Die verratenen Kinder: Deutschland kapituliert vor Kinderpornografie

Children

astrid westvang via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

In ihrer heutigen Ausgabe berichtet die FAZ, dass die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland vor der Flut von Kinderpornografie kapitulieren. Im Gegenteil zur weit verbreiteten Ansicht, die meisten Kinderpornos stammten aus den 80ern, hat die Masse der kinderpornografischen Inhalte in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen – was zum einen mit der Entwicklung des Internets, zum anderen aber auch mit den Speichermedien zu tun hat. Der Begriff „Kinderpornografie“ stellt übrigens bereits eine Verharmlosung dar, denn er suggeriert, dass die Kinder ja auch freiwillig an der Entstehung mitwirken könnten. Jedes Bild, jedes Video zeigt sexuelle Gewalt an Kindern, die für den Rest ihres Lebens psychisch und physisch gezeichnet sind. Die Täter jedoch kommen in Deutschland fast immer ungeschoren davon. Das aber ist für die Strafverfolgungsbehörden kein Grund, die Anstrengungen zu erhöhen. Kinderpornografie sei ein Kontrolldelikt, je mehr man kontrolliere, auf umso mehr Straftaten stoße man. Mehr Personal würde nur noch mehr Arbeit produzieren. Tatsächlich durchkämmen die Ermittler zwar Tag und Nacht das Netz – und dabei besonders das Darknet, doch Zeit, die gefundenen Daten auszuwerten, haben sie nicht. Selbst wenn sie einen Täter ausfindig machen können, bleiben ihnen nur sechs Monate, um nachzuweisen, dass er im Besitz kinderpornografischen Materials ist, ansonsten müssen Rechner und Speichermedien zurückgegeben werden, zu einem Verfahren kommt es nicht. Der Staat sieht also lieber weg, um Kosten und Mühen zu scheuen und liefert hunderttausende von Kindern den Gewalttätern aus. Das öffentliche Eingeständnis, der Flut nicht mehr Herr zu werden, ist eine skandalöse Kapitulation des Rechtsstaats, die in anderen Zusammenhängen nicht denkbar wäre – immerhin ist Steuerhinterziehung auch ein „Kontrolldelikt“.

Wer auch nur Beschreibungen von dem gelesen hat, was diese Bilder und Videos zeigen, ist sprachlos angesichts dieses Zynismus. Inzwischen werden Babies vor laufender Kameras in Life-Streams vergewaltigt, andere Männer zeichnen das Brechen des Schamknochens auf, wenn sie in kleine Mädchen eindringen, weil sie das so besonders erregt. Kinderpornografie ist ein fast ausschließlich männliches Vergehen, wenn Frauen an der Entstehung der Videos teilnehmen, dann sind sie in vielen Fällen selbst ehemalige Opfer. Jeder, der sich einen Kinderporno oder entsprechende Bilder herunterlädt und ansieht, ist ein Täter und muss bestraft werden.

Rund 250.000 pädophile (auch das ist eine geradezu widerwärtige Verharmlosung der Tatsache, dass sich die Erregung dieser Männer aus der Gewalt an Kindern speist) Männer gibt es in Deutschland, die Annahme, dass nicht jeder, der Kinderpornos anschaue, auch zum Täter werde, ist falsch. Studien unter verurteilten Gefängnisinsassen zeigen, dass 85 Prozent der Männer, die sich diese Pornos ansehen, sich auch an einem vergehen. Der Gesellschaft ist das ganze Ausmaß der Kinderpornografie nicht bewusst – vor allem, weil es eben oft Kinder sind, auf die niemand achtet. Ganz nach patriarchal-kapitalistischem Verständnis werden sie aufgrund ihrer Armut zum Opfer maximaler Ausbeutung, zu einem Wegwerfprodukt männlicher Sexualität.
Nicht selten sind es auch die eigenen Kinder, an denen sich die Väter vor laufender Kamera vergehen. Im Patriarchat hat der Vater Gewalt über seine Familie – und eben auch seine Kinder, ein Verhältnis, dass durch die neue, väterfreundliche und mütterfeindliche (offenbar geht nicht beides) Rechtssprechung bei Sorgerecht und Umgang noch verstärkt wird. Andere Kinder kommen aus den Armenhäusern dieser Welt, werden in Thailand vor der Kamera vergewaltigt, während die reichen Männer aus dem Westen dafür zahlen, sich dann aber auch „etwas wünschen dürfen“.

Letztes Jahr gelang es Terre des Hommes mit der Operation Sweetie mit einem computeranimierten Kind Zugang zu den sonst sehr verschlossenen Kreisen der Kinderporno-Nutzer zu gewinnen – Einlass bekommt nur, wer selbst neues Material produziert und hochlädt – doch die Strafverfolgungsbehörden konnten die Beweise aus rechtsstaatlichen Bedenken heraus nicht verwenden. Für weitere Ermittlungen fehlen Personal und Ressourcen, die Täter bleiben ungestraft.

