#Hotpantsverbot – Mädchenkörper als Mittel zum Zweck

Fly Away, Girl in hotpants

55Laney69 via Flickr, [CC BY-NC 2.0]

Große Aufregung im Sommerloch – was ist schon die EU-Krise mit Griechenland, wenn sich Deutschland mal wieder so richtig moralisch empören kann? Eine Schulleiterin in Horb am Neckar will verhindern, dass ihre Schülerinnen mit – so wörtlich – „aufreizender“ Bekleidung in die Schule kommen, weil das den Schulfrieden stört. Das Geschrei ist groß, die taz schreibt von Rape Culture, auf Twitter ist man unter #hotpantsverbot mal wieder genüsslich außer sich. Rasch werden die Schülerinnen von Netzfeministinnen aufgefordert, eine Revolution der nackten Beine anzuzetteln und erst Recht in Hotpants zu erscheinen und die Lehrer und Mitschüler werden als gaffende Prävergewaltiger hingestellt, die nicht an sich halten können, wenn die knackigen Frauenbeine nicht schleunigst verhüllt werden. Doch ganz so einfach, wie es nun viele sehen möchten, ist das Thema nicht.

2015 ist nicht 1968

Auf Twitter erinnert sich die Generation jener, die in den 60er Jahren jung waren, wehmütig daran, dass damals das Tragen von Miniröcken und Hotpants ein Ausdruck von Widerstand und Aufbegehren gegen eine spießige und prüde Nachkriegsgesellschaft war. Wer so herumlief, setzte ein politisches Zeichen und machte sich frei von überkommenen Sexual- und Kleidungsnormen. Aber das ist, so weh das manchen tun mag, 47 Jahre her. Deutschland 2015 ist nicht die BRD von 1968 und die Schüler von heute sind nicht die Hippies oder die Studentenbewegung von damals. Heute liegt das Einstiegsalter für Pornografie je nach Studie zwischen acht und zehn Jahren. Mit 16 hat fast jeder Junge und jedes zweite Mädchen einen Porno gesehen, die meisten konsumieren sie sogar regelmäßig. Auf dem Schulhofe werden Hardcore-Videos von Gangbangs, Sex mit Tieren, Fisting und anderen Dingen gezeigt, die noch vor einer Generation nur die wenigsten Teenager kannten. Noch bevor Schüler ihre eigene Sexualität entdecken dürfen, werden sie überflutet mit der aus Profitgier in ein widerliches Produkt konvertierten Gewaltpornografie der Sexindustrie, in denen Frauen Ware mit Löchern sind.  Das beliebteste Produkt dieser Branche: Teensex mit den Subgenres „Inzest“ (Vater macht es mit seiner minderjährigen Tochter), „Babysitter“ (Alter Sack treibt es mit der betont kindlich angezogenen Babysitterin seiner Kinder) und „Schulmädchen“ (Lehrer, Mitschüler, Väter oder wer auch immer treibt es mit Frauen, die in Kinderzimmern präsentiert werden oder Schulranzen tragen).  Schulmädchen sind als Sexobjekte schon lange freigegeben, die Begeisterung für den Teensex ist ein aktueller Trend.

Doch nicht nur im Porno ist Sex allgegenwärtig, sondern überall und dabei nicht etwa jener freie, gleichberechtigte, den man 1968 noch hochhielt, sondern jener, mit dem sich Geld verdienen lässt, in der Werbung, in der Musik, im Kino. Frauen waren nie mehr Objekt als heute, überall, ob für Kaffee, Autos oder Gummibärchen, räkeln sie sich nackt, verletzlich und lasziv. Jungen Mädchen werden keine starken Vorbilder angeboten, sondern in Hotpants herumhüpfende Fashion-Victims, die wahlweise ein bisschen singen oder ein bisschen schauspielern, deren Hauptaufgabe es jedoch ist, möglichst gut auszusehen, wie es jedes Jahr bei Germanys Next Top Model wieder und wieder zelebriert wird. Die heute 16jährigen sind seit ihrer Einschulung mit dieser und anderen Shows groß geworden. Wen wundert es da, dass Mädchen genau das nachmachen, weil sie wissen, dass ihnen gutes Aussehen mehr Anerkennung einbringt als der Physik-Nobelpreis, den ihnen doch ohnehin kaum jemand zutraut?

