Das hässliche Gesicht der Vergewaltigungskultur

"End Rape Culture"

Chase Carter via Flickr, [CC BY-ND 2.0]

Der Begriff „Kultur“ beschreibt unserem Verständnis nach immer eine bestimmte Entwicklung, eine Errungenschaft, Zivilisation. Man denkt vielleicht an Theater, Oper, vielleicht auch nur an bestimmte Verhaltensformen. Im Zusammenhang mit dem Wort „Vergewaltigung“ verliert Kultur jedoch ihre positive Bedeutung und weist auf einen negativen Kontext hin: Eine Gesellschaft, in der Vergewaltigung allgegenwärtig ist. Viele werden jetzt empört protestieren, schließlich ist Vergewaltigung eine Straftat, zumindest ist sie das auf dem Papier. Doch mit Kultur ist die gesellschaftliche Einstellung zu Vergewaltigung gemeint. Der Begriff „Vergewaltigungskultur“ stammt ursprünglich aus dem Englischen “Rape Culture“ und er beschreibt mehr als die bloße Straftat. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der es allgemeiner Konsens ist, die Schuld an einer Vergewaltigung lieber den Opfern zu geben als den Tätern, in der Täter selten angezeigt und noch seltener bestraft werden, in der sich Musiker und Künstler mit Vergewaltigungsgesten brüsten, in der “fight-fucking“ eine romantisch verklärte Art und Weise ist, eine Frau zu vergewaltigen und ihre Gegenwehr nur Teil des Verführungsspiel ist und in der in vielen Köpfen die Annahme geistert, dass ein „Nein“ eigentlich ein „Ja“ ist (und „Ja“ für „Analverkehr“ steht, wie es bei amerikanischen Studentenverbindungen heißt)

„Du wolltest es doch auch“

13 Prozent der Frauen in Deutschland sind Opfer von Vergewaltigung oder versuchter Vergewaltigung geworden. Laut Terres de Femmes werden nur 5 Prozent dieser Straftaten überhaupt angezeigt. In den meisten Fällen sind die Täter gegenwärtige oder ehemalige Partner der Frauen oder stammen aus dem näheren Bekanntenkreis. Im Englischen nennt man das  “Date-Raping“.  Genau dieser Zusammenhang macht es für viele Frauen so schwierig, den Täter anzuzeigen. „Du warst doch mit ihm verabredet, oder?“ – „Hast du etwa mit ihm geflirtet?“ – „Bist du etwa freiwillig in sein Auto gestiegen?“  – „Sie hatten also zuvor einvernehmlichen Sex mit ihm?“ Weil die Opfer befürchten, dass man ihnen ohnehin nicht glauben wird, zeigen sie den Täter nicht an. Spuren der Vergewaltigung sind nur unmittelbar nach der Tat nachzuweisen, gerade in diesen Stunden sind die Opfer aber verängstigt und haben das Bedürfnis, sich zu duschen, umzuziehen und vernichten die Beweise. Opferschutzverbände wie der Weiße Ring setzen sich seit Jahren dafür ein, dass es die Möglichkeit gibt, sich anonym untersuchen zu lassen und bis zu einem halben Jahr später noch eine Anzeige zu erstatten. Doch die Opfer bleiben häufig alleine, mit großen Schuld- und Schamgefühlen.  „Warum läufst du auch alleine durch den Park?“ – „Dein Rock war aber auch kurz“ – „Hattest du zu viel getrunken?“ – Vorwürfe dieser Art nennt man im Englischen “Victim-Blaming“. Vergewaltigungsopfer erleben sie sowohl von Angehörigen und Freunden als auch von Polizeibeamten, Richtern und Ärzten, die ihnen doch eigentlich helfen sollen. Ihnen wird nahe gelegt, eine Mitschuld an der Tat zu tragen. Diese Annahme ist falsch. Es gibt nur einen Grund für Vergewaltigung: Einen Vergewaltiger. Kein kurzer Rock, kein Promillespiegel, kein aufmunternder Blick trägt daran eine Mitschuld. Das ist ungefähr damit vergleichbar, als würde man einem Einbruchsopfer sagen: „Was stellst du dir auch so schöne Sachen in die Wohnung, war doch klar, dass die jemand haben will, und machst dann noch das Licht an. Selbst schuld!“

Die Angst als ständiger Begleiter

Noch ein Aspekt bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unberücksichtigt: Nicht wenige Frauen werden mehrfach im Leben Opfer von sexualisierter Gewalt. Das verändert, wie Frauen ihr Leben gestalten, wie sie sich verhalten. Es beeinflusst bereits, wie Mütter ihre Töchter erziehen, wann sie sie alleine abends weggehen lassen, was sie anziehen dürfen, wann sie abgeholt werden. Frauen lernen sehr früh, ständig acht zu geben, nicht allein durch dunkle Straßen zu laufen, alleine auf Parkplätzen, Bahnsteigen zu sein, jenen Gruppen von Männern aus dem Weg zu gehen, die auf Ärger aus sind, Bescheid zu geben, wenn man sich trifft, Pfefferspray in der Tasche zu haben, auf Gesten zu achten, die vielleicht verraten, ob jemand dazu neigt, Gewalt anzuwenden, den Blick rasch zu senken, um nicht zu provozieren.

