Entsolidarisierung mit Gewaltopfern

Drei Affen - Nichts hören, nichts sehen

By Jakub Hałun (Own work) [GFDL or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich finde ich den Titel etwas zu harmlos für das, was ich hier in relativer Kurzfassung beschreiben möchte. Ich bin nämlich – mal wieder – in Rage und hatte andere Vorschläge im Kopf, die aber alle aus dem Vulgärspektrum kommen, obwohl … vielleicht … doch … passender? Lassen wir das.

Es geht darum, dass von Frauen, die sexuelle (und andere Formen von) Gewalt erfahren haben, erwartet wird, sie mögen sich doch bitteschön etwas „sachlicher“, „rationaler“ und – oh, wie ich dieses Wort inzwischen hasse – „differenzierter“ zu ihrer Sache äußern.

Das ist nichts Neues, eigentlich ’ne patriarchale Silencing-Strategie deluxe (merken die nur nicht, aber wen wundert’s?). „Sei doch mal nicht so „hysterisch““ und so. Und: „Du bist viel zu emotional!“ Ihr kennt das alles …

Aber es gibt einen erneuten Anlass:

Huschke Mau, Aktivistin und Prostitutionsüberlebende hat eine astreine Replik auf den unsäglichen Positonierungsbeschluss der linksjugend [’solid] veröffentlicht und der geht ziemlich viral (Huschke, das war so auf die 12 – danke noch einmal an dieser Stelle) und wird ziemlich gemocht! Gefallen tut das natürlich nicht allen, der Lobby nicht und ihren FreundInnen und ClaqueurInnen auch nicht:

Einer LINKEN-Politikerin beispielsweise, dem „Sexarbeiterinnen“-Narrativ verfallen und offensichtlich Lobby-verblendet fällt als Reaktion auf den Post von Huschke zunächst einmal Folgendes ein (ich erwähne diese Zitate lediglich exemplarisch aus aktuellem Anlass, das ist mitnichten ein „neues Phänomen“):

„Diese Art Texte helfen doch nicht wirklich weit. Vielleicht wäre eine rationale Auseinandersetzung eine Alternative zur Meinungsbildung.“

Oder weiter unten:

Der Text beruht auf vielen Thesen, die unseriöserweise als Tatsachen hingestellt werden. Auch, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen schüre. Daher finde ihn keine geeignete Grundlage zur Diskussion.“

Ich kann ehrlich gesagt nicht in Worte fassen, wie zutiefst respektlos, empathiefrei, menschenverachtend und ignorant ich Reaktionen dieser Art finde, die auf die Schilderungen erlittener und massiver Schädigungen durch die Prostitution folgt.

Und Mist, jetzt funkt wieder mein Vulgärspektrum aus meinem Sprachzentrum rein. Aber mal ehrlich: Wer hat euch eigentlich so ins Gehirn geschissen und was hat dazu geführt, dass euch jedwede Form von Respekt und Mitgefühl geraubt wurde – selbstredend nur dann, wenn es um Gewalt gegen Frauen, speziell in der Prostitution, geht?

Was erwartet ihr denn eigentlich, wie sich betroffene Frauen ausdrücken sollen? Habt ihr einen Wörterkatalog parat (ich meine noch einen weiteren, neben dem mit dem, der das neoliberale Geblubber enthält, was ihr eh schon inflationär verwendet)?

Macht ihr das bei allen Mädchen und Frauen, die vergewaltigt werden? Sagt ihr ihnen, „jetzt sei mal nicht so emotional“! Fordert ihr sie auf: „Das musst du mir aber mal etwas rational zugänglicher erklären!“ Sagt ihr einer Frau, die Partnerschaftsgewalt erlebt habt: „Jetzt komm aber mal runter, du musst dich einfach etwas von der psychischen und physischen Gewalt distanzieren!“ Jetzt sehe ich euch vor meinem geistigen Auge alle ganz wild den Kopf schütteln. „NEIN! NEIN! DAS WÜRDEN WIR NIEMALS TUN!“ Und als Nächstes: „Das ist ABER DOCH WAS GANZ ANDERES!“

Und nein, verdammt nochmal, es ist NICHTS anderes. Mit solchen Aussagen bedient ihr euch erstens an einem urpatriarchalen Instrument (Stichwort: Silencing von Frauen), ihr befeuert und bekräftigt Rape Culture, ja ihr erhaltet sie aufrecht (Stichwort: Halt die Klappe, sprich nicht drüber, etc.) und ihr verhaltet euch damit zutiefst unsolidarisch und respktlos. Es ist: Entsolidarisierung in Reinform.

Ich meine, natürlich ist es mir klar, worum es geht. Es geht um Wahrheit(en) und die sind nicht schön. Nein, diese Gewalt ist nicht schön und es ist nicht schön, von ihr zu lesen, von ihr zu hören – sie zu ERLEBEN. Ich weiß nicht, wie viele schlaflose Nächte und Albträume ich schon hatte nach all den Geschichten, die ich über Gewalt gelesen habe und von denen mir Frauen erzählt haben (von meiner eigenen Gewalterfahrung mal abgesehen).

