Eine radikalfeministische Perspektive auf BDSM

By David Shankbone (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Begriffsklärungen

B = Bondage
D = Domination, Dominance, Discipline
S = Sadism, Submission, Slave
M = Masochism, Master

Sadismus: Ein Mensch erlebt (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch, andere Menschen zu demütigen, zu unterdrücken oder ihnen Schmerzen zuzufügen.

Masochismus: Ein Mensch erlebt (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder er gedemütigt wird.

Sexualität ist nicht einfach eine Privatangelegenheit

“Ich glaube nicht, dass Sexualität nichts mit dem übrigen Leben zu tun hat. Als marginalisierte Frau weiß ich, dass Dominanz und Unterordnung keine Schlafzimmer-Themen sind” – Audre Lorde

Das Mantra der „sex-positiven“ Sexualliberalen lautet, das alles was im privaten Schlafzimmer passiert Privatsache ist, egal ob der Konsum von Pornographie, der Kauf von „sexuellen Dienstleistungen“ oder das Praktizieren von BDSM. Sexualität wird in die Privatsphäre des Individuums verschoben und damit als indiskutabel gekennzeichnet. Behauptet wird, es sei progressiv wenn Individuen gesunde Sexualität selbst und individuell definieren.

Nun geht es bei einer strukturellen Analyse jedoch NICHT darum, wie häufig als Vorwurf erhoben, durch geschriebene oder ungeschriebene Gesetze das Sexualleben von Individuen zu regulieren.  Es geht zum Beispiel NICHT darum, Frauen vorzuwerfen, dass sie an BDSM partizipieren, sondern zu verstehen welche Rahmenbedingungen dazu führen, dass sie es tun. Es geht schlichtweg um eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und biographischen Faktoren, die Sexualität konstruieren. Es geht um das Aufzeigen der gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen sowie um das Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten und der (begrenzten) Möglichkeiten sich Schritt für Schritt eine eigene Sexualität zu erarbeiten.

In meiner Nachbarschaft erlebe ich regelmäßig folgendes: Ein Mann, der unter der Woche als Anwalt seinem Job bei einer bekannten Versicherungsfirma nachgeht, läuft mit Glatze, SS-Uniform und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln durch die Gegend. Er möchte durch diese Provokation erreichen, dass ihm Menschen „aufs Maul“ hauen. Er bietet sogar regelmäßig Menschen Geld dafür an, dass sie ihn verprügeln. Wer auch immer auf diesen Deal eingeht muss jedoch – zu Recht – mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen, denn objektiv betrachtet ist es eben genau das.

Die Prostitutionsüberlebende Rebecca Mott berichtet auf ihrem Blog wie sie durch den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater in der Kindheit darauf vorbereitet wurde in der Prostitution den schlimmstdenkbaren Praktiken zuzustimmen. Zum Beispiel wurde sie von Freiern regelmäßig einer Waterboarding-Behandlung unterzogen. Waterboarding gilt  als „weiße Folter“ und ist selbst in Bezug auf Einsatz im Krieg stark verpönt – so löste eine Aussage des neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump es wieder einzuführen weltweit große Empörung aus.

Würde der Mann aus meinem Beispiel seinem Verlangen geschlagen zu werden in einem Bordell nachkommen, würde – Hokuspokus – aus der Körperverletzung eine konsensuale sexuelle Handlung. Genauso wie man mit prostituierten Frauen (oder anderen) durch die Verbannung des Sexuellen in den privaten Bereich unter dem Deckmantel des „Konsens“ alles machen kann – ohne gleichermaßen auf gesellschaftliche Empörung zu stoßen.

Die verstorbene Domina Ellen Templin wies in einem Interview darauf hin wie durch das Prostitutionsgesetz von 2001 die Nachfrage nach „Sklavias“ sprunghaft anstieg.

„…erstmal sollte man gar nicht glauben, dass es möglich ist Körperöffnungen zu kaufen, für finanzielles Geld zu erwerben, die Frauen fertig zu machen, vor allem in der SM-Prostitution, die passiven Frauen werden zum Teil gefoltert. Das kann man im Internet alles finden. Man braucht nur gucken unter SM Sklavia, dieses Kunstwort Sklavia, dann findet man alles was dort gemacht wird. Das sollen die Leute, die gerade zuhören und die das interessiert, dann bitte selber recherchieren, weil dann geht’s mir gleich noch beschissener, wenn ich das auch noch sagen müsste jetzt. […] Die werden geschlagen, die müssen Anüsse auslecken, ich sag das jetzt ein bisschen witzig, die müssen Arschlöcher auslecken von irgendwelchen Familienvätern, die müssen sich anscheißen und anpissen lassen, sie werden aufgehangen, die Brüste werden abgebunden. Es ist ein Wahnsinn.“

Nur weil etwas zur „konsensualen Sexualität“ erklärt wird, wird aus Gewalt nicht plötzlich Nicht-Gewalt. Gewalt ist objektiv definierbar, auch wenn manche das offenbar gerne zur subjektiv dehnbaren Angelegenheit erklären würden – und ein persönliches und/oder kollektives Interesse daran haben.

Zur Erinnerung: (Radikal)Feministinnen haben nicht umsonst den Slogan „Das Private ist politisch“ geprägt. Häusliche Gewalt wurde viel zu lange als „Privatangelegenheit“ betrachtet, so wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 zum Straftatbestand erhoben.

Die Wahrheit ist: Das private Verhalten von frauenverachtenden Männern ist keine „private Fantasie“, sondern eine gesellschaftliche Realität, die uns alle zu interessieren hat. Millionen von durch häusliche und sexuelle Gewalt traumatisierte Frauen zeigen ein Muster auf – ihre Schicksale und Überlebensstrategien mögen im Detail unterschiedlich sein, das gesellschaftliche, patriarchale Muster jedoch kann nicht individualisiert werden. Das sind keine „privaten Fantasien“ – denn sie manifestieren sich in realer Gewalt gegen Frauen, und dies völlig unabhängig davon wie „freiwillig“ und „konsensual“ Frauen an dieser partizipieren.

