Alle Artikel von Eva Yvory

Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

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Unser Gentleman der Woche: Verivox für ihren sexistischen Werbeclip mit Mario Barth

„Verivox, so einfach, dass es jeder versteht“, erklärt Mario Barth im neuen Werbeclip von Verivox und ergeht sich dann in einer absurden Aufreihung lächerlichster Geschlechterklischees. Verivox sei angeblich so einfach, dass es sogar (sic!) seine Freundin versteht, dank seiner ach so witzigen Vergleiche zu Schuhkauf und endlosen Gesprächen. Frauen sind dumm, Frauen kaufen lauter Schuhe, Frauen reden gern sinnloses Zeug – was klingt wie Werbung aus den 1950er Jahren, halten die Werbestrategen von Verivox offensichtlich für eine innovative Idee.

Dass Mario Barth sexistische Klischees tradiert, ist hinlänglich bekannt, die Firma Verivox setzt also ganz bewusst auf ihn und seine Aussagen und positioniert sich damit als ein Unternehmen mit gewollt sexistisch diskriminierender Werbestrategie, die mit Frauenverachtung um neue Kunden buhlt. Alle Frauen und auch sonst jeder, der das mit der Gleichberechtigung ernst meint, sollte um Verivox einen großen Bogen machen sollte. Sexistische Kackscheiße zahlt sich nicht aus, Verivox. Das ist so einfach, das versteht sogar ihr.

Linke Männer oder wie ich Feministin wurde

Mann und Frau

jan bocek (CC BY 2.0)

Manchmal fragen mich Männer, die ich von früher kenne, warum ich Feministin bin. „Ist doch klar, dass der Kapitalismus an der Unterdrückung der Frau schuld ist“, sagen dann die, mit denen ich früher in verrauchten Keller zusammen saß und über die Weltrevolution diskutierte, mir auf Demos die Stimme heiser brüllte, die Fingerspitzen blau von der Farbe auf unseren Flugblättern und das Herz voll Leidenschaft für die Rettung der Welt. „Wenn der Widerspruch in den Produktionsverhältnissen überwunden ist, dann endet auch die Unterdrückung der Frau.“ Das sagen sie und lächeln, ganz so, als sei es fast schon traurig, mir nach all den Jahren noch immer oder schon wieder das Offensichtlichste erklären zu müssen, ein wenig nachsichtig, denn ich bin ja eine Frau und außerdem habe ich Kinder und bin eigentlich schon lange ein wenig bürgerlich und ich sehe sie an, diese nicht mehr ganz jungen Männer, von denen ich die meisten schon früher ziemlich dämlich und langweilig fand und die heute noch viel langweiliger sind und in mir steigt Wut auf.

Ich erinnere mich an jene Zeit, in den Kellern, auf den Demos. Ich erinnere mich daran, dass es immer die Männer waren, die sprachen, laut, mit dröhnender Stimme, die uns in endlosen Monologen darzulegen versuchten, wie sehr sie den Durchblick hatten, jeder von ihnen mindestens ein neuer Rudi Dutschke oder gleich Che Guevara. Von uns Frauen, von uns ganz jungen Frauen, sprach nur selten eine. Wir waren nur Zierde, wir durften nur dabei sein, um zu bewundern und um Kuchen zu backen. Sprach eine von uns, so musste sie damit rechnen, von den Männern, den alten und den jungen, regelrecht auseinander genommen zu werden. Zu viel Gefühl, zu wenig revolutionäre Attitüde. Wir Frauen, wir bringen es einfach nicht. Hormone, PMS und all das. All das schwang immer mit, wenn sie sich diese männerbündischen Blicke zuwarfen, mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Die wenigsten unter uns ertrugen das, die meisten liefen rot an, begannen zu stottern und sagten nie wieder etwas. Das Diskutieren überließen wir lieber wieder den Männern.

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Warum eine Bundespräsidentin kein Sieg des Feminismus ist

Hände

Exchanges Photos via flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Joachim Gauck will nicht mehr Bundespräsident sein. Die Spekulationen laufen auch Hochtouren und schon gibt es eine fleißig auf Facebook beworbene Seite, die 68 Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin vorschlägt, alle samt hochgebildet und hochdekoriert. In den USA behauptet Hillary Clinton gerade, sie würde als erfolgreiche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten Geschichte schreiben. Frauen, so sagt sie, sollten sie wählen. Weil sie eine Frau ist. „Gender Identity Politics“ nennt man das. Frausein wird in die Waagschale geworfen, um Frauen als Unterstützerinnen zu mobilisieren. Was aber bringt es den Frauen in Deutschland, in den USA wirklich, wenn Frauen die höchsten Ämter bekleiden? Dass das mit feministischem Siegestaumel nur wenig zu tun hat, zeigt ein ernüchternder Blick auf die Lage der Frauen unter zehn Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel. Wir kämpfen noch immer verzweifelt darum, dass „Nein“ endlich „Nein“ (oder konkret: Nur „Ja“ auch wirklich „Ja“) heißt und sexuelle Gewalt konsequent bestraft wird. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt, Prostitution ist in Deutschland legal, sexistische Werbung allgegenwärtig und Frauen werden nach wie vor auf vielfältige Weise diskriminiert. Um „Frauenthemen“ machte Angela Merkel in ihrer Kanzlerschaft bislang erfolgreich einen Bogen – weil es ihrer Macht Abbruch getan hätte. Hillary Clinton verriet andere Frauen, als sie sie unter Druck setzte, die sexuellen Übergriffe ihres Mannes zu vertuschen. Und was wissen die Frauen, die jetzt als Kandidatinnen für das BundespräsidentInnenamt gefeiert werden, wirklich über Frauenalltag in Deutschland – und sind sie, nur weil sie auch Frauen sind, dazu geeignet, ihn zu verbessern?

