Frauen rufen am Frauentag weltweit zum Streik auf

Sie haben eine lange Tradition: Frauenstreiks. Bereits in der antiken Erzählung Lysistrata treten Frauen in den Sex- und Gebärstreik und veränderten so die Geschicke der Stadtstaaten Athen und Sparta. Im 19. Jahrhunderten streikten Frauen im Rahmen der Arbeitskämpfe wie 1893 in Wien, aber auch gegen zu hohe Butterpreise wie 1952 in Baden Württemberg. Frauenarbeit wird schlecht bezahlt und wenig anerkannt, daran haben auch fast 100 Jahre Frauenwahlrecht nichts ändern können – was liegt da näher, als mit einem Streik deutlich zu machen, dass ohne Frauen gar nichts geht – eine Methode mit langer Tradition:
1970 streikten Frauen in den USA für politische Rechte, die Gleichstellung der Frau, das Recht auf Abtreibung und gleiche Bezahlung. 20.000 Frauen protestierten in New York – kein Vergleich zum Protest der isländischen Frauen am 24. Oktober 1975: 90 Prozent der isländischen Frauen streikten an diesem Tag gegen ungerechte Bezahlung und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Sie brachten das Land damit zum Stillstand: Väter mussten ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen, Geschäfte blieben geschlossen, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Der Effekt war deutlich: Nur ein Jahr später wurde ein Gesetz erlassen, dass die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz verbot. 1991 streikten eine halbe Million Schweizer Frauen unter dem Motto: „Wenn frau es will, steht alles still“ gegen die anhaltende Benachteiligung von Frauen.

Über 40 Jahre später rufen Frauen weltweit erneut zum Streik auf. Bereits im Oktober 2016 protestierten hunderttausende argentinische Frauen am „Black Wednesday“ nach der brutalen Vergewaltigung einer 16jährigen Schülerin, kurz zuvor hatten die polnischen Frauen durch massenhafte Proteste eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes abgewehrt.

Alle 36 Stunden wird in Argentinien eine Frau ermordet – „Ni una Menos“ – „Nicht eine mehr“ forderten die Frauen:

“We strike because the victims of femicide are missing among us. Their voices were violently shut down by the chilling drum of one femicide per day in Argentina.”

Auch aus anderen südamerikanischen Ländern gab es Solidaritätsbekunden – Mexiko, Kolumbien, Uruguay, Paraguay, Venezuela und Honduras. Der Streik erreichte internationale Aufmerksamkeit und sieht sich in Verbindung mit dem erfolgreichen Streik polnischer Frauen gegen das Abtreibungsverbot und den Women’s Marches.

Angesichts der anhaltenden Gewalt gegen Frauen, ihrer Diskriminierung, dem Vormarsch konservativer Kräfte und der Einschränkung von Sicherheit und Selbstbestimmung von Frauen organisiert sich zum symbolträchtigen 8. März, dem Internationalen Frauentag, ein weltweiter Streik gegen alle Formen der Unterdrückung von Frauen.

So wollen die irischen Frauen am 8. März gegen das restriktive Abtreibungsverbot in Irland protestieren – Abtreibungen werden dort laut dem 8. Verfassungszusatz mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft. Aktivistinnen rufen Frauen in Irland dazu auf, an diesem Tag Urlaub zu nehmen und mit schwarzer Kleidung ihren Protest auszudrücken.

Auch die argentinischen Frauen planen einen neuen Streik am 8. März – in über 30 Ländern wollen Frauen ebenfalls streiken. In dem Manifest des Bündnisses heißt es:

„When our homes become hell, we organize to defend each other and protect one another. In the face of the crimes of machismo and its pedagogy of cruelty and in the face of the media’s attempt to victimize us and terrorize us, we make of our individual grieving a collective comfort and a shared enragement. In the face of cruelty: more feminism.”

In vielen anderen Ländern formieren sich Streikbewegungen. Frauen aus Indien fordern ein Ende der sexuellen Gewalt, Frauen aus Haiti protestieren gegen Korruption und Armut und Frauen aus Peru verlangen gerechte Bezahlung. Weltweit fordern Frauen ein Ende von Diskriminierung, die Anerkennung von Care Arbeit, Sicherheit und Schutz für Frauen. Auch die viel beachteten Women’s Marches in den USA wurden von streikenden Frauen begleitet, die am Tag der Amtseinsetzung von Donald Trump nicht zur Arbeit gingen. Frauen leisten fast zwei Drittel der weltweiten Arbeit, erhalten aber nur 10 Prozent der weltweiten Löhne.

