Kategorie: Sexuelle Gewalt

Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist

Pixabay CCO Public Doman

Ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Die Debatte um Sexualassistenz hat mich richtig derbe aufgewühlt. Ich hab mehrere Nächte gebraucht um auseinanderzuklamüsern, was genau mich so fertig macht daran. Was mich daran hindert, einfach einen neuen bösen Text zu schreiben.

Ich bin nicht nur Exprostituierte, ich habe nicht nur Erfahrungen in der Prostitution. Ich hab auch mal für ein paar Wochen im Behindertenheim gearbeitet. Und während der Debatte sind mir so viele Bilder von damals wieder aufgetaucht. Wir hatten einen 50igjährigen auf der Station, der hatte seit einem Hirnschlag keinerlei Kontrolle mehr über sein Sprachvermögen (unter anderem). Und das bei vollem Bewusstsein. Greifen ging nicht mehr, essen ging nicht mehr, sprechen ging nicht mehr. Zu dieser Zeit hatte ich einen Flirt mit einem Pfleger auf der Station. Niemand hat das mitbekommen, nur der Patient hat immer gegrinst, wenn er uns beide sah, hat zwischen uns hin- und hergeschaut und die Augenbrauen neckisch hochgezogen. Wir haben uns angelacht und fortan wussten also 3 Menschen von diesem Geheimnis. Aber ich habe mich auch unglaublich geschämt, dass ich einfach so rumlaufen und mich verlieben und das auch ausleben darf, während andere das nicht mehr können. Dann war da noch eine Patientin mit Trisomie 21, die mich dauernd umarmt hat. Ich kannte das nicht von Zuhause, liebevoll angefasst zu werden, und hab gleich erstmal losgeheult. Und jeden Tag hat sie mich auf ihre Hochzeit eingeladen. Sie hat sogar schon Bilder gemalt, von sich und ihrem Kleid und den Luftballons und den Gästen. Wenn man auf die leere Stelle neben der Braut getippt und gefragt hat: „Wo ist denn dein Bräutigam? Wen willst du denn heiraten?“ meinte sie immer leichthin: „Och, das weiß ich noch nicht. Aber bis morgen ist doch auch noch Zeit!“

Heute Morgen hab ich dann endlich klargekriegt, was mich an der Debatte so fertig macht.

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Fragwürdiges Philosophieren über sexuelle Gewalt

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Luise

Eigentlich kann mensch es begrüßen, wenn sich linke Medien des Themas sexualisierter  Gewalt annehmen. Doch bedauerlich war, wie das Thema im Magazin „Streifzüge“ vom Frühling 2015 besprochen wurde. Karin Wachter vom Verein Frauen gegen Vergewaltigung in Wien schrieb hier mit dem Titel „Sexualisierte Gewalt. Aspekte eines gesellschaftlichen Problems“– ehrgeizig und nutzlos.
Ihre Literaturliste bietet im Grunde das Interessanteste im zweiseitigen Artikel. In ihrem Text verzichtet sie aber auf jegliches konkretisierende Zitat aus dieser Literatur, was ihre Besprechung undeutlich macht. Sie surft in Begrifflichkeiten und philosophiert zum Thema – ohne jede konkrete Bezugnahme auf gesellschaftliche Fakten oder Theorien aus der Literatur. Um es gleich zu sagen, der stärkste Eindruck, der sich aus ihrem Artikel ergibt, ist der Ehrgeiz der Autorin: Auf zwei Seiten mit „Klischees“, „Binsenweisheiten“ und „Tabus“ aufzuräumen als wollte sie sich profilieren. Sie relativiert Opfer-und Täterrolle und bedient die heute in vielen bürgerlichen Medien wiederaufgelegte These, dass „der Feminismus“ „seit nunmehr vier Jahrzehnten“ die Frau zum Opfer erkläre und die männliche Norm in der Gesellschaft anprangere- unvernünftigerweise, wie Wachter befindet.  Sie gründet hier wohl – wie gesagt, ich kann ohne konkretes Zitat nur raten- auf den Thesen der weiblichen „Mittäterschaft“ von Christina Thürmer-Rohr (diese schrieb vor 20 Jahren zum Thema und ich würde ihre Sicht nicht so fraglos als heute aktuell voraussetzen).