Nur weil etwas mit Sex zu tun hat, bedeutet das also nicht, dass es frei von Kritik bleiben muss. Das „Shaming“-Argument wird verwendet mit der Absicht KritikerInnen mundtot zu machen und es wird behauptet dies könnte schädlich sein. In Wahrheit dient es aber dazu tatsächliche Verletzungen und Gewalt an Frauen unsichtbar zu machen.

Sozialisation  in der pornofizierten Gesellschaft (Porn Culture)

“Der kulturelle Frauenhass f*ckt unser ALLER Gehirne, so dass wir als Frauen gar keine Vorstellung davon haben, wie unsere Begierden in einer Gesellschaft aussähen, in der Frau und Mann gleich sind” – Women on a Journey

Egal ob wir KonsumentInnen sind oder nicht: Pornographische Bilder haben sich in unserer sexualisierten Kultur in unser aller Psyche eingebrannt. Wir kommen an diesen nicht vorbei. Diese Bilder und der gesellschaftliche Diskurs über Sexualität lehren uns von klein auf was sexuell antörnend und was als „normal“ und akzeptabel gilt. (Nicht nur) in diesem Sinne ist Sexualität immer kulturell konstruiert.

Weibliche Sexualität gründet auf männlichen Fantasien über Frauen. Alles was wir als Frauen tun und fühlen ist geprägt durch patriarchale Macht- und Kräfteverhältnisse, die wir alle, manche mehr und manche weniger, internalisiert haben und nicht auf den ersten Blick erkennen. Bourdieu nennt dies den „weiblichen Habitus“, der ein Produkt der „männlichen Herrschaft“ ist: Wir werden unbewusst zu dem als das andere uns behandeln.

Frauen wird u.a. durch die Pornographie und die gesellschaftlichen Reaktionen auf Gewalt gegen sie tagtäglich deutlich gemacht, dass sie es verdienen verletzt, benutzt und Gewalt ausgesetzt zu werden.  Dies alles findet statt in einer von Geschlechterungleichheit geprägten Gesellschaft. Diese Ungleichheit wird fetischisiert.

Häufig wird argumentiert, dass jegliche unserer sexuellen Neigungen angeboren sind und ein unveränderbarer Teil unserer Persönlichkeit, sprich in diesem Kontext, dass sado-/masochistische Neigungen schlicht eine gegebene psychologische Determinante unserer Persönlichkeit sind.

Dem ist aber nicht so: Sexualität wird gesellschaftlich konstruiert und unsere eigene Sexualität maßgeblich in den gegebenen gesellschaftlichen und individuellen Machtverhältnissen von anderen konstruiert – nach den Interessen derjenigen die in der Machthierarchie oben stehen.

Es ist nachweisbar wie die verschiedenen Wellen in der Pornographie (Oralsex, Analsex, BDSM, …) sich in der Prostitutions-Nachfrage niedergschlagen haben. Und natürlich gilt das gleichermaßen für den Bereich der privaten, nicht-kommerziellen Sexualität.

Dee Graham (Loving to Survive) bezeichnet die so in Gang gesetzten Mechanismen als „gesellschaftliches Stockholm Syndrom“: Da Frauen als Gruppe keine Chance haben Männern zu entkommen, finden wir Wege um mit diesem gewalttätigen und destruktiven Verhalten klar zu kommen. Wir erotisieren es und internalisieren ein Verlangen danach. Dies wird auch als „double bind“ bezeichnet „Du willst mir weh tun? F*ck dich; du wirst mir niemals so weh tun können wie ich mich selbst verletzten möchte“. Männlich-dominierten Sex zu „wählen“ gibt Frauen so ein Gefühl von (limitierter) Macht.

Darüber hinaus ist es sehr häufig kennzeichnend für sexuelle Gewaltverhältnisse, dass Gewalt nicht als solche erkannt wird: Beim Stockholm Syndrom oder dem Trauma Bonding handelt es sich um weit verbreitete, unbewusste, Überlebensstrategien. Betroffene entwickeln eine positive Lesart der Misshandlungen. Wenn wir zum Beispiel davon ausgehen, dass der Kreislauf der Gewalt in häuslichen Gewaltbeziehungen dadurch aufrecht erhalten wird, dass der Täter das Opfer zwischen den Gewaltausbrüchen mit Zuneigung und Trost „belohnt“, dann entspricht dies von der Systematik her genau der „Aftercare“ Praktik im BDSM.

Das einzige was also die herkömmliche Gewaltbeziehung von der BDSM-Geschichte unterscheidet ist die Zustimmung der misshandelten Person zu dem Geschehen. Wie praktisch.

Das Problem von Individualisierung und Identitätspolitik

“Die Tatsache, dass Millionen von Menschen einer Irreführung unterliegen, macht sie nicht gescheit” – Erich Fromm

Menschen mögen Dinge. Menschen verteidigen Dinge, die sie gut finden und tun. Menschen wollen nicht, dass ihnen jemand in ihr Privatleben reinquatscht. Das ist nur allzu natürlich und verständlich. Aber nur weil man etwas mag heißt dies nicht, dass es kein Recht auf Kritik gibt. Nur weil man etwas gut findet, heißt das nicht, dass etwas tatsächlich gut ist.

Die kanadische Radikalfeministin Meghan Murphy verwendet das Beispiel der Schönheitsindustrie: Sie mag es sich zu schminken und fühlt sich dennoch nicht persönlich angegriffen wenn Menschen die Schönheitsindustrie kritisieren oder die Art und Weise wie wir dazu sozialisiert werden Make-Up und Lippenstift gut zu finden. Das ist der Unterschied zwischen Mikro- und Makroebene: Unterdrückende kulturelle Praktiken zu benennen und zu kritisieren bedeutet nicht zu sagen, dass alle die daran partizipieren schreckliche Menschen sind.

Zum anderen macht die Behauptung man dürfe sexuelle Präferenzen und Neigungen nicht beurteilen keinen Sinn. Denn kaum jemand käme – jenseits entsprechender Lobbys – ernsthaft auf die Idee sexuelle Präferenzen für „Sex mit Kindern“ oder – deutlich als solche erkannte – Vergewaltigung und Mord für akzeptabel zu erklären.

Hieraus ergibt sich auch, dass es selbstredend weder die ausschließliche Angelegenheit eines Individuums oder einer Community ist und alle nicht Partizipierenden einfach aus der Debatte ausgeschlossen werden können.  Gesellschaftliche Phänomene sind eine gesellschaftliche Angelegenheit und betreffen alle, das lässt sich kaum leugnen.