Die Gesellschaft von 2015 ist nicht mehr prüde, sie ist dank der Sexindustrie auf eine höchst profitable Weise übersexualisiert, was den Frauen und ihren Körpern aber, wie in einer patriarchalen Gesellschaft nicht anders zu erwarten, keine Freiheit bringt, sondern ihre Körper und ihre Sexualität in eine frei verfügbare Ware verwandelt. Hotpants zu tragen ist heute nicht mehr Ausdruck von Widerstand und Gesellschaftskritik – es ist ein ziemlich langweiliges Zeichen von Überanpassung. Wer verhindern will, dass Hotpants den Schulfrieden stören, der muss nicht die Hotpants verbieten, sondern sich fragen, warum Frauenkörper statt der Freiheit die Warenförmigkeit erhalten und warum wir nicht in einem gesellschaftlichen Konsens der Erotisierung minderjähriger Mädchen in Pornos, Werbung und Populärkultur entschiedener entgegentreten. Würde sich jemand aufregen, weil Vierjährige kurze Kleidchen tragen, würde die Absurdität dieses Gedankens sehr viel deutlicher zu Tage treten.

Wir sind hier immer noch in Deutschland!

Zugleich ist es auch ein Kulturkampf, der hier verhandelt wird. Frauen verhüllen, das machen doch nur die im Islam, das klingt immer wieder durch. Überspitzt gesagt ist Deutschland also nur noch ein freies Land, wenn die Frauen hier möglichst nackt herumlaufen und sich von allen anstarren lassen, weil eben die Freiheit, sich sexy zu kleiden, hier keineswegs mit der Freiheit einhergeht, das ohne andauernde Belästigung zu tun. Die Mädchenkörper, über die hier so leidenschaftlich diskutiert wird, sind für jeden, der sich bisher geäußert hat, nur Mittel zum Zweck, um die eigene Einstellung, die eigene Ideologie, den eigenen Freiheitsbegriff zu verteidigen. Um die Schülerinnen selbst geht es nicht, auch nicht darum, ihnen echte Freiheit zuzugestehen, einen sicheren Raum, in dem sie sich und ihre Körper, ihre Sexualität und das was, sie anziehen wollen, einfach ausprobieren können, ohne zum Sexualobjekt gemacht zu werden – und zwar von beiden, von denen, die sie verhüllen wollen ebenso, wie die, die sie vermeintlich befreien möchten. In einer idealen Welt könnten Schülerinnen einfach tragen was sie wollen, niemand käme auf die Idee, sich an ihnen aufzugeilen, weil sie als das erkannt werden, was sie sind: Schützenswerte Kinder. In Hotpants.

3 Kommentare

  1. Nun mit Hotpants will man ja meist was zeigen, etwas demonstrieren, dass man vielleicht schöne Beine hat,
    Also eher zwiespältig zwischen Ego dem Empfänger und anderen Frauen…

  2. Zu dem Zeitpunkt zu dem mich die Meldung erreichte war ich ziemlich sicher was die Mädchen mit den Hotpants wollten: Ohne Hitzschlag durch den Schultag kommen.

    Die Gesellschaft hat beschlossen, dass Hotpants in der Öffentlichkeit akzeptabel sind. Nun, dann müssen sie es auch in der Schule sein.

    Schließlich haben die Mädchen wahrscheinlich dank der Akzeptanz von Hotpants ihre ganzen normalen kurzen Hosen weggeworfen. Man kann nicht verlangen, dass sie sich eigens für die Schule welche kaufen, die die vorgeschriebene Länge (in Zentimetern oder Milimetern?) haben.

    Ich kann den Mädchen die wegen Hotpants nicht in die Schule gelassen werden nur raten, stattdessen ins Freibad zu gehen, sollten die Temperaturen wieder ähnliche Rekordhöhen erreichen.

  3. Ich lese eure Seite regelmäßig und bin aus Horb am Neckar! (war nicht auf dieser Schule aber hab davon mitbekomme….und finde es ziemlich lustig im internet von dieser kleinen pupsstadt zu lesen ^^)
    Als die Äußerung der SchulleiterIN neulich in der Zeitung stand war mein Gedanke: warum sind immer die mädchen schuld? wenn man sich zu locker/“freizügig“/wild gibt ist ist frau ne schlampe – und zu „prüde“ ist auch scheiße…die „perfekte mitte“ haha die gibt es nie wenn man nach der meinung anderer oder der Gesellschaft geht…

    Hier eure Artikel zu lesen gibt mir oft ein gutes gefühl, dass ich nicht „abnormal“ und unperfekt bin, sondern einfach ein bisschen mehr Gelassenheit entwickeln sollte/könnte ! Danke dafür 🙂

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