R.I.P. Postfeminismus – die vierte Welle rollt

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Ein Gespenst geht um in Europa, nein, in der Welt. Es ist der Feminismus, seine vierte Welle. Sie erhob sich irgendwann zwischen 2011 und 2013 und diese Welle rollt mit noch entschiedenerer Kraft im Jahr 2014 weiter. Irgendwann in diesen Jahren 2011/2012 wurden der Alltagssexismus, die sexistische Werbung, die Kommentare, die Gewalt, die Pornographisierung und die Objektifizierung von Frauen so offensichtlich, dass sie begannen, sich überall auf der Welt in sehr unterschiedlichen Kampagnen dagegen zusammenzuschließen und die Kraft dieser Bewegungen wächst immer weiter. Offensichtlich ist der Druck der sexistischen Unterdrückung zu groß geworden, als dass Frauen länger still halten wollen, die 90er und 2000er Jahre mit ihrem Postgender, ihrem Postfeminismus und ihrer Kooperation sind vorbei. Feminismus – das ist heute wieder kämpferisch, gezwungenermaßen. R.I.P. Postfeminismus.

Die Bewegung

In Deutschland machte bereits der Kachelmann-Prozess 2010 inklusive der im Anschluss gebetsmühlenartig wiederholten Behauptungen eines „Opferabos“, das angeblich alle Frauen besäßen und anhand dessen sie unschuldige Männer erpressten, den Auftakt. Es sorgte dafür, dass die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt bundesweite Aufmerksamkeit erhielt, die sich für die Rechte der Überlebenden von sexueller Gewalt einsetzt und vor allem über die Hintergründe aufklärt. Sie ist bis heute sehr aktiv.

Kurz darauf traten die Slutwalks in Erscheinung, die überall auf der Welt organisiert wurden, nachdem am 24. Januar 2011 der Polizeibeamte Michael Sanguinetti zusammen mit einem höherrangigen Kollegen von der Polizei Torontos zum Thema der präventiven Verbrechensbekämpfung an der York University jenen Satz bekundete: „Women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized“Frauen sollten sich nicht wie Schlampen anziehen, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollen. Als Reaktion darauf organisierten überall auf der Welt Frauen sogenannte Slutwalks, in denen sie sich extra sexuell aufreizend anzogen und auf Plakaten und Transparenten den sexistischen Spruch des Toronter Polizisten, der stellvertretend für so viele Argumente des Victimblaming stand, verhöhnten.

In Indien regten sich nach einer brutalen Gruppenvergewaltigung einer Studentin, in deren Folge diese verstarb, heftige Proteste. Aus ihnen hervor ging die Pink Sari Revolution, eine Gruppe von Frauen, die sich in pinken Saris bewaffnet gegen die alltägliche sexuelle Gewalt in ihrem Land wehrt.

Anfang 2013 wurde Deutschland durch die #Aufschrei-Debatte ordentlich durchgeschüttelt, nachdem die Journalistin Laura Himmelreich die sexistische Bemerkung von Rainer Brüderle öffentlich gemacht hatte. Tausende Frauen twitterten unter dem Hashtag #Aufschrei über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus und sexueller Gewalt. Dem schloss sich die Kampagane #ichhabenichtangezeigt an, die bewies, wie viele Frauen Vergewaltigungen und Erfahrungen mit sexueller Gewalt nicht anzeigten, weil sie die erniedrigende Prozedur vor Polizei oder Gericht fürchteten oder weil die Gesellschaft im Generellen Opfern dank Begriffen wie dem „Opferabo“ einfach nicht mehr glaubte.

Überall in Deutschland, in der Welt, vernetzten sich Frauen, Feministinnen, Aktivistinnen über die sozialen Netzwerke, gründeten Gruppen, stellten Aktionen auf die Beine und fanden sich zusammen. Die vierte Welle des Feminismus nahm Fahrt auf.
In England war es vor allem die verhasste Seite Drei mit ihren halbnackten Models, gegen die die Frauen kämpften – „No more Page three“ ist das Ziel, dem sich inzwischen sogar Universitäten angeschlossen haben. Es gibt Petitionen und eine Facebook-Seite.