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Ich.bin.alleinerziehend

Mother

Owly9 via Flickr,  [CC BY-NC 2.0]

In der letzten Zeit wird viel über Stigma geredet. Prostituierte haben eins, Flüchtlinge auch. Stigma ist scheiße. Es ist ein unsichtbares Gefängnis, eine Fessel, die dich in einer bestimmten, besonders unangenehmen Ecke der Gesellschaft festhält und nicht entkommen lässt. Knapp 2,5 Millionen Frauen (ja, Frauen, denn sie machen über 90 Prozent der Alleinerziehenden aus, Tendenz steigend) in Deutschland sind alleinerziehend. Das Stigma, das sie erleben, ist so vielfältig und von so vielen Diskriminierungen durchmischt, dass es notwendig ist, es in seine Einzelteile zu zerlegen, um es in all seiner Drastigkeit zu verstehen.

Du.bist.nicht.gut.genug

Jüngst musste ich mit meiner Tochter, die bald eingeschult wird, zur sogenannten „Sprachstands-Feststellung“. Da wurden dem Kind sinnlose Fragen gestellt, um festzustellen, ob es auch ja deutsch spricht oder die Farben auseinander halten konnte. Es ist zugleich aber auch ein ziemlich offenkundiges Abklopfen von Familienverhältnissen. „Und“, fragte die nette Tante Lehrerin meine Tochter. „Spielst du denn auch manchmal mit deinem Papi?“ Meine fünfjährige Tochter blickte sie ganz ruhig an und antwortete: „Ich habe keinen Vater. Der wohnt woanders und hat eine neue Familie.“ „Oh“, kam es in süßlichem Ton zurück, erfreut, so in das Schwarze getroffen zu haben. „Das ist aber traurig.“ „Finde ich nicht“, entgegnete meine Tochter. „Mein Vater ist nämlich bescheuert. Weil er bei einer Frau wohnt, die mich nicht mag.“ An der Stelle schritt ich ein und sagte: „Sie kennt dich ja gar nicht. Was sie nicht mag, ist, dass er von ihr weg ist.“ Meine Tochter nickt, als würde sie das ganze Abgründige an dieser Aussage verstehen. Die Lehrerin mustert mich. Immerhin hatte ich mitten am Tag Zeit zu diesem Termin zu kommen. Ob ich wohl von Hartz IV lebe? Ich erwidere ihren Blick. Ich kann ohnehin nicht ändern, was sie denkt. Die Schublade hat sich geschlossen. Ich bin eine Frau, der es nicht gelungen ist, meinen Partner bei mir zu halten. Ich habe das meinem Kind angetan. Vermutlich bin ich eine fürchterliche Person, die es dem Vater UNMÖGLICH gemacht hat, bei seinem Kind zu sein. Oder promiskuitiv. Oder beides. Jedenfalls hat er der Vater keine Schuld. Niemals.

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Online-Dating – Flirtform der Gegenwart oder Schlachtfeld der Geschlechter? Ein Erfahrungsbericht

"You looked hotter online"

Cali4beach via Flickr, [CC BY 2.0]

Ich arbeite viel. Zu viel. Ich bin nicht mehr so jung, dass ich von Party zu Party fliege und dort einen aufregenden Mann nach dem anderen treffe. Vielleicht sind auch die Partys und die Männer jenseits der 30 einfach nicht mehr so aufregend. In den letzten Jahren haben fast alle meine Freundinnen geheiratet, Kinder bekommen oder leben zumindest in festen Beziehungen. Nur ich nicht. Nicht, dass ich das so wollte, es hat sich einfach so ergeben. Da war immer gerade dieses oder jenes Projekt, das wichtiger war und die Beziehungen, die ich hatte, krankten an faulen Kompromissen, die ich, je älter ich wurde, immer weniger bereit war auszuhalten.  Traf ich immer die falschen Männer? Mag sein. Die Sorte treusorgender Familienvater war mir immer ein wenig unheimlich. Machte ich Fehler in Beziehungen? Sicher. Ich bin sehr eingefahren in dem, wie ich meine Entscheidungen treffe. Eine Partnerschaft bedeutet für mich nicht, das aufzugeben. Warum? Ich will mit niemandem zusammen wohnen, ich will niemandem erklären müssen, wofür ich mein Geld ausgebe oder wie ich meine Zeit verbringe.

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