Mehr Feminismus in der L-Community (und umgekehrt) – ein Plädoyer

Anlass für diesen Text: Die Ankündigung einer „European Lesbian* Conference 2017“ (1) mit folgender Erläuterung:

„Our aim is to hold an inclusive European Lesbian* Conference. We insist on calling it a lesbian conference although we recognize that, as with any category or label, it may be contested and insufficient to describe the diversity of our communities. We are aware that many previous lesbian gatherings have struggled with issues about who should or should not be included at the conference. However, using the word “lesbian” is part of