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Das hässliche Gesicht der Vergewaltigungskultur

"End Rape Culture"

Chase Carter via Flickr, [CC BY-ND 2.0]

Der Begriff „Kultur“ beschreibt unserem Verständnis nach immer eine bestimmte Entwicklung, eine Errungenschaft, Zivilisation. Man denkt vielleicht an Theater, Oper, vielleicht auch nur an bestimmte Verhaltensformen. Im Zusammenhang mit dem Wort „Vergewaltigung“ verliert Kultur jedoch ihre positive Bedeutung und weist auf einen negativen Kontext hin: Eine Gesellschaft, in der Vergewaltigung allgegenwärtig ist. Viele werden jetzt empört protestieren, schließlich ist Vergewaltigung eine Straftat, zumindest ist sie das auf dem Papier. Doch mit Kultur ist die gesellschaftliche Einstellung zu Vergewaltigung gemeint. Der Begriff „Vergewaltigungskultur“ stammt ursprünglich aus dem Englischen “Rape Culture“ und er beschreibt mehr als die bloße Straftat. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der es allgemeiner Konsens ist, die Schuld an einer Vergewaltigung lieber den Opfern zu geben als den Tätern, in der Täter selten angezeigt und noch seltener bestraft werden, in der sich Musiker und Künstler mit Vergewaltigungsgesten brüsten, in der “fight-fucking“ eine romantisch verklärte Art und Weise ist, eine Frau zu vergewaltigen und ihre Gegenwehr nur Teil des Verführungsspiel ist und in der in vielen Köpfen die Annahme geistert, dass ein „Nein“ eigentlich ein „Ja“ ist (und „Ja“ für „Analverkehr“ steht, wie es bei amerikanischen Studentenverbindungen heißt)

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Sicherungsverwahrung, Maßregelvollzug, Opferschutz und die LINKE. Hessen

Gefängnis in Kassel, Deutschland

x1klima via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Am Freitag den 13.03.2015 fand vor dem Landtag in Wiesbaden eine Kundgebung in Wiesbaden statt, angesichts eines neuen Gesetzes zum Maßregelvollzug. Die Behandlung psychisch kranker Straftäter (endlich einmal richtig nicht gegendert!) verstößt gegen die Verfassung.

Aber was ist der Maßregelvollzug überhaupt? Der Maßregelvollzug betrifft Menschen, die im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit eine Straftat begangen haben. Ein Gericht kann hier die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik anordnen wenn vom Kranken erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind, oder er für die Allgemeinheit als gefährlich angesehen wird. In Hessen sind zur Zeit 700 psychisch kranke Täter im Maßregelvollzug.

Es geht mir insgesamt bei dem Thema von Sicherungsverwahrung und Maßregelvollzug nicht unbedingt um die Besonderheiten der Rechtssprechung in diesem Bereich, sondern um die völlige Ignoranz gegenüber Opfern von Straftaten. Aus irgendwelchen Gründen gibt es diese nämlich nicht. Es gibt nur arme „Opfer“, nämlich die Täter (in der Regel männlich), die ungerecht behandelt werden.

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Unter „Kinderfreunden“: Edathy und der Kinderschutzbund

Quelle: Facebook

Paukenschlag im Fall Edathy! Es kommt nun so, wie es sich schon in den letzten Tagen und Wochen angedeutet hat: Edathy hat ein Geständnis abgelegt, nun wird gegen Zahlung einer Geldauflage von € 5000,- (nein da wurden leider keine Nullen vergessen) das Verfahren eingestellt. Edathys Vorstrafenregister bleibt damit blütenweiß und rein.

Die Tatsache, dass er für den Konsum von so genannten „kinderpornographischen Schriften“ (passender: Kinderfolterdokumentationen1 oder visuelle Darstellungen sexueller Gewalt) mit € 5000,- (in Worten: FÜNFTAUSEND) viel zu „billig“ davon kommt, gemessen an den gravierenden Schädigungen, mit denen die Opfer seiner Taten bis an ihr Lebensende leben müssen, ist schlimm genug.

Die Vorwürfe treffen zu

erklärte Verteidiger Christian Noll im Namen Edathys.

Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich einen Fehler gemacht habe

hieß es in der Erklärung weiter. Er bereue, was er getan habe. Mehr braucht es offenbar nicht.

Einsicht? Tatsächliche Reue? Sieht irgendwie anders aus als das hier:

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Ich begrüße die Einstellung des Verfahrens durch das Landgericht Verden. Eine Fortsetzung wäre unverhältnismäßig gewesen. – Ich weise darauf hin, dass ein „Geständnis“ ausweislich meiner heutigen Erklärung nicht vorliegt. Die Staatsanwaltschaft war mit dem Wortlaut der Erklärung einverstanden. Eine Schuldfeststellung ist damit ausdrücklich nicht getroffen worden.

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Die verratenen Kinder: Deutschland kapituliert vor Kinderpornografie

