Der Mutterschaftsbetrug

Buchcover: Der Mutterschaftsbetrug

Christa Mulack: Der Mutterschaftsbetrug, selbst verlegt, 2006

Mütter haben im Patriarchat wenig zu lachen. Sie sind prinzipiell die Sündenböcke für alles. Mal sind sie faul und nehmen ihre Exmänner aus, mal karrieregeil und vernachlässigen sie ihre Kinder, mal als Alleinerziehende nur Sozialschmarotzer und im Zweifelsfalle alles schuld. Christa Mulack betrachtet in „Der Mutterschaftsbetrug – Vom UnWert zum MehrWert des Mutterseins“ die Vorstellungen von Mutterschaft im Patriarchat – und zeigt Alternativen auf. Sie befasst sich zunächst mit den dramatischen Fällen von Kindstötungen und Vernachlässigung durch Mütter, die in den vergangenen Jahren durch die Presse gingen. Dabei zeigt sich, dass fast immer nur die Mutter angeklagt wurde – selbst wenn der Vater noch in der Familie war. Diese Frauen wiesen alle eine eigene Geschichte aus sexueller Gewalt und familiärer Vernachlässigung auf und zeigten sich reuig. Dennoch wurden sie alle hart verurteilt. Nach den Vätern und ihrer Verantwortung für das gemeinsame Kind fragte niemand, wenn der Vater die Familie verlassen hatte. Die persönlichen Geschichten und das Reuebekenntnis der Mütter wurden bei den Urteilen nicht berücksichtigt – eine Mutter, die ihr Kind tötet, ist für diese Gesellschaft der Inbegriff des Bösen. Dass die systematische Diskriminierung von Müttern, die Überforderung, die gesellschaftlichen Strukturen und vor allem die Väter eine Mitschuld tragen, wird ausgeblendet. Ein Pädophiler hingegen, der auf eine schwere Kindheit hinweist und Reue zeigt, darf mit Milde rechnen. So läuft es im Patriarchat: Männer richten über Frauen, das Patriarchat richtet über die Erfüllung seiner Ansprüche an die Frauen: Mutterschaft, sexuelle Verfügbarkeit.

Christa Mulack zeigt auf, warum Frauen in Deutschland immer weniger Kinder bekommen: Weil ihnen ein Höchstmaß an moralischer Verantwortung ohne jede Anerkennung und Unterstützung zugewiesen wird. Mutterschaft und ihre Werte, die Tätigkeit des Mutterseins wird konsequent abgewertet. Schuld am Nachwuchsmangel sind dennoch: Die Mütter. Der Staat will mehr Nachwuchs – sich dafür einsetzen will er nicht. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe von Gesetzen erlassen, die nun ausgerechnet die Rechte der Väter stärken, weil diese, so wollen die Politik und die Rechtsgebung erkannt haben, eine besonders benachteiligte Gruppe sind. Nicht die alleinerziehenden Frauen (90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen, Tendenz steigend), nicht deren Kinder, für die die Situation der Mutter und der fehlende Unterhalt ein immenses Armutsrisiko sind (50 Prozent der Alleinerziehenden bekommen Hartz IV), nein, die Väter sind es, die die Hilfe des Staates brauchen. Dass es die Väter sind, die ihre Kinder Armut aussetzen, weil sie keinen Unterhalt zahlen, der Staat aber nur für wenige Jahre und auch nur bis zum 12. Lebensjahr mit einem Minimalbetrag einspringt, wird ignoriert, dafür über die neue Sorgerechtsregelung ein neuer Hebel geschaffen, um alleinerziehenden Müttern das Leben schwer zu machen. Die viel beschriene Kinderarmut ist eigentlich die Armut der Mütter, die von der Gesellschaft allein gelassen werden.

Christa Mulack legt die Abwertung von Mutterschaft, die aktuell auch in den unzähligen Gutachten um Sorgerecht zum Tragen kommt, offen da. Kinder werden zu Verfügungsobjekten ihrer Väter – das Kindeswohl und der Kindeswille sind ausdrücklich nicht entscheidend, wenn ein Vater SEIN Kind zu sehen wünscht. Zu diesem Zweck werden Vätern allerlei Eigenschaften angedichtet, die sie quasi naturbedingt genauso fürsorglich machen wie die Mutter – was evolutionsbiologisch nicht zu belegen ist. Schwangerschaft und Geburt sind für die Frau körperliche Prozesse, bei denen, wenn alles gut läuft, Hormone ausgeschüttet werden, die für eine Bindung und das Wohlergehen des Kindes sorgen. Bei Männern sind diese Prozesse unbekannt – was die Erklärung dafür ist, warum sehr viel mehr Männer ihre Kinder einfach verlassen als Frauen.

