Kategorie: Buch- und Filmtipps

Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten

Beißreflexe - Buchcover

Beißreflexe - Querverlag, 2017

Heute scheint es selbstverständlich, dass queer irgendwie alles ist, was sich selbst eine Abweichung von Norm zuschreibt. Niemand will heute mehr normal sein, also sind alle queer, denn jede sexuelle Differenz, jeder Fetisch wird zum Bestandteil einer Identität.

Ein AutorInnen-Kollektiv rund um Patsy L’Amour lalove hat einen Sammelband herausgebracht, dessen Beiträge sich kritisch mit der queerfemistischen (Netz)szene (in Berlin) und den dort vorherrschenden Strukturen, der Meinungs- und Diskussionskultur und ihren Reglements auseinandersetzen. Auch wenn Kritik und das Aufzeigen dieser destruktiven Strukturen und Dynamiken bereits stattgefunden hat und glücklicherweise zunimmt: Die Beiträge füllen in ihrer Komprimiertheit und Klarheit eine Lücke und eine längst fällige und breite Debatte könnte mit dem vorliegenden Band angestoßen werden (oder schon angestoßen worden sein, das illustriert jedenfalls das korrespondierende Twitter-Spektakel).

Die AutorInnen widmen sich den übergeordneten Themen Betroffenheit, Schmutzräume und Trigger, Privilegiencheck, Queere Theorie, Pinkwashing und Antisemitismus, Queering Islam, Queer in Berlin.

Der ursprüngliche Gedanke von „queer“, dem im Band ein historischer Abriss gewidmet ist, habe in der heutigen Auslegung und Praxis eine neue, der ursprünglichen Bedeutung widerstrebende, Konnotation erhalten. Queer als Synonym für Widerständigkeit, Radikalität und selbstbewusstes Andersein – des „Perversen“ – sei zu einem verwässerten Begriff geworden, der heute alles meint und den jede_r, der_die sich als „nicht normal“ ansieht, anheften kann. Dies müsse sich wieder ändern, insgesamt habe die Queertheorie eine „antiemanzipative Wende“ erfahren, ihr Potenzial werde durch ihre aktuelle Auslegung nicht mehr entsprechend gewürdigt.

Die AutorInnen kritisieren das Betroffenheits-Narrativ, das besagt, dass nur, wer von etwas betroffen ist, das Recht habe, sich dazu zu äußern. Darüber hinaus dürfe sich queerfeministische Kritik nur an „westliche“ Phänomene richten, anderes zu adressieren wie beispielsweise die Lage Homosexueller in z. B. arabischen Staaten sei rassistisch. Eine fundierte Islam-Kritik sei versäumt worden und insgesamt unmöglich zu formulieren, da sie per se als rassistisch kategorisiert werde.

In der Szene sei ein Konzept von Definitionsmacht und Schutzräumen vorzufinden, das durch die beliebige Erweiterung des Gewaltbegriffes (z. B. um Sprachhandlungen) und des unmöglichen Anspruches, dass sich „alle wohlfühlen“ einerseits zu einer Bagatellisierung sexueller Gewalt geführt habe und andererseits ein „sexualrepressives“ Klima geschaffen habe. Insgesamt zeichneten sich „sexualfeindliche Tendenzen“ in queerfeministischen Zusammenhängen ab, die sich nicht mit der zentralen feministischen Kernforderung der sexuellen Befreiung in Einklang bringen ließen.

Critical Whiteness-Ansätze und Privilegien-Reflexion im Rahmen bestehender intersektioneller Machtverhältnisse hätten die Intention, den „Bessergestellten“ ein „schlechtes Gewissen“ zu machen, in der Szene herrsche ein Reglement vor, dass von einem undefinierten und leeren Begriff der „Community“ ausgehe, von der niemand jedoch genau weiß, wer/was diese Community eigentlich ist. Wichtig aber sei es, dazuzugehören und die szene-inhärenten Vorschriften in gefolgsamer Manier abzunicken und unhinterfragt zu übernehmen, wer dies nicht tue, dem entledige man sich durch wenig emanzipatorisch anmutende Methoden wie Mobbing, Denunziation und Diffamierung. Geschildert wird dies u. a. im Zusammenhang mit Erfahrungen und Vorkommnissen z. B. auf dem e*camp 2013, den Queeren Hochschultagen an der Humboldt-Universität 2013 und dem Mainzer CSD 2016, aber auch anhand der Debatte um Sookee, der queerfeministischen Rapperin, der wegen ihres Textes „If I Had A“ Transphobie angelastet wurde.