Children

astrid westvang via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

In ihrer heutigen Ausgabe berichtet die FAZ, dass die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland vor der Flut von Kinderpornografie kapitulieren. Im Gegenteil zur weit verbreiteten Ansicht, die meisten Kinderpornos stammten aus den 80ern, hat die Masse der kinderpornografischen Inhalte in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen – was zum einen mit der Entwicklung des Internets, zum anderen aber auch mit den Speichermedien zu tun hat. Der Begriff „Kinderpornografie“ stellt übrigens bereits eine Verharmlosung dar, denn er suggeriert, dass die Kinder ja auch freiwillig an der Entstehung mitwirken könnten. Jedes Bild, jedes Video zeigt sexuelle Gewalt an Kindern, die für den Rest ihres Lebens psychisch und physisch gezeichnet sind. Die Täter jedoch kommen in Deutschland fast immer ungeschoren davon. Das aber ist für die Strafverfolgungsbehörden kein Grund, die Anstrengungen zu erhöhen. Kinderpornografie sei ein Kontrolldelikt, je mehr man kontrolliere, auf umso mehr Straftaten stoße man. Mehr Personal würde nur noch mehr Arbeit produzieren. Tatsächlich durchkämmen die Ermittler zwar Tag und Nacht das Netz – und dabei besonders das Darknet, doch Zeit, die gefundenen Daten auszuwerten, haben sie nicht. Selbst wenn sie einen Täter ausfindig machen können, bleiben ihnen nur sechs Monate, um nachzuweisen, dass er im Besitz kinderpornografischen Materials ist, ansonsten müssen Rechner und Speichermedien zurückgegeben werden, zu einem Verfahren kommt es nicht. Der Staat sieht also lieber weg, um Kosten und Mühen zu scheuen und liefert hunderttausende von Kindern den Gewalttätern aus. Das öffentliche Eingeständnis, der Flut nicht mehr Herr zu werden, ist eine skandalöse Kapitulation des Rechtsstaats, die in anderen Zusammenhängen nicht denkbar wäre – immerhin ist Steuerhinterziehung auch ein „Kontrolldelikt“.

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Der Fall Edathy: Über Täter-Opfer-Umkehr und die gesellschaftliche Bagatellisierung von sexueller Gewalt gegen Kinder

Children

astrid westvang via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Ein Beitrag von Hanna Dahlberg, Anna Hoheide, Judith März und Ariane Panther

Heute wurde mitgeteilt, dass S. Edathy seine Mitgliedschaft in der SPD nicht verliert, sondern das die Mitgliedschaft drei Jahre ruhen würde. Was wir von Edathy und den gesellschaftlichen Zusammenhängen halten, haben wir unter anderem letzten Dezember deutlich gemacht. Er ist unverändert ein bisschen Mitglied in der SPD. Auch andere Parteien sehen sich nicht in der Lage, eine klare Haltung gegenüber Pädokriminellen oder anderen sexuellen Gewalttätern in ihren Reihen zu vertreten. Kein Wunder, dass sich nichts an der gesellschaftlichen Haltung bezüglich sexueller Gewalt ändern kann.

Am Donnerstag, den 18.12.2014 gab Sebastian Edathy eine Pressekonferenz. Gegen den 45-Jährigen Edathy läuft in Niedersachsen ein Strafverfahren wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials. Ein Ausschuss will jetzt klären, wer genau und wann von den Ermittlungen gegen den Innenpolitiker wusste. Geklärt werden soll auch, ob Edathy gewarnt wurde. Eine besondere Rolle spielen der heutige SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann und der Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann.

Es ist sicherlich wichtig, wer Edathy warnte, denn es sagt etwas über den Stellenwert von Kindern und sexueller Gewalt in unserer Gesellschaft und Komplizenschaft bei deren Bagatellisierung aus. Allerdings wird diese Frage im Moment von Edathy genutzt, um sich auf einer medialen Bühne zu präsentieren und die Medien spielen mit, um die eigentlichen Taten in den Hintergrund zu drängen und somit zu verharmlosen.

Im Focus wird von der „Kinderporno Affäre“ gesprochen. Alleine diese Überschrift beinhaltet eine widerwärtige sprachliche Distanzierung und eine weitere Objektifizierung von Kindern zum Zwecke sexueller Ausbeutung. Es ist keine „Kinderporno-Affäre“, sondern es geht in dieser Sache um wirkliche Kinder, die als Masturbationsvorlage für Männer dienen und dienten. Es sind keine Filme irgendwo, die nichts mit der Realität zu tun haben, sondern Kinder mit realen Gefühlen, die für immer im Netz der sexuellen Ausbeutung von Männern dienen. Wie muss ein Mensch sich fühlen, wenn er oder sie weiß, dass der eigenen Körper immer und immer wieder als Wichsvorlage dient und man niemals etwas daran ändern kann? Adrian P., ein Betroffener dazu:

Die Bilder von mir sind schrecklich. Ich werde sie nicht wieder los.

Edathy selbst spricht von „Bestellungen“, als er über die Kinder spricht, zu denen er masturbiert hat:

Ich glaube schon, dass die Mehrheit der öffentlichen, kritischen Stimmen zu den Bestellungen – wenn ich ganz ehrlich bin – richtig liegt.

Edathy übernimmt, in der Schlussfolgerung, keinerlei Verantwortung für sein Verhalten.
Ein Reporter fragte: „Sind Sie pädophil, Herr Edathy?“ – Edathy antwortet:

Sind Sie homosexuell oder heterosexuell? Vielleicht sind Sie pädophil … wissen Sie, das geht Sie einfach nichts an.