Anfang 2012, als innerhalb von drei Tagen sieben Frauen getötet wurden, gründete sich in England das Counting Dead Women Project, das aufzeigt, dass Sexismus tatsächlich tötet.
The Representation Project nimmt sich in Youtube-Zusammenschnitten die jährlichen sexistischen Medienausfälle vor und öffnet so die Augen für den alltäglichen Sexismus, der über uns ausgeschüttet wird. Aktuell läuft auch eine Kampagne, die darüber aufklärt, wie sehr Jungen mit dem Männlichkeitsbild in der Gesellschaft zu kämpfen haben.

Studenten der Duke University gründeten 2012 die Social-Media-Fotokamapne „Who needs Feminism?“, bei der Frauen und Männer auf Schildern erklären, warum Feminismus für sie wichtig ist und die Fotos ins Netz stellen. Die Kampagne hat inzwischen einen erfolgreichen deutschen Ableger – „Wer braucht Feminismus?“
Im Sommer 2013 gründete die Engländerin Laura Bates mit einigen Aktivistinnen aus den USA die Gruppe „Everyday Sexism Project“, die gegen frauenfeindliche Gruppierungen auf Facebook vorging, welche Botschaften wie „Rape a pregnant bitch and tell you had a threesome“ – vergewaltige eine schwangere Frau und sage du hattest einen Dreier.

Auch Femen, die sich 2008 in der Ukraine gründeten und seit 2010 mit spektakulären Oben-Ohne-Aktionen für Furore sorgen, sind ein Teil dieses neuen Feminismus der vierten Welle. Mit ganzem Körpereinsatz protestierten sie gegen Prostitution und Sexismus – und es sind ihnen – trotz aller Kritik – einige spektakuläre Auftritte gelungen. Der Auftritt vor Heidi Klum bei Germany’s Next Top Model war ein echter Sieg.

Am 14. Oktober tanzten Millionen Frauen auf der Welt zu „One Billion Rising“ — die Milliarde berief sich auf die Aussage der UN, dass ein Drittel aller Frauen in ihrem Leben sexuelle Gewalt erleben. Die Kampagne wurde bereits ab Ende 2012 organisiert und unzählige Organisationen schlossen sich ihr an. In 205 Ländern tanzten Frauen zu der Hymne „Break the Chain“, sie tanzten gegen Gewalt und Unterdrückung und für ihr Recht auf Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben. Im Frühjahr 2014 wurde die Aktion mit ebenso großem Erfolg wiederholt.

Auch der Frauentag 2014 am 08. März stand, so zumindest das Motto, wieder unter kämpferischem Vorzeichen. So wenigstens hatten es die Veranstalterinnen der Demo in Berlin angekündigt. Viele der Transparente wurden dem auch gerecht,, doch von dem Bündnis selbst blieben am Ende nichts mehr als Lippenbekenntnisse. Zu sehr hatten die Parteien die Themen „Frauentag“ und „Feminismus“ an sich gerissen und ihm damit seine Autonomität genommen.

Doch nicht nur in Europa und den USA tut sich etwas. In Saudi-Arabien kämpfen Frauen um das Recht, Auto fahren zu dürfen – das „Women to drive“ Movement ist dort seit Jahren aktiv. Im Iran werfen Frauen ihren Schleier ab und fotografieren sich mit wild wehendem Haar. In Afghanistan setzen sich Frauen unter Lebensgefahr gegen die Strafe der Steinigung ein.  In Nicaragua wollen Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, nicht länger zu Mediationsgesprächen mit ihren prügelnden Partnern geladen werden, nachdem 2013 13 Frauen während solcher Treffen von ihren Partnern ermordet wurden, und auch die Kampagnen und die Kritik an weiblicher Genitalbeschneidung wird immer lauter und deutlicher.  In Ruandas Parlament sitzen zu 64 Prozent Frauen – das ist die weltweit höchste Rate der Welt.