In weiteren Beiträgen wird die in der Szene vorzufindende anti-israelische Haltung sowie die Anti-„Pinkwashing“-Bestrebungen am Beispiel des israelischen Staates thematisiert, insgesamt bediene sich die Auseinandersetzung mit dem (Staaten-)Konflikt zwischen Israel und Palästina an einem Schwarz-Weiß-Schema, das eine verkürzte Darstellung von Israel als kolonialer Akteur und Palästina in einem Befreiungskampf von diesem wiedergebe, eine nuanciertere und differenziertere kritische Betrachtung, eine, die verdeutliche, dass eine solche einseitige und plakative Betrachtung eben zu kurz greift, fehle ganz und gar.

Die Beiträge werden vielen, die die Szene „von innen“ kennen, aus der Seele sprechen. Jene, die ihr aufgrund aufgrund der im Buch geschilderten psychischen Gewalterfahrungen den Rücken gekehrt haben, den existenzgefährdenden Anstrich am eigenen Leib erfahren haben, bekommen durch dieses Buch ein Sprachrohr geschenkt. Eines, das zu Befüllen längst überfällig ist, denn obwohl viele Formulierungen enormen Humor offenbaren und ohne Frage Spaß bereiten, haben die AutorInnen ein ernstes Terrain betreten, das mit Methoden der Meinungsunterdrückung, Sprechverboten und autoritären Gebärden zweifellos an Sektenstrukturen erinnert, und das ist ausdrücklich nicht polemisch gemeint, sondern den Zustand angemessen beschreibend.

Identitätspolitik ist das hauptsächliche Schlachtfeld queerer Politik, ihr Anfang und leider auch ihr Ende. Identität wird fetischisiert […].

Der Sammelband trägt eine antideutsche Handschrift, das kann man gut oder schlecht finden, er ist überwiegend aus männlich-schwuler Perspektive geschrieben und auch das merkt man. Die Psychoanalyse wird als Deutungswerkzeug herangezogen, was in Teilen versponnen wirkt und in andere Teilen sehr pointiert.

Mein persönliches Highlight ist – nicht zuletzt aufgrund der Unterrepräsentanz von FrauenLesben im Sammelband – der Beitrag von Koschka Linkerhand „Treffpunkt im Unendlichen – Das Problem mit der Identität“ – der aus lesbischer Perspektive die Absurdität der Identitätspolitik auf den Punkt bringt und ihren entpolitisierenden Charakter herausstellt (und darüber hinaus in klug-ironischer Weise ihrem persönlichen Dilemma Ausdruck verleiht, an diesem männlich-schwul dominierten Band mitzuschreiben).

Obwohl die queerfeministische Auslegung von Intersektionalität und Critical Whiteness-Ansätzen, ähnlich wie die szenetypische Verurteilung kultureller Aneignung durchaus kritikwürdig und wichtig zu adressieren ist, hat mir persönlich die Würdigung der Widerstandskämpfe von Schwarzen und People of Color gefehlt, die das Fundament dieser Ansätze stellen. Denn letztlich ist es unerheblich, ob eine bestimmte Szene sinnvolle Analyseinstrumente wie z. B. Intersektionalität in ein Absurdistan abdriften lässt, es ändert nichts daran, dass diese Theorien nicht im luftleeren Raum entstanden sind und zweifellos eine wichtige Rolle bei der Analyse sozialer Ungleichheiten und gesellschaftlicher Machtverhältnisse spielen. Oder anders gesagt, und das betrifft auch andere der besprochenen Themen wie z. B. Islam(-Kritik), Israel, Definitionsmacht-Konzepte, etc.: So „einfach“ oder vom Tisch zu fegen – wie teilweise im Band dargestellt – sind diese Dinge dann auch wieder nicht. Übrig geblieben ist für mich deshalb eine Lücke „dazwischen“, das heißt die unbedingte Notwendigkeit zwischen beiden „Polen“ in einen Dialog zu kommen.