Diese Antwort ist sehr geschickt, denn er bringt „Pädophilie“ auf eine Ebene mit Homosexualität und Heterosexualität. Diese Aussage ist symptomatisch für die Haltung Edathys, die in das Horn von Organisationen Pädokrimineller, wie zum Beispiel die Krumme 13 und weiterer, tutet. Diese versuchen seit Jahrzehnten das sexuelle Interesse an Kindern als normale Sexualität zu verkaufen, die ausgelebt werden sollte. Denn diese ist nach deren Definition normal und die Folgen solcher ihrer Ansicht nach „normalen Sexualität“, gemeint ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern, wird von ihnen konsequent verharmlost und negiert. Letztendlich ist es tatsächlich egal, ob Edathys Verhalten der Definition von „Pädophilie“ entspricht oder nicht. Aus welchen genauen Gründen Kinder Gewalt erlitten haben oder nicht, ist unerheblich. Die Konsequenzen sind von jenen zu tragen, die die sexuelle Gewalt ausgeübt haben und von denen, die von ihr (nachträglich) profitieren. Der Tätertypus eines Herrn Edathy ist in der Tat irrelevant.

Diese Rechtfertigung solcher Taten ist gesellschaftlich weit verbreitet, die Gründe dafür werden hier angeschnitten, denn sie haben ganz reale Auswirkungen auf den Fall Edathy und seine mediale Rezeption:

Der Begriff „Pädophilie“ stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus παῖς = „Knabe, Kind“ und φιλία = „Freundschaft“ zusammen. Er möchte uns suggerieren, dass Männer mit sexuellem Interesse an Kindern und solche, die Kinder sexuell ausbeuten, eigentlich auf Basis einer echten, wahrhaftigen freundschaftlichen Zuneigung heraus handeln. Auch in diesem Fall verformt Sprache eine doch sehr grausame Realität. Das Motiv einer freundschaftlichen Zuneigung kann ohnehin angezweifelt werden und zieht man es doch als valide in Erwägung, dürfte es sich selbst spätestens dann erledigt haben, wenn Machtverhältnisse ausgenutzt und Grenzen überschritten werden, in dem sexuelle Gewalt gegen Kinder angewendet wird.

„Pädophilie“ ist als „Krankheit“ in den ICD-10 und DSM eingezogen und vor allem ist sie als „Krankheit“ in die Köpfe der Gesellschaft eingezogen. Das hat viel Mitleid für „betroffene“ Männer zur Folge. Es hat auch dazu geführt, dass Menschen dem Druck unterworfen sind, stets Verständnis – für die Täter versteht sich, nicht für die Opfer – zu haben und den Blick „auf beide Seiten“ zu richten, wenn es zu sexueller Gewalt von Männern an Kindern gekommen ist. „Einsichtige“ Männer, die „therapiebereit“ sind, werden bejubelt und es gehört dazu, dass Menschen, die sich dagegen – gegen das Bejubeln – entscheiden, als herz- und charakterlos, nicht einfühlsam zu bezeichnen. Es ist ohnehin zu diskutieren, inwieweit „Pädophilie“ in ihrer Anerkennung als Krankheit ein Konstrukt darstellt; wenn wir diese Überlegung weglassen, können wir uns aber mindestens fragen, wer eigentlich schon einmal wann ein Opfer von sexueller Gewalt dafür bejubelt hat, wenn sie oder er sich in Therapie begeben hat (sofern es überhaupt einen Therapieplatz gibt, die völlig unzureichende psycho-traumatologische Versorgung von Gewaltopfern ist einen eigenen Artikel wert).

Bereuen Sie eigentlich irgendetwas?

fragt ein Reporter. Edathy antwortet umständlich. Seiner Meinung nach sei die Erwartung falsch, Menschen in öffentlichen Ämtern müssten fehlerfrei sein. Er sieht sich als Opfer des Rechtsstaats.

Die Kinder sind auch Opfer.

sagt der Reporter. Kann sich Edathy sicher sein, dass die Kinder ohne Zwang gehandelt haben? Edathy bezieht sich wieder auf das BKA:

Ich habe einen hohen Preis bezahlt, für das, was ich gemacht habe. Ich werde versuchen, mir eine neue Existenz aufbauen. Vielleicht wird es mir möglich sein, irgendwann ohne Angst in Deutschland leben zu können.

Der Makel, einmal mit Kinder- oder Jugend in Kontakt gekommen zu sein, würde ewig an einem haften – auch, wenn sich derartige Vorwürfe als falsch erweisen würden. Die kanadische Firma, bei der er die entsprechenden Filme bezogen habe, sei über Jahre juristisch ohne Beanstandung geprüft worden. Edathy betont immer wieder, dass die Filme „legal“ seien, nur einmal, in einem Nebensatz, sagt er, dass es

[…] moralisch nicht ok war.

Immer wieder wird auch die Frage gestellt, ob die Nacktfotos legal waren. Die Überschrift im Fokus ist: “Harmlose Nacktfotos oder kriminelle Kinderpornos?“. Edathy selbst sagt:

Ich habe nicht konspirativ gehandelt. Ich war felsenfest der Überzeugung, dass die Bilder nicht strafrechtlich relevant sind.

