Frau und Natur – wie der Mann sich beide untertan machte

Nude woman in nature

By Robert Wilson Shufeldt (photographer) [Public domain], via Wikimedia Commons

Worte können schmerzen, sie können mitten in unser Herz, oder noch schlimmer: Direkt in unsere Seele fahren. Susan Griffin schrieb 1978 ein Buch, dessen Seiten mit so vielen schmerzhaften Wahrheiten angefüllt sind, dass der Reflex, es bei Seite zu legen, beim Lesen übermächtig wird. „Frau und Natur“ ist, wie sie selbst schreibt, ein „unkonventionelles“ Buch. Es beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Patriarchat und der Zerstörung der Umwelt, es ist wohl kein Wunder, dass, nachdem die Männer den Körper der Frau ausbeuteten, missbrauchten und bis heute ausbeuten und missbrauchen, sich auch an der Natur vergingen und sie bis heute langsam zerstören. Griffin hat ihr Buch in Zitaten und Gedankenfetzen geschrieben, die jedoch aneinandergefügt ein grausiges Bild ergeben. Es ist die Stimme einer Frau, die unter Gewalt, Demütigung und Schmerz erfährt, was es heißt, in dieser Welt Frau zu sein. Es sind die Tiere, die Natur, mit denen sie das Leid teilt – und dennoch steht am Ende dieser Reise die Hoffnung.

Wir sind Vogeleier. Vogeleier, Blumen, Schmetterlinge, Kaninchen, Kühe, Schafe; wir sind Raupen; wir sind Efeublätter und Sprosse von Kletterpflanzen. Wir sind Frauen. Wir steigen aus der Welle. Wir sind Gazelle und Taube, Elefant und Wal, Lilie und Rose und Pfirsich, wir sind Luft, wir sind Flamme, wir sind Auster und Perle. Wir sind Frau und Natur. Und er sagt, er kann nicht hören, dass wir etwas sagen. Aber wir hören es.

schreibt Griffin im Prolog. Der erste Teil des Buches heißt „Materie“ – er analysiert, wie sich der (männliche) Geist die Schöpfung der Erde zurecht gelegt hat, wie er eingeteilt, unterschieden, ab- und aufgewertet hat.

Es wird beschlossen, dass die Materie passiv und unbelebt ist und dass alle Bewegung von außerhalb der Materie kommt.

heißt es da, so wie es Aristoteles, ein überzeugter Misogynist, in seiner Physik schrieb.

Es wird beschlossen, dass die Natur der Frau passiv ist, dass sie ein Gefäß ist, das darauf wartet, gefüllt zu werden.

Die Welt wird geordnet – und den Frauen ihr Platz darin zugewiesen. Sie sind schwächer, verfügen über geringer intellektuelle Reife und werden den Kindern gleichgestellt. Frauen haben kleinere Gehirne, wird behauptet, deshalb seien sie weniger klug als die Männer, sie bedürfen der Führung durch den Mann, sie werden von ihren Gefühlen gesteuert. Sie sind der Natur näher als der Mann mit seinem Verstand – und das wird auch noch als Lob des Mannes empfunden.

Sowohl die emanzipierte Frau als auch der befreite Neger, heißt es, zeigen Symptome von Geisteskrankheit oder Nervosität.

befinden John S. und Robin Haller im Viktorianischen England.

Der Teil mit dem Titel „Land“ beschreibt, wie der Mann sich die Erde untertan machte, sie „eroberte“ und auf Kosten der ihm unterworfenen Völker und der Natur zu herrschen begann. Nicht umsonst heißt eine unberührte Landschaft „jungfräulich“. Der Besitz wurde erfunden, von dem wieder andere ausgeschlossen wurden, ein Konzept, dass die Indianer Nordamerikas nicht verstanden und viele andere Völker auch nicht.  Wälder werden gerodet, Flüsse begradigt und alles verändert. Frauen müssen Nachwuchs produzieren, für die neuen Herrscher.
Der Teil „Holz“ zeigt, wie die Natur nur noch als Reservoir für die ökonomischen Interessen einiger weniger benutzt wird, der Wald, jahrtausendelanger Ort von Freiheit, Sehnsucht und magischer Angst, wird geordnet und nutzbar gemacht, seiner Wildheit beraubt. Und so wie der Wald auf seine Nützlichkeit hin untersucht wurde, so geschieht es auch den Frauen:

Ist sie emotional ausgeglichen? Ist sie verantwortungsbewusst? Vielseitig? Kreativ? Beständig? Selbstsicher? Achtet sie auf die Bedürfnisse anderer?

Die Welt wird eingeteilt, in Maßeinheiten, sie wird kartografiert und Stück für Stück ihrer Geheimnisse beraubt – und auch ein Stück ihres Zaubers. Tiere dürfen sich nicht mehr frei bewegen, sie werden gezüchtet, nach den Nützlichkeitsinteressen der Männer, der Farmer und Bauern und auch Frauen sollen möglichst jedes Jahr ein Kind haben. Auf die Züchtung folgt das Leid der Tiere, dessen Echo im Leid der Frau nachhallt. So wie Pferde dressiert werden, so wird auch die Frau dressiert. Der Körper der Frau wird mit Hass, Verachtung und Gewalt behandelt, unmenschliche Foltermethoden werden für sie während der Hexenverfolgung erfunden, die Medizin kennt keine Achtung vor ihr und nach einem langen Leben tragen die Knochen der Frauen die Spuren ihrer harten und schweren Arbeit und ihrer geduckten Körperhaltung. Frauen wird die Klitoris abgeschnitten, die Brüste verbrannt, werden die Schamlippen zusammengenäht.