Da war Robin Thicke mit seinen „Blurred Lines“ – der der Meinung war, die Grenzen zwischen Ja und Nein bei einer Vergewaltigung seien eher fließend. Ein paar Frauen einer australischen Universität nahmen das Video mit viel Humor auf die Schippe – und Youtube sperrte es prompt – es sei „männerfeindlich“. Robin Thickes Original blieb natürlich online.

In Deutschland formierte sich Ende letzten Jahres eine entschlossene Gruppe, die sich für die Abschaffung der Prostitution in Form der Freierbestrafung einsetzt und auch die Anti-Porno-Bewegung hat durch Stop Porn Culture neuen Aufwind bekommen – und den entsprechenden Gegenwind.
Vor Kurzem führte das Isla-Vista-Massaker, das einen eindeutig frauenverachtenden Hintergrund hatte, zu einem Twittersturm unter dem Hashtag #Yesallwomen, unter dem Frauen aus den USA und darüber hinaus über ihre Erfahrungen mit Frauenhass und Gewalt berichteten.

Warum jetzt?

1991 schrieb Susan Faludi das Buch „Backlash: The Undeclared War Against Women“ – in dem sie beschrieb, wie die Erfolge der 2. Welle der Frauenbewegung Stück für Stück zurückgenommen wurden. Tatsächlich erlebten wir in den 80er Jahren eine starke Antifeminismus-Bewegung. Feminismus war auf einmal radikal, dogmatisch, nicht mehr verhandelbar und diskussionswürdig, männerfeindlich. Ausgelöst wurde dies durch Judith Butlers „Gendertrouble“, in dem sie kurz gefasst klar machte, dass wir alle nichts dafür können, in was für einem Körper wir stecken, woraus sie allerdings schloss, dass die Feministinnen aufhören sollten, sich permanent über ihr Schicksal zu beklagen.
Das Ergebnis davon sind die sogenannten Gender Studies, mit denen sich viel Geld verdienen lässt und die so „in“ sind, dass man daraus eine Mode-Show machen könnte. Mit der radikalen, auf die tatsächliche Lebenswelt von Frauen zugeschnittenen Kritik der zweiten Felle des Feminismus hatten sie allerdings nichts mehr zu tun. Im Gegenteil. Jetzt sollten alle inkludiert werden. Die Homosexuellen, die Trans, die Inter, überhaupt alle, müssen in den entsprechenden Textabschnitten ausdrücklich miteingeschlossen werden. Einige Aspekte der Kritik teilen wir auch mit diesen Gruppen, vor allem, was die Kritik an der Diskriminierung homosexueller Frauen anbelangt. Andere aber nicht. Andere Arten der Diskriminierung sind schlicht und ergreifend durch die Lebenswelt von Frauen zu erklären und dürfen nicht dadurch relativiert werden, dass man sie mit anderen vermischt, wie es die noch viel beliebteren „Queerfeministinnen“ tun. Sie haben zusammen mit der Antifeminismus-Bewegung entscheidend dazu beigetragen, dass der Feminismus an Schlagkraft verloren hat, weil er schlichtweg beliebig wurde.

Die dritte Welle des Feminismus war die Ära des „Postfeminismus“ und hängt uns bis heute nach. Hey, ihr seid doch alle längst gleichberechtigt, das steht doch schließlich im Grundgesetz, ihr habt Jobs, ihr dürft schlafen mit wem ihr wollt – also wozu noch Feminismus? Das war vor allem in den 2000er Jahren die offizielle Meinung. Sich als Feministin zu bekennen war ungefähr gleichbedeutend als zu sagen ich bin mittelalterlicher Bader, so überkommen schien das Ganze.
Hier fing dieser ganze Kram von „sex-positivem“ Feminismus an. Als hätten Feministinnen keinen Sex. Aber jetzt schauen Feministinnen Pornos, machen Pornos und finden Pornos super. Und sind überhaupt ein bisschen netter zu Männern.  So hatte man den Feminismus gern. Handzahm. Nichts mehr mit in Pornokinos Sessel vollpinkeln wie zu Zeiten der Roten Zora.

