Kategorie: Gastbeitrag

Weiße Menschen, die „Weißen Feminismus“ kritisieren, halten weißes Privileg aufrecht

Feminist Button

Dieser Text von Claire Heuchan erschien am 10. August 2015 auf ihrem Blog Sister Outrider. Wir bedanken uns bei Claire für die Erlaubnis, eine Übersetzung anzufertigen und sie hier zu veröffentlichen.

Wenn du online in feministische Diskurse eingebunden bist, ist es wahrscheinlich, dass dir ein bestimmter Begriff aufgefallen ist, der immer geläufiger wird: Weißer Feminismus. Manchmal wird sogar ein Trademark-Logo zur Unterstreichung hinzugefügt. Der Begriff „weißer Feminismus“ wurde zur Chiffre für ein bestimmtes Versagen innerhalb der feministischen Bewegung; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die es versäumen, ihren marginalisierteren Schwestern zuzuhören; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die über diese Schwestern hinwegsprechen; von Frauen mit einem gewissen Grad an Privilegien, die die Bewegung auf die Themen ausrichten, die innerhalb ihres eigenen Erfahrungsspektrums liegen. Ursprünglich wurde der Begriff Weißer Feminismus von Women of Colour benutzt, um Rassismus innerhalb der feministischen Bewegung zu thematisieren – eine notwendige und berechtigte Kritik.

Auch wenn weiße Frauen durch die auf Misogynie (Frauenverachtung) aufgebauten bestehenden sozialen Ordnung auf persönlicher und politischer Ebene benachteiligt sind, sind sie auch Nutznießerinnen von institutionellem Rassismus – ob sie das wollen oder nicht. Sogar Frauen mit dezidiert anti-rassistischen Grundsätzen können nicht einfach aus den Vorteilen eines weißen Privilegs aussteigen, angefangen von der größeren (wenn auch immer noch zu geringen) Medienpräsenz weißer Frauen, über eine größere Lohnlücke für Women of Colour bis zu der deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit von Polizeigewalt, die die Lebenswirklichkeit Schwarzer Frauen bestimmt. So funktioniert weißes Privileg. Wir leben in einer Kultur, die durch Rassismus geprägt ist und in der ein großer Teil des Reichtums unseres Landes aus dem Sklavenhandel stammt. So wie Misogynie braucht es viel Zeit und Bewusstsein, sich Rassismus abzutraineren. Es ist ein Lernprozess, der für uns niemals wirklich abgeschlossen ist. Women of Colour, die Rassismus innerhalb der feministischen Community anfechten, geben uns allen die Möglichkeit, uns bewusst von Verhaltensweisen zu lösen, die innerhalb des weißen rassistischen Patriarchats belohnt werden.

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Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist

Pixabay CCO Public Doman

Ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Die Debatte um Sexualassistenz hat mich richtig derbe aufgewühlt. Ich hab mehrere Nächte gebraucht um auseinanderzuklamüsern, was genau mich so fertig macht daran. Was mich daran hindert, einfach einen neuen bösen Text zu schreiben.

Ich bin nicht nur Exprostituierte, ich habe nicht nur Erfahrungen in der Prostitution. Ich hab auch mal für ein paar Wochen im Behindertenheim gearbeitet. Und während der Debatte sind mir so viele Bilder von damals wieder aufgetaucht. Wir hatten einen 50igjährigen auf der Station, der hatte seit einem Hirnschlag keinerlei Kontrolle mehr über sein Sprachvermögen (unter anderem). Und das bei vollem Bewusstsein. Greifen ging nicht mehr, essen ging nicht mehr, sprechen ging nicht mehr. Zu dieser Zeit hatte ich einen Flirt mit einem Pfleger auf der Station. Niemand hat das mitbekommen, nur der Patient hat immer gegrinst, wenn er uns beide sah, hat zwischen uns hin- und hergeschaut und die Augenbrauen neckisch hochgezogen. Wir haben uns angelacht und fortan wussten also 3 Menschen von diesem Geheimnis. Aber ich habe mich auch unglaublich geschämt, dass ich einfach so rumlaufen und mich verlieben und das auch ausleben darf, während andere das nicht mehr können. Dann war da noch eine Patientin mit Trisomie 21, die mich dauernd umarmt hat. Ich kannte das nicht von Zuhause, liebevoll angefasst zu werden, und hab gleich erstmal losgeheult. Und jeden Tag hat sie mich auf ihre Hochzeit eingeladen. Sie hat sogar schon Bilder gemalt, von sich und ihrem Kleid und den Luftballons und den Gästen. Wenn man auf die leere Stelle neben der Braut getippt und gefragt hat: „Wo ist denn dein Bräutigam? Wen willst du denn heiraten?“ meinte sie immer leichthin: „Och, das weiß ich noch nicht. Aber bis morgen ist doch auch noch Zeit!“

Heute Morgen hab ich dann endlich klargekriegt, was mich an der Debatte so fertig macht.

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Born naked, the rest is drag!

