Der Fall Gustl Mollath – endlich Gerechtigkeit? Was wäre, wenn Mollath eine Frau wäre?

Women with hidden face

By Justin Pierron from La Habra, CA, USA (portrait scan) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons (modified)

Seit knapp zwei Jahren erregt der Fall Gustl Mollath die Gemüter. Gestern wurde er vom Landgericht Regensburg endgültig freigesprochen, er muss nicht wieder in die Psychiatrie und erhält eine Entschädigung. Doch nach eigenen Angaben ist Gustl Mollath enttäuscht über das Urteil, denn das Gericht sah es weiterhin als erwiesen an, dass er seine Frau körperlich misshandelt, geschlagen, gebissen und gewürgt hatte. Zu diesem Urteil war vor mehr als elf Jahren das Amtsgericht Nürnberg gekommen, wo sich Mollath wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verantworten musste. In dessen Folge wurden zwei psychiatrische Gutachten angeordnet – zu denen Mollath jedoch nicht erschien. Als seine Ehe 2004 geschieden wurde, wurde gegen ihn außerdem der Vorwurf der Sachbeschädigung erhoben – 129 Autoreifen soll er aus Wut zerstochen haben. 2006 wurde er als schuldunfähig freigesprochen – und zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen, wo er sieben Jahre lang verblieb, bis er 2013 entlassen wurde. Im aktuellen Gerichtsverfahren erklärte ein Gutachter, Mollath sei zu jedem Zeitpunkt schuldfähig gewesen.

Bereits vor dem Urteil war klar, dass aufgrund des verfassungsrechtlichen Grundsatzes, dass in einem neuen Gerichtsverfahren die Strafe nicht verschärft werden kann, Mollath nur freigesprochen werden konnte und auch nicht mehr in die Psychiatrie musste.

Mollath hatte bereits frühzeitig auf unlautere Bankgeschäfte seiner Ex-Frau, einer Bankangestellten hingewiesen, die später zu Teilen von der Bank bestätigt wurden. Seine Frau wurde entlassen. Der ganz große Bankenskandal, den Mollath unterstellte, existierte jedoch nicht, sondern „nur“ Verstöße gegen das Geldwäschegesetz. Der Richter im ersten Verfahren sah die Bankengeschichte als „phantastisch“ an – und wollte auf Mollaths Beweisunterlagen keinen Blick werfen. Das führte letztendlich dazu, dass Mollath als schuldunfähig eingestuft wurde – aufgrund seiner geistigen Verfassung.  Aber was wäre eigentlich, wenn Mollath eine Frau gewesen wäre und nicht im Schatten eines Bankenskandals gestanden hätte? Es gibt tausende Gustl Mollaths in Deutschland – und der überwältigend größte Teil von ihnen ist weiblich. Doch für ihr Schicksal interessiert sich niemand.

In den letzten zwei Jahren ging eine riesige Welle der Solidarität für Gustl Mollath durch Deutschland, besonders Linke sahen in ihm bereitwillig ein Opfer der Bankenkriminalität, den man durch die Abschiebung in die Psychiatrie mundtot gemacht hatte. Die körperliche Gewalt gegen seine Ehefrau wurde dabei einfach unter den Teppich gekehrt – dabei wurde sie sogar von Mollaths Familie im ersten Verfahren bestätigt. Nach der Scheidung sah sich Mollaths Frau gezwungen, eine einstweilige Verfügung gegen ihren Ex-Mann zu erwirken.

Eine unzulässige Unterbringung in der Psychiatrie ist ein Skandal – doch Mollath ist beileibe nicht der einzige Fall in der Republik, dem das geschah. Die meisten Mollaths in der Geschlossenen sind weiblich. Ihre Ehemänner, Partner und Familien haben sie in die Psychiatrien gebracht. Hätte Mollath auch mit so viel Solidarität rechnen können, wenn er eine Frau gewesen wäre? Niemals.

Dass Gutachter über Mollath entschieden, ohne ihn gesehen zu haben, ist ebenfalls ein Skandal – doch wie oft passiert das tagtäglich – ohne dass ein Korruptionsfall dahinter steckt, der es leicht macht, sich mit dem Opfer zu solidarisieren? Als herauskam, dass Teile der Bankengeschichte – Teile, nicht alles – doch wahr waren, wurde die Entscheidung des Richters angreifbar, was letztlich zum Freispruch Mollaths führte. Wie oben geschrieben, wurde auch jetzt im aktuellen Verfahren vor dem Landgericht Regensburg Mollath allerdings nicht von der Schuld im Bezug auf körperliche Gewalt gegen seine Ex-Frau freigesprochen.