Die Ausnahme bestätigt die Regel

„Das Streben nach Geschlechtergleichheit mit Männern ist das Streben danach reich zu sein statt arm, die Vergewaltigerin statt der Vergewaltigten, die Mörderin statt der Ermordeten“ – Andrea Dworkin

Ja, nicht alle „Submissives“ sind Frauen und Unterordnung oder Masochismus sind nicht essentialistische Bestandteile weiblicher Sexualität. Der mantrahaft vorgetragene Verweis auf die Tatsache jedoch, dass es auch Dom-Frauen gibt, ist letztendlich irrelevant. Gewalt zurückzugeben schafft noch keine gleichen Bedingungen:  Wir lösen das Rassismus-Problem nicht indem wir z.B. genauso viele Menschen der Herkunftsgesellschaft diskriminieren wie Menschen aus ethnischen Minderheiten. Gleiche Bedingungen können nur geschaffen werden, indem wir Unterdrückung beseitigen und tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen.

Feminismus hat nicht das Ziel Machtverhältnisse umzudrehen, sondern Machtunterschiede und Gewalt in sexuelle Beziehungen zu beseitigen. Einzelne Frauen die Männer misshandeln ändern nichts am Geschlechterverhältnis allgemein und sie führen auch nicht dazu, dass es weniger männliche Gewalt gegen Frauen gibt.

Auch ist spielerisch die Macht-Rollen zu wechseln („switch“) nicht das gleiche wie eine geschlechteregalitäre Beziehung: Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt und sie ihn zum Ausgleich ebenfalls vergewaltigen würde, dann macht das die Vergewaltigung an ihr nicht wieder gut. So etwas als Gleichheit zu verkaufen wäre absurd.

BDSM beruht auf Machtungleichheiten und dies wird nicht aufgehoben dadurch, dass Menschen sich in anderen Lebenssituationen anders verhalten.

Die liberale Lesart nach der Gleichheit dann hergestellt ist wenn jeglichem Verhalten die gleiche gesellschaftliche Akzeptanz zukommt hat nichts mit der radikalfeministischen Vorstellung von Gleichheit zu tun, bei der es darum geht Menschen (i.d.R. Männer) davon abzubringen Macht über andere Menschen (i.d.R. Frauen) auszuüben.

BDSM ist nicht „subversiv“

„Traditionelle Formen der männlich-überlegenen Sexualität basieren auf Dominanz und Unterwerfung und die Ausbeutung und Objektifizierung einer versklavten Klasse von Frauen werden jeweils als erregende und „transgressive“ Politik gefeiert“ – Sheila Jeffreys

BDSM-Praktizierende sehen sich häufig als unterdrückte Gruppe und verorten „vanilla privilege“ bei jenen, die BDSM nicht praktizieren. Behauptet wird häufig, dass BDSM  Sexualität verkörpere, die Grenzen der Norm überschreiten und gegen Tabus verstoßen würde. Allerdings: Welche Norm soll das sein, gegen die BDSM verstößt?

BDSM erotisiert ungleiche Machtverhältnisse, Dominanz, Schmerz und Misshandlung. Damit verkörpert es patriarchale Normen. Die Botschaft von Patriarchat und BDSM ist jeweils: Gewalt an Frauen ist sexy, Frauen zu unterjochen geht klar. BDSM ist nicht das Teilen von Gewalt, sondern deren Wiederholungsspiel. Die einzigen Normen die dabei in Frage gestellt werden sind die gegen Folter und Misshandlung. Es klingt nicht wirklich logisch, dass dies ein feministisches Anliegen sein sollte.

Außerdem ist BDSM inzwischen ein völlig akzeptierter Teil der Populärkultur, nicht erst seit „50 Shades of Grey“. Wenn große Tageszeitungen völlig unaufgeregt darüber berichten („So wild geht es in deutschen Schlafzimmern zu“), dass BDSM-Utensilien einen immer größeren Anteil des Umsatzes von Sexshops ausmachen, BDSM-positive Sendungen zur Prime Time über unsere Bildschirme flimmern und Prominente unumwunden öffentlich zugeben BDSM zu praktizieren, kann nicht wirklich davon gesprochen werden, dass Menschen die darin partizipieren eine marginalisierte und diskriminierte Minderheit darstellen.

Safe, sane, consensual?

“Dieser Tage halten feministische Konferenzen zwei verschiedene Workshops in zwei verschiedenen Teilen des Gebäudes ab, der eine über weibliche “Lust”, der andere über das Überleben sexueller Gewalt – als könnte man diese Phänomene in zwei verschiedene Schubladen stecken” – Sheila Jeffreys

Genauso wie im Liberalfeminismus Wert auf die Trennung zwischen „Sexarbeit“ und Zwangsprostitution gelegt wird, wird gegenüber Betroffenen, die ihre eigenen BDSM Erfahrungen in die kritische Diskussion einbringen eingewandt, dabei handele es sich ja nicht um BDSM – genauso wie aus der BDSM-Community eingewandt wird bei „50 Shades of Grey“ handele es sich nicht um BDSM.

Das Beispiel von Maggie Mayhem zeigt sehr deutlich wie sexuelle Gewalt im BDSM von der Community immer wieder als „Fehlkommunikation“ bagatellisiert wurden:

„I got one response…which was people saying [things like] … I`m very sorry that you had a miscommunication during your scene that made it not very fun for you, but I don`t want to hear about it”.

“Mir wurde immer das gleiche erwidert … und zwar sagten die Leute [Sachen wie]… es tut mir sehr leid, dass du in deiner Szene eine Fehlkommunikation hattest, die dafür gesorgt hat, dass du keinen Spass dabei hattest, aber ich möchte nichts davon wissen.”

Für Mayhem ist dies nicht die Ausnahme, sondern als eindeutiges Muster erkennbar. In die gleiche Kerbe schlägt auch Kitty Stryker:

„I have yet to meet a female submissive who hasn`t had some sort of sexual assault happen to her […] When I start to think of the number of times I have been cajoled, pressured, or forced into sex that I did not want […] I can`t actually count them. […] I`ve been pressured [a lot of times] into a situation where saying “no” was either not respected or not an option.”