Edathy sagt auch:

Wir sprechen hier nicht von einem Kapitalverbrechen.

Er sagt auch es sei okay, solche Bilder oder Filme zu konsumieren, bei deren Erstellung „nicht erkennbar Zwang angewendet wurde.“ Im Stern steht. „Es war falsch, die Filme zu bestellen. Aber es war legal“. Wo bleibt die Verantwortung eines zum Tatzeitpunkt Bundestagsabgeordneten für die Gesellschaft, wenn dieser alles als „okay“ und „legal“ ansieht, bei dem er als Konsument nicht erkennen kann, ob Gewalt im Hintergrund steht oder nicht? Darf er die Verantwortung dafür auf andere abwälzen? Oder wäre nicht eine Übernahme von Verantwortung angemessen im Sinne von: „Solange ich Gewaltanwendung nicht 100% ausschließen kann, bin ich moralisch und rechtlich dazu verpflichtet, die Finger davon zu lassen?“. Wenn jeder so handeln würde, gäbe es auch keinen Markt für Prostitution oder Pornographie mit erwachsenen „ProtagonistInnen“, denn es ist schlicht unmöglich, Gewalt auszuschließen. Davon einmal abgesehen: Warum wird sich hier auf eine vermeintliche Absolution berufen, die auf der ebenfalls vermeintlichen Versicherung gründet, dass keine Gewalt angewendet wurde, wenn diese „nicht sichtbar“ ist oder war. Was meint Edathy eigentlich, wenn er von Gewalt spricht? Muss Gewalt „sichtbar“ sein? Ist sie das zwangsläufig? Das ist sie nicht. Es spricht für Edathys Haltung und die der Gesellschaft, dass es offensichtlich einen „unter normalen Umständen“ und „gewaltfreien“ Kontext geben darf, einen moralisch-ethisch wie justiziell vertretbaren, in dem solche Fotos produziert, verbreitet und kommerzialisiert werden. Ergo: In Bezug auf Minderjährige sollte sich die Frage nach Zwang oder nicht Zwang gar nicht erst stellen.

Die vielfältigen Versuche der Sexindustrie-Lobby, auch Kinder zu „selbstbestimmt handelnden Akteuren“ zu machen und die Bestrebung „Kinderprostitution“ und „-pornographie“ (über diese Begrifflichkeiten lässt sich wahrlich streiten) zu legalisieren, weisen jedoch einen anderen Weg.

Eine weitere Frage sollte sein, welchen Unterschied es wirklich macht, ob ein Politiker zu „legalen“ oder illegalen Nacktfotos masturbierte. Weist die ganze Angelegenheit nicht darauf hin, dass die Rechtsprechung erhebliche Lücken aufweist und als Resultat der gesetzliche Rahmen für Nacktfotos von Kindern dringend evaluiert und strikter werden sollte? Aus welchem Grund benötigt Mann (oder Frau) überhaupt Nacktfotos von Kindern? Ist „Kunst“ nicht einfach nur die übliche Entschuldigung für sexuelle Gewalttäter, straffrei zu bleiben? Es ist blanker Hohn, dass Politiker, deren Aufgabe es ist, Gesetze zu verfassen und für den ungenügenden Schutz von Kindern und Frauen verantwortlich sind, ihre Machtausübung über die Gesetzeslage rechtfertigen. So wirft die Behauptung, Menschen würden“sexuelle Neigungen“ nicht von Straftaten unterscheiden die Frage auf, warum dies keine Straftat ist. Mit Schweigen aufgrund der Legalität lässt diese Gesellschaft zahlreiche Opfer im Stich und verrät diese. Das Entsetzen Edathys, dass trotz seiner Immunität eine Hausdurchsuchung stattfand, zeigt deutlich, dass mächtige Männer besonderen Schutz genießen.

Thorsten Denkler stellte während der Pressekonferenz fest, dass es wohl einen Unterschied zwischen Legalität und moralisch richtig gäbe. Dies wehrt Edathy aggressiv ab. Sein Privatleben gehe wohl niemanden etwas an. Dieser Verweis auf die Privatsphäre ist ein billiger Trick, der aber funktioniert, um Tätern Schutz zu bieten. Es ist selbstverständlich, dass jeder seine Privatsphäre hat und diese geschützt sein muss. Doch es ist auch selbstverständlich, dass dies nicht auf Kosten anderer geschieht. Ein kollektives Wegsehen der Gesellschaft bei Pädokriminalität schützt nicht Privatsphäre, sondern unterstützt Täter. Edathy ist sich sicher, dass in dieser Gesellschaft die Sensibilität bei Handlungen mit Kindern sehr hoch ist, aber mit Hysterie einhergeht. Diese Wahrnehmung unterstützt ihn bei seiner Selbstdarstellung als Opfer. Den Makel bekäme er nie wieder los. Auffällig ist die immer wiederkehrende Aggression, sobald die Sprache auf das Filmmaterial kommt. Mehrfach greift er die fragende Person daraufhin verbal an und verbleibt bei Aussagen über die Rechtslage. Dieses Filmmaterial sehe er als Kunst, nicht als Kinderpornografie an. Dass auch hier zumeist ökonomisch schwache Kinder reichen Männern dienen liegt auf der Hand. Doch wenn nur sichtbare Gewalt relevant ist, dann interessieren ökonomische Zwänge, Gewalterfahrungen, Suchterkrankungen und andere Ursachen offensichtlich weder Täter noch Gesetzgeber. Das Ausbeuten dieser Kinder als problematisches Sexualverhalten abzutun, zeigt deutlich die Bagatellisierung der Medien auf. Dass mit den Einnahmen legaler Aufnahmen selbstverständlich auch auch strafrechtlich Relevantes finanziert wird, ist eine naheliegende Gefahr, die nicht debattiert wurde.

