Die Wahrheitssucher finden die Wahrheit nicht

Fight Sexism - Streetart

by Steffi Reichert via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Im Artikel „Warum die Friedensmahnwachen für’n Arsch sind“  wird ein sexistisches Werbe-Banner kritisiert. Darauf zu sehen ist eine gefesselte Frau, die in Latexbuchse ihren Arsch zur Ansicht anbietet. Der Ersteller bildet sich ein, diese Grafik sei geeignet, „Schubladendenken“ zu überwinden. Tatsächlich degradiert sie Frauen zu hilflosen Sexobjekten und einem Ornament der Friedensmahnwachenbewegung.

Trotz heftiger Kritik und breiter Ablehnung wurde dieses Banner nicht entfernt und kann weiterhin abgerufen und verlinkt werden. Auf die Verlinkung hier wird verzichtet.

Entworfen hat dieses Banner ein Mann, der sich im Rahmen der Berliner Mahnwachen „Aejou Faux“ nennt, und mit bürgerlichem Namen Krystian Schneidewind heißt. Unter diesem Namen führt er auch ein Facebook-Profil. Dort ist auch dieses grottige Banner zu finden. Auf der Friedensmahnwache in Berlin am 30.06.2014 gab Guru Lars bekannt, dass eben jener Krystian zukünftig die Mahnwachen in Berlin moderieren wird. Er darf als Mährholz Nachfolger in der Funktion des Moderators gesehen werden. Seine bescheuerte Idee „robuster“ Sexismus gegen Frauen wäre dazu geeignet, Sexismus gegen Frauen zu überwinden, hat er wahrscheinlich noch nicht vergessen. Wie schon im Artikel vom 28.06.2014 beschrieben, ist Sexismus leider kein Kriterium zum Ausschluss aus der Berliner Mahnwachenstruktur. Dass soviel Blödheit aber zum Sprungbrett an die vorderste Front der Friedenstauben auf dem Potsdamer Platz in Berlin wird, überrascht selbst mich.Wider dem Phallus!

Jürgen Elsässer hingegen wurde mittlerweile ein Redeverbot für die Berliner Mahnwache am Potsdamer Platz erteilt. Über die Gründe kann frau nur mutmaßen. Der häufigste und lauteste Vorwurf gegen Elsässer lautet: Homophobie. Seine Haltung zum Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare, veröffentlicht auf youtube am 10.03.2014 [http://www.youtube.com/watch?v=PZRCJcbe-Y0] in Form eines Interviews, entspricht dem von AfD-Chef Lucke und lässt die Bewertung als homophob zu. Anlass des Interviews ist ein Sonderheft des von Elsässer herausgegebenen Compact-Magazins März 2014 mit dem Titel „Feindbild Familie“. Das Heft will über die „politische Kriegsführung gegen Eltern und Kinder“ aufklären. Beiträge haben neben anderen Norbert Blüm, Eva Herman und Thilo Sarrazin publiziert.

Im Interview, das Ken Jebsen mit Elässer führt, spricht sich Elsässer gegen „Raubtierfeminismus“, „Geburtensturz“, „sexuelle Umerziehung“ durch Gender-Mainstreaming und „Frühsexualisierung“ aus. Jebsen arbeitet durch kritische Nachfragen die Widersprüche in Elsässers Propaganda heraus, schafft es aber nicht, selbst emanzipatorische Ideen zu formulieren und dem konservativen Gejammer etwas Intelligentes entgegen zu setzen. Als Negativbeispiel für die Folgen progressiver Familienpolitik führt Elsässer Frankreich an. Durch Einführung der „Schwulenehe“ und „Schwulenadoption“ würden die Begriffe „Ehe“ und Familie“ ausgehöhlt. Ab Minute 9 der Aufzeichnung äußert sich Elsässer dann zum Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare. Die Möglichkeit erkennt er an, die Institutionalisierung lehnt er ab. Bei seiner Ablehnung bezieht er sich auf eine statistische Untersuchung aus dem Jahr 2009 und stellt auf methodische Mängel ab. Es wären zu wenige Paare und auch Kinder befragt worden, zudem in der Mehrheit Frauen. Auf Jebsens direkte Nachfrage, ob Elsässer ein Verbot der Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare fordert, reagiert er ausweichend. Erklärend fügt er hinzu, dass die Möglichkeit der Adoption durch einen neuen Partner oder eine neue Partnerin des leiblichen Elternteils bereits vorhanden ist. Das sei ausreichend. Bedingung für die Adoption von Kindern durch ein gleichgeschlechtliches Paar ist demnach die leibliche Verwandtschaft eines Elternteils. Das Adoptionsrecht homosexueller Paare, in dem keine_r Partner/in mit dem Kind verwandt ist, reduziert er auf das Recht der Komplettierung einer Familie um einen weiteren – in diesem Fall gleichgeschlechtlichen – Elternteil. Er stellt sich argumentativ gegen das Adoptionsrecht von Paaren, bei denen bei beiden keine leibliche Verwandtschaft zum Adoptivkind besteht. Allerdings ist er zu feige, es auch so auszudrücken.

