Der neueste Dummfug: Addyi – Die „Lustpille“ für die Frau

Chemisches Modell Flibanserin

By Vaccinationist (https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/compound/6918248) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Im Oktober 2015 in den USA erstmals eingeführt, ist Addyi, die so genannte „Sex-Pille“ oder „Lustpille“, für die Frau seit Januar 2016 auch in Deutschland erhältlich.

Addyi enthält den Wirkstoff Flibanserin, der ursprünglich mal als Antideppresivum gedacht und getestet wurde. Durch Dopamin- und Noradrenalin-Ausschüttung sollen sexuelles Erleben und Verlangen gesteigert werden.

Bei täglicher und dauerhafter Einnahme soll der Wirkstoff angstlösend und luststeigernd wirken. Anders als Viagra für den Mann handelt es sich also um eine Dauermedikation. Kosten pro Monat: etwa 400 Euro. Klingt nach einem einträglichen Geschäft für die Pharmaindustrie, wenn es gelingt dieses massenhaft an die Frau zu bringen. Kaum war die Nachricht von der Zulassung (im dritten Anlauf übrigens) durch die amerikanische FDA im Umlauf, wurde der Hersteller Sprout für eine Milliarde (!) vom Pharmariesen Valeant gekauft. Als Antidepressum zeigte es sich jedenfalls als nicht geeignet.

Bekannte Nebenwirkungen: Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit (häufig). Angstzustände, Herzreaktionen, Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, Abdominalschmerzen (so heißen Bauchschmerzen im Mediziner-Deutsch), Verstopfung (1-10%). Langzeitfolgen und -schäden: unbekannt. Verstärkt werden die Nebenwirkungen durch beispielsweise die Pille, Triptane (Migränemedikament) oder Alkohol. Funfact: Die Pille ist bekannt als Medikament, welches das persönliche Lustempfinden vermindert.

Aber: Das „Krankheitsbild“, welches damit bekämpft werden soll, ist umstritten und viele ForscherInnen zweifeln an seiner Existenz. Eine „Störung, wo frau will, aber nicht kann“ liegt nach Studien nur bei 7% der Frauen überhaupt vor.  Aus einem verminderten sexuellen Verlangen wird also ein „behandlungsbedürftiger Krankheitszustand“ konstruiert.

Als Ursachen für verminderte Lust auf Sex bei Frauen fällt mir durchaus einiges ein:
– Wir sind sozialisiert in einer Gesellschaft, in der Jungs durch Pornos auf dem Schulhof sozialisiert werden – oft ist dies der erste Zugang zu Sexualität, noch bevor sie ihr erstes Mal hinter sich gebracht haben. Nicht wenige erleben ihr erstes Mal gar im Bordell – auch da ist dann nichts mit selbst herantasten, ausprobieren, was sich gut anfühlt, und überhaupt: Gefühl und Zuneigung zu der Person, mit der Sex erlebt wird.

– Durch Pornos lernen Jungs/Männer ein Zerrbild von weiblicher Lust kennen. So lange Männer tatsächlich glauben, dass das, was sie im Porno sehen, ein weiblicher Orgasmus ist, müssen wir uns dann wirklich darüber wundern, dass nur 33% der Frauen beim Sex regelmäßig zum Orgasmus kommen und 60% der Frauen angeben, zeitlebens nie einen Orgasmus rein durch Geschlechtsverkehr zu bekommen?

Vielleicht ist das ja der Grund für die ganze Akrobatik mit immer neuen Stellungen und ständig anderen Fetischen: Abwechslungsreich und extravagant muss es sein, mit möglichst vielen unterschiedlichen PartnerInnen. Vielleicht ginge es aber auch viel einfacher und minimalistischer – vielleicht mit einem überraschenden Effekt.