„Ist es nicht menschlich, nahestehende Personen zu warnen?“ lautet eine häufig gestelle Frage. Das kommt wohl auf das Gewissen der Person an. Wer Mitgefühl hat, wird dazu kaum in der Lage sein. Bei sexueller Gewalt muss klar sein, dass es keinen Täterschutz geben darf. Wie die vielen Mitwisser, die weiterhin im Amt sind damit leben können, dass ihnen das Schicksal der Kinder egal war und sie einen Täter weitermachen lassen wollten, ist schwer nachvollziehbar.“Was glauben Sie, welche Prozesse ablaufen, bei der Erstellung von Posing-Fotos von Knaben, an denen sie sich ergötzt haben. Haben Sie ein Gefühl dafür, in welchem Produktionsprozess dieses geschieht und wann haben Sie begonnen sich darüber Gedanken zu machen?“ fragt Dieter Wonka. Auch hierzu fällt Edathy nur ein, dass es strafrechtlich nicht relevantes Material war und geht sofort zum Angriff über, da Wonka ihn irrtümlich für einen Juristen hielt und nicht ordentlich recherchiert habe. Ähnlich widerfährt es einer Journalistin, die ihn auf Berichte schwer traumatisierter Kinder diverser Filme hinweist. Wie er dazu stehe? Aufbrausend erwidert er, dass sie wohl die letzten beiden Stunden nicht aufgepasst habe und der Fernsehsender Phoenix ihr eventuell eine Aufzeichnung zur Verfügung stelle. Egal wie oft sich diese Journalistin diese Aufzeichnung ansehen wird, ein mitfühlendes Wort für die Kinder wird sie vergeblich suchen. Auf die Frage nach einer Botschaft für die Kinder hat er dementsprechend auch keine Antwort.

„Pädophile“ sind sehr kreativ in der Nutzung von Masturbationsvorlagen. Wenig reicht aus, im Zweifelsfall, um ihre Fantasien lebendig werden zu lassen. Ein Genre ist zum Beispiel das Modelling von Kindern für Strumpfhosen in verschiedenen Posen. Müssen Kinder für Männer mit sexuellem Interesse an ihnen auf dem Präsentiertteller serviert werden? Möchte das eine Gesellschaft für ihre Kinder und möchten wir so eine Gesellschaft? Ist es wichtig und notwendig für Kinder, unbedingt Nacktfotos von sich selbst im Internet zu haben?

In der aktuellen Ausgabe des „Stern“ vom 17.12.2014 heißt es: “ Die Affäre Edathy.“. Auch hier geht es nicht um Kinder, sondern um eine Parteiaffäre. Nichts ist Zufall und der Slogan des Titelblatts dieses Sterns lautet: “Die Kraft der Vergebung“. Gemeint sind mit diesem andere Menschen in einem anderen Artikel, aber natürlich soll hier eine Assoziation zu Edathy hergestellt werden. Tatsächlich ist es ein Irrglaube, dass Vergebung hilft. Diese Idee hat eher etwas mit dem christlichen Glauben zu tun, der die Idee forciert hat, dass gute Menschen vergeben können und böse und schwache Menschen nicht. Tatsächlich ist es für ganz viele Opfer von Gewalt sehr wichtig, dass ein Täter auch bestraft wird und auch angemessen. Für viele Opfer und Angehörige wurde das Leben zu einer Hölle auf Erden und alleine der Gedanke, das ein Täter lachend weitere Straftaten verüben könnte, ist schwer auszuhalten. Vergebung ist ein Konzept und hilft niemandem außer den Prädatoren und ihrer Verantwortungslosigkeit. Die Idee der Vergebung setzt Opfer sogar noch weiter unter Druck, denn sie können sich ihren Gefühlen gar nicht nicht ganz stellen, denn bei religiösen Menschen werden Gefühle wie Hass und Rache als „böse“ gesehen. Opfer können und dürfen aber fühlen, was sie wollen. Fertig.