Aber vielleicht und so hoffe ich, war das eine Absicht des AutorInnen-Kollektives: diesen Dialog zu eröffnen, einen, der Differenzen ebenso wie Gemeinsamkeiten auf den Tisch bringt, einen der divergierende Standpunkte ihren selbstverständlichen Platz einräumt und sie nicht in inquisitorischer Manier zum Verschwinden bringt. Denn schließlich bleibt uns nur:

Wir müssen erkennen, dass der wahre Feind im Außen liegt und nicht in der eigenen Szene – auch wenn wir dort vielleicht immer wieder Menschen begegnen, deren Positionen wir nicht ganz teilen. Das heißt nicht, dass wir das Erreichte – unsere Sensibilisierung für diskriminierende Strukturen jeglicher Art – über Bord werfen sollten, aber es heißt, dass es nun an der Zeit ist, Allianzen zu bilden […].

„Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ ist erschienen im Querverlag und erhältlich bei Thalestris und Fembooks.

Eine Rezension von Maya

Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan

Als Nahid Shahalimi in den 1970er Jahren in Kabul auf die Welt kam, herrschte dort das „Goldene Zeitalter“: Mädchen studierten, arbeiteten und bewegten sich frei. Die 1980er Jahre veränderten alles und sie floh mit 12 Jahren aus Afghanistan, studierte in Kanada und lebt heute in Deutschland. Ihre Heimat Afghanistan konnte sie dennoch nicht vergessen und so reiste sie fast drei Jahre lang durch das zerissene Land auf der Suche nach den Frauen. Sie fand sie und hat mit ihrem Buch „Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan“, erschienen beim Elisabeth Sandmann Verlag, ein einzigartiges und tief berührendes Dokument über sehr unterschiedliche Frauen in Afghanistan geschaffen, die jeden Tag unerschrocken gegen Unterdrückung, Krieg, Terror und Chaos kämpfen.

„Dieses Buch möchte ein neues Licht auf die Persönlichkeiten einiger afghanischer Frauen und ihrer Situationen werfen, vor allem aber möchte es die andere Seite des mitunter so einseitigen Opferbildes zeigen, das so oft in den Medien gezeichnet wird. Unglaubliche Widerstandskraft, große Leistungen und noch größere Träume sind die Kräfte, die bei jeder einzelnen dieser afghanischen Frauen durchscheinen. Sie alle sagen: Wir wollen Afghanistan nicht verlassen. Es ist unsere Heimat, und wir werden das Land gemeinsam gestärkt wieder aufbauen.“

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Buchrezension: Ware Frau. Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel

„Ware Frau. Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel“ ist die lang ersehnte deutsche Übersetzung von Ekmans bekanntem Buch „Being & Being Bought: Prostitution, Surrogacy & the Split Self“ (im schwedischen Original „Varat och varan: prostitution, surrogatmödraskap och den delade människan“).

Prostitution und Leihmutterschaft scheinen auf den ersten Blick zwei gänzlich unterschiedliche Themen zu sein. Doch Ekman analysiert präzise die beiden ausbeuterischen und menschenverachtenden Systeme und zeigt scharfsinnig die Parallelen auf. Beide Systeme funktionieren durch die Abspaltung des eigenen Selbst der Frauen. Dies ist einerseits ein Selbstschutz, um die Ausbeutung zu ertragen und spielt andererseits den Ausbeutern in die Hände, da dadurch das System aufrechterhalten bleibt.

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Wenn Männer mir die Welt erklären

Randomhouse

Rebecca Solnits wunderbares Buch „Men explaining things to me“ ist endlich in deutscher Übersetzung bei btb/Randomhouse unter dem Titel „Wenn Männer mir die Welt erklären“ erschienen. Es ist eine Sammlung analytischer Essays rund um die Themen Alltagssexismus und sexuelle Gewalt. Niemand erklärt „Mansplaining“ zu Deutsch „Herrklären“ besser als Rebecca Solnit, das spezifisch männliche Verhalten, Frauen Sachverhalte erklären zu wollen, von denen sie sich in besserer Kenntnis wähnen, nur weil sie Männer sind. Absurd bis unfreiwillig komisch sind Rebecca Solnits Ausführungen, ein aufrüttelndes Dokument über die Geschlechterverhältnisse unserer Zeit.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden oder nicht. Manche Männer jedenfalls. Jede Frau weiß, wovon ich spreche. Es ist jener Dünkel, der jeder Frau auf jedem Gebiet ab und an das Leben schwer macht; der verhindert, dass Frauen ihre Meinung äußern oder, falls sie es doch wagen, dass sie gehört werden; der junge Frauen brutal zum Schweigen bringt, indem er ihnen, ähnlich wie Belästigungen auf der Straße, vermittelt, dass diese Welt nicht ihre ist. Er schult uns Selbstzweifel und Selbstbeschränkung, während er zugleich das durch nichts gestützte überzogene Selbstvertrauen der Männer stärkt.“

