„Sexarbeit“ geht auch indirekt

Sex in progress, do not disturb

By Nevit (Own work) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Monika Eiffel-Kortig

Der Begriff „Sexarbeit“  hat sich mittlerweile durchgesetzt, Lobby sei Dank, und immer wieder und unermüdlich fordern Teile der „SexarbeiterInnenorganisationen“ die Anerkennung von „Sexarbeit“ als Arbeit.

Sehr deutlich drückte es Stefanie Klee in der Zeitschrift Luxemburg aus:

Ein Aspekt bleibt, wie so oft, unterbelichtet: Sexarbeit ist in erster Linie Arbeit. Menschen gehen gern oder weniger gern, professionell oder laienhaft, regelmäßig oder als Hobby diesem Beruf nach, verdienen damit ihren Lebensunterhalt und zahlen Steuern auf ihre Einnahmen.

Bei Prostitution handelt es sich um einen Wirtschaftsbereich, und doch wird durch seine moralische Überformung seit Jahrhunderten verhindert, dass er sich ›normalisiert‹.

Stefanie Klee ist organisiert in move. ev, Gründerin des Bundesverbandes für sexuelle Dienstleitungen und Mitglied der so genannten „Care Revolution“. Diese Revolution der „Sorgearbeit“ besteht aus 70 teilnehmenden Organisationen und betrachtet „Sexarbeit“ als einen Teil der „Sorgearbeit“.  „Sexarbeit“ wird auch von dieser Revolution als Arbeit betrachtet und möchte die Rechte von Sexarbeiterinnen unterstützen. Gerne redet Stefanie Klee auch bei Veranstaltungen der Partei „DIE LINKE“ zum Thema häppy sexwork.

Aber es gibt eine endlose Anzahl von weiteren FürsprecherInnen des Modells „Sexarbeit ist Arbeit“ und sie heißt ja auch deshalb „Sexarbeit“ oder „sexwork“, denn natürlich gibt es auch im Ausland häppy Sexwörkerinnen (mehrheitlich weiblich), die sich in entsprechenden Organisationen zusammengetan haben, um gemeinsam die Sprache und das Denken zu verändern. Heißt ja nicht umsonst neurolinguistisches Programmieren.

Die Konsequenzen dieser Forderungen, „Sexarbeit“ als eine Arbeit zu sehen wie jede andere Arbeit auch, übersehen leider viele Menschen. Natürlich könnte man – oder meistens Frau – bei Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug in Arbeitsstellen der Sexindustrie. vermittelt werden. Eine Ablehnung dieser Tätigkeit hätte eine Leistungskürzung zur Folge oder gleich Streichung der Leistung, wegen fehlender „Mitwirkung“. Natürlich könnte es auch ein Ausbildungsberuf werden, wenn der Beruf „professionalisiert“ wird, was auch immer das heißen mag.

Aber wirken nicht jetzt schon unzählige Frauen in der Prostitution mit, „by proxy“ sozusagen?

Hat sich in den letzten Jahren nicht unsere, die weibliche, Haltung geändert, so dass wir im Arbeitskontext Prostitution noch mehr unterstützen müssen wie noch vor Jahren? Könnte hier noch mehr auf uns zukommen, gerade im Dienstleistungsbereich und der Pflege durch „Sexualassistenz“? Die Männer, die jetzt täglich Pornos sehen und prostituierte Frauen kaufen, werden auch mit Alzheimer oder im Pflegebett kaum auf den Kauf von Frauen verzichten wollen. Ihre Anspruchshaltung wurde Jahrzehnte genährt. Und im Rahmen der Selbstbestimmung werden auch Pflege- und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen kaum auf prostituierte Frauen oder „Sexualassistenz“ verzichten wollen, wenn ein Kunde danach schreit.

Können wir uns in ganz vielen „Frauenberufen“ überhaupt noch der aktiven Unterstützung der Prostitution und Pornografie entziehen?