Die Frau wird dem Mann und seiner Herrschaft unterstellt, es gibt keine selbstgestalteten Räume, keine Freiheit für sie. Ihr Wissen, ihre Erfahrungswerte werden ausgeblendet, ignoriert, sind nicht relevant. Sie lebt als Fremde in einer Welt, auf die sie ebenso Anspruch hat wie er, doch er sagt ihr, dass es keinen Platz darin für sie gibt. Sie wird mit Gewalt und Moral niedergehalten, damit seine Welt funktioniert, ebenso wie die Natur und die Tiere ausgebeutet und niedergehalten werden. Es ist eine Welt aus Gewalt und Zwang – und sie ist nach wie vor unsere Gegenwart. Erst in der Erkenntnis dessen, in der Rückeroberung der Freiheit und der Rückkehr zur Natur, liegt der Schlüssen zu Befreiung – für die Frauen und die Welt.

Denn wir wissen, dass wir aus Erde gemacht sind. Sieh das Gras. Die Streifen in Silber und Braun. […] Denn wir wissen, dass wir aus der Erde stammen und wie die Erde durch das geformt wurde, was vergange ist. Das Leben unserer Mütter.

Susann Griffins Buch ist eine schmerzhafte und gleichzeitig zutiefst berührende Lektüre, die jenseits von akademischen Argumenten, nur zusammenstellt, vergleicht, das Ergebnis in den Gedanken der Leserin belässt und uns Frauen daran erinnert, dass wir gelernt haben, die Welt durch die Augen der Männer zu sehen und dass die wirkliche Freiheit darin liegt, unsere eigene Sicht wiederzufinden und zu behaupten. Nicht nur für uns. Sondern für die ganze Welt.

Susan Griffin: Frau und Natur. Suhrkamp 1978

3 Kommentare

  1. All diese schmerzhaften Erkenntnissen müssen wir überall verbreiten, besser noch, viele Leute gewinnen, damit wir den „Biozid“ stoppen können, die die mächtige Weltelite veranstaltet: Hierzu empfehle weiterhin folgenden hervorragenden Frauenrechtlerinnen: Prof. Dr. Claudia von Werlhof, Dr. Christa Mulack, Vandana Shiva, Maria Mies, Heide Göttner-Abendroth, etc.

  2. Es ist die Duale Sicht auf alles um mich _ uns rings um. Der Irrglaube durch menschliche Schöpfer(kraft) alles sich Untertan (einschließlich der Erhebung über andere Menschen) machen kann _ ich da draus die Macht und die Gewalt herleiten und begründen kann.

    Ich bin nicht Dank meiner Geburt in einem EUROPÄISCHEN CHRISTLICH SOZIALISIERTEN Land per Geburt besser als die Menschen aus anderen Kontinenten. Auch diese sind es im Umkehrschluss nicht.
    Ein Dialog // Austausch mit meinem Gegenüber kann ich nur beginnen, wenn ich unsere Verschiedenartigkeit im Denken und Erkennen würdige. Jeder Austausch kann unter genau diesem Moment zu einer wechselseitigen Bereicherung führen!
    Da in diesem Augenblick etwas GEMEINSAMES aus dem wechselseitigen Teilen entstehen kann, was deutlich mehr als die zusammengefügten Einzelteile ist!

    Teilen _ Teilhaben _ Tauschen wird in dem Augenblick zur Bereicherung aller Beteiligten, in dem diese Begreifen, dass keine der beteiligten nach der Aktion ärmer um den gegeben Beitrag sein muss … weil der bekommende sich da dran ALLEIN bereichern kann.

    Wenn ich etwas schönes _ wertvolles meine zerstören zu können KRAFT meiner Macht und Gewalt da drüber, dann unterliege ich in diesem Augenblick einer der Grundsätzlichsten Irrtümer!!! Im Moment des Zerstörens nehme auch ich selber Schaden da dran _ mit der Hoffnung durch immer weitere Zerstörung mich von genau diesem Schaden zu befreien, habe ich nur die Abwärtsspirrale in Gang gesetzt. Wie stark diese Sogwirkung ist … wie sehr – wie lange … etwas in mir und um mich herum … mich vor dem Sturz ins Bodenlose bewahren kann …………. weiß kein Mensch!

    Die Erkenntnis, dass es an Menschen ist, diese Abwärtsspirrale aufzuhalten _ sie Stoppen und aus dieser heraus kommen können, in dem sie sich bewußt werden, dass immer weiter Zerstören uns selber schadet und durch weitere Zerstörung es nur noch schlimmer wird ______ ist der Anfang, des Weges der Heilung! Dem Leben wieder den gebührenden Raum und die gemäße Möglichkeit geben!

  3. Liebe Nimue

    ein besonders herzliches Danke für das Aufmerksam machen auf dieses Buch.
    Durch Deine Gedanken zum Inhalt dieses Buches hast Du meine Neugierde auf die eigene Lektüre dieses Buches geweckt!
    Noch mehr würde ich mich freuen, wenn Dein Betrag und die vielen Kommentare der anderen Leserinnen dazu beitragen, dass wir stärker MITEINANDER in den Austausch und auch zu Änderungen unseres Handels finden.
    Ich vertraue da drauf, dass in jeder einzelnen das Potenzial der Heilung und der Wiederbelebung steckt _ wir dies auf den unterschiedlichsten Wegen – jede für sich, mit anderen im Austausch und letztendlich im Gegenseitigen Vertrauen und Bestärken – gestalten können.
    An die eigenen Quellen … Wurzeln finden _ diese reinigen und zum Sprudeln bringen – sich und andere da dran bestärken!

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