Video der Kampagne von Terre des Hommes

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Sexuelle Gewalt an Kindern gehört zu den schrecklichsten Dingen, die Menschen einander antun können. Kinder sind schutzlos, haben keine Lobby, sind ausgeliefert, abhängig – und ihnen wird nicht nur Gewalt angetan, ihnen wird zugleich die Chance genommen, je wieder ein freies und unbeschwertes Leben zu führen – wenn sie denn überhaupt mit dem Leben davon kommen. Die Pornokultur verharmlost ganz legal sexuelle Gewalt an Kindern – „Teensex“ ist der häufigste Suchbegriff bei Pornoseiten, auch aus Deutschland suchen jeden Tag mehrere Millionen danach. In diesen Videos werden Frauen gezeigt, die deutlich jünger aussehen, Schuluniformen tragen oder in Kinderzimmern Sex haben. Andere Pornos inszenieren Sex zwischen Vätern und Töchtern. Auf diese Weise wird Stück für Stück dafür gesorgt, dass Fantasien und Vorlieben dieser Art normalisiert werden und im Mainstream ankommen. Die Pornoindustrie ist mitverantwortlich für den Boom von Kinderpornografie, weil sie absichtlich die Grenze zwischen Erwachsenen und Kindern überschreitet – ein neuer Tabubruch, eine neue Form von Gewalt und Erniedrigung vor der Kamera bringt neue Profite. Jede Art der Sexualisierung von Kindern muss ein Tabu sein – egal ob in der Werbung, in inszenierten Pornos, in Familien oder auf Bildern und in Videos.

Untersuchungen zeigen, dass kinderpornografisches Material nicht nur dazu dient, sich daran zu erregen, sondern auch als Vorlage für sexuelle Gewalt an Kindern benutzt wird. Opfer werden gezwungen, sich die Videos anzusehen, um ihnen zu zeigen, dass es ganz normal ist – immerhin ist es im Fernsehen – und um die Misshandlungen anschließend nachspielen zu müssen.  Immer wieder ist versucht worden, sexuelle Gewalt an Kindern zu verharmlosen – von Freiwilligkeit ist die Rede und von dem Umstand, dass es doch oft ein ernsthaftes Interesse an den Kindern gibt. Von sexueller Freiheit war die Rede, Vergleiche zur Schwulenbewegung wurden gezogen. Die Argumente erinnern an den bereits bekannten Zynismus der Prostitutionsdebatte. Das Patriarchat liefert Kinder und Frauen an die Täter aus, macht Gewalt sexy und zu einem Vorrecht der Männer, dem alles andere sich unterzuordnen hat. Dass nun öffentlich eingeräumt wird, die Täter gar nicht zur Rechenschaft ziehen zu können, ist eine moralische und gesamtgesellschaftliche Bankrotterklärung, die Schwächsten der Schwächsten den sinnlosen und pervertierten Ansprüchen, die nur in einer Männergesellschaft überhaupt Platz finden, ausliefert. Widerstand ist notwendig – und zwar auch und insbesondere von Feministinnen. Sexuelle Gewalt an Kindern und an Frauen hängt miteinander zusammen, die Täter sind Männer, die Opfer sind schwächer und werden von Gesellschaft und Staat der Gewalt in grausamer Ignoranz ausgeliefert. Wir müssen das patriarchale Anspruchsdenken auf Sex kritisieren, wo es nur geht, denn seine zerstörerische Kraft macht selbst vor den Kleinsten nicht Halt. Wenn wir Geld haben, um Verkehrssünder zu bestrafen, dann spricht es jeder Form von Rechtsstaatlichkeit Hohn, wenn das nächste misshandelte Kind nur einen Mausklick weit entfernt ist und die Täter jetzt auch offiziell kaum noch Sorge haben müssen, dass ihnen der Prozess gemacht wird. Auch die Annahme, dass es sich ja nicht um die eigenen Kinder handelt, und man deshalb getrost wegsehen könnte, ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch inhaltlich falsch. Die Opfer in den Filmen und auf den Bildern stammen zwar aus der ganzen Welt – die zuschauenden Täter aber sitzen nebenan, finden sich in Vereinen, auf Schulwegen, auf Elternabenden. Wir alle – und unsere Kinder – begegnen ihnen tagtäglich.

Die Debatte im Edathy Fall zeigt, wie gering der Wert der Opfer ist, und dass Aspekte wie Ruf, Karriere und Männerseilschaften ein sehr viel größeres Gewicht zugemessen wird als den Traumata der Opfer. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Männer auf der Liste, auf der auch Edathy stand, inzwischen von Konsequenzen betroffen sind – oder ob auch hier die Ressourcen nicht ausreichten. Es wurde diskutiert darüber, dass das Anschauen bloßer Nacktfotos ja noch kein Vergehen sei – dabei sagt das viel über die Gesetzeslage, die nur allzu täterfreundlich ist und noch mehr über den Umstand, dass wieder niemand den Fokus auf die Täter und ihre Motive richten will.  Nichts ist harmlos, wenn sich Männer an Kindern erregen und es wird Zeit, dass dies auch in entsprechenden Gesetzen zum Ausdruck kommt. Jetzt, in diesem Moment, werden überall auf der Welt tausende Kinder vor Kameras misshandelt, die Bilder bleiben für immer im Netz. Und Deutschland hat sich entschieden, bis auf einige kosmetische Aktionen, einfach zu zusehen. Der eingestandene Mangel an Ressourcen kommt einem Freibrief für die Täter gleich und ist nur in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft überhaupt möglich. Es reicht offenbar nicht mehr, sich nur an uns straflos zu vergreifen. Jetzt müssen es auch unsere Kinder sein.

1 Kommentare

  1. Sexuelle Gewalt gegen Frauen, Kinder und andere Tiere ist kein Thema in unserer feinen Gesellschaft.
    Die Verurteilung bei Vergewaltigung von Frauen liegt unter 1%. Bei Kindern und anderen Tieren sieht es noch schlechter aus.
    Wenn wir keine Gewalt wollen, müssen – wir – aufhören gewalttätig zu sein. Erst dann fangen wir an, das Thema Gewalt ernst zu nehmen. Egal, gegen welche Tierart sich die Gewalt richtet, menschliche oder nichtmenschliche Tiere.

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