Damit Männer sich also nicht ungenügend ob ihrer biologischen Unfähigkeit zur Mutterschaft fühlen, muss zum einen Mutterschaft konsequent abgewertet werden – zum anderen die Rolle des Vaters künstlich überhöht werden. Die Väterlobby hat in diesem Zusammenhang beachtliche Erfolge erzielt.

Doch Christa Mulack belässt es nicht bei Kritik. Es gab eine Zeit vor dem Patriarchat – wie diese ausgesehen hat, können wir heute noch bei den Musuo in China sehen. Hier wird das Konzept der Matrifokalität gelebt. Der Haushalts- und Familienvorstand wird von Frauen besetzt, familiäre Zugehörigkeit durch die mütterliche Linie bestimmt. Das hat für die Frauen entscheidende Bedeutung: Junge Mädchen werden ermuntert, sexuelle Erfahrungen zu machen – niemand würde sie dafür abwerten. Begriffe wie „Schlampe“ gibt es dort nicht. Frauen finden sich für die Zeit erotischen Begehrens mit einem Mann zusammen, doch der Mann ist nur Gast in ihrem Haus. Wird sie schwanger, spielt der Bruder der Mutter eine entscheidende Rolle – nach dem leiblichen Vater fragt niemand. Die Familie der Frau erzieht das Kind gemeinsam – die Frauen stillen sogar alle Kinder gemeinsam. Die Männer der Musuo kümmern sich um die Kinder ihrer Schwestern und sorgen für den Lebensunterhalt – die Verteilung des Geldes aber wird vom weiblichen Clanvorstand übernommen. Frauen können Verhältnisse mit mehreren Männern haben (diese natürlich auch mit mehreren Frauen) und niemand urteilt darüber. Sexualität wird als etwas Persönliches, Intimes betrachtet. Ein Kind ist stets das Kind des gesamten Clans der Mutter. Die Musuo leben in einem sehr viel harmonischen Miteinander, das mehr persönliche Freiheit und Sicherheit für jedes Mitglied ihrer Familien bedeutet. Ihr System geriet erst ins Wanken, als die chinesische Zentralregierung sie zur Annahme patriarchaler Strukturen zwang. Dennoch haben sie einen großen Teil ihrer matrifokalen Tradition bis heute bewahren können.

In der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte spielte die Mutter die entscheidende Rolle in der Familie, sie war das Zentrum der familiären Organisation. Sie war die Lebensspenderin. Erst als der Mann als Krieger immer mehr an Bedeutung gewann, wurde eine neue Art von Familie erfunden – eine, in dessen Zentrum der Mann und seine Macht stehen. Er verfügt über seine Kinder, die Sexualität seiner Tochter, er war bis vor wenigen Jahrzehnten auch der Rechtsvorstand seiner Familie in Deutschland. Familie, das ist nicht länger der ganze Klan, sondern nur noch die Kleinfamilie aus Paar und Kindern. Die Vereinzelung der Frauen in der patriarchalen Kleinfamilie schwächt deren Position zusätzlich, macht sie bis heute abhängig vom Wohlwollen der Männer und entfremdet sie bewusst von der eigenen Familie und den Kindern. Die Ehe wird auch rechtlich als das stärkste familiäre Band betrachtet – obwohl sie sich als Versorgungs- und Sicherheitskonzept längst disqualifiziert hat. Nirgendwo werden so viele psychische Verletzungen verursacht, wie in der patriarchalen Kleinfamilie.

Christa Mulacks Gesellschaftskritik macht nachdenklich, sie findet klare Worte. Familie, so wie wir sie kennen, ist ein Konstrukt, mit vielen destruktiven Folgen für die gesamte Gesellschaft. Ein besseres Zusammenleben, eine bessere Gesellschaft erreichen wir nur, wenn wir der Mutterschaft wieder den Wert zumessen, der ihr gebührt und Frauen und Mütter mit Respekt und Achtung behandeln. Wenn Mütter für ihre für unsere Gesellschaft höchst bedeutsame Leistung wieder Anerkennung und Wertschätzung erhalten, bedeutet das glücklichere Kinder und ein friedlicheres Sozialleben. Es ist ein Zeichen kulturellen Niedergangs, Frauen für ihre Rolle als Mutter zu betrafen. Ein lesenswertes und wichtiges Buch darüber, wie wir wieder zu gesunden Formen des Zusammenlebens finden können. Jeder Frau, die sich mit dem Gedanken trägt, eine Familie zu gründen, sei es ans Herz gelegt, denn das Patriarchat kennt bislang nur eine Familie: Die des Mannes.

Christa Mulack: Der Mutterschaftsbetrug – Vom UnWert zum MehrWert des Mutterseins

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