Carla Edit by Tori Barratt Crane (CC BY-NC-ND 2.0)

Carly Edit by Tori Barratt Crane via Flickr (modifiziert), [CC BY-NC-ND 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Beitrag von Doktor Mihi

Textil-Unternehmen haben Angst davor, den Menschen freie Wahl zu lassen. Vom Betreten des Ladens bis zum Produkt werden Kund*innen wie an einem Nasenring in eine bestimmte Richtung geführt.

Pfeile mit “Männerabteilung” und “Frauenabteilung” pflastern wie Mahnschilder den Weg. Jedes Produkt ist nochmals separat markiert – mit Fotos von Männern und Frauen, mit expliziter Beschriftung. Schwierig zu dekodieren sind Abbildungen von räkelnden, abgefuckten, nackten Frauen: die können bedeuten, dass das Produkt für Frauen produziert wurde, oder eben für Männer, um diese dann zu den geilsten Stechern auf dem Planeten zu machen.

Natürlich wird auch erwartet, dass schon der Farbencode deutliche Hinweise oder sogar Warnungen liefert: schwarze Parfüms in der Männerabteilung, rosa-seichte Farben bei den Düften in der Frauenecke. Mahnende Blicke, verbale Korrekturversuche („Das ist eigentlich eine Männerhose!“), „Produced for men“, „for him“, „for her“, „Mr Dior“, „Mrs Dior“, “Echte Männer“, „Playboy“, „Die Frau von heute“ – Warnung, Warnung, Warnung! Betreten verboten!

„Stellen Sie das Produkt wieder an den Platz zurück, ihre Körpermerkmale unterscheiden sich von den notwendigen! Sie bewegen sich außerhalb der vorgegebenen Ordnung!“

Der Reiz des Verbotenen: Was wird wohl passieren, wenn ich mir ein Spritzerchen Armani Code Men auf mein Handgelenk träufle? Ich tue es. Und warte. Mehrere Minuten. Nichts passiert. Gut, vielleicht hatte ich Glück. Ich schnappe mir Bvlgari Men und drücke auf den Knopf. Nichts passiert. Riecht gut. Nun in die Kleiderabteilung. Eine Hose, „für Männer“, ich nehme sie mit in die Umkleidekabine. Was wird mir meinem Körper und Geist, mit meiner Umgebung und der ganzen Welt passieren, wenn ich mir diese Hose überziehe? Nichts. Mein Handy klingelt und ich erschrecke.

Falls die Produkte tatsächlich nur bestimmte Geschlechter ansprechen – könnte man dann nicht auf das penetrante Labeln und sozialisierte Farbcodieren verzichten?

Würden dann nicht als-Frau-identifizierende Menschen automatisch nach dem Erdbeer-Kotze-Sunshine-Parfüm greifen und nicht nach Moschus? Ach klar, mein Fehler, da kommt ja das heteronormative, binäre Korsett ins Spiel: Frauen dürfen herbe Düfte mögen, aber eben am Mann; für Männer sind Pastelltöne auch außerhalb des Golfclubs adäquat, aber nur auf Kleidungsstücken der Frau.

Für Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen wird es schwierig. Wobei, so schwierig auch wieder nicht. Schließlich gibt es ja auch hier einen „Mann“ und eine „Frau“ – abhängig von Haarlänge, Kleidungsstil oder der Bier-vs.-Weinschorle-Entscheidung. Easy.

Etwas zu beschriften, dass mensch als natürliche Ordnung verkaufen will, ist paradox. Als würde ich meine Hände mit „Hände“ beschriften, damit ich sie ja nicht aus Versehen „Füße“ nenne. Dabei müsste man doch bei den Bezeichnungen anfangen: Wenn man sich so vehement an eine Bezeichnung erinnern muss, damit bloß nicht die falsche verwendet wird, vielleicht ist diese Bezeichnung einfach nicht beschreibend. Der Diskurs sollte den Dingen einen Namen und damit eine Bedeutung zuweisen, nicht umgekehrt.

Hinzu kommt, dass die sozialen Geschlechternormen sehr kurzlebig sind. Trugen damals noch Männer High Heels und schminkten sich, ist dies heutzutage ein Tabubruch.
2015 wurde es dann plötzlich wieder trendy sich als Mann zu schminken: „Echte Kerle tragen Make-up!“

Diese Variabilität der Normen – getarnt als „Trends“ – zeigt die Willkür sozialer Vorgaben und der angeblich geschlechtertypischen Vorlieben. Ganz zu schweigen von der Lächerlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit.

Zahlreiche Menschen beugen sich den Geschlechtertrends, schließlich resultiert aus der maximalen Anpassung an an etablierte Standards häufig die Zuschreibung (sexueller) Attraktivität. So lautet zumindest die soziobiologische Grundannahme zur Erklärung des Sozialverhaltens. Heute dies, morgen das, übermorgen unisex. Alle Gegenstände sind aus geschlechtsneutralen Rohstoffen hergestellt. Erst durch uns erhalten sie ihr Label.

Sei kein Fähnchen im Wind, trag was dir gefällt! Kleidung, Düfte, Make-up, Frisuren – alles Drag!