Fangen wir mal mit meiner Nichte an:

Sie arbeitet seit einigen Jahren an der Rezeption eine großen Hotels in München. Als junge Frau in den Zwanzigern (nicht das es für ältere Frauen angenehmer ist), muss sie Bordellwerbung in Flyerform in der Lobby tolerieren. Entsorgen ist wegen Kameraüberwachung leider nicht möglich. Hier sei übrigens am Rande angemerkt, dass sich die Lobby (nicht die des Hotels, sondern der „Sexindustrie“) gegen die Überwachung durch den Staat wehrt, aber in vielen Arbeitsbereichen kann man nicht mehr atmen, ohne dass der Arbeitgeber lauscht.  Meine Nichte muss sich anhören, wie ihr Hotelgäste erzählen, dass es Frauen schon für zwanzig Euro gibt oder manchmal für fünfzig Euro, aber die kommen dann mit auf das Zimmer. In anderen Worten, da jede Arbeitnehmerin in der heutigen Zeit ihre Kundenorientierung aufrecht erhalten muss, egal wie, haben diese Männer einen weiteren Gewinn davon, dass junge Frauen einbezogen werden können in den Kauf einer anderen Frau zur eigenen Bedürfnisbefriedigung. Es gibt sonst keinen Grund, andere junge Frauen in die eigenen sexuellen Aktivitäten verbal miteinzubeziehen, vor allem da keine negative Reaktion erwartet werden kann. Es wird ihr hiermit auch mitgeteilt, dass sie selbst als Frau ungefähr zwanzig bis fünfzig Euro wert ist und prinzipiell käuflich ist. Käuflich, denn junge, attraktive Frauen können eben für diesen Preis verfügbar sein. Ansonsten wäre es ja auch nicht nötig, den Preis für das Masturbieren in einen Frauenkörper zu benennen. Idiotische Anmache gibt es natürlich auch, da Männer notwendige Dienstleitungsfreundlichkeit mit Interesse an ihnen verwechseln und auch sowieso wissen, dass eine Arbeitnehmerin, wie gesagt, immer freundlich bleiben muss. Das passiert fast täglich.

Aber auch in anderen Arbeitsgebieten wirkt man auch als Frau an der Prostitution anderer gezwungenermaßen mit. Eine Flugbegleiterin muss zum Beispiel den eventuell pädokriminellen Käufern von Kindern auf den Philipinen oder Thailand – oder wo auch immer – oder den Käufern von Frauen, lächelnd etwas zu Trinken im Flugzeug servieren. Irgendwie ist ja klar, was die Mehrheit der Männer auf Flügen von und zu diesen Ländern tun wird oder getan hat. Aber natürlich nicht alle Männer, die alleine oder in Männergruppen reisen, kaufen Frauen. Viele sind kulturell interessiert und möchten die Natur und Kunstwerke genießen, oder so.

Ganz in Erwartungshaltung der „sexuellen Abenteuer“ (auch genannt Armutsprostitution) bekommt der Mann noch einen  Drink mit dem  Lächeln einer Frau auf dem Weg zu prostituierten Frauen mit.

Oder Frauen die in Internetcafés arbeiten, müssen aushalten, dass Männer sich dort Pornos ansehen und eventuell masturbieren, zumindest versteckt.

Auch sehr schön ist das Erlebnis einer Freundin, die in einer stationären Einrichtung für psychisch kranke Menschen in Nordrhein-Westfalen arbeitet. Sie musste sich schon vor Jahrzehnten als Sozialarbeiterin von einer Kollegin anhören, wie viel weiter entwickelt Holland sei, denn dort würden sexuelle Bedürfnisse jedes Mannes mit schweren Beeinträchtigungen befriedigt werden durch „Sexarbeit“. Schließlich hat ja jeder das Recht auf Sex. Der Kelch, hier mitwirken zu müssen oder eine andere Arbeit suchen zu müssen,  ging an ihr vorüber, denn damals wurde dieses innovative Konzept nicht aufgegriffen.

Schließlich wurde sie zumindest Leitung eines kleinen Teams einer Wohngruppe und glaubte, etwas selbstbestimmter arbeiten zu können. Leider aber fand dann vor kurzem die Einrichtungsleitung im Falle eines sexuell übergriffigen Bewohners, dass die weibliche Mitarbeiterin mit ihm ins Bordell gehen sollte (den Weg kann er nicht alleine bewältigen). Schließlich sei der Trieb sehr stark und müsste abgeleitet werden, sonst würde er vielleicht noch eine Frau vergewaltigen. Wieso er dann zur Vergewaltigung einer Frau auch noch von einer Frau begleitet werden solle, bleibt unklar.  Viele Einrichtungen propagieren mittlerweile zumindest „Sexualassistenz“ oder männliche Betreuer unterstützen Prostitution sehr aktiv und sei es durch anerkennende Witze über Klienten die zu prostituierten Frauen gehen. Auch das wird natürlich gerne erzählt, insbesondere damit es die Mehrheit des weiblichen Betreuungspersonals erfährt.