“Ich habe noch keine einzige female Sub getroffen, die noch keinen sexuellen Übergriff erlebt hat. […] Ich kann die Zahl der Male in denen ich zu etwas das ich nicht wollte überredet, gedrängt oder gezwungen wurde nicht zählen. […] Ich wurde [sehr häufig] in eine Situation gedrängt, in der “Nein” zu sagen entweder nicht respektiert oder keine Option war.”

Darüber hinaus: Die Seite FetLife.com ist eine der beliebtesten englischsprachigen Seiten der BDSM-Community. Diese besteht zu 99% aus Männern 40+, die Vergewaltigung, Pädophilie und Inzest fetischisieren. Dies lässt Rückschlüsse darüber zu was in dieser Community geschieht.

Grundsätzlich: Wir müssen verstehen lernen, dass man Sexualität und sexuelle Gewalt nicht getrennt voneinander diskutieren kann.

Warum das Konsens-Konzept uns schadet

“Die Verteidigung bei Sadomasochismus handele es sich um konsensuelles Verhalten macht ihn nicht feministisch. Frauen wurden dazu herangezüchtet unterwürfig zu sein, männliche Dominanz zu erwarten und sogar zu wollen. Aber Dominanz und Erniedrigung zu wollen, oder ihr zuzustimmen macht sie nicht weniger unterdrückerisch. Es zeigt lediglich wie tief und profund diese Unterdrückung ist” – Diana E.H. Russell

Das Konsens-Konzept verfolgt eigentlich eine gut Intention: Wir sollen selbst in der Lage sein zu artikulieren wo unsere Grenzen liegen. Das klingt emanzipativ und fortschrittlich, und ist auch grundsätzlich nicht verkehrt.

Das Problem dabei: Die Definition von Gewalt wird individualisiert und damit gewalttätige Handlungen legitimiert („Sie wollte es doch so“).

Diese Legitimierung lässt sich sprachlich nachvollziehen:

Aus Vergewaltigung wird Sex.

Aus Folter und Unterordnung wird sexuelle Befreiung und Spiel.

Aus Manipulationen werden Kopfspiele.

Aus Luftabdrücken werden Atemspiele.

Aus Misshandlungen werden  Szenen (Performanz).

Aus härteren und gewalttätigen Praktiken werden fortgeschrittene Praktiken, Praktiken für Profis.

Aus Prostitution wird Sexarbeit.

Aus Pornographie wird „free speech“.

 

Bei BDSM handelt es sich nicht um Fantasien, sondern echte Schmerzen, echte Verletzungen, echte Folter und Kontrolle und echte Dominanz eines anderen Menschen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Das Konsens-Prinzip geht davon aus, dass Individuen immer im Eigeninteresse handeln. Dem ist aber nicht so. Weder können wir die Folgen unseres Handelns immer voraussehen, noch sind wir frei von unbewussten Zwängen und Prägungen.

Durch das Konsens-Prinzip wird männliche sexuelle Aggression legitimiert und die Tendenzen zum Victim Blaming werden verstärkt. Damit gibt es auch keinerlei Möglichkeit mehr körperliche Integrität objektiv zu definieren.

Am Ende bleibt auch die Frage wo dann die Grenzen legitimer Gewalt denn liegen sollen. Bei konsensualem Mord, konsensualem Kannibalismus oder irgendwo vorher und wenn ja wo und wer bestimmt das dann eigentlich?

Viele Darstellungen von angeblich konsensuellen BDSM-Praktiken stellen anschaulich dar, wie die untergeordnete Person in eigentlich ungewollte Handlungen gegroomt und manipuliert wird. Dies hat nichts zu tun mit einem Respekt vor Grenzen, ganz in Gegenteil.

Bei Ethik dreht es sich nicht um Individuen, sondern darum wie unser Verhalten und unsere Handlungen unser Umfeld und die Gesellschaft beeinflussen. Das Vorliegen von individueller Zustimmung zu Handlungen hebt dieses Prinzip nicht auf, es macht es nicht zu einem ethischen Verhalten. Wenn wir Verhalten und Verhaltensstandards individualisieren reden wir nicht mehr über Ethik, sondern von Eigeninteresse und Egoismus.

Erotisierung von Gewalt

„Sadomasochismus ist die institutionalisierte Bejubelung von Dominanz/Unterordnungs-Beziehungen. Und er bereitet uns darauf vor Unterwerfung zu akzeptieren oder Dominanz zu erzwingen. Auch im Spiel wird, durch die Bejahung von Macht über die Machtlose als erotisch oder empowernd, der emotionale und soziale Rahmen gesetzt für die Fortführung dieser Beziehung, politisch, sozial und ökonomisch. Sadomasochismus füttert den Glauben daran, dass Dominanz unausweichlich und legitimer weise genießbar ist“  – Audre Lorde

Die gesellschaftliche Erotisierung von Gewalt gegen Frauen und von männlicher Gewalt ist eine reelle Gefahr für alle Frauen.  Die Realität im Patriarchat für uns alle lautet: Männer sind die dominante Gruppe, Frauen die untergeordnete Gruppe. Täglich werden Frauen Opfer männlicher Gewalt.

Die Erotisierung von Gewalt führt zu einer grundsätzlichen Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen: Nicht mehr wird Gewalt gegen Frauen grundsätzlich abgelehnt, sondern nur unter bestimmten Umständen (wenn sie „nicht-konsensual“ ist).

Macht wird in unserer Gesellschaft sexualisiert. Dies führt zu einem Wandel der sexuellen Normen: Frauen zu verletzen und zu erniedrigen wird sexy. Es ist deshalb nicht verwunderlich wenn Frauen Vergewaltigungsfantasien entwickeln. Wenn sie diese in ihrer Sexualität ausleben sind sie dafür nicht zu verurteilen. Dies gilt jedoch nicht für Männer die ihre Vergewaltigungsfantasien an Frauen ausleben. Dies ist sehr wohl zu verurteilen. Wer davon erregt wird Gewalt an anderen zu verüben sollte darüber nachdenken wie er dem effektiv begegnen kann.

Nur weil ein weibliches Individuum darauf steht Gewalt zugefügt zu bekommen, heißt dies nicht, dass die Erotisierung männlicher Gewalt an Frauen und die männlich dominierte Kultur in der wir leben in keinem Zusammenhang stehen. Nur weil männliche Macht und Dominanz manchmal sexualisiert daher kommt sollen wir denken sie sei nicht von Misogynie geleitet? Absurd!