Die vierte Welle

Doch die vierte Welle rollt.  Der Feminismus ist nicht totzukriegen. Zu groß ist der Druck, zu offensichtlich der Sexismus. Die „Nutten, Bitches, Schlampen“, in den Rap-Texten, die überall vorherrschende „Rape Culture“. Das war der erste Schritt. Wir holen uns die Sprache zurück, wir finden Worte für das, was uns geschieht, wir verleihen den Erfahrungen, die wir alle gemeinsam haben, Ausdruck. Die Gegenwehr ist enorm. Sie schlägt uns in der ganzen Frauenfeindlichkeit des Internets entgegen – aber das Internet ist auch unsere Verbündete – hier vernetzen wir uns, hier finden wir uns, egal, was die Machos uns an misogynem Mist entgegenschleudern, #notallmen und Opferabo seien da nur einmal wieder genannt, die unsäglichen Blogbeiträge der Frauenhasser und Antifeministen – aber sie sind wenige und wir, wir werden immer mehr. Ich habe in den letzten Monaten neben einer ganzen Reihe von Frauen gesessen, die die zweite Welle der Frauenbewegung aktiv miterlebt haben und sich dann für 20 Jahre auf Beruf und Familie konzentriert haben und mit Feminismus nichts zu tun hatten. Irgendwann in den letzten drei Jahren sind sie zurück gekommen, wieder „aufgewacht“, kehrten zurück in die Frauenzentren, sind zu Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Demos gekommen, weil sie es laut eigener Aussage einfach nicht mehr aushalten, was diese Gesellschaft mit uns Frauen macht und auch noch die Frechheit besitzt, uns das als unsere eigene Freiheit zu verkaufen. Überall im Land schließen sich Aktionsgruppen online, regional und lokal zusammen, um gegen Sekauf, sexistische Werbung und sexuelle Gewalt vorzugehen und vernetzen sich international mit anderen Gruppen und Kamapagnen.

R.I.P. Postfeminismus

Die Ära des Postfeminismus ist vorbei. Der Feminismus kehrt zurück zu seinen radikalen Wurzeln. Dworkin, MacKinnon, Firestone, Millet, Beauvoir, Schwarzer, all die bösen Hexen, sie werden aus den Bücherkisten gekramt, bei Amazon zu Ramschpreisen zurückgekauft, wir lesen, was damals in der Zweiten Welle schon erkannt und gesehen wurde, wir buddeln sie aus, die verschütteten Wurzeln und bauen etwas Neues darauf, entwickeln es weiter. Der Postfeminismus hat den Feminismus nicht getötet. Die vierte Welle des Feminismus hat Schwung aufgenommen und sie wird machtvoll sein.  Da könnt ihr das Internet vollpflastern mit „Tussikratie“ und sonstigem relativierenden Blödsinn – die Masse der Frauen, die einfach die Schnauze voll hat und sich nicht länger verarschen lässt, wächst mit jedem Tag, an dem ihr unsere Städte mit sexistischer Werbung zupflastert und herablassende Kommentare über Frauen und den Feminismus absondert und Vergewaltiger ungestraft davon kommen lasst.
Wir haben die Schnauze voll von eurer sexistischen Kackscheiße, von sexueller Alltagsgewalt, von der Unterdrückung unserer Erfahrungssprache, eurer männlichen Herablassung, von dämlichen Altherrenkommentaren in den etablierten Zeitungen.
Eure Zeit ist vorbei. Es geht in ein neues Zeitalter. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Der alte Feminismus hat sich zerstritten. Wir stehen als Schwestern zusammen. Und wir werden dieses patriarchale Scheißsystem das Fürchten lernen. Die Störenfriedas sind nur ein Ast eines mächtigen Baumes, der von eurer Ignoranz unbemerkt in die Höhe schießt. Ihr nehmt uns nicht ernst? Etwas Besseres kann uns gar nicht passieren.  Euer Problem ist nämlich, dass sich die Erfahrungen von Frauen überall auf der Welt nicht sonderlich unterscheiden. Männer üben Gewalt aus. Männer üben Macht aus. Männer unterdrücken Frauen. Dieser gemeinsame rote Faden ist es, der uns über die Kontinente hinweg verbindet, der aus lokalen Aktionen eine weltweite Bewegung macht. Willkommen in der Vierten Welle des Feminismus.