Völlig davon abgesehen müssen sich viele Frauen mittlerweile Pornogestöhn aus lauten Fernseher oder Computern anhören, ob im Hotel oder in einer Wohneinrichtung oder im Krankenhaus. Die erforderliche Dienstleitungsfreundlichkeit erfordert auch hier das Ignorieren von einer Frau, die als „Dreilochstute“ von mehreren Männern bestiegen wird. Auch das ist eine herbeigeführte Partizipation an der Prostitution (Pornografie ist die gefilmte Prostitution).

Diese Beispiele können endlos fortgesetzt werden.

Frauen sind nicht frei von der indirekten Mitwirkung an der Vergewaltigung andere Frauen. Wenn sich das Modell „Sexualassistenz“ noch breiter macht, wie es seit Jahren versucht wird, dann müssen Frauen in fast allen sozialen Berufen Männern sozusagen die Hand halten bei der Nutzung anderer Frauen für Geld. Mit einem freundlichen Dienstleistungslächeln natürlich.

Wenn die Frau der „Sexualassistenz“ dann mal nicht kann oder gerade sehr viel Andrang ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Altenpflegekraft, betreuende Fachkraft oder Sozialarbeiterin selbst Hand anlegen soll. Auch jetzt schon wird von MitarbeiterInnen oft mehr erwartet, als im Aufgabengebiet festgelegt wurde. Die Wünsche der Kundschaft müssen erfüllt werden. Und „Sexarbeiterinnen“ sind dann ja fast schon Teammitglieder und diese entlastet und vertritt man ja gerne mal.

Und dann ist es nur ein kleiner Schritt bis Frau direkt in die „Sexcarearbeit“ vermittelt wird nach einer Arbeitslosigkeit. Schließlich ist es ja ein Beruf wie jeder andere auch. Der Tag kommt, an dem sich Menschen aufteilen in die Klasse der „Sexkäufer“ und der Verkäuferinnen ihres eigenen Körpers, den Frauen, mit nur geringen Abweichungen der Geschlechter. Es ist ja eine Arbeit wie jede andere auch, macht Spaß mit freier Zeiteinteilung, und es ist „Frauensorgearbeit“ sozusagen. Dafür sind wir geboren, um in dem Bereich der Dienstleistung etwas für andere zu tun. Für Männer. Von der Wiege bis zur Bahre.

Schon jetzt gibt es fast kein Entkommen, am Frauenkauf teilzunehmen. Indirekt. Das Patriarchat wird dafür weiterhin „Sorge“ tragen.

http://www.zeitschrift-luxemburg.de/sexarbeit-ist-arbeit/September 2014

https://care-revolution.org/

 

8 Kommentare

  1. Käsestulle

    Was haben wir doch Glück, dass „Sexarbeit“ das Geschlechterverhältnis nicht negativ beeinflusst, oder?

  2. Grösstenteils kann ich dem Geschriebenen zustimmen. Männer schaffen es halt immer wieder die Frauen (ver)käuflich zu halten. Jetzt soll perverserweise das Ganze noch einen sozial anerkannten Rahmen bekommen, damit sie noch mehr auf ihr Recht auf Sex pochen können.

    Auch mein Ex hat sein „Glück“ im asiatischen Raum gefunden. Auch er ist im B*msflieger nach Thailand geflogen und hat sich eine Dame an Land gezogen, aus dem benachbarten Land. Auch er hat davor die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen. Aber die sind bei ihm natürlich alle freiwillig tätig gewesen, manche hätten’s doch bei ihm auch gratis gemacht, wenn er es gewollt hätte. Ich habe davor 20 Jahre an seiner Seite gekämpft um seine Anerkennung und seinen Respekt vor Frauen. Aber einen Frauenverachter kann man nicht ändern, vor allem wenn er sich als Mensch sieht, der Frauen respektiert und seinen Wunsch auf Sex und die Inanspruchnahme von Prostitutionsdiensten als sein gutes Recht ansieht, darin auch keinen Widerspruch entdecken kann. Ich muss leider noch mit diesem Menschen weiterhin verkehren, da wir noch ein nicht volljähriges Kind und ein gemeinsames Haus haben, das nicht verkauft werden kann…

  3. Hanna Dahlberg

    Liebe Tanja. Ohje, wie frustrierend. Du kannst nur froh sein, dass du ihn (weitgehend) los bist. Traurig, dass er seine Verachtung jetzt an einer anderen auslässt. Hoffentlich gelingt ihr auch irgendwann die Loslösung von ihm.