Die Reaktionen der Medien und vieler Menschen sind erklärbar, aber wenig hilfreich:

Die meisten Menschen sehen die Welt durch eine rosaroten Brille, um sich wohl zu fühlen. Die Wahrheit über das wirkliche Ausmaß grauenhafter Straftaten und Gewalt würden sie ansonsten nicht aushalten können. Zumindest nicht ohne die Bedrängnis, handeln zu müssen. Einige sagen auch: „Es gibt etwas Gutes in jedem Menschen“. Diese Aussage ist obsolet und unerheblich, gar lächerlich, denn es ist bei manchen Straftaten völlig egal, ob es etwas angeblich „Gutes“ in einem Menschen gibt. Wen interessiert hier, ob ein Mann, der zum Beispiel Kinder vergewaltigt hat, sich wohlwohlend um seine kranke Ehefrau oder Kinder kümmert oder Blumen oder Tiere mag? Im englisch-sprachigen Raum werden Sexualstraftäter, unabhängig vom Tätertyp, als Raubtiere, als Prädatoren bezeichnet. Solche suchen sich zielgerichtet ihr Opfer aus und planen genau, wie sie ihre Taten erfolgreich ausführen können. Der deutsche Sprachraum hingegen gibt viel her, das die Täter, ihre Taten, ihre Motivation scheinbar legitimiert. Es wird von „Trieben“ gesprochen, das drückt fehlende Kontrolle aus und ebnet in der Konsequenz den Weg für Täter, die Verantwortung abzugeben und der Gesellschaft zu suggerieren, dass diesen Tätern nichts vorgeworfen werden kann und darf. Ein weitere sehr übliche Bezeichnung ist die der „Neigungen“: eine weitere völlige Verharmlosung der schrecklichen Gewalt an Kindern. Einige Menschen sagen auch „krankhaft“, das kommt wohl daher, dass bestimmte Verhaltensweisen uns krankmachen, da sie so widerwärtig und grausam sind, was ja an sich stimmt. Allerdings kann das nicht bedeuten, dass diese Täter „krank“ sind, denn dies würde heißen, sie könnten nichts für ihre Handlungen und ihr Verhalten wäre frei von Schuld.

Viele Menschen machen den Fehler zu glauben, dass sie Lügen erkennen können. Allerdings sind Menschen sehr schlecht im Erkennen von Lügen, wie Studien, seit Jahrzehnten bestätigen. (Predators, Dr. Anna Salter, Ph.d, Basic Books, 2003). Auch Polizeibeamte sind nicht besser als andere Menschen oder PsychiaterInnen. Alle Berufsgruppen erbrachten die gleichen Ergebnisse wie der Zufall (Predators, Dr. Anna Salter, Ph.d, Basic Books, 2003; 162). Auch im Falle des Herrn Edathy glauben vielleicht einige, aufgrund ihrer angeblich großen Menschenkenntnis davon ausgehen zu können, dass Edathy nicht wirklich etwas Schlimmes gemacht hat, nicht gemacht haben kann.

Es gibt viele Theorien darüber, wieso Menschen, fast immer Männer, sich zu Kindern hingezogen fühlen. Aber tatsächlich gibt es kein bestätigtes Wissen. Die Verhaltensweisen und Vorgehensweisen sind aber bekannt. Es geht immer eine lange Zeit des Planens und der Fantasie voraus. Die Obsession bezüglich Kindern wird aufrecht erhalten durch das ständige Masturbieren zu Fantasien von Kindern oder tatsächlichen Bildern von Kindern.

Wir haben vielleicht immer noch nicht die Antwort darauf, wie wir Männer wie Edathy stoppen können oder wie wir ihr Verhalten tatsächlich erklären können. Wir und die für Medien Verantwortlichen sollten aber tatsächlich aufhören, ihr Verhalten zu entschuldigen. Es ist nicht unsere Aufgabe, Täterverhalten zu erklären und zu rechtfertigen. Das ist lediglich ein Ablenkungsmanöver und hilft den Opfern nicht. Wir sollten uns für die Opfer interessieren und ihnen Raum geben. Die Täter sind selbst dafür verantwortlich, ihr Verhalten zu beenden und sie sollten auch in jedweder Hinsicht die Konsequenzen dafür tragen (müssen). Opfer müssen ihr Leben lang die Konsequenzen sexueller Gewalt tragen. Edathy wurde weitläufiger Raum in den Medien zugesprochen. In diesem wurden die Opfer zur „Kinderporno-Affäre“.