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Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

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Simon Häggström: Shadow`s Law. The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution

von Manuela Schon

Simon Häggström ist seit mehr als 10 Jahren Polizeikommissar bei der Anti-Prostitutionseinheit in Stockholm. Er und seine KollegInnen sind verantwortlich für die Umsetzung des so genannten „Sexkaufverbots“ in der schwedischen Hauptstadt. Sprich: Sie überführen Freier und führen sie der für sie vorgesehen Bestrafung zu. Wie das genau abläuft, und dass diese Ermittlungsarbeit kein Hexenwerk ist, davon bekommt man in seinem Buch SHADOW`S LAW, welches nach schwedisch nun auch auf englisch veröffentlicht wurde, einen guten Eindruck.

Wenn über die schwedische Prostitutionsgesetzgebung gesprochen wird hören wir immer die gleichen Argumente und Mythen. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu mit vielen dieser Mythen aus Sicht der Polizei aufzuräumen. Dabei lässt sich der Autor sehr viel Raum für Selbstkritik und LeserInnen erfahren eine Menge darüber, welchen Lernprozess Institutionen durchlaufen müssen, die mit der Implementierung einer solchen Gesetzgebung beauftragt werden.

Wer von dem Buch eine rosarote Darstellung der schwedischen Gesetzgebung erwartet wird eines besseren belehrt, denn die Schwierigkeiten die richtigen Entscheidungen im Sinne der Betroffenen zu treffen werden an einigen Stellen deutlich und werden von Häggström auch ganz offen benannt. Vor allem das ambivalente Verhältnis der prostituierten Frauen gegenüber der Polizei wird mehrfach betont. Auch übt der Autor da wo es notwendig ist offen Kritik an den Institutionen und zeigt auf wo sie seiner Meinung nach in der Implementierung versagen.

Auf der anderen Seite bringt er jedoch auch viele Mut machende Beispiele, die zeigen, dass der Weg den Schweden eingeschlagen hat sehr viele Vorteile mit sich bringt und warum die Legalisierung und Liberalisierung der Prostitutionsmärkte wie in Deutschland, den Niederlanden oder Neuseeland ein Holzweg ist.

Jede/r, der/die in dem Feld der Prostitution beruflich oder ehrenamtlich tätig ist, findet sich in den Beschreibungen des Autors sehr gut wieder: Auf der einen Seite ist da das gute Gefühl einen wichtigen Beitrag zu leisten zur Veränderung der gesellschaftlichen Zustände – auf der anderen Seite kennen wir alle das Gefühl wie diese Arbeit das eigene Privatleben beeinflusst, sehr oft auch stark beeinträchtigt und welcher Kraftakt nötig ist um die notwendige Balance zu finden.

„Der Rucksack den ich mit mir herumtrage ist so voller Müll, dass ich manchmal nicht weiß was ich damit anstellen soll. Es gibt Grenzen dessen was ein Polizeibeamter ertragen kann. Am Ende sind wir Menschen – wie alle anderen auch. Was macht der Job mit mir? Wie beeinflusst er mein Leben? Macht er mich zu einer kaltherzigen, wahnhaften Person, die jeglichen Glauben in die Menschlichkeit verloren hat? Wie wäre mein Leben verlaufen wäre ich Ingenieur oder Computerexperte geworden? […] Aber da ist mehr als der Schmerz und das Elend. Sogar an meinen schlechten Tagen verliere ich nicht den Glauben an die Menschlichkeit oder das Gute. Dieser Beruf bietet mir eine Lebensperspektive und hat mir hoffentlich dazu verholfen zu einem besseren Menschen zu werden. Auch wenn ich noch weit von dem Menschen entfernt bin, der ich gerne wäre.“

Dieser Auszug macht deutlich,  dass es in dem Buch um deutlich mehr geht als eine objektive Darstellung der schwedischen Situation: Simon Häggström, der regelmäßig international auch auf Konferenzen und Veranstaltungen von seiner Arbeit berichtet, bezeichnet das Schreiben selbst als Möglichkeit zur Selbstreflektion und Therapie.