10 Kommentare

  1. „Ausgelöst wurde dies durch Judith Butlers „Gendertrouble“, in dem sie kurz gefasst klar machte, dass wir alle nichts dafür können, in was für einem Körper wir stecken, woraus sie allerdings schloss, dass die Feministinnen aufhören sollten, sich permanent über ihr Schicksal zu beklagen.“

    Whut? Wie/wo liest du das denn aus Judith Butlers Werk heraus?

  2. Weißt du ob die vierte Welle des Feminismus sich auch auf theoretischer Ebene von Butler und Queer lossagt und wenn ja, bei wem ich da was nachlesen kann?
    Vielen Dank!

  3. Sorry, dass ich immer wieder noch nen neuen Kommentar schreibe 😉

    Am Anfang schreibst du: „Feminismus – das ist heute wieder kämpferisch, gezwungenermaßen. R.I.P. Postfeminismus.“
    Ich lese aus dem „gezwungernmaßen“ heraus, dass sich der Queer-Feminismus als zu unpraktibel für den feministischen Kampf erwiesen hat? Geht in die Richtung auch deine Kritik oder geht sie darüber hinaus?

    Danke im voraus 🙂

  4. Das wird auch höchste Zeit. Denn aktuell sieht es anscheinend so aus, daß der Feminismus unter der Fuchtel von Queer-Inquisition und Trans-sonstwas steht. Wie konnte es überhaupt zu dieser unwürdigen Situation kommen, daß sich Frauen im Namen eines wie-auch-immer-Feminismus derart von PC und absurden Ideologien bevormunden lassen?

  5. „Ausgelöst wurde dies durch Judith Butlers „Gendertrouble“, in dem sie kurz gefasst klar machte, dass wir alle nichts dafür können, in was für einem Körper wir stecken, woraus sie allerdings schloss, dass die Feministinnen aufhören sollten, sich permanent über ihr Schicksal zu beklagen.“

    WHAT? Judith Butler meint das nicht. Viel mehr meint sie, dass bestimmte Menschen systematisch indem sie biologisch und kulturell als Frauen aufgefasst werden. Damit haben diese Menschen unbestreitbar gesellschaftlich die A****-Karte gezogen. Diese Menschen sollten sich daher auch bei Butler unbedingt darüber aufregen und Feminist*in sein!

    Post-Feminismus ist finde ich kein treffender Begriff für Leute, die geschlechtliche und sexuelle Diskriminierung gleichermaßen anklagen. Queer-Feminismus trifft es besser. Und der wird auch immer wieder in Aktionen gelebt.

    Was du forderst ist ein Feminismus, der gleichzeitig ziemlich heteronormativ sein soll. Ohne mich.

  6. Hey Kira,
    nun du bist nicht die Autorin des Artikels, aber du scheinst ja auch eine sehr starke Meinung zu dem Thema zu haben. Kannst du deine Position mit Argumenten auf theoretischer Ebene begründen oder bewegst du dich nicht auf dieser Ebene? Was lehnst du an der Theore hinter Queer ab?
    Viele Grüße!

  7. Gabypsilon

    Als „heteronormative“ Frau und Mutter eines erwachsenen Sohnes, die sich durchaus als Feministin oder als Kritikerin der Männerherrschaft bezeichnet, suche ich noch nach dem passenden Etikett, um mich politisch korrekt als Feministin ausweisen zu können, sofern mir der Sinn danach steht. „Normopathinnen“, die sich ihrer patriarchalen Konditionierung nicht bewusst sind, habe ich nicht nur unter „heteronormativen“ Frauen kennengelernt. Der Begriff verursacht bei mir mehr als das Hochziehen einer Augenbraue.