Depressionen, Phobien, Neurosen, Psychosen und Schizophrenie werden bei Frauen bis zu dreimal häufiger diagnostiziert als bei Männern. Besonders die letzten beiden Diagnosen machen im Akutfall eine Unterbringung in der Psychiatrie notwendig. Der Frauenanteil bei den Psychopharmaka-Verschreibungen liegt bei 70 Prozent. Gerichtsverfahren enden für Frauen siebenmal häufiger in der Psychiatrie als für Männer.
Der Grund dafür ist ein gefährliches Wechselspiel verschiedener Faktoren. Die weibliche Sozialisation ist bestens dazu geeignet, Frauen verrückt zu machen. Ihnen wird ständig beigebracht, mitfühlend, passiv und zurückhaltend zu sein – und das in einer Leistungsgesellschaft. Frauen dürfen nicht laut auftreten, sie werden in allen Bereichen zurückgedrängt. Ihnen wird beigebracht, dass sie doch längst gleichberechtigt sind, doch ihr Alltag führt ihnen an tausend Beispielen vor Augen, dass das nicht stimmt. Sie können sich noch so sehr anstrengen – Männern wird es in dieser Gesellschaft leichter gemacht.

Macht, Erfolg und Ansehen – alles typisch männliche Eigenschaften. Weiter wird Frauen systematisch beigebracht, ihre eigene Sexualität nicht frei ausleben zu können – sie wird von Anfang an mit Scham behaftet. Eine Scham, die Männer gar nicht kennen. Später erleben Frauen vor allem eine männlich-zentrierte Sexualität – Pentration, orale Befriedigung des Mannes, Nachspielen von Pornos. Ihre eigene Lust geht dabei unter oder wird vernachlässigt, während die Befriedigung des Mannes mit den Risiken von Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten einhergeht.

Gerade die Ehe und Schwangerschaft sind für Frauen große Risikofaktoren, um eine psychische Krankheit diagnostiziert zu bekommen. Die Ehe als Versorgungsinstitution bedeutet auch heute noch für viele Frauen, dass sie zusätzlich zur Berufstätigkeit, die ganze Haushalts- und Sorgearbeit alleine managen müssen. Gleichzeitig sind sie ihren Ehemännern psychisch und physisch ausgeliefert – was in einer missbräuchlichen Beziehung fatal ist. Sehr oft sagen die prügelnden und missbrauchenden Ehemännern ihren Ehefrauen, dass sie verrückt sind, dass ihnen niemand glauben wird – das nennt man auch sogenannte Gaslichttechniken – nach dem Film „Gaslight“ – die Frauen werden gezielt verunsichert und ihnen wird Angst vor der Psychiatrie gemacht. Viele Frauen halten Beziehungen dieser Art viele Jahre aus oder kehren immer wieder zu ihren Partnern zurück.

Die allgemeine gesellschaftliche Stellung der Frauen verunsichert Frauen zusätzlich. Anders als Männer arbeiten sie häufig in schlecht bezahlten Dienstleistungsberufen, wo sie wenig Anerkennung erhalten und sich psychisch und körperlich verausgaben müssen.
Darüber hinaus erlebt jede dritte Frau irgendwann in ihrem Leben sexuelle Gewalt – Gewalt, die psychische Spuren hinterlässt. Die Gesellschaft gibt nur selten den Tätern die Schuld – Victimblaming ist sehr beliebt – die Frauen sind selbst schuld, übertreiben oder bilden sich eine Tat nur ein.
Der Druck auf Frauen wächst. Ihr Körper, ihr Aussehen ist ständiger Anlass zur Kritik.

Das alles reicht schon, um Frauen in den Wahnsinn zu treiben, doch Frauen werden von der Gesellschaft ohnehin als „kränker“ eingestuft. Oder im Klartext: psychisch gesund sind nur die Männer. Für die Pharmabranche und die Therapeuten lohnt sich das: Frauen gehen bis zu viermal häufiger in die Therapie und schlucken Antidepressiva. Die Ursachen für ihn Unwohlsein liegen im Außen, in der Gesellschaft und ihren Beziehungen. Sie spüren einen Widerspruch zwischen dem was sie wahrnehmen, und was ihnen vermittelt wird. Anstatt sich aber gegen die Umstände aufzulehnen, machen Frauen das, was ihnen schon seit ihrer Kindheit beigebracht wird: sie suchen den Fehler bei sich. Mit ihnen muss doch etwas nicht stimmen – und dann ist der Weg zur Psycho-Diagnose nicht mehr weit.
Wenn Frauen ihre misshandelnden Ehemänner verlassen, stehen sie nicht selten vor einer existenziellen Krise – ohne ihn ist das ökonomische Überleben für sie und ihre Kinder gefährdet. Auch das ist ein Grund, in einer missbräuchlichen Beziehung zu bleiben.
Frauen versuchen doppelt so häufig wie Männer, sich das Leben zu nehmen, auch das ist eine Folge des gesellschaftlichen Drucks.