Mit großer Bedacht wurden die (mitunter sehr skurrilen) Geschichten aus dem Berufsalltag von Simon Häggström und seinen KollegInnen ausgesucht – sie machen immer wieder deutlich wie unmenschlich das Geschäft mit der kommerzialisierten Sexualität ist, und wie absurd es eigentlich ist für eine Gesellschaft solche Zustände zu romantisieren oder schönzureden.

Der Ansatz von SHADOW`S LAW ist mutig, ehrlich und selbstkritisch und genau dies macht es für mich zu einem wichtigen Beitrag in der Prostitutionsdebatte. Auch wenn mein fachlicher Zugang als (Radikal)Feministin zu der Thematik ein anderer ist, habe ich mich sehr gut selbst in diesem Buch wiederfinden können und auch nach einigen Jahren Anti-Prostitutionsaktivismus viel neues dazu gelernt.

Titel: SHADOW`S LAW. The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution

Verlag: Bullet Point Publishing

ISBN: 978-91-88153-20-3

Der Zuhälterstaat und die Sexindustrie – Kat Banyard: Pimp State

Buchcover "Pimp State" von Kate Banyard

Die Zahlen zur Sexindustrie sind erschreckend: 50 Prozent der Frauen landen bereits vor ihrem 18. Geburtstag in der Prostitution, über 50 Prozent werden von Freiern vergewaltigt und fast alle haben Missbrachserfahrungen und/oder sind drogenabhängig. Pornos werden immer gewalttätiger und extremer. Prostitution ist sexuelle Gewalt, Porno ist – und der Anteil steigt – zu großen Teilen gefilmte sexuelle Gewalt. Trotzdem wächst die Sexindustrie in jedem Jahr, verschleißt rücksichtslos tausende von jungen Frauen weltweit und erfreut sich einer zunehmenden „Akzeptanz“ in der Mitte der Gesellschaft. Wie ist das möglich? Genau dieser Frage geht die britische Feministin und Wissenschaftlerin Kat Banyard in ihrem Buch „Pimp State: Sex, Money and the Future of Equality“ nach, das bereits im Juni 2016 bei Faber & Faber erschien und leider bislang noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. Trotzdem gilt es bereits jetzt als Status Quo Grundlagenwerk für alle, die sich mit den Zusammenhängen der Sexindustrie beschäftigen.

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„Mütter unerwünscht“ Christina Mundlos

Mütter unerwünscht, Tectum Verlag

Mütter sind unerwünscht bei der Arbeit in Deutschland, genau das beweist Christina Mundlos in ihrem neuen Buch. Mobbing, Sexismus, und Diskriminierung am Arbeitsplatz gegenüber Müttern, und gegenüber Frauen, die noch jung genug sind um Kinder bekommen zu können, sind das alltägliche Geschäft in Deutschland.Die Strategien der Arbeitgeber, ob gezielt oder auf Vorurteilen basierend, sind vielfältig und nicht immer gleich erkennbar, aber sie alle haben das Ziel, Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen. Nicht Frauen sind verantwortlich für die sehr niedrige weibliche Erwerbstätigkeitsquote in Deutschland, sondern die Ursache sind Mobbing und Diskriminierung.

Wie auch in ihrem Buch “Trauma unter der Geburt“ und „Regretting Motherhood“ arbeitet Christina Mundlos mit Erfahrungsberichten von betroffenen Frauen. 25 Frauen unterschiedlicher Berufe und Hintergründe schildern eindringlich, was ihnen gemeinsam ist, nämlich der Versuch von Arbeitgebern sie aus dem Beruf zu drängen. Individuelle Erfahrungen bezüglich Mobbing und Diskriminierung im Kontext von Schwangerschaft und der Rolle als Mutter bei der Arbeit kann als purer Zufall oder persönliche Schwächen abgetan werden, aber die überwältigende Anzahl der Berichte mit genau diesen Erfahrungen kann nicht mehr abgetan werden. Das Private wird sozusagen zum Politischen, denn wenn es so viele Frauen betrifft, dann kann es sich nur um ein strukturelles, gesellschaftliches Problem handeln.