Der Sexismus, den Elsässer bis dahin nur schwer verbergen kann, bricht dann in der Aussage heraus, dass in dieser Studie vor allem Frauen befragt wurden und davon auszugehen sei, diese würden „ganz gut“ mit ihren Kindern umgehen. Was auch das Fazit der besagten Studie falsch-positiv beeinflusst hätte. An dieser Stelle versäumt es Jebsen weiter nachzuhaken. Zu Jebsens Frage, ob Frauen (!) die häusliche Betreuung der Kinder selbst übernehmen sollten oder – wieder wird Frankreich erwähnt – als staatliche Leistung Fremdbetreuung der Kinder gewährleistet werden muss, antwortet Elsässer: der Staat solle sich weitgehend heraushalten und Wahlmöglichkeiten schaffen. Die aktuellen Gegebenheiten bzgl. Betreuungsangeboten findet er ausreichend. Jebsen bezweifelt das. Im Argen liege, so Elsässer, die staatlich gesteuerte Unterstützung der Frauen (!), die ihre Kinder zu Hause betreuen wollen. Von einer steuerrechtlichen Privilegierung von Alleinverdienerfamilien durch Ehegattensplitting hat der Retter der Ehe und Familie, Jürgen Elässer, noch nichts gehört.

Frauen würden aber durch die deutsche Familienpolitik in eine Pseudsoemanzipation durch Erwerbsarbeit und Kitabetreuung gedrängt. Jebsen definiert, als Antwort auf Elsässers Stuss, die Emanzipation von Frauen als Möglichkeit zur Erwerbsarbeit. Er behauptet, Frauen zu kennen, die gern Kinder bekommen, aber „danach“ wieder ins Erwerbsleben „zurückkehren“ (wollen). Diesen „Break“ auf der „Karriereleiter“ kompensieren diese Frauen mit dem Glück der Mutterschaft. Warum es diesen „Break“ gibt und er vor allem auch in Jebsens Bekanntenkreis ausschließlich Frauen betrifft, wird nicht hinterfragt. Elsässer stellt dann wieder auf Frankreich als Beispiel ab und erwähnt eine „sehr gute Geburtenentwicklung“ und führt als Gründe, die flächendeckende Versorgung mit Kinderbetreuungs-angeboten und die steuerrechtliche Privilegierung gut verdienender Paare mit Kindern an. An dieser Stelle bekennt sich Elsässer auch noch zum Sozialchauvinismus, denn es sei für HartzIV-Empfangende „lukrativ“ Kinder in die Welt zu setzen. Durch Kinder sei es möglich, das Haushaltseinkommen aufzustocken. Dass Kindergeld auf Leistungen nach dem SGBII (umgangssprachlich: „HartzIV“) angerechnet wird, wissen offensichtlich weder er noch Jebsen. Eine notwendige kritische Nachfrage durch Jebsen bleibt aus. Auch das sexistische Basisverständnis Jebsens bricht sich nun endlich Bahn. Den Umstand, dass die Geburtenziffer in Deutschland bei 1,4 pro Frau liegt, führt er auf das hohe Bildungsniveau der Frauen zurück, was wiederum zu hohem Einkommen führe und den Egoismus der Frauen speise. Gebildete Frauen möchten lieber essen gehen und mit dem zweisitzigen Sportwagen in Kino fahren, als Mutter zu werden. Elsässer antwortet mit einem Zitat von Nicolas Rockefeller, wonach der Feminismus eine Erfindung des Kapitals sei. Im Gesprächsteil um die Bedeutung der „68er“ bescheinigt Jebsen den Frauen ihre Befreiung und gesteht ihnen das Recht zu, Karriere zu machen und trotzdem kompetent zu sein. Ich lachte laut. Den Einwand Elsässers, die sexuelle Revolution im Rahmen der „68er“ hätte die Entmenschlichung der Frauen zum Sexobjekt bewirkt, kontert Jebsens mit der Objektifizierung der Männer….

Nach 30 Minuten des einstündigen Videos bluten mir die Ohren und mein Hirn schlägt Falten. Und ich erkenne, das dringende Bedürfnis etwas klar zu stellen:

Was ist nun wirklich in Frankreich los?