– Nicht zuletzt – Stichwort „angstlösender“ Wirkstoff: Hat mal jemand darüber nachgedacht, wie hoch der Prozentsatz traumatisierter Mädchen und Frauen durch sexuelle Gewalt in diesem Land ist? Wie viele Frauen mit den Folgen von Missbrauch und Vergewaltigung zu kämpfen haben, um mit einem Partner, den sie über alles lieben, überhaupt intim werden zu können? Auch hier wäre doch Ursachenbekämpfung – endlich mal – viel angebrachter, als irgendwelche Pillen einschmeißen zu lassen.

Euch fällt sicher noch mehr ein…

Luise Pusch schrieb scharfsinnig:

Was seltsamerweise noch nirgends kommentiert wurde, ist hingegen die auffällige Tatsache, dass „Addyi“ sich auf „Daddy“ reimt. Das wäre doch die einfachste Aussprachehilfe gewesen. Da sie peinlichst gemieden wird, dürfen wir dahinter wohl einen tieferen Grund vermuten. Und ich vermute folgendes:

„Addyi“ wurde nicht für die Frau entwickelt, sondern für den bejahrten Mann, der ihr Daddy sein könnte – das darf aber natürlich nur unbewusst anklingen. Daddy hat sicher genügend Knete, um für ein bisschen mehr Erfolg im Bett eine beträchtliche Summe zu bezahlen. Die Zielgruppe – Frauen im gebärfähigen Alter – ist auch genau diejenige, für die Daddy sich interessert. Ob ältere Frauen Lust haben oder nicht, ist Daddy piepegal. Und um es ihm recht zu machen, werden sich sicher viele Frauen auf diesen Scheiß einlassen, wie auch auf all den übrigen teuren und gesundheitsschädlichen Mist, den sie im Interesse des Herrn auf sich zu nehmen gewohnt sind, von den High Heels, die ihre Füße verkrüppeln, über operative Verengung ihrer Vagina, Brustverkleinerung oder -vergrößerung bis hin zu Fettabsaugung, Bulimie und Anorexie, weil das Gewicht nicht Daddys Vorstellungen von Attraktivität entspricht.

Die Medikamentisierung von Frauen geht also weiter, Frauenkörper bleiben offenbar begehrtes EIngriffsfeld von Medizin und Pharmaindustrie.
Wir sollten uns davon nicht beeindrucken lassen, und dabei bleiben: Mein Körper gehört mir.  Basta.

P.S: Es ist auch voll okay und gar nicht „krank“, mal keine Lust auf Sex zu haben.

5 Kommentare

  1. Maria Schmidt

    Es ist mir sowieso schleierhaft, wie viele Frauen – viel zu viele, finde ich – immer noch mit Männern ins Bett gehen wollen und können oder beides nicht, aber es trotzdem irgendwie tun. Frauen, es ist an der Zeit, Männer rechts liegen zu lassen und sich auf Frauen zu beziehen, auch körperlich, in der Liebe, im Begehren! Traut Euch doch einfach mal! Es muß auch nicht immer die große Verliebtheit sein, die Euch womöglich auch mal zu einer Frau überkommt. Einfach mal das große patriarchaleTabu, das es immer noch ist, daß Frauen Frauen begehren und lieben (können und wollen) und auf Männer verzichten, sie nicht mal mehr für Sex brauchen, brechen! Überlegt doch mal, warum das gesellschaftlich immer noch ein so riesiges Tabu ist, viel größer als Sex zwischen Männern. Auch leider ein inneres Tabu…
    Ich kann nur sagen – nachdem ich jahrelang auch mit Männern teilweise guten Sex hatte: Mit Frauen ist es einfach berauschend und origiastisch und wunderschön, wenn Ihr euch traut, eurem wirklichen, ganz eigenen, inneren und auch aktiven Verlangen nachzugehen… Oder auch Euren Körper selbst zu entdecken, ganz ohne männliche Muster und Vorschriften und Wünsche.
    Für unsere Befreiung von allen Zumutungen des Patriarchats! Lassen wir uns das Gewaltsysem nicht länger gefallen!