Gewalt ist keine subjektiv interpretierbare Angelegenheit, sondern liegt objektiv entweder vor oder nicht vor, unabhängig davon ob sie von den Beteiligten als solche wahrgenommen wird.

Nach Audre Lorde ist Sadomasochismus das Ausleben von Überlegenheit und dem Recht zur Dominanz. BDSM erotisiert nicht Konsens, sondern Schmerzen, Verletzungen, Schäden, Dominanz, Zwang und Kontrolle.

Wir müssen neu fokussieren

“Ich bin der Meinung, dass eine Welt nicht denkbar ist, in der Frauen frei sind und gleichzeitig eine Sexualität beschützen, die auf ihrer Unfreiheit beruht. Unsere sexuellen Leidenschaften müssen zu den Leidenschaften unserer politischen Vorstellung passen einet Welt ohne schädliche Hierarchien, inklusive jener, die auf Rasse und Klasse basieren. Nur eine Sexualität der Gleichheit […] macht eine Freiheit von Frauen denkbar” – Sheila Jeffreys

In der öffentlichen Debatte dreht sich die Debatte darum on Frauen submissiv sein dürfen und sich Schmerzen zufügen lassen dürfen. Darum geht es wie gesagt jedoch nicht. Die Frage um die es geht ist, warum Männer Frauen weh tun möchten. Wäre die Debatte ehrlich müssten die Befürworter den Fokus rumdrehen und stattdessen argumentieren „Aber Männer mögen es Frauen weh zu tun! Sie haben das Recht Frauen weh zu tun!“ Besonders feministisch klingt das dann nicht mehr.

Debatten um Sexualität drehen sich komischerweise IMMER um die „freie Wahl“ der Frau. Natürlich können Frauen (Menschen) sich immer für und gegen Dinge entscheiden und wir sollten diese Entscheidungen nicht zum Anlass nehmen sie ihnen vorzuwerfen.  Von radikalfeministischer Seite wird jedoch eine Art von Orgasmus-Politik kritisiert, nach der jeder Orgasmus, egal unter welchen Umständen, als BEFREIEND gilt.

Mit dem Mantra des „Konsens“ wird Frauen, die zunächst schädlichen Handlungen zugestimmt haben, die Möglichkeit genommen, diese Schäden zu thematisieren – denn sie haben diesen ja selbst zugestimmt. Durch das Konsens-Konzept wird darüber hinaus die ethische und politische Betrachtung einer Tat unmöglich gemacht, da keine objektiven Grundsätze mehr existieren für „richtig“ oder „falsch“ / „gut“ oder „schlecht“ – wir bringen die einer Gewalthandlung ausgesetzte Person (und zwar dann jede Person) damit in die Lage sich regelmäßig verteidigen zu müssen vor dem Vorwurf, dass sie vielleicht ihre Grenzen nicht deutlich genug gemacht hat. Objektive Sachverhalte werden dann munter subjektiv interpretiert. Wohin dies führt sehen wir an vielen Beispielen von Vergewaltigungsprozessen. Damit wird die emotionale, soziale und moralische Last der Beweisführung in Bezug auf missbräuchliches und ausbeuterisches Verhalten den jeweiligen Opfern auferlegt – zugunsten der Täter.

Wenn also ein Mann einer Frau im BDSM Kontext weh tut und diese hinterher traumatisiert ist und/oder merkt, dass dies ihr nicht gut getan hat, dann wird ihr der schwarze Peter zugeschoben, dass sie ihre Grenzen falsch definiert hat, nicht gut genug kommuniziert hat, das Safe Word nicht verwendet hat – und der Täter ist fein raus. Er hat nichts Falsches gemacht. Nicht seine Absichten spielen mehr eine Rolle, sondern Frauen werden für etwaige Traumatisierungen selbst verantwortlich gemacht (weil sie eben zugestimmt haben).

Aus dem Blickpunkt gerät so das Handeln der Männer sowie der konkrete Schaden den Frauen davontragen. Die Frage muss deshalb lauten ob es grundsätzlich akzeptabel ist, Frauen unter dem Deckmantel der Sexualität Schmerzen und Schäden zufügen, oder nicht.

Nochmal: Es geht also nicht darum zu beurteilen was Frauen als Angehörige der im Patriarchat untergeordneten Klasse tun, sondern vielmehr darum was Männer ihnen antun.

Radikalfeministinnen kämpfen für die kollektive Befreiung von Frauen, nicht für „choice“ und „agency“. Wichtigster Bestandteil der Analyse müssen die sozialen Normen  und Rahmenbedingungen bleiben, unter denen die Wahlentscheidungen von Frauen wie Männern getroffen werden. Sexuelle Befreiung bedeutet nicht die Freiheit zu haben zu tun was immer wir wollen, sondern es bedeutet die Freiheit zu haben unsere eigene Sexualität finden und rekonstruieren zu können.

Eine Debatte die sich um das Recht der Frau zur Unterordnung dreht bringt die unterdrückende Klasse (der Männer) zum Verschwinden. Radikalfeministinnen setzen sich dafür ein, dass Frauen ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben. Wir setzen uns ein für sichere, gesunde, auf Augenhöhe stattfinde Beziehungen und Sexualität, frei von Unterdrückung, Grausamkeiten, Erniedrigung und Misshandlungen, egal in welchem Kontext. Eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen erotisiert und glorifiziert ist diesem Ziel in keinster Weise zuträglich.

 

Quellen und Tipps zur Vertiefung

http://www.feministcurrent.com/2012/07/10/its-not-about-you-beyond-kink-shaming/

http://www.feminist-reprise.org/docs/lordesm.htm

http://www.ontheissuesmagazine.com/1996spring/s96orgasm.php

http://www.feminist-reprise.org/docs/hein.htm

https://antipornfeminists.wordpress.com/category/anti-bdsm/

 

Offener Brief gegen die sprachliche Verharmlosung sexueller Gewalt

Im vergangenen August erschien das Buch „Vergewaltigung“ der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal.