Christina Mundlos definiert sehr klar, was Diskriminierung ist, was Sexismus ist, und was es sich beim Mobbing handelt. Auch strukturelle Diskriminierung wird mit klaren Beispielen benannt, wie der „Gender Pay Gap“, die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen, familienunfreundliche Arbeitsstrukturen, und die Tatsache, das sich in Deutschland Teilzeittätigkeit und Führungsposition gegenseitig ausschließen.

Mütter und Schwangere sind aber zusätzlich noch spezieller Diskriminierung ausgesetzt, indem anstehende Karriereschritte nicht weiterlaufen, Gehaltserhöhung gestrichen werden, der Arbeitsplatz anders besetzt wird während der familienbedingten Auszeit, und auch nach der Rückkehr zur Arbeitsstelle Fortbildungsmaßnahmen nicht besucht werden dürfen, oder eine Tätigkeit die weniger Gehalt einbringt angeboten wird.

Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wird von Christina Mundlos als Grundlage genommen die rechtliche Situation für Frauen darzulegen und ihre Möglichkeit gegen die ungleiche Behandlung als Folge ihres Status als Mutter, oder potentielle Mutter, vorzugehen.

Die Berichte und Breite der Erfahrung mit Diskriminierung erschüttern. Ich selbst, und viele andere Frauen, haben selbst oft ähnliche Erfahrungen gemacht wie die im Buch berichteten, angefangen von Bewerbungsgesprächen, die sich auf die Betreuungssituation von Kindern konzentrieren, anstatt der Qualifikation der Bewerberin, oder Kommentaren bezüglich der zu großen Belastung für Mütter bei der Arbeit, negativen Beurteilungen bei Mitarbeitergesprächen oder problematische Rückkehrgespräche, oder negative Reaktionen auf die Schwangerschaft als solche, so dass sich Frauen hierfür auch noch schuldig fühlen.

Eine weitere Strategie von Arbeitgebern ist es, Mütter durch Schikanen und Mobbing so sehr psychisch zu belasten, dass sie freiwillig kündigen.

Christina Mundlos sieht die Ursache für diese Diskriminierung als vielfältig. Unter anderem ist es das traditionelle Mutter- und auch Vaterbild, aber ebenso stereotype Vorstellungen von Führungskräften, die Eigenschaften besitzen sollen, die traditionell Männern zugeschrieben werden.

Zusätzlich befördern und fördern Führungskräfte eher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die ihnen ähnlich sind. Die meisten Vorgesetzten sind männlich, so dass Mütter und Frauen natürlich benachteiligt sind.

Christina Mundlos thematisiert auch die Identifikation mit dem Arbeitgeber durch Mütter, die sich selbst als Kostenfaktor sehen, und zum Beispiel auch ihre eigene Arbeitsfähigkeit durch die Schwangerschaft als eingeschränkt betrachten, wie es auch in Mütterratgebern benannt wird.

Die Autorin beschränkt sich aber nicht nur auf das Aufzeigen dieser massiven Missstände in der deutschen Arbeitswelt, sondern benennt auch Maßnahmen zur Lösung, wie die Forderung nach drakonischen juristischen Strafen und Folgen, oder familienpolitische Veränderungen, wie die Abschaffung des Ehegatten-Splittings.

Vorlagen für ein „Gedächtnisprotokoll für Diskriminierungen“ und Musterschreiben „Beschwerde gegen Diskriminierung“ geben Unterstützung beim eigenen Handeln gegen Diskriminierung.

Das Buch „Mütter unerwünscht“ liefert die Möglichkeit, sich wieder bewusst zu machen, dass es auch eine politische Entscheidung ist, welche Rolle Frauen in der Arbeitswelt spielen oder nicht, und das Mütter sich nicht nur alleine entscheiden, sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, um dann im Gender Pension Gap 60 Prozent weniger Rente wie Männer zu erhalten.