  8. Hallo Blubb,
    ich habe ja hier schön öfter Kommentare gepostet, da steht schon einiges zu meinen Standpunkten drin. M.A. nach vernachlässigt die Queer-Praxis (im theoretischen Überbau bin ich ehrlich gesagt nicht ganz sattelfest) die biologische Grundlage der sozialen Kategorie „Geschlecht“. Dekonstruktion finde ich prinzipiell gut und subversiv, sie hat aber auch ihre Grenzen. Gender-Sozialisation ist ja ein Prozess, der am Körper ansetzt und auf Körperlichkeit bezogen ist. Insofern ist Gender-Identität etwas gesellschaftlich Gewordenes, das zwar nicht essentiell dem Bereich des Körperlichen entspringt, aber dort verankert ist. So zu tun, als sei Gender etwas quasi Körperloses, das man jederzeit durch das „richtige Bewußtsein“ ändern könne, verkennt die Wichtigkeit des Körpers bei der Zuschreibung von und die Identifikation mit Gender. Barbara Duden sprach dies Problem mal in „Die Frau ohne Unterleib“ an. Die Fragen, die dringend zu diskutieren wären, lauten: Sind der Dekonstruktion Grenzen gesetzt,weil sie andernfalls zu schwammig, beliebig und UNSCHARF wird? Wieviel Auflösung der Kategorie „Geschlecht“ ist noch praktikabel und wünschenswert im feministischen Selbstverständnis bzw.im politischen Kampf gegen patriarchale Gwaltverhältnisse? Ich habe nämlich den Eindruck, daß die Queer-Theorie dazu mißbraucht wird, Frauen zu schwächen, indem ihre geschlechtliche Identität so oft dekonstruiert wird, daß sie entweder politisch handlungsunfähig werden oder sogar gegen ihre eigenen Interessen handeln. Indem sie sich z.B. von Newcomer-„Frauen“ (Trans-Leute etc.) deren Gender-Kriterien unter Anwendung von PC (Political Correctness)-Terror aufzwingen lassen. Damit aber gibt frau ihre eigene Definitionsmacht aus der Hand, was verheerende Konsequenzen hat – wie sie sich ja auch immer mehr zeigen. Z.B. dadurch, daß sich Frauen und Lesben heutzutage wieder dafür rechtfertigen müssen, wenn sie sich unter ihresgleichen treffen und austauschen wollen. Zuweilen könnte frau auf die Idee kommen, bei einigen Queers und Transen handele es sich um patriarchale Agenten des Männerlagers zum Zweck, den Feminismus vollends zu liquidieren.

  9. Heteronormativ wird als Begriff verwendet, um andere Sichtweisen mundtot zu machen (gut beschrieben in „Beissreflexe“). Es wird eine Hierarchie der Betroffenheiten aufgemacht , in der „trans“ als mehrfach Diskriminierte konstruiert und somit mehr Definitionsmacht eingeräumt werden als „normalen“ Frauen. Damit werden große Gruppen von Frauen mundtot gemacht und um die eigentlichen Probleme von Frauen wird sich nicht mehr gekümmert.

