Geschichten vom Fremdgehen

Buchcover: Dann ist es einfach passiert

Anna Doubek: Dann ist es einfach passiert - Geschichten vom Fremdgehen, Drömer Knaur, 2014

Wie ist das mit der Treue? Und warum gehen Frauen fremd? Anne Doubek hat ein Buch über das Fremdgehen geschrieben, überwiegend aus weiblicher Sicht: „Und dann ist es einfach passiert – Geschichten vom Fremdgehen“ heißt es. Darin erzählt sie elf Geschichten von Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, Geschichten von langjährigen Beziehungen, von Treue, Leidenschaft, Lust und großer Liebe.

Affären und Seitensprünge sind ja kein Phänomen unserer Zeit, es wird betrogen, seit es Zweierbeziehungen gibt.

schreibt Anne Doubek im Vorwort und damit hat sie Recht. Frauen gehen genauso häufig fremd wie Männer, die Gründe sind so verschieden wie die Frauen selbst: Mal ist es der Reiz des Verbotenen, mal Teil einer „offenen Beziehung“, mal ist es sogar Rache am fremdgehenden Partner, mal die ganz große Liebe. Für alle gleich ist: Fremdgehen ist eine Achterbahn der Gefühle, zwischen Aufregung, Leidenschaft und Schuldgefühlen. In Anne Doubeks Buch wird das Fremdgehen nicht romantisiert, offen wird über Streit und verletzte Gefühle gesprochen, über das, was dem Partner damit angetan wird, den Kindern, der Familie.  Auch die Frage, ob das mit der ewigen Treue überhaupt funktioniert, oder ob ein Seitensprung nicht vielleicht auch eine langjährige Beziehung wieder belebt. Auch die Doppelmoral von Männern tritt in mehr als einer Geschichte zu Tage: Sie nehmen für sich selbst das Recht in Anspruch, fremdzugehen, gestehen es ihren Frauen aber nicht zu. Die altbekannte Dichotomie von Heiliger und Hure, von Frau und Geliebter ist erkennbar in solchen Aussagen – die eigene Frau soll möglichst nicht durch einen fremden Mann „beschmutzt“ werden. Sogar eine Hotelbesitzerin aus Graz kommt in dem Buch zu Wort, die ein Hotel nur für Seitensprünge geleitet hat.

Anne Doubeks Geschichten zeigen, wie sehr es die Erotik, das Gefühl füreinander beflügelt, wenn man sich erstens im Verborgenen trifft, also ein gemeinsames Geheimnis hat und zugleich den anderen nicht gleich als „Beziehungsmaterial“ betrachtet, frei ist von der rationalisierten Partnersuche, bei der es oft um Ehe, sozialen Status, Versorgung und Kinder geht. Interessant auch zu lesen, dass die Fremdgeh-Partner oft so gar nicht in das sonstige „Beuteschema“ passen. Treue ist nichts, dass eingefordert werden kann, das einkalkuliert werden kann – in keiner Beziehung:

Es gibt nicht den Seitensprung oder die Affäre. Sie unterscheiden sich alle. Es gibt nur die Gewissheit, solange es uns Menschen gibt, so lange werden wir einander betrügen, werden wir uns auf Abenteuer einlassen und fremdgehen. Es sind die Geschichten, die wir uns hinter vorgehaltener Hand erzählen, sie haben alles, was ein Drama braucht: Das – vielleicht nur kurzfristige – Glück des einen kann das Leid des anderen bedeuten. Kann. Am schönsten ist eh ein Happy End.

Frau möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass der Anspruch der Treue eine Folge der bürgerlich-patriarchalen Zweierbeziehung ist und keineswegs universal, wenn man sich indigene Gesellschaften anschaut. Da wird Treue oft nur ein geringer bis gar kein Wert zugemessen. Es ist interessant, dass Treue gerade für das Patriarchat so wichtig ist, also weibliche Treue, weil bis vor wenigen Jahren immer die Gefahr bestand, ein Seitensprung der Frau würde ein uneheliches Kind zur Folge haben. Die Frau war der Besitz des jeweiligen Mannes, an dem sich niemand anderes vergreifen durfte. Das ist der Grund, warum das Patriarchat geradezu besessen ist von weiblicher Treue und Ehefrauen/Müttern am liebsten gleich jedes Recht auf Lust absprechen möchte. Auch heute noch gelten Frauen, die fremdgehen, schnell als „Schlampen“, während es bei Männern eher akzeptiert ist, dass sie fremdgehen. Frauen, die fremdgehen, gehen ein größeres Risiko ein, weil sie eben gegen den Diskurs der aufopfernden Mutter, der auf eigene Befriedigung verzichtenden Ehefrau verstoßen. Wenn Männer fremdgehen, nehmen sie damit nur eines ihrer vielen Privilegien in Anspruch – immerhin hängt unsere gesamte Gesellschaft dem Wahn an, Männer hätten Anspruch auf „Triebbefriedigung“, weil dieser ja bei ihnen so viel ausgeprägter ist (von der Wissenschaft hinreichend widerlegt, Frauen glauben nur nicht, dass es die Aufgabe der Gesellschaft ist, für ihre Befriedigung zu sorgen in Form von Sexkauf und Pornografie). Insofern kann die Tatsache, dass Frauen genauso gerne fremdgehen wie Männer und darüber sprechen und glücklicherweise dafür weniger stigmatisiert werden (weniger, nicht gar nicht!) als früher, auch als ein Erfolg der Emanzipation betrachtet werden. Vielleicht hat das irgendwann zur Folge, dass das patriarchale Konzept der heterosexuellen, monogamen Zweierbeziehung an sich überdacht wird und Frauen sich trauen, für sich und ihre sexuellen Wünsche zu sorgen – mit einem Liebhaber, einem Seitensprung, ebenso wie es die Männer tun, wenn es „zu Hause nicht mehr läuft“. Anne Doubeks Buch spricht diese Aspekte nicht an, es erzählt Geschichten, Alltagsgeschichten über das Fremdgehen. Aus feministischer Sicht ist Fremdgehen politisch, denn es stellt die patriarchalen Konzepte von Ehe, Treue, Partnerschaft und Sexualität in Frage. Zumindest wenn es die Frauen tun.

Das Buch ist erhältlich bei Fembooks.

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