Darin kritisiert sie, dass die gesellschaftliche Beschäftigung mit dem Thema sexuelle Gewalt innerhalb bestimmter Grenzlinien verlaufe.

„Im Vergewaltigungsskript gibt es nur zwei Geschlechter: Täter und Opfer. Wer Vergewaltigung sagt, denkt an aggressive Männer und ängstliche Frauen, an Penisse als Waffen und Vaginas als ungeschützte Einfallstore in ebenso ungeschützte Körper; oder weniger martialisch: an Männer, die meinen, »ein Recht« auf Frauenkörper zu haben.“ (Quelle: Edition Nautilus)

Das will Mithu Sanyal so nicht akzeptieren. Der „Opferdiskurs“ soll aufgebrochen werden, Opfer sollen sich nicht länger Opfer oder Überlebende nennen, sondern vielmehr „Erlebende“, wie sie jüngst in einem Artikel in der taz forderte.

Sprache strukturiert unser Denken. Wie wir etwas benennen, entscheidet darüber, wie wir es beurteilen. Opfer sexueller Gewalt zu „Erlebenden“ zu machen, lässt die Gewalt aus dem Sprachgebrauch verschwinden, die Tat und die Täter und bis nur noch die Betroffenen übrig sind, die sich selbst nun auch nicht mehr „Opfer“ nennen sollen, weil sie das degradiert. Hier sitzt Mithu Sanyal einem Irrtum auf. Es ist nicht der Opferdiskurs, der Opfer degradiert. Es ist die Tat, die aus Menschen Opfer macht, es sind die Täter, nicht die Selbstbeschreibung. Keine noch so euphemistische Umdeutung kann die Tat für ein Opfer ungeschehen machen – sehr wohl aber für den Rest der Gesellschaft – wie außerordentlich praktisch!

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Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

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Unsere Störenfrieda des Monats: Lillian Hellman

By Lynn Gilbert (Own work) (CC BY-SA 4.0) http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0

Lillian Hellmann war Schriftstellerin, Journalistin, Aktivistin und Drehbuchautorin. Sie stammte aus einer deutsch-jüdischen Arbeiterfamilie. Lillian Hellman war eine der bedeutendsten Theaterschriftstellerinen der USA. Mutig und voller Gefühl beschrieb sie die Zustände ihrer Zeit. 1934 wurde das Theaterstück „The Children’s Hour“ uraufgeführt, in dem es um die lesbische Liebe zweier Lehrerinnen ging, ein großartiges Stück lesbischer Weltliteratur. Als Hollywood das Stück 1936mit Audrey Hepburn und James Garner verfilmte, traute es sich an das Thema nicht heran und machte daraus eine heterosexuelle Dreiecksbeziehung. Lillian galt als Rebellin, stolz, stur, widerständisch, kompromisslos.

„Unjust. How many times I’ve used that word, scolded myself with it. All I mean by it now is that I don’t have the final courage to say that I refuse to preside over violations against myself, and to hell with justice.“ (Lillian Hellman)

Mit 14 lief sie von zu Hause weg, mit 15 versetzte sie den Familienschmuck, um sich Bücher kaufen zu können. Sie heiratete den Schriftsteller Arthur Kober, von dem sie sich kurz darauf wieder scheiden ließ. Als Reporterin berichtete sie aus dem Spanischen Bürgerkrieg und begegnete Ernest Hemingway, mit dem sie einige Zeit verbrachte. Bis zu seinem Tod in den 1960er Jahren führte sie eine Beziehung mit dem Schriftsteller Dashiell Hammett. Lillian Hellman war eine Bürgerechtsaktivistin, ihrer Klage ist es zu verdanken, dass die Mitschnitte von Präsident Nixon als öffentlich galten.

„There are people who eat the earth and eat all the people on it like in the Bible with the locusts. And other people who stand around and watch them eat.“ (Lillian Hellman)

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Im Erlebnisbad der Gewalt – eine Replik auf den Text „Du Opfer“

Vor ein paar Tagen haben die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal und die Studentin der Sozialen Arbeit Marie Albrecht auf taz online einen Text veröffentlicht, in dem vorgeschlagen wird, vergewaltigte Personen nicht mehr „Opfer“, sondern „Erlebende“ zu nennen. (Ja, richtig gelesen, nicht „ÜBERlebende“, sondern „Erlebende“.) Sanyal und Albrecht begründen das so:

„Denn ´Opfer´ ist keineswegs ein wertfreier Begriff, sondern bringt eine ganze Busladung von Vorstellungen mit. Wie die, dass Opfer wehrlos, passiv und ausgeliefert sind – und zwar komplett. Bloß sind Menschen, denen etwas angetan wurde, ja immer noch sie selbst (…) Wenn mir jemand erzählt, dass er oder sie einen Autounfall gehabt hat, wird sich meine Wahrnehmung dieser Person wahrscheinlich kaum verändern. Genau das passiert jedoch, wenn wir ´Autounfall´ durch ´Vergewaltigung´ ersetzen. (…) Indem wir Menschen als Opfer bezeichnen, stecken wir sie in eine Schublade und werfen den Schlüssel weg.“

 
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Bello Figo-Frauenhass als Antifaschismus

http://www.publicdomainpictures.net/view-image.php?image=160754&picture=sonnenbrille-reflexion-der-sommer

Und wieder feiert die Linke einen frauenhassenden Sack als die neue antifaschistische Waffe, dieses Mal in Italien.                                                                                                                   Bello Figo Gu, geboren als Paul Yeboah, und in der Vergangenheit als Gucci Boy bekannt, wurde 1993 in Accra, Ghana, geboren.                                                                                     2016 und 2017 wurde er mehrfach bedroht, insbesondere von Rassisten und extremen Rechten.Konzerte wurde deshalb in Brescia, Borgo Virgillio, und Rom, unter anderem, gestrichen. Seine Musikvideos auf YouTube hatten Millionen gesehen und sein neuer Song, „ Non pago affitto“, (Ich zahle keine Miete), wurde 10 Millionen Mal geklickt. Er bedient sich in diesem Song Antieinwandererklischees, und netten Sachen wie..“ Ich brauche eine weiße Pussy, denn am Morgen wache ich immer mit harten Schwanz auf. Viele weißen Fotzen werden gefickt, sie setzt sich auf mein Gesicht, als wenn sie sich auf den Stuhl setzt“…oder in einem anderen Song…“Alle meine Muschis, wo seit ihr…Sie führen meinen Schwanz ein wie Zigaretten, alle meine Fotzen…“(in Figa).