    Feminismus im radikalen Verständnis hingegen setzt sich für ALLE Frauen ein, ob „heteronormativ“ oder nicht. Feminismus setzt sich sogar für mehr oder weniger unsympathische „Normopathinnen“ ein. Auch für die brave schwäbische Hausfrau, die nach zwei großgezogenen Kindern endlich halbtags arbeiten will und dann in der Pflicht steht, die alten Schwiegereltern zu pflegen. Für die junge Frau aus der Ukraine, die als „Perle“ schwarz im Haushalt arbeitet und keinerlei Rechte hat, genauso wie für die Kulturwissenschaftlerin, die nach tausend halben Stellen aus der Uni fliegt, oder die Mittelständlerin, die beim regionalen Stammtisch immer die einzige Frau ist. JEDE Frau erlebt aufgrund ihres Frauseins spezifische Benachteiligungen. Es ist ein weitverbreitetes und verständliches Phänomen, dass viele Frauen sich enorm anpassen („heteronormativ“ erscheinen), um solchen Diskriminierungen aus dem Weg zu gehen. Tatsächlich werden unangepasste Frauen häufiger diskriminiert, aber Anpassung schützt keine Frau. Die schwäbische Hausfrau, die Kulturwissenschaftlerin, die Ukrainerin, sie alle können vor ihrer eigenen Haustür vergewaltigt werden und sich dann mit den Gerichten herumschlagen, sie müssen sich rechtfertigen hinsichtlich ihres Nachwuchses, sie werden vorrangig auf ihre Emotionen und ihren Körper reduziert usw.. Radikaler Feminismus fragt nicht nach Heteronormativität und macht keine Betroffenheitshierarchie fest. Das Zauberwort heißt SOLIDARITÄT (oder feministische Entsprechungen, über die wir schon diskutiert haben). Im Radikalen Feminismus wird auch nicht danach geurteilt, wie „weiß“ jemand ist. Jede Frau egal welchen Hintergrunds kann und darf sich für alle Frauen egal welchen Hintergrunds einsetzen. Und das ist auch dringend notwendig, denn auch in Deutschland haben migrantische Frauen kaum eine Stimme, die sich speziell für ihre (Frauen)Rechte einsetzt, außerhalb von Deutschland ganz zu schweigen. Frauen werden genitalverstümmelt, Frauen in sehr patriarchalen Familiensystemen (kurdische, albanische, arabische) werden hier mitten in Deutschland isoliert und zwangsverheiratet, Mädchen aus Roma-Communities werden schon mit 12 Jahren hier nach Deutschland in die Bordelle geschickt usw. usf. Wir brauchen jede Stimme, wir brauchen jede Frau, die mitmacht, und jede ist gleich viel wert.

  10. Danke, Vuk, das mit der Betroffenheitsskala scheint der entscheidende Punkt zu sein, der zum Machtmißbrauch geradezu einlädt. Damit wird SOLIDARITÄT als Bindeglied unter Frauen abgeschafft und ersetzt durch eine Punkteskala der Benachteiligungen, der eine ausgesetzt ist. Es findet so einfach nur eine Um- und Aufwertung statt. Jemand, die/der in der Gesellschaft zuvor als marginal stigmatisiert wurde, wird mit Hilfe eines Betroffenheits-Katalogs umgedeutet in jemand, die/der aufgrund erlittener Diskriminierungen besonders herausragende Kompetenzen, Deutungshoheit und AUTORITÄT im feministischen Diskurs zugesprochen wird. Dies führt aber zu dem absurden Ergebnis, daß jemand, die erst seit kurzem Frau ist, durch den Punktekatalog mehr Kompetenz akkumuliert als die alteingesessenen biologischen Ausführungen. Das ist ungefähr so, als ob die Grundschülerin der Lehrerin die Welt erklären will. Verkehrte Welt eben! Sowas kommt aber immer dabei heraus, wenn man eine ehemals innovative Idee wie die Dekonstruktion von Gender zur Ideologie erhebt.
    Dadurch werden Frauen überdies ENTKÖRPERLICHT, ihnen wird ihr Körper quasi unter dem Hintern wegdekonstruiert. Der Körper verkommt zum reinen Text. Wir sollten unser Unbehagen ernst nehmen und uns der Verführung verweigern, wenn man uns die eigene Leiblichkeit und Sinnlichkeit ausreden will. Wer für mich eine Frau ist und wen ich als Frau wahr(!)-nehme, bestimme immer noch ich selber. Also, uns selbst und unserer Wahrnehmung vertrauen und ernst nehmen ist im Zweifel besser als anderen, basierend auf bloßer Ideologie, Autorität zuzusprechen.
    Zumal dann, wenn die Trans-Leute von ihrem aggressiv-forderndem Auftreten und Habitus her oft sehr viel mehr Ähnlichkeit mit ihrer Herkunft als Männer haben als mit dem von Frauen.

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