren Finanzierung muss, so lange wie eben nötig, von der Krankenkasse übernommen werden. Es ist ein Skandal, dass hier horrende Bedarfslücken bestehen. Aus sexueller Gewalt entstehende Erwerbsunfähigkeiten sind von der Gesellschaft finanziell armutssicher aufzufangen. Zahlreiche Opfer leiden zeitlebens unter existentiellen Sorgen. Das darf nicht sein! Betroffene haben ein Recht auf jegliche Unterstützung und Entschädigung.

8. Justiz fit machen für Verfolgung sexueller Straftaten!

Gerichte und Staatsanwaltschaft müssen dringend zu ExpertInnen für sexuelle Gewalt gemacht werden. Dazu bedarf es einer Spezialisierung und eigener Dezernate, die es heute nur vereinzelt gibt. RichterInnen und StaatsanwältInnen brauchen insbesondere auch spezifische Kenntnisse über Traumata und Traumafolgen.

9. Sexuelle Gewalt darf nicht verjähren!

Sexuelle Gewalt führt zu weitreichenden  Verdrängungsmechanismen. Viele Betroffene können sich, insbesondere im Fall von sexueller Gewalt in der Kindheit, erst Jahrzehnte später an die Tat(en) erinnern. Alleine aus diesem Grund müssen jegliche Verjährungsfristen abgeschafft werden. #ausnahmslos

10. Der Feind heißt Patriarchat!

Nicht Religion oder Herkunft machen Männer zu Tätern, sondern patriarchale Überzeugungen in ihren Köpfen. Diese gilt es zu bekämpfen. Rassistische Stereotype helfen nicht dabei, sexuelle Gewalt zu verhindern. Die Opfer dürfen nicht politisch instrumentalisiert werden. Sexuelle Gewalt und Sexismus sind Teil unserer eigenen Gesellschaft, sie sind keine Ausnahmen oder Importprodukte von Migranten. Erst wenn wir die Ursprünge sexueller Gewalt in unserer eigenen Gesellschaft beseitigen, können wir Taten wie in Köln verhindern.

 

 

4 Kommentare

  1. Eins sollte noch deutlich gemacht werden: Wenn mal Männer Opfer sexueller Gewalt werden, so sind die Täter meistens eben auch Männer.

  2. Dem ist NICHTS beizufügen! Exzellent!

    Alle eheverletzenden Verbalatacken, wie „Hure, Schlampe, Feminazi, etc. seien ebenfalls unter Strafe zu stellen, denn sie degradieren Frauen im höchsten Mass. Es gibt KEINE Huren und Schlampen, nur von Männern ausgebeutete Frauen, die dann noch „Beleidigung auf Verletzung“ verbal angegriffen werden. Das ist Doppeldiskriminierung, wie sich auch die vergewaltigten Frauen „schämen“ sollten, denn sie haben ja die Schande! Was ist das für eine alt-steinzeitliche Einstellung und Doppelmoral? Und das auch hier bei uns, wohlverstanden, nicht nur in Afghanistan oder Nordafrika.

  3. Ps. Heisst ehrverletzenden, nicht eheverletzenden. Sorry, wurde automatisch „korrigiert“.

  4. oh – als 1. gleich ein „what-about-the-menz“ kommentar. als sog. Radfem weiss ich DAS.

    wermann sich z.b. gegen gewalt an frauen einsetzten will, nutzt sein männliches privileg ausserhalb (!) von räumen von-frauen-für-frauen #ausnahmslos. er macht z.b. dann einen sog. no-porn-pledge.
    wermann dies nicht respektiert disqualifiziert lediglich sich selbst.

    liebe Stoerenfriedas,
    ich danke für eure zusammenfassung !
    u.a. das problem benennen : „männliche gewalt ist das grösste humanitäre problem“ (UN)

    solidarische grüsse

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