Auch in Deutschland gibt es Grund genug zu Protest. Nach wie vor werden Frauen schlechter bezahlt als Männer. Das liegt nicht – wie angesichts des jüngsten Urteils zur Klage einer ZDF-Reporterin behauptet wurde – daran, dass Frauen schlechter verhandeln, sondern ist Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen sexistischen Diskriminieurng, die Frauenarbeit als weniger wertvoll beachtet, wie bereits 2010 in einer Studie des DIW belegt wurde. Fordern Frauen Gehaltsverhandlungen ein, kann das für sie sogar negative Folgen haben, wie weitere Studien belegten. Auch 2017 ist Armut in Deutschland vor allem weiblich: ob Alleinerziehende oder im Alter, arm sind vor allem Frauen. Im Wahljahr 2017 soll das zwar alles anders werden, doch allein die Mogelpackung des neuen Unterhaltsvorschussgesetzes, das den Unterhalt aussetzt, sobald der Vater das Kind ein Drittel der Zeit betreut, zeigt, dass die Diskriminierung von Frauen noch viel zu oft eine Hintertür findet, die den vermeintlichen Erfolg in giftige Asche verwandelt.

Die ungerechte Bezahlung ist nur einer von vielen Gründen, für die wir auch hier in Deutschland am 8. März auf die Straße gehen sollten: Im Jahr 2015 waren in Deutschland 100.000 Frauen von häuslicher Gewalt betroffen – und das bei einem zunehmenden Verschwinden von Frauenhäusern und einer Familienrechtssprechung, die das Recht der Väter, ihre Kinder zu sehen, vor den Schutz der Opfer stellt. 20 Vergewaltigungen pro Tag werden in Deutschland pro Tag angezeigt, 94 Prozent der Opfer sind weiblich. Nur 8,1 Prozent der Vergewaltigungsanzeigen enden mit einer Verurteilung. Im letzten Jahr zeigte nicht nur der Prozess um Gina Lisa Lohfink, dass Gerichte nicht davor zurückschrecken, Frauen mit Geldstrafen zu belegen, wenn diese Vergewaltigungen anzeigen und die Beweislage nicht eindeutig ist. Fast jeden Tag wird statistisch gesehen in Deutschland eine Frau ermordet – in den meisten Fällen durch ihren aktuellen oder Ex-Partner.

Sexistische Diskriminierung ist auch in Deutschland an der Tagesordnung, wie die unwürdige Debatte um den Auftritt des Rappers Kollegah am Hessentag zeigt, dem man seine sexistischen Ausfälle unter dem Mantel der „Kunstfreiheit“ nur allzu gerne zugestehen wollte.

Nicht zuletzt nimmt Deutschland als „Bordell Europas“ eine besonders unrühmliche Rolle im weltweiten Vergleich der Frauendiskriminierung ein, und das, obwohl man sich hierzulande auf die Aufklärung und Gleichberechtigung allerlei einbildet.

Der 8. März hat eine lange Tradition der Frauenkämpfe. Weltweit gehen Frauen erfolgreich auf die Straße und widersprechen Gewalt und Diskriminierung, der 8. März ist die perfekte Gelegenheit, sich im Streik mit allen Frauen weltweit zu solidarisieren. Die Geschichte der Frauenstreiks ist eine lange Erfolgsgeschichte – niemals verfehlte ein Frauenstreik die gewünschte Wirkung, zu wichtig sind Frauen und ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit für das Funktionieren einer Gesellschaft. Frauen haben die Macht, durch Verweigerung und Protest Regierungen in die Knie zu zwingen – die Geschichte beweist es.

2 Kommentare

  1. Bri Lunzer-Rieder

    Na endlich !!!

    😉

    Wenn diese Idee stärker propagiert wird, z. B. via Medien, könnte so ENDLICH ein kräftiger Anstoss in patriARSCHale Hinter-ste Denkorgane passieren…
    mit vmtl. überraschenden Er…äh, SIEgebnissen.

  2. I am living in Germany, please let me know where I can find some strike groups around Munich/Rosenheim

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