Die Neuregelung des Vergewaltigungsparagraphen

1 in 3 women are raped - Poster

by Jonathan McIntosh via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Der Vergewaltigungsparagraph § 177 STGB soll nun doch reformiert werden. Das haben die Justiziminister der Länder auf einer gemeinsamen Konferenz beschlossen – auch SPD-Bundesjustizminister Heiko Maas stimmte dafür.  Bislang war eine Vergewaltigung nur dann strafbar, wenn eine tatsächliche Bedrohung für Leib und Leben vorlag und die Gegenwehr des Opfers erkennbar war. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) hat mehr als 100 Fälle schwerer sexueller Gewalt untersucht und dabei gezeigt, dass die weitaus häufigste Reaktion von Opfern eine Schockstarre und keineswegs physische Gegenwehr oder Flucht ist. Ohne Gegenwehr des Opfers oder die Anwendung von Gewalt war eine Vergewaltigung bislang nicht strafbar. Nicht strafbar waren auch jene Fälle, in denen ein Täter das Opfer überrumpelt, zum Beispiel im Gedränge einer Veranstaltung. Mit der Neuregelung soll ein „Nein“ ausreichen. Anlass für die Neuregelung ist auch die sogenannte Istanbul-Konvention, einer Vereinbarung des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen. Dort heißt es, die EU-Mitgliedsstaaten müssen aus Sicht des Völkerrechts für die Bestrafung aller nicht einvernehmlicher sexueller Handlungen sorgen. Auch die Opferschutzorganisation „Der Weiße Ring“ unterstützt die Neuregelung.

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Julian Blanc wird zu Recht verurteilt – aber wer kritisiert die globale Wirtschaft für ihren Frauenhass?

Brass Rail Toronto

von Hard Seat Sleeper (The Brass Rail) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Es ist einfach, einen globalen und systematisch organisierten Zusammenhang auf „einige wenige böse Jungs” zu reduzieren. Das wird deutlich an Fällen wie dem „Dating-Ratgeber“ Julien Blanc. Blanc tourt durch die Welt, um Männern die Pick-Up-Kunst, (zu Deutsch etwa „Die Kunst des Abschleppens“) beizubringen. Er zeigt die Misogynie, die der Pick-Up-Szene innewohnt, indem er andere Männer in seinen Techniken aus Gewalt und emotionalem Missbrauch gegenüber Frauen unterrichtet. Nachdem es einen öffentlichen Aufschrei gegeben hatte, wurde Blanc aus Australien ausgewiesen, bevor er sein in Melbourne geplantes Seminar halten konnte. Seine Methoden beinhalten das Würgen von Frauen und ihre Gesichter gewaltsam in den Schoß zu ziehen – Verhalten, das typisch für Pornographie ist. Aber während Blanc zu Recht kritisiert wird, bleiben jene Institutionen, die von solchen Bildern profitieren, verschont.

Global betrachtet hat sexuelle Gewalt epische Ausmaße erreicht. Eine von drei Frauen ist betroffen. Während die sozialen Zusammenhänge häufig angesprochen werden, bleiben die ökonomischen und politischen Hintergründe unerwähnt. Diese Gewalt muss im Kontext der globalen Wirtschaft betrachtet werden. Bis die Betreiber sexueller Gewalt gestellt werden, werden uns Männer wie Blanc immer wieder begegnen. Tatsächlich ist Blanc nicht die Ausnahme der Regel, in einer globalisierten und misogynen Gesellschaft ist er eher die Normalität.

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Pick-Up-Artists – oder: Frankensteins Monster

Graffiti Berlin Monster

By Jotquadrat (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Julien Blanc, selbst ernannter Guru der Pick-Up-Artist-Szene soll am Wochenende ein Seminar in Berlin halten, wo er Männern beibringt, wie sie mit Psychotricks Frauen zum Sex bringen können. Bis letzte Woche kursierte von ihm noch ein Video, in dem er damit prahlt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Pick-Up-Artists haben nur ein Ziel: das Vertrauen von Frauen zu gewinnen und sie möglichst schnell ins Bett zu bekommen. Für sie ist das ein Spiel, bei dem auch vor Gewalt nicht zurückgeschreckt wird: Würgen, Festhalten, Überwältigen. Es regt sich Widerstand, vor allem Terre des Femmes macht auf das Treiben der Pick-Up-Artists aufmerksam und verlangt vom Berliner Bürgermeister und den Hotels, die Veranstaltung abzusagen – wo das Seminar stattfinden soll, ist nämlich bislang unklar. Obwohl Pick-Up-Artists keine neue Erscheinung sind, wird das Thema in der Presse ordentlich hochgekocht – die Medien sind empört, die Wurzeln der Pick-Up-Szene in Patriarchat und Sexismus will aber so wirklich niemand bennenen. Herrscht in den Artikeln noch eine Mischung aus Mitleid und politisch wohldosierter Entrüstung, gärt in den Kommentarspalten der Frauenhass. Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich auf so einen einließen, heißt es und weiter Frauen wollten es ja gar nicht anders, sie stünden ja auf solche Typen. Das schreiben erstaunlicherweise nicht nur Männer, sondern auch andere Frauen. Wieder andere betonen, dass man die Techniken der Pick-Up-Artists ja nicht generell mit Vergewaltigung gleichsetzen könnte. Pick-Up-Artists sind, ebenso wie Vergewaltiger und Stalker, Monster, die das Patriarchat erschaffen hat, sie sind nicht die Ausnahme, sondern die Konsequenz einer Gesellschaft, die Frauen zu Objekten degradiert.

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