Gefeiert wird er auch von der Süddeutschen SZ, er bringt angeblich die Rechten zur Weißglut, aber wird von der Linken als intellektueller Rapstar betrachtet. Er zeige sozusagen den Rechten den Spiegel, indem er sie mit ihren eigenen Parolen konfrontiert. Soziologen und Politologen beschäftigen sich mittlerweile in Italien mit dem Phänomen Bello Figo. Er sieht sich wohl als Antifaschist und wird als solcher gefeiert. Die Zeitung Il Tirreno, Livorno schreibt….“Er sollte die Scham aller Flüchtlinge sein….mit einem halben Gehirn…“Über Sex und Essen sang er wohl in seiner Anfangszeit auch schon, sehr einfache Texte. Vermutlich gehörte dann diese Verachtung gegenüber Frauen schon von Anfang an zum Repertoire und wurde nicht durch das Thema „Immigration“ nur politisch aufbereitet. Zum Thema Immigration kam er erst vor einem Jahr. Natürlich sind seine Texte humoristisch und die Feminazis verstehen wieder Mal keinen Spaß, denn intellektueller Humor ist so einfach nicht ihre Sache. Das verstehen können nur linke, antifaschistische Männer. Oder vielleicht wird man, sollte man schwanzlutschende Fotze nicht so humoristisch finden, gleich als rechts bezeichnet, nur weil die Rechte, werauchimmer sich dazu zählt, aus anderen Gründen die Texte wenig lustig finden.                                             Zeitungen, die ihn eher feiern, zitieren natürlichen in der Regel die frauenverachtenden Textzeilen nicht. Eventuell wird noch in einem Nebensatz erwähnt, dass Bello Figo sexistisch sei, und die Rechte sich deshalb aufregt. Wer interessiert sich hier auch dafür, dass sich Frauen vielleicht auch aufregen können. Bei weißen Fotzen hört bei mir der Spaß einfach auf.Rolling Stone bezeichnete ihn 2016 als den am meisten polarisierenden Künstler Italiens. Ich kann nur sagen, wow, Frauen als Fotze (unter anderem) zu bezeichnen ist wirklich polarisierend und politisch brisant. Das ist eine Auszeichnung und Publicity wert.

Ich spüre wieder Abscheu vor der Scheinheiligkeit angeblicher Antifaschisten und sogenannter Linker.

http://iltirreno.gelocal.it/livorno/cronaca/2017/01/27/news/arriva-bello-figo-il-rapper-della-discordia-e-sul-web-corrono-subito-le-offese-razziste-1.14780779?refresh_ce

http://www.huffingtonpost.it/2017/01/15/bello-figo-minacce-rapper_n_14180538.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/bello-figo-yeah-ich-mach-nicht-den-fabrikarbeiter-1.3369900?reduced=true

Weiße Menschen, die „Weißen Feminismus“ kritisieren, halten weißes Privileg aufrecht

Feminist Button

Dieser Text von Claire Heuchan erschien am 10. August 2015 auf ihrem Blog Sister Outrider. Wir bedanken uns bei Claire für die Erlaubnis, eine Übersetzung anzufertigen und sie hier zu veröffentlichen.

Wenn du online in feministische Diskurse eingebunden bist, ist es wahrscheinlich, dass dir ein bestimmter Begriff aufgefallen ist, der immer geläufiger wird: Weißer Feminismus. Manchmal wird sogar ein Trademark-Logo zur Unterstreichung hinzugefügt. Der Begriff „weißer Feminismus“ wurde zur Chiffre für ein bestimmtes Versagen innerhalb der feministischen Bewegung; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die es versäumen, ihren marginalisierteren Schwestern zuzuhören; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die über diese Schwestern hinwegsprechen; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die die Bewegung auf die Themen ausrichten, die innerhalb ihres eigenen Erfahrungsspektrums liegen. Ursprünglich wurde der Begriff Weißer Feminismus von Women of Colour benutzt, um Rassismus innerhalb der feministischen Bewegung zu thematisieren – eine notwendige und berechtigte Kritik.

Auch wenn weiße Frauen durch die auf Misogynie (Frauenverachtung) aufgebauten bestehenden sozialen Ordnung auf persönlicher und politischer Ebene benachteiligt sind, sind sie auch Nutznießerinnen von institutionellem Rassismus – ob sie das wollen oder nicht. Sogar Frauen mit dezidiert anti-rassistischen Grundsätzen können nicht einfach aus den Vorteilen eines weißen Privilegs aussteigen, angefangen von der größeren (wenn auch immer noch zu geringen) Medienpräsenz weißer Frauen, über eine größere Lohnlücke für Women of Colour bis zu der deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit von Polizeigewalt, die die Lebenswirklichkeit Schwarzer Frauen bestimmt. So funktioniert weißes Privileg. Wir leben in einer Kultur, die durch Rassismus geprägt ist und in der ein großer Teil des Reichtums unseres Landes aus dem Sklavenhandel stammt. So wie Misogynie braucht es viel Zeit und Bewusstsein, sich Rassismus abzutraineren. Es ist ein Lernprozess, der für uns niemals wirklich abgeschlossen ist. Women of Colour, die Rassismus innerhalb der feministischen Community anfechten, geben uns allen die Möglichkeit, uns bewusst von Verhaltensweisen zu lösen, die innerhalb des weißen rassistischen Patriarchats belohnt werden.

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Die dunkle Seite meiner Sexualität – BDSM und ich: Geschichte einer Aussteigerin

Der erste Mann, der in mich eindrang, war mein Vergewaltiger. Es war in einem heißen Sommer irgendwann in den 90ern, und er wollte nicht nur Sex mit mir, er wollte mich zerstören. Als ich begriff, was er, der ältere Bruder eines Mitschülers, in den ich heimlich verliebt war, im Begriff war, mir anzutun, zog ich mich in einen Bereich tief in meinem Inneren zurück, der sicher vor ihm war. Ich war nicht sein erstes Opfer. Er kannte die Überlebensstrategien. Er fand Wege, zu diesem Ort vorzudringen und seine Spuren auf meiner Seele zu hinterlassen. Seither lebe ich mit ihnen, den Spuren, den sichtbaren und den unsichtbaren.