Christina Mundlos ist Soziologin und arbeitete bis 2014 als Gleichstellungsbeauftragte in Langenhagen. Seit 2014 ist sie als freiberufliche Autorin tätig. Sie ist selbst auch Mutter und schildert Diskriminierung in einem Bewerbungsverfahren und ihrer Zwischenprüfung. Auch ihr wurde geraten….“mich jetzt lieber erstmal auf das zu konzentrieren, was vor mir liegt, nämlich das Kind….“ Sie hat sich aber nicht zurückgezogen, sondern findet mit ihren Beiträgen zu Gender- und Gleichstellungsfragen viel Aufmerksamkeit.

Christina Mundlos

Mütter unerwünscht – Mobbing, Sexismus und Diskriminierung am

Arbeitsplatz.

Ein Report und Ratgeber. Mit einem Geleitwort von Rita Süssmuth

ISBN 978-3-8288-3842-0

168 Seiten, Klappenbroschure

Tectum Verlag 2017

 

 

 

 

Filmtipp: Where to, Miss?

Screenshot: http://wheretomiss.de/

Die junge Inderin Devki lebt in Delhi und möchte Taxifahrerin werden – ein unerreichbarer Traum in einer Stadt, einem Land, das den Männern gehört. Nachts allein auf der Straße zu sein, bedeutet, sich in die Gefahr zu bringen, vergewaltigt und ermordet zu werden. In Indien unterstehen Frauen noch immer entweder ihrem Vater oder ihrem Ehemann. Devki will da nicht mitmachen. Sie bewirbt sich bei „Woman on Wheels“, wo Frauen zu Taxifahrerinnen ausgebildet werden und später Frauen sicher nach Hause bringen. Ihre Familie ist dagegen.
Die deutsche Regisseurin Manuela Bastian zeigt eindrücklich, mit welchen Widerständen und Konflikten Frauen in Indien noch immer zu kämpfen haben, wenn sie aus der traditionellen Rollenverteilung ausbrechen möchten und welchen Mut es braucht, um gegen die eigenen Eltern, die eigene Erziehung anzukämpfen, um ein Ziel zu erreichen.

„Where to, Miss?“ – „Wohin soll es gehen, Miss?“ – ist ein starker Film, mit intensiven Bildern und tollen Darstellerinnen. Es geht um die individuelle Freiheit in einer Gesellschaft, in der die Einzelne nichts zählt. Ein Film, der Mut macht und Hoffnung gibt, die eigenen Träume nicht aufzugeben, ganz gleich, wie groß die Widerstände sind. Seit 19. Januar ist der Dokumentarfilm, der den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule und viele weitere Preise gewann, auch in deutschen Kinos zu sehen.

Weitere Infos zum Film gibt es hier.

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Bücher zum Thema Borderline Persönlichkeitsstörung bei Müttern

Mutter mit Kinderwagen auf einer Bank

Angela Schlafmütze (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Juliane Beer

Innerhalb der letzten Jahre ist einiges rund um das gesellschaftliche Konstrukt Mutterschaft publiziert worden, beispielsweise zum Thema Bedauern der Mutterschaft, gewollte Kinderlosigkeit, Mutter-Tochter-Verhältnis usw.

Ein Thema kommt jedoch nach wie vor zu kurz, sowohl im Mainstream als auch in der feministischen Diskussion: psychisch kranke Mütter, die schwere Gewalt gegen ihre Kinder ausüben.

Woran liegt das?

Nach wie vor ist das Mutterbild unserer Gesellschaft vom Patriarchat konzipiert. Die ideale, die heilige Mutter ist die Frau, die Mutterschaft anstrebt und in der Pflege, Sorge und Erziehung ihrer Kinder aufgeht und diese liebt.

Die Erwartungen sind hoch. Berufstätigkeit oder Verzicht auf Mutterschaft muss vom Patriarchat zugestanden oder zumindest als Möglichkeit erwogen werden, sonst taucht eine Diskussion darüber erst gar nicht in den sogenannten meinungsbildenden Medien auf, bzw. wird, wie letztes Jahr geschehen beim Thema regretting motherhood (ausgelöst wurde die Diskussion durch die 2015 veröffentlichten Studie der israelischen Soziologin Orna Donath über Frauen, die es bereuen, Mutter geworden zu sei) als ´Rumgeheule narzisstischer Frauen, die sich beim Ichsein gestört fühlen ´ abgebügelt. Weiterlesen