Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

Chris Kraus ist der Name der Protagonistin und der Autorin dieses Buches. Sie ist verheiratet mit Sylvére, einem einigermaßen erfolgreichen Publizisten und Künstler, sie selbst, ohne Uniabschluss, versucht sich erfolglos an Experimentalfilmen. Ihr Leben dreht sich um ihren Mann, um seine Karriere und über sich selbst denkt sie nicht viel nach, nur hin und wieder blitzt auf, dass sie sich alt und hässlich findet (sie geht auf die 40 zu).

Dann aber trifft sie Dick, der an einer Universität in LA lehrt, Cowboy, machohaft, irgendwie aufregend und sie hat den Eindruck, dass er mit ihr flirtet. Dieses Erlebnis stößt eine drastische Veränderung an, in deren Folge Chris ihren Ehemann verlässt und ihr gesamtes Leben reflektiert. Die Veränderung beginnt damit, dass sie Sylvére von ihren Gefühlen erzählt und die beiden damit beginnen, Dick Briefe zu schreiben. Dick, unverhofft in das Zentrum einer solchen Obsession geraten, reagiert verwirrt.

Im Laufe der nächsten Wochen schreibt Chris immer weiter an Dick, die meisten Briefe schickt sie nicht ab, Dick ist für sie eine Figur, mit der sie Gespräche führt, „abstrakte Romantik“ nennt sie das. Irgendwann wird ihr klar, dass sie in ihrer Ehe mit Sylvére immer nur seine Frau sein wird, nie eine eigenständige Person. Sie verlässt Sylvére, sie schläft mit Dick, der sich, ganz typisch männlicher Narzisst, auf den Sex einlässt, um sie danach emotional zu misshandeln. Für Chris aber ist das Entdecken des eigenen Begehrens ein Weg in die Freiheit. Sie reflektiert den Frauenhass in der Kunst, in der intellektuellen Szene, in ihren eigenen Beziehungen, manchmal drastisch, manchmal subtil. Schreiben ist ihr Instrument, sich dieser Freiheit zu nähern. „Ich schreibe, um mein Leben zu retten“, schreibt sie und „eigentlich ist jeder Brief ein Liebesbrief“.

Wie beim Schälen einer Zwiebel offenbart dieser Roman sein gewaltiges, feministisches Potenzial. Eine Frau, die von ihrer Obsession, die von sich selbst und ihrer Sicht auf die Welt schreibt, etwas, was den großen Romanciers dieser Welt schon immer zusteht, den Frauen aber nicht, sonst gilt es als plump, ordinär, narzisstisch und langweilig.

„Was heutzutage unter Frauen geschieht, ist das Interessanteste auf der Welt, weil es am wenigsten beschrieben wird“, schreibt Chris. Dieser Roman mag 20 Jahre alt sein, doch er ist so aktuell wie damals, er ist nicht „sexpositiv“ oder ein Roman über die langweilige Ehe eines Pärchens der intellektuellen Elite, er ist ein Roman einer Frau über sich selbst und allein darin liegt das Revolutionäre. Chris Kraus hat mit desem Roman eine neue Art weiblichen Schreibens geschaffen und ich wünsche mir, dass jede Frau irgendwann die Gelegenheit hat, sich einen Dick als Projektionsfläche zu schaffen, um sich selbst durch das Schreiben zu befreien.

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