Auf eine Zeit der völligen, inneren Erstarrung folgte eine der Selbstzerstörung. Drogen, Selbstverletzung und Hunger. Ein Mittel meiner Selbstbestrafung war Sex. Ich hasste Sex. Ich hasste Männer. Was ich wollte, war nicht Befriedigung, es war das Gefühl, Kontrolle zu haben. Nichts, was ein Mann mir jemals antun konnte, sollte mich je wieder überraschen können. Ich wollte vorbereitet sein. Jemand wie ich, eine 17jährige mit frischen Schnitten auf den Unterarmen, trägt eine Art Leuchtreklame über ihrem Kopf. Unzählige Male wurde versucht, mir erneut Gewalt anzutun. Mein Lehrer, mein Chef, Fremde, Freunde, Väter von Freundinnen. Ich war Freiwild, als Opfer markiert und zu nichts anderem gut. Ich verachtete die Männer und hatte trotzdem Sex mit ihnen. Ich fand, wenn sie mit mir schliefen, sei das ein Ausdruck dessen, wie verachtenswert sie waren. Mein Selbstwertgefühl war irgendwo bei Null. Dieser Sex war nie liebevoll und oft gewalttätig. Immer wieder holte mich meine Vergewaltigung ein, nirgendwo war ich vor den Erinnerungen sicher.

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Ein Aufruf an Feministinnen, sich an das historische und geschlechterbasierte Wesen ihrer Unterdrückung zu erinnern

Das wirklich Brillante am Patriarchat…es verwandelt Unterdrückung nicht nur in etwas Natürliches, es sexualisiert den Unterdrückungsakt. Es erotisiert Dominanz und Unterwerfung. Es institutionalisiert sie als Maskulinität und Feminität. Also normalisiert, erotisiert und institutionalisiert Unterwerfung. Das Brillante am Feminismus ist, dass wir das erkannt haben.
– Lierre Keith

In den vergangenen Monaten wurden in den USA und anderswo so viele Gesetze erlassen oder vorgeschlagen, die eine Eskalation des Kriegs – ja, es ist Krieg – gegen Frauen anzeigen. Das Russische Parlament hat gerade mit 380 zu 3 Stimmen die Entkriminalisierung häuslicher Gewalt entschieden. Es ist ein Land, in dem durchschnittlich 40 Frauen pro Tag – 14.000 Frauen pro Jahr – von ihren männlichen Partnern ermordet werden.

Die Vereinigten Staaten, wo über 1000 Frauen pro Jahr von ihren Partnern ermordet werden, haben gerade einen Präsident gewählt, der damit prahlt, dass „wenn du ein Star bist, lassen sie es dich einfach tun, pack sie an der Pussy“ und in Pornografie und Menschenhandel verwickelt ist. Sein Plan ist es, die finanzielle Unterstützung für 25 Programme gegen häusliche Gewalt zu eliminieren und weiblichen Angestellten zu befehlen, sich „wie Frauen anzuziehen“. Texas denkt darüber nach, Frauen, die eine Abtreibung hatten, ihr Wahlrecht zu entziehen; Arkansas möchte Vergewaltiger in die Lage versetzen, Frauen zu verklagen, die abtreiben.

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Verque(e)re Logiken: Die Gesetze, an denen nicht gerüttelt werden darf

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Inhaltshinweis: In diesem Artikel werden (sexuelle) Gewaltschilderungen thematisiert.

Nicht, dass wir nicht geahnt hätten, dass dieser Artikel kontroverse Reaktionen auslösen würde, die Heftigkeit dieser hat uns dennoch schockiert – und wir sind einiges gewöhnt.

Über simple Beschimpfungen und krude Thesen zuckten wir nur noch reglos mit den Achseln, denn sie waren nichts im Gegensatz zu den Mord-, Gewalt- und Vergewaltigungs(an)drohungen, die wir von Männern und Trans-Aktivisten erhielten und deren Gangart erstaunliche Parallelen zu den Methoden der Männerrechtsaktivisten aufwies, bei denen alles erlaubt zu sein scheint. Doch dazu später mehr.

Bevor der Artikel veröffentlicht wurde, war uns klar, dass es im Grunde unerheblich ist, wie ein Artikel aus diesem Themenkomplex aufgebaut ist, ob als Erfahrungsbericht, als Polemik, Satire oder als dezidiert feministische Analyse – wer gegen die Gebote des Queerfeminismus verstößt oder das Gender-Konstrukt kritisiert, sticht in ein Wespennest, das den Dialog qua der Unverfrorenheit, dies einfach zu tun, von vornherein ausschließt.

Sexuelle Gewalt als zentrales Thema des Radikalfeminismus

Warum es wichtig war, dass dieser Text erschien, ergibt sich aus der Tatsache, dass wir Feministinnen und Frauen sind und sexuelle Gewalt (ähnlich wie das System, in dem sie geschieht und ihre Folgen) ein zentrales Thema des radikalen Feminismus ist. Radikaler Feminismus (nein, nicht der liberale und auch nicht der Queerfeminismus) ebnete Frauen den Weg, ihre Geschichte/n zu erzählen und sexuelle Gewalt auf die Agenda einer Gesellschaft zu setzen, die verstehen muss, dass Frauenrechte Menschenrechte sind – allen voran aber auf die Agenda des Feminismus.

Wie fragil es um diese zentralen Themen und das Private, das das Politische ist, bestellt ist, wurde uns in den letzten Tagen plausibel vor Augen geführt.

Der Artikel wollte von den „KritikerInnen“ offensichtlich nicht gelesen werden oder wollte bewusst falsch verstanden werden. Anders können wir uns die teils doch recht konfusen (um es mal diplomatisch auszudrücken) Reaktionen nicht erklären.

Wir haben kein Bedürfnis, uns zu rechtfertigen und sehen auch keine Notwendigkeit, dies zu tun. Davon einmal abgesehen, dass uns weitere detaillierte Erklärungen hinsichtlich der – zumeist – gescheiterten Versuche, tatsächlich in einen argumentativen Austausch zu kommen, relativ sinnlos erscheinen. Aber Tatsachen sind ja dennoch ganz hilfreich:

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