Ihr wollt sie nicht hören, diese Wahrheiten. Und deswegen stellt ihr Forderungen auf. Unangemesse, unangebrachte, unpassende, dreiste und miese Forderungen: Sachlichkeit, Rationalität, Differenziertheit. Wisst ihr eigentlich, was das mit den Betroffenen macht? Habt ihr schon mal was von Psychotraumatologie gehört? Ach ne, das ist ja auch nicht schön. Schön findet ihr sicher den Film SEXARBEITERIN, nicht? Ja, der ist echt schön. Alles ist so schön in der huldigen, frauenbefreienden „Sexarbeit“.

Aber eines kann ich euch sagen: Wir und alle Frauen, die diesem Elend entstiegen sind und diesem Elend ein Ende machen wollen, wir werden nicht aufhören darüber zu sprechen: Über Vergewaltigungen, über frauenhassende Männer, die es geil finden, Frauen (in der Prostitution) zu erniedrigen. Über all das werden wir nicht schweigen. Von mir aus könnt ihr mit eurem Affengehabe (ich mag Affen, ich beziehe mich auf das Ding mit nicht-hören, nicht-sehen, …) weitermachen. Aber die Zeit des Schweigens ist längst vorbei.

Und ihr, all jene, die solche Forderungen aufstellen, ihr habt euch mal locker einem aktiven Frauenverrat verschrieben. Dazu kann ich euch nicht einmal zynisch beglückwünschen, denn es macht mich nicht nur rasend, es bringt mich zur Verzweiflung und zum Weinen.

Huch, Emotionen, pfui, weg damit.

Ich muss das einfach mal „rationaler“ angehen.

Einen Scheißdreck werde ich.

5 Kommentare

  1. Jacqui

    Super Text! Bei legalisierter Vergewaltigung von Sexwork zu sprechen ist an Widerlichkeit nicht zu überbieten!

  2. Genau diese unsägliche „silencing-Strategie“ wird auch von den Frauen vor Gericht eingefordert. Das jetzt andere Frauen ebenfalls in diesen „New-speak“,—(haltet mal die Emotionen draussen, Mädels, das nützt doch niemandem…. etc. Blablabla) verfallen sind, ist einfach nur widerlich und männlich abgeguckt. Pfui! Keine Empathie nirgends. Und diese „Neu-Patriarchats-gestylten-Frauen“ nehmen dann auch noch für sich in Anspruch, zu wissen, was das Beste für die Prostituierten ist. Eben! ZB. „Die sollen sich halt mal nicht so anstellen!!!!! “
    Bei Vergewaltigungsprozessen kann jedoch der Frau auch die Emotionslosigkeit als fehlende Glaubwürdigkeit ausgelegt werden. So, oder so, zuviel oder keine Emotionen, einfach gerade wie es den Herren Richtern und Anwälten so in den Kram passt.
    Sind eigentlich diese Quaaak-Frauen bereits selbst digitalisiert und mechanisiert?
    Das Leben ist nicht 2-Dimensional, mechanisch und gefühllos, auch wenn einige „Sach- und Fachexpertinnen“ dies gerne so hätten. Da ist dann jedes Gefühl bereits krankhaft. Entweder hysterisch oder „borderline“. Wie einfach es sich diese Fachidioten doch machen!
    Es ist wirklich zum Kotzen. Ja, man könnte tatsächlich verbal ausrasten.
    Sie nennen dann ihr Gelaber auch noch sachlich-objektiv, was dem Ganzen dann noch die Krone aufsetzt.

  3. Danke für die klare Ansage, unterstütze ich von A-Z von ganzem Herzen, emotional, wütend, auch hoffnungsvoll ob solcher Zeitgenossinnen wie Dich und alle Störenfriedas. Auch im Namen des Frauenverbands Courage

  4. Leider läuft das so. Als ich versucht habe über meine Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch zu reden,hab ich als Reaktion auch nur Rückzug erhalten. Mit dem Thema wollen eben selbst Frauen nix zu tun haben. Aber das ist meiner Ansicht nach Folge des Patriarchats. Wir wollen auch nichts mit Umweltverschmutzung zu tun haben. Täglich wird Mutter Natur mit Müll, Rodung, Fracking etc. Vergewaltigt. Wir sehen zu. Das hat eben großen Stil. Wir leben in einer echt abgefuckten Gesellschaft. Und ja es nervt immer alles so ohne Emotionen mitteilen zu müssen.
    Heute hab ich erst ein neues nettes Thema entdeckt. Ich hab mich so aufgeregt.
    http://www.aargauerzeitung.ch/leben/leben/liebe-maenner-deshalb-sind-eure-frauen-vor-der-periode-so-aggressiv-129486774
    Statt nach den Ursachen zu forschen gibt man diesen Frauen Psychopharmaka. Welch Leistung. Und ich dachte da wird mal tatsächlich erklärt,warum Frauen dann so nen Hass auf Männer bekommen. Pustekuchen.

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