Wenn von einer Frau eine Eigen- oder Fremdgefährdung ausgeht, kann zunächst die Polizei, auch unter Anwendung von Gewalt, für 24 Stunden in die Psychiatrie eingewiesen werden.
Innerhalb dieser 24 Stunden muss sie dem Richter vorgeführt werden, der dann entscheidet, ob sie in der Psychiatrie verbleiben muss. Meistens haben die Frauen dann schon Medikamente bekommen – es ist sogar ein leichtes, sie mittels Medikamenten vollkommen wehrlos zu machen, so dass dem Richter ein weggetretendes, sabberndes Wrack vorgeführt wird.
Wenn es also einem Ehemann oder Partner gelingt, seine Frau über Jahre zu zermürben oder gar körperlich zu misshandeln und er dann im Streit die Polizei ruft, weil sie auf ihn losgeht, so hat er schon halb gewonnen.

Erst im letzten Jahr entschied die Regierung von CDU und FDP, dass Zwangsbehandlungen, also Fixierungen und Zwangsmedikationen rechtens sind – auf den Psychiatriestationen gehören sie ohnehin längst zum Alltag. Sparzwänge und Personalmangel machen aus unruhigen Patienten Problemfälle.
Gerade diese Gewaltmaßnahmen können für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt sind, extrem traumatisierend sein. Ihre Reaktion darauf wird allerdings nur als erneuter Beweis ihres „Verrücktseins“ interpretiert.
Auf den gemischten psychiatrischen Stationen sind Frauen ungeschützt vor Übergriffen durch Mitpatienten und das Personal. Ihre körperliche Selbstbestimmung wird massiv eingeschränkt – sie können weder bestimmen, wann sie schlafen, noch wann sie sich waschen oder essen. Medikamente werden zwangsweise verabreicht – auch die Dreimonatsspritze.
Hinzu kommen die oft sehr starken Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Psychopharmaka „heilen“ nicht, sie greifen massiv in den Körper ein.

Über die Zwangseinweisung in die Psychiatrie entscheiden nach wie vor vor allem Männer: Psychiater, Amtsärzte und Amtsrichter. Einmal in diesem Zwangssystem drin, können Patienten vollkommen entrechtet werden – sie haben keinen Zugang zu Telefon und Postverkehr, bekommen keine Informationen und sind vollständig von ihrem Betreuer, der ebenfalls per Gericht verordnet wird, abhängig.
Hilferufe werden als Wahnideen abgestempelt.
Richter setzen die Einweisung meist für drei bis sechs Monate an. Folgeeinweisungen können allerdings über mehrere Jahre gehen.  Die männliche Sichtweise ist fatal für die Frauen. Zum einen wird Frauen von Anfang beigebracht, Aggressionen nicht nach außen zu tragen – also richten sie sie häufig gegen sich selbst, was als Eigengefährdung eine Steilvorlage für die Unterbringung in der Psychiatrie ist.
Werden Frauen dennoch aggressiv, gelten sie schnell als „pathologisch“ – und landen auch in der Psychiatrie.
Studien zeigen, dass Frauen, die sich wegen eines Verbrechens verantworten müssen, doppelt so häufig in der Psychiatrie landen, wie Männer.

Wäre Gustl Mollath eine Frau gewesen – für sein Schicksal hätte sich niemand interessiert. Eine Frau, die körperlich auf ihren Mann losgegangen wäre, wäre wegen Fremdgefährdung sehr wahrscheinlich in der Psychiatrie gelandet. Das Landgericht Regensburg sieht Mollaths Schuld im Bezug auf körperliche Gewalt gegen seine Frau als bewiesen an. Das wird bei allen Solidaritätsbekundungen einfach ausgeblendet – es würde hässliche Risse in das Bild vom Justiz- und Bankenopfer reißen. Mollaths Schicksal erregte aus zwei Gründen die Gemüter – ihm geschah, was sonst vor allem Frauen geschieht. Und zu Zeiten allgemeinen Misstrauens in das Bankensystem taugt seine Geschichte zum Heldenepos. Vor allem für Linke. Wen interessiert da schon häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen?

Tipp zum Weiterlesen: Roswitha Burgard: Frauenfalle Psychiatrie. Orlanda Verlag 2002.

1 Kommentare

  1. Der Text ist einfach super und stimmt in soo vielen Punkten. In einer toxischen Gesellschaft kann kein gesunder Mensch gut leben. Die Psychologie übersieht zu oft den Einfluss der Außensituation auf das Individuum – von Psychatrien und den Entmündigungen, die da oft leider noch stattfinden, ganz zu schweigen. Auf den latenten Frauenhass der Gesellschaft so zu reagieren, ist ganz natürlich und eine „gesunde“ Reaktion.

    Alles, was schade ist, aber dafür können die Frauen nichts, ist, dass die Aggression gegen die Unterdrückung gegen sich selbst gerichtet wird und nicht vereint gegen das System.
    Ein wichtiger Weg, sich zu schützen, ist von anfang an niemals in die Falle „Versogerehe“ zu tappen.

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