  4. Liebe Hannah, vielen Dank für deine aufmunternden und anteilnehmenden Worte.
    Ich habe es, denke ich in ca. 2 Jahren endgültig hinter mir *lach*. Da wird unser Kind volljährig und ich möchte dann, wenn sie die Schule beendet hat, so schnell wie möglich ausziehen.

  5. Ich könnte Kotzen! Alles dreht sich nur noch um die sexuellen Bedürfnisse des Mannes. Und seine Einfalt!
    Alles andere wird zur Garnitur erklärt. ZB. Liebe, Hilfsbereitschaft, geistiger Austausch, Freundlichkeit,
    (ohne sexuelle Hintergedanken) Irgendwie hat sich die männliche Pubertät und der männliche Egoismus (Narzissmus) verselbständigt, und diktiert das GANZE Leben, auch, oder vor Allem das der Frauen. Da sie sich ständig gegen diese Anmassungen wehren muss, verliert sie mehr und mehr den Zugang zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen.

    Aber eben, das ist ja nicht so wichtig, Hauptsache Bubeli ist gesund und sexuell versorgt. UND: Es ist natürlich gewollt!

  6. PS. Ein neues tolles Buch ist auf dem Markt: „Do it like awoman“, von Caroline Criado-Perez. Darin werden viele tolle Aktionen von einzelnen Frauen beschrieben, die Veränderungen einleiteten. Wir sind (noch) Einzeln, aber Viele!

  7. Ich kann dem Beitrag gut zustimmen, in vielen Aspekten.

    Wollte allerdings anmerken: Ist Euch eigentlich bewusst, was das bedeutet, wenn Asienurlauber immer wieder automatisch als Sextouristen deklariert werden (hier auch noch verdeutlicht damit, dass kulturelles Interesse an Thailand als Reisegrund ironisiert genannt wird, so als könne es sowas ja gar nicht geben)? Was es bedeutet für gleichberechtigte binationale Paare, für Kinder aus solchen Beziehungen?

    Ich kann es Euch sagen. Meine Mutter ist Asiatin, mein Vater Deutscher, kennengelernt haben sie sich beim Studium in Deutschland. Seit meiner Kindheit darf ich mir Beleidigungen wie „Hurenkind“ und „Deine Mutter ist eine Nutte“ anhören. Eine asiatischstämmige Freundin von mir, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, und einen männlichen deutschen Partner hat, wird ebenso als „Asia-Nutte“ beschimpft, ihr Freund, wenn sie zusammen auf der Straße unterwegs sind, von wildfremden Leuten in Bezug auf sie gefragt „Wieviel hat die denn gekostet?“

    Sowas manifestiert sich mit jedem weiteren Mal, dass das Klischee „Südostasiatin = Prostituierte“ und „asiatisch-deutsches Paar = Prostitutions-Beziehung“ reproduziert wird.

    Mir ist klar, dass es in asiatischen Ländern Armutsprostitution gibt. Aber kann man nicht einen gesunden Spagat finden, dieses reale Problem zwar zu thematisieren, aber dabei nicht immer wieder das Klischee zu reaktivieren, das alle asiatischen Frauen mit europäischem Partner zu Prostituierten abstempelt?

  8. Liebe Miri,
    nicht ich habe Asien als Land des billigen Sexkaufes deklariert und auch nicht die Autorin des Artikels.
    Tatsache ist, dass mein Ex dorthin flog, um billigen Sex zu erhalten und das hat er mehrfach erreicht. Ich habe weder die Frau, die er zur Zeit „benutzt“, noch die Frauen allgemein abgewertet. Für mich sind nach wie vor Männer die Ursache der Armutsprostitution. Wobei Frauen nicht per se Opfer sind. Das würde ja gegen das göttliche Prinzip des freien Willens sprechen. Davon abgesehen: Haben denn die asiatischen Frauen in Europa jemals versucht, dieses Bild der „gekauften Frau“ aktiv zu ändern? Ist mir jedenfalls nicht bekannt.
    Auch in Europa und sonstigen Ländern gibt es viele Frauen, die aus Bequemlichkeit einen gutverdienenden Mann vorziehen, jedoch nicht die daraus resultierenden Konsequenzen sehen (wollen).
    Du hast deine traumatisierenden Erfahrungen gemacht. Ich habe meine gemacht (sex. Missbrauch als Kleinkind durch Verwandte). Fast jede/r hat in irgendeiner Form ein Schicksal gewählt, welches auf den ersten Blick leidvoll erscheint, in Wahrheit aber stark macht, wenn das „Problem“ erkannt und bearbeitet wird.

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