Kritik des Staatsfeminismus oder: Kinder, Küche, Kapitalismus

Buchcover: Kritik des Staatsfeminismus

Lilly Lent, Andrea Trumann: Kritik des Staatsfeminismus, Bertz+Fischer, 2015

Lilly Lent und Andrea Trumann untersuchen in dem schmalen Band „Kritik des Staatsfeminismus“, warum sich der deutsche Staat einige der urfeministischsten Forderungen auf die Fahnen geschrieben hat, zum Beispiel Frauenquoten in Aufsichtsräten, garantierte Kitaplätze und Eltern- und Betreuungsgeld, und kommen zu einem niederschmetternden, wenn auch nicht wirklich überraschenden Ergebnis: Deutschland hat nicht etwa erkannt, dass es endlich an der Zeit ist, Frauendiskriminierung nicht nur formal im Grundgesetz, sondern in Form aller Gesetze und Institutionen abzuschaffen, vielmehr werden feministische Parolen dazu benutzt, Frauen als Bürger besser nutzbar für staatliche und wirtschaftliche Interessen zu machen.

Wenn weibliche Unabhängigkeit und Automonie gelobt werden, ist es allerdings ratsam, genauer zu schauen, was denn damit gemeint ist. Bei so viel Zuwendung vonseiten des Staates, dem noch nie zutraute, individuelles Glück oder auch nur Wohlbefinden im Fokus seiner Bemüheungen zu haben, scheint ein bisschen Misstrauen nicht verkehr. Wie soll es denn aussehen, mein reformiertes Leben als Frau oder Mann?

Im ersten Kapitel „Die Ideologie der guten Mutter“ spüren die Autoren den unterschiedlichen Mütterlichkeitsbildern und der Auseinandersetzung mit ihnen im Feminismus nach. Viele Forderungen, wie eine bessere Betreuung und der gleichberechtigte Zugang zum Arbeitsmarkt, waren Themen der Ersten und Zweiten Frauenbewegung. Mütter wurden gleichzeitig aber auch von den führenden feministischen Magazinen, ausgeblendet, ihre Doppelbelastung, ihre Ausgrenzung war lange Zeit kein Thema des Feminismus und wird auch heute noch eher nebensächlich abgehandelt. Heute existiert eine staatliche Agenda, was die perfekte Mutter heute alles zu leisten hat: Schon in der Schwangerschaft soll sie sich gesund ernähren, darf nicht rauchen und trinken, nach der Geburt soll sie stillen, alles für die Bindung tun und nach einem Jahr – hopphopp – wieder arbeiten gehen.

In „Die aktuelle Variante der isolierten Kleinfamilie“ zeigen die Autorinnen auf, wie im Rahmen der von Marx beschriebenen ursprünglichen Akkumlation die Großfamilie verschwindet und durch die Kleinfamilie ersetzt wird. In dieser muss der Mann Lohnarbeit außer Hauses verrichten, die Frau bleibt mit der unbezahlten Reproduktionsarbeit zurück. Nun sind in Deutschland gut ausgebildete Menschen rar, die Frauen werden an der Arbeitsfront gebraucht, also werden durch Betreuungsangebote und Vergütungen zum die Geburtenquote angehoben als auch die Zahl der arbeitenden Mütter. Doch nicht nur von Familienangehörigen sind Familien isoliert, es gibt auch kaum einen Zusammenhalt zwischen Nachbarn und mit anderen Familien. Jeder bleibt für sich. Studien haben herausgefunden, dass Verheiratete mit Kindern die wenigsten Freunde haben – das war vor fünfzig Jahren noch anders. Der Grund dafür: Familie und Beruf, das Leben von Kinderlosen und Menschen mit Kindern, lassen sich immer weniger vereinbaren. Die Isolierung der Frau als Mutter ist da nur eine logische Folge.

Lent und Trumann erkennen in dem Elterngeld (für 12-14 Monate) eigentlich nur die staatliche finanzierte Aufforderung, sein Kind zu stillen, denn es umfasst eben jenen Zeitraum, in dem das Stillen als besonders förderlich für die Gesundheit des Kindes erachtet wird. Der „(Un-)vereinbarkeit von Familie und Beruf) widmen sie ein eigenes Kapitel, in dem auch die staatliche Agenda zu Kita-Ausbau und Betreuungsgeld nicht zur kurz kommt.  Schließlich gehen sie noch einmal dezidiert auf „Sinn und Zweck des Staatsfeminismus“ ein.

Das Buch ist kurz und knackig geschrieben, am Puls der Zeit, mit vielen aktuellen Zahlen und Querverweisen. Die Autorinnen zeichnen hier das Bild eines Staates, dem es nur vordergründig darum geht, vermeintliche Forderungen der Frauenbewegung umzusetzen, in Wirklichkeit hält er überzogene Mütterlichkeitsideale am Leben und verlangt von Frauen, nun mit der Dreifachbelastung von Beruf, Kind und Haushalt fertig zu werden und dies auch noch als Teil ihrer Freiheit zu betrachten. Wäre es dem Staat ernst damit, er würde wohl dafür sorgen, dass Kinder und Beruf besser vereinbar wären, dass Mütter nicht mehr vom Moment ihrer Befruchtung an einen Heiligenschein tragen müssen und er würde das Leben mit Kindern aus den Kitas-, Spielplätzen und Parkenklaven zurück in das öffentliche Leben holen. „Staatsfeminismus“ ist ein doppelgründiges Wort. Das Ziel des Staates – und nicht nur des deutschen- ist es, Frauen so verwertbar wie möglich zu machen, ihre Arbeitskräft, ihre Lebenszeit, ihre Reproduktionsorgane. Mit Feminismus hat das wenig zu tun. Absolute Leseempfehlung – besser kann man etwas über 100 Seiten nicht füllen.

Lilly Lent/ Andrea Trumann: Kritik des Staatsfeminismus. Oder: Kinder, Küche, Kapitalismus. Bertz + Fischer 2015

2 Kommentare

  1. Dieser Mißbrauch von feministischen Themen ist mir neulich auch schon aufgefallen. Mal abgesehen von den Bikini-Werbungen im Fernsehen, habt Ihr die Radio-Werbung für Almased mitbekommen, wo Mutter und Tochter sich selbstbewusst unterhalten so nach dem Motto „Hach ich muss gleich ins Büro, ich muss in die Schule…wie soll man das alles bloß schaffen“ und die Tochter dann meint „Mama zum Glück gibt es doch Almased, da mußt du Dir wenigstens um das Abnehmen keine Gedanken machen“?

  2. Schön und gut:Aber auch die Marx´sche „Großfamilie“ mit ihrem „Zusammenhalt“ war patriarchalisch,also hierarchisch,geprägt und hat weiblichen Wesen wohl kaum mehr Lebensfreude geboten als die Kleinfamilie mit`“Ernährer“ oder mit erwerbstätiger Mutter. – Die „Großfamilie“,in der jeder jeden lieb hatte,ist eine absolute Mär,egal,welcher Colour – zumindest in der geschriebenen Geschichte,die wir nur als patriarchal kennen.

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