Fragwürdiges Philosophieren über sexuelle Gewalt

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Luise

Eigentlich kann mensch es begrüßen, wenn sich linke Medien des Themas sexualisierter  Gewalt annehmen. Doch bedauerlich war, wie das Thema im Magazin „Streifzüge“ vom Frühling 2015 besprochen wurde. Karin Wachter vom Verein Frauen gegen Vergewaltigung in Wien schrieb hier mit dem Titel „Sexualisierte Gewalt. Aspekte eines gesellschaftlichen Problems“– ehrgeizig und nutzlos.
Ihre Literaturliste bietet im Grunde das Interessanteste im zweiseitigen Artikel. In ihrem Text verzichtet sie aber auf jegliches konkretisierende Zitat aus dieser Literatur, was ihre Besprechung undeutlich macht. Sie surft in Begrifflichkeiten und philosophiert zum Thema – ohne jede konkrete Bezugnahme auf gesellschaftliche Fakten oder Theorien aus der Literatur. Um es gleich zu sagen, der stärkste Eindruck, der sich aus ihrem Artikel ergibt, ist der Ehrgeiz der Autorin: Auf zwei Seiten mit „Klischees“, „Binsenweisheiten“ und „Tabus“ aufzuräumen als wollte sie sich profilieren. Sie relativiert Opfer-und Täterrolle und bedient die heute in vielen bürgerlichen Medien wiederaufgelegte These, dass „der Feminismus“ „seit nunmehr vier Jahrzehnten“ die Frau zum Opfer erkläre und die männliche Norm in der Gesellschaft anprangere- unvernünftigerweise, wie Wachter befindet.  Sie gründet hier wohl – wie gesagt, ich kann ohne konkretes Zitat nur raten- auf den Thesen der weiblichen „Mittäterschaft“ von Christina Thürmer-Rohr (diese schrieb vor 20 Jahren zum Thema und ich würde ihre Sicht nicht so fraglos als heute aktuell voraussetzen).


Wachter bewegt sich hier auf der antifeministischen Welle der jüngeren Zeit, und – das nervt- möchte sich damit anscheinend philosophisch betätigen und hervortun.  Um ihre Behauptungen zu untermauern, liefert sie wie gesagt keine konkreten Fakten oder Zitate. Andeutung folgt auf Andeutung. Das ist schlechte Schreibarbeit. Und auch verantwortungslos, weil die kulturelle Täterschützersphäre der männlichen Norm in der Gesellschaft, mit Herabwürdigung und Ausbeutung der Frau z.B. in der gegenwärtigen Sex-Industrie, mit ihrem Anteil an einer Vergewaltigungskultur, hier als vorwiegende, aktuelle und traditionelle Eigenschaft geleugnet oder relativiert wird.  Nun freilich argumentiert die Autorin, Frauen würden ebenfalls am traditionellen System mitwirken -wie versimpelt! Sozialpsychologie ist wohl Neuland für sie. Weder für Sex-Industrie noch für die biographischen und gesellschaftlichen Vorläufe für Prostitution und weibliches „Mitmachen“ hat sie ein konkretes Wort.

Wachter wendet sich hier gegen die feministische Gewaltkritik, die „seit nunmehr vier Jahrzehnten“ „der patriarchal strukturierten Gesellschaft und ihren Institutionen vor(wirft), einen Zusammenhang von Sexualität und Gewalt, Gewalt und Lust geschaffen zu haben“. „Sexuelle Handlungen werden demnach instrumentalisiert, um Macht und Dominanz zu demonstrieren … Diese These lenkt von der Pathologie Einzelner auf die Pathologie einer Gesellschaft, der Gewalt seit jeher innewohnt und die sexualisierte Gewalt zum Bestandteil struktureller Gewalt gegen Frauen und Mädchen macht. Erklärt das die anhaltende Stagnation im Kampf gegen sexualisierte Gewalt?“ Wachter bringt es fertig, in dem ganzen Artikel ihre Bezugnahme auf „den Feminismus“ (ohne Differenzierung) in wenigen Sätzen zu tätigen, hier eine ungebrochen fortdauernde feministische These zu behaupten, und diese These auf wenige Formulierungen herunterzubrechen. Dann räumt sie auf: Es müssten doch „Macht und Gewalt“ unterschieden werden, und wir verstehen: Es geht nur um „die Pathologie Einzelner“ (als Gewalt). Von Gewaltausübung durch Medien ( die gibt`s!), Gewalt durch Sprache, hat sie noch nicht gehört.