Fehlendes Bewusstsein für die Opfer

Der amerikanische Feminismus setzte sich bereits in den 1970er Jahren dafür ein, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Vergewaltigung geschaffen wird.  Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Solange konnten Ehefrauen von ihren Ehemännern vergewaltigt werden, ohne dass es irgendeine Möglichkeit gab sich dagegen zu wehren. Bereits in den 80ern versuchten Grüne und SPD eine entsprechende Änderung dieses Gesetzes zu erreichen, doch sie scheiterten am Widerstand der Union. Dort befürchteten die führenden Herren, die Frauen könnten den Vergewaltigungsvorwurf dazu nutzen, innerhalb der Ehe abzutreiben. Diese Argumentationslogik trieft vor Verachtung gegenüber Frauen und Opfern. Es wäre schön zu sagen, dass sich im Zusammenhang mit der “Rape Culture“ ähnlich viel bewegt hat wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Doch tatsächlich leben wir in einer Welt, in der es vollkommen normal ist, dass ein Semiprominenter den Begriff vom „Opferabo“ prägen kann, das Frauen angeblich benutzen, um mit Vergewaltigungsmythen Männer zu unterdrücken, in der in Raptexten und Musikvideos Vergewaltigungsgesten als Symbole der Männlichkeit zelebriert und tausendfach reproduziert und gefeiert werden, in der es als schick gilt, Frauen als „Bitches“ und „Schlampen“ zu beschimpfen, in der die Millionen traumatisierten Frauen mit ihrer Schuld und Scham von der Gesellschaft einfach allein gelassen werden, während die Täter sich als wahre Kerle feiern und auf den Konsens und den Schutz der Allgemeinheit verlassen dürfen.  Pick-Up-Artists sind nur ein Phänomen, das ohne die Vergewaltigungskultur nicht denkbar wäre, ebenso wie der Sexismus in Werbung und Medien und die Wahrnehmung von Pornografie als etwas, dass es zu verteidigen gilt, obwohl dort wieder und wieder Vergewaltigung inszeniert wird. Als Frau können wir uns hindrehen, wo wir wollen, von überall her sieht es uns an, das hässliche Gesicht der Vergewaltigungskultur.

Straffreiheit für die Täter, lebenslanges Leid für die Opfer

Die Vergewaltigungskultur ist eine Kultur voller Zynismus und Häme gegenüber den Opfern. Sie zwingt Frauen und Mädchen dazu, ein hässliches Spiel mitzuspielen, das sie eigentlich nur verlieren können. Auf der einen Seite sollen sie sich als sich als sexuell verfügbar, attraktiv zeigen, auf der anderen Seite müssen sie ständig mit der Gefahr leben, dass einer der Männer aus ihrem Umfeld, ihr Lehrer, ihr Kollege, ihr Nachbar, einen Anspruch auf diese Verfügbarkeit erhebt und sie vergewaltigt und dass sie dann weder mit der Solidarität und dem Schutz der Gesellschaft rechnen können noch damit, dass er für sein Verhalten bestraft wird, sondern, im Gegenteil, dass sie für den Rest ihres Lebens mit Schuld und Scham an dem Erlebten kämpfen werden, während er sich im Schutz des gesellschaftlichen Konsens sicher wähnen kann. Das Strafrecht muss er in den seltensten Fällen fürchten, wie zahlreiche Statistiken belegen. Selbst wenn die Geschichte öffentlich wird, so kann er sich darauf berufen, dass sie mit ihm geflirtet hat, dass sie es auch wollte und wenn alle Stricke reißen, so kann er einfach behaupten, sie sei psychisch krank. Es gibt inzwischen Anwälte, die sich auf darauf spezialisiert haben, Opfer auf diese Art und Weise fertig zu machen. Eine Frau ist man in der Wahrnehmung der Gesellschaft übrigens nicht erst mit 18. Wer sich schminken kann und damit Zeichen der sexuellen Verfügbarkeit setzt, ist auch alt genug, um vergewaltigt zu werden und kann nicht mit mehr Schutz rechnen als erwachsene Frauen.

4 Kommentare

  1. Yvonne Flückiger

    Ja, und in diesem unsäglich traurigen Kapitel machen auch Frauen mit, die grossartig herumposaunen, dass ihnen sowas NIE passieren könnte. Doch!!!! Es kann JEDER passieren! Unabhängig von Alter, Figur, Kleidung, oder Stellung! Es ist die rohste Art von Machtdemonstration!
    Wenn man sich überlegt wie viele Milliarden dafür aufgewendet werden, dass kein „Fremder“ (Soldat) ins eigene „Territorium“ eindringt, (gibt sofort Krieg mit Gemetzel) ist es schon sonderbar, dass es einfach toleriert wird, wenn ein Fremder in mein nächstes Territorium (der eigene Körper) eindringen kann, ohne dass dies als Krieg gegen den Frauenkörper deklariert wird und ebenfalls mit Milliarden bekämpft wird. Aber halt auch hier: Feiges Wegschauen, Banalisieren und Lächerlichmachen. Aber wehe, ein Unbefugter betritt „mein Land“. Was für eine groteske Doppelmoral!

  2. Yvonne Flückiger

    Dazu könnte man noch Einiges mehr hinzufügen: WEM gehört die Zeit der Frauen? WEM gehört das Geld der Frauen, WER profitiert von der Gratisarbeit der Frauen, WEM gehört der Körper der Frauen, WEM gehört die Aufmerksamkeit, Angst, Liebe, Gedanken, Gefühle, Freude der Frauen?
    Das Patriarchat ist auch oft genug eine absolute Hölle für Frauen und Vergewaltigung nur die Spitze des Eisbergs.

  3. Käsestulle

    „Das ist ungefähr damit vergleichbar, als würde man einem Einbruchsopfer sagen: „Was stellst du dir auch so schöne Sachen in die Wohnung, war doch klar, dass die jemand haben will, und machst dann noch das Licht an. Selbst schuld!““

    Aber die Tür abschließen ist ok?

  4. Kinder beiderlei Geschlecht werden vergewaltigt. Auch Männer, weniger, aber. Vergewaltigung ist ein Machtdemonstration, eine, oder die Säule des Patriarchats: Unterwerfungsrituale.

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