In Frankreich ist die Abtreibungspille (RU 486) seit 1988 zugelassen. Frauen können in Frankreich in den ersten 14 Schwangerschaftswochen auch dann eine Abtreibung vornehmen, wenn keine Notlage vorliegt. In Frankreich haben Frauen das Recht auf anonyme Geburten und garantierten Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte. Vater- wie auch Mutterrechte ergeben sich aus einer Willensbekundung. Leiblichkeit ist in Frankreich nicht die Basis der Eltern-Kind-Beziehung. Adoptiveltern sind leiblichen absolut gleichgestellt. Biologismus spielt in der französischen Familienpolitik keine Rolle. Statt der in D als progressiv verkündeten „Homo-Ehe“ gibt es in Frankreich das Institut der Beziehung gegenseitigen Verantwortung, das allen Paaren offensteht und die traditionelle Ehe um ein alternatives Lebensmodell ergänzt. Frankreich wird zusammen mit den Ländern Skandinaviens als das EU-Mitgliedsland bezeichnet, in dem sich der Staat und die öffentliche Hand am stärksten familienpolitisch engagieren. Familienpolitik gilt als Angelegenheit des Staates (L’affaire d’Etat). Frankreich weist Spitzenwerte in der Betreuungsdichte von Vorschülern auf, sowohl im europäischen Vergleich als auch im Vergleich mit Schweden und Deutschland. Die französischen Vorschulen sind zu einer sozialen Norm geworden. Seit 2002 haben Väter Anspruch auf einen Vaterurlaub von vierzehn Arbeitstagen mit einem Vaterurlaubsgeld, das dem Mutterschaftsgeld entspricht. Die Inanspruchnahme dieser Freistellungs-regelung ist höher als erwartet und bedeutet eine kulturelle Wende in dem Konzept Vaterschaft. Die Vorschulen sind kostenlos, da sie, obgleich ihr Besuch freiwillig ist, Bestandteil des nationalen Schulsystems sind. Die Geburtenziffer liegt in Frankreich bei 2,01 Kindern pro Frau, während der europäische Durchschnitt bei 1,5 (in D bei 1,4) stagniert. Die staatliche Intervention im Rahmen generativer Verantwortung wird nicht hinterfragt.

Mein Fazit

Jürgen Elsässers Demogagie funktioniert nicht, Jebsens aber auch nicht. In diesem Gespräch der Beiden wird das auf die Spitze getrieben, was radikalen Feministinnen auf den Zwickel geht: Eine Diskussion über die Situation der Frauen und deren Emanzipation wird von Männern geführt und auf unterstem Niveau. Zwei Männer im Dialog, die sich über die „Schwulenadoption“ uneins sind, aber nicht darüber, dass Frauen via Geschlecht die besseren Eltern sind und ihnen trotzdem das Recht auf Erwerbseinkommen eingeräumt werden muss.

Im Vergleich zu Elsässer mag Jebsen zumindest in diesem Interview wie der Progressivere wirken. Neben Elsässer wie ein Menschenfreund und Frauenflüsterer zu strahlen, ist aber kein Beweis intellektueller Größe. Ein Kämpfer für die Befreiung von Frauen aus patriarchalischen Zwängen ist auch Jebsen nicht. Nun ausgerechnet Jürgen Elsässer Raum für die Publikation seiner Propaganda zu geben, ist auch keine Glanzleistung. Erschütternd aber ist, dass die Antidiskriminierungspolitik Jebsens nicht mehr wird als der Konterpart zu Elsässers Politik der Antiaufklärung. Während Elsässer das Gestern bejubelt, beschränkt sich Jebsen darauf, ihm die Gegenwart näher zu bringen. Allerdings verharrt auch die Familienpolitik der linken Parteien (Die Linke und B90/Grüne) auf eben jenem Niveau der Gleichstellungspolitik im Elend des patriarchalischen Kapitalismus. Nach anfänglicher Rumzickerei ist die Annäherung des konservativen Flügels der parlamentarischen Linken an die Friedensmahnwachenbewegung nur konsequent. Da wächst zusammen, was ideologisch aus einem Bottich säuft. Mehr als Gegenreden zu diskriminierenden Politiken finden auch in der parlamentarischen Linken nicht statt. Emanzipation bleibt beschränkt auf Forderungen nach materieller Unabhängigkeit und Überwindung von Diskriminierung. Die Lösungsangebote zur Überwindung erkannter Diskriminierung, zB. aller Lebensentwürfe neben der kleinbürgerlichen Kernfamilie, weisen nicht über das Bestehende hinaus. Als Antwort auf die Ausgrenzung Homosexueller aus dem Recht via Heirat einander auszubeuten und Privilegien abzugreifen, wird die Ausweitung des Konstrukts der Ehe auf gleichgeschlechtliche Paare gedacht. Die Forderung nach Gleichstellung von homosexuellen Paaren im Adoptionsrecht stellt die Ideologisierung der Leiblichkeit als Basis von Rechtsbeziehungen nicht in Frage. Damit bleiben alle Adoptiveltern – egal ob homo- oder heterosexuell- Eltern zweiter Klasse und Frauen wird das Recht auf anonyme Geburten verwehrt.

Wenn nun Elsässer sich gegen Antidiskriminierungspolitik stellt und Jebsen sich darauf ausruht, einen gesamtgesellschaftlichen Minimalkonsens gegen Elsässer durchzusetzen, wird die Frage nach dem emanzipatorischen Gehalt dieser Debatten leicht beantwortet: Null.

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