In sozialpsychologischer Hinsicht hat sie sich noch nicht umgesehen. Was die Manipulation der Konsumindustrie bezweckt und was sie auswirkt, interessiert sie ebenfalls nicht. Wir leben offenbar alle als eigenständige Subjekte, wie Monaden, in Gottes freier Natur. Auch hält sie sich nicht damit auf, ihre Unterscheidung von Macht und Gewalt auszuführen. Wir bekommen von ihr auch sonst keinerlei Konkretionen, seien es gesellschaftliche Fakten oder aber philosophische Untermauerungen. Nein. Nur ihre eigenen Urteile: „Nicht die Frau ist Opfer, sondern sie war Opfer einer Gewaltsituation.“ (Nicht Gewalttat? Nur Situation? ) „Jedenfalls sind Täter meist nicht nur Täter, Opfer nicht nur Opfer (…)“. Wachter relativiert hier ohne jede konkrete Ausführung, wendet sich aber gegen „den“ Feminismus. Das kann mensch auch Bashing nennen. Unlauter ist ihre Darlegung gegenüber einem radikalen Feminismus von heute, der hier- wieder mal- bezichtigt wird, Männer zu diskriminieren. Ja, gewiss werden auch Männer Opfer und gibt es Missbrauch an Jungens, und Stricher-Industrie. Warum soll mensch hier die eine Geschlechterrolle gegen die andere ausspielen?

Wie es schon Ariane Panther sagte („Gleichstellungsaktivismus und Gender„):
„Es ist immer wieder erstaunlich, aber nicht wirklich verwunderlich, wenn in der Welt des heutigen Patriarchats radikalen Feministinnen Diskriminierung von Männern vorgeworfen wird. Zusätzlich wird immer wieder von radikalen Feministinnen gefordert, sich für die Gleichstellung von allen Menschen einzusetzen und nicht nur für die Interessen von Frauen und Mädchen.“

Doch mit dem Herumlavieren von Wachter kommen wir nie zu einem gesellschaftlichen Handlungsansatz. Im Gegenteil, sie verwäscht feministische Kritik und Betätigung, indem sie sie auf simple Weise bezichtigen und entlarven will. Sonderbar auch, sie jongliert mit psychologischer und sozialgesellschaftlicher Ebene. Im Titel geht es um „ein gesellschaftliches Problem“, im Artikel wird plötzlich laviert: Die Kategorie Frau als Opfer will Wachter dekonstruiert sehen und sexualisierte Gewalt sei letztlich kein gesellschaftliches, sondern ein situatives, pathologisches Problem. Das ist unaufrichtig. Und es wird kein Schuh draus.Unverantwortlich ist ihr verwaschenes Argumentieren auch: Sie ruft Opfererleben bei möglich betroffenen Leserinnen wach und hält denen plötzlich sozialgesellschaftlich Mittäterschaft entgegen. Merkbar ist an dem Text nur, dass sich die Autorin mit Dekonstruktionen überschlagen möchte. Viel Spaß dabei- wie wäre es, mal solidarische und verbindende Eigenschaften der Opfer zu betrachten, anstatt alles zu relativieren und die bürgerliche Diffamierung des kritischen Feminismus noch zu stärken (die „Streifzüge“ verstehen sich als linkes Medium)? Mit anderer Sichtweise wäre es vielleicht doch möglich, dass männliche und weibliche Opfer sexualisierter Gewalt gemeinsam gegen den kommerziellen Wahnsinn und die Erniedrigung des Menschen in der Sex-Industrie protestieren- und dass sie der traditionellen gesellschaftlichen Opfererfahrung der Frau dabei ihren historischen Platz durchaus einräumen, natürlich, was denn sonst!

Zuletzt sind Wachters Allgemeinplätze beklagenswert: „Jeder Mensch kann nur selbst definieren, ab wann es sich um Gewalt handelt und inwieweit mensch unter den Folgen einer Grenzverletzung leidet“. Was soll das besagen? „Jeder Mensch“, auch das konkrete Opfer und der konkrete Täter in der gleichen Situation? Die Definitionsmacht war und ist ja eben ein heiß diskutiertes Problem, eben darum drückt sich Wachter.
„Das Tabu ist das Leiden, der Schmerz, das Entsetzen und das Grauen.“ Was soll mensch dann noch mit solchen Sätzen anfangen? Die helfen auch nicht weiter, nachdem jeder konkrete Handlungsansatz oder Kritikpunkt von der Autorin untergraben wurde. Schade, so viel Ehrgeiz und so schludrige Schreibe (mit der Tendenz zum Bashing) bei einem Thema, das eh in den Medien zu kurz kommt.

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