  2. Ja, das ist eben typisch für ein Männerdenken, das sich als das ABSOLUTE und alles andere als eine Abweichung davon sieht.

    Nein, noch schlimmer, da die Frau ja „irgendwie“ dem Mann „gehört“, hat sie gefälligst (immer) zu funktionieren; und zwar so, wie
    ER (Gott der Zweite), sich das vorstellt. Am Besten mechanisch! Etwa so, wie ein Auto, oder dann eben mindestens wie in all den Pornos gezeigt. Da die meisten Männer (Ausnahmen bestätigen die Regel) nicht gerade die Hellsten sind, können Frauen und Mädchen diese simple gedankliche Männer-Fantasien dann wieder einmal ausbaden.
    Wie schon immer, seit Anno Adam und Eva! =====(Gähn! Immer noch nichts Neues unter der Sonne!)

  3. Jessi Wz

    mir ist extrem rätselhaft wie und warum dieses medikament zur „luststeigerung“ dienlich sein soll, da ich seit jahren antidepressiva mit eben der gleichen wirkweise einnehme und die hemmung der libido, orgasmusstörungen und austrocknung der schleimhäute (ja auch in der vagina) sind einige der allerhäufigsten nebewirkungen bei mitteln dieser art.

    noradrenalin *soll* anregend wirken, nicht erregend, wobei ich letztens eine neue studie gelesen hab, die noradrenalinwiederaufnahmehemmer als therapeutisch wertlos einstuft, da festgestellt wurde, dass diese präparate nur nebenwirkungen verursachen, sie machen einen nicht wacher, sie erhöhen bloß den blutdruck, machen einen ängstlich und verspannt, motivierter und munterer jedoch auf keinen fall, immerhin ist noradrenalin ein stresshormon und dass stress ein lustkiller ist, weiß ja wohl jeder.

    dopamin wirkt hingegen einschläfernd und „abstumpfend“ und diese abstumpfung wirkt auf ALLE empfindungen, deswegen ist es auch angstlindernd. man fühlt sich wie in watte gepackt, es ist einem alles wurscht und mal will einfach schlafen – also auch alles andere als lustfördernd, vor allem weil sich die genitalien ebenso taub anfühlen wie der kopf.

    eine absolut absurde kombi, vor allem weil diese (neben)wirkungen bei diesen medis die NORM sind, also eigentlich genau das gegenteil bezwecken??? aber hey, für viele kerle ist ne wegen künstlicher stresshormone total verängstlichte, abgestumpfte und weggetretene frau ja der absolute traum 🙂

  4. Hanna Dahlberg

    Jessi, dein letzter Satz trifft den Nagel glaube ich auf den Kopf 🙂

  5. STGeorge

    Tja, guter Artikel. Nur das an dieser Stelle vielleicht auch einmal draufhingewiesen werden darf das dies Luxus Probleme einer Minderheit sind 400 $ im Monat. Also ich glaube das haben die wenigsten einfach so uebrig oder einfach in der Ecke rumliegen. Auch ist es wohl war das dies eher ein Zerrbild der Realitaet liefert. Sex sollte was schoenes sein, was zwei Menschen ganz von alleine verbindet. Ganz ohne chemischen Kit aus dem Pharma-Baukasten. Ja, es gibt auch einige (wenige) Faelle in denen medizinisch nachgeholfen werden muss, aber das sind nur die wenigsten Faelle – Aehnlich wie in der wundervollen Drogenfreigebae Diskussion, wo vorallem die „Suchties“ am lautesten schreien wie medizinisch wertvol Hanf doch ist.
    Denke das aller wichtigste ist endlich diese Debatten nicht mehr auf irgen einer -ismus Basis zu fuehren. Bissher haben die meisten Beteiligten es nicht wirklich begriffen, das durch die idiologischen Grabenkaempfe es nur einen Gewinner gibt – naemlich die grossen Firmen die den rest der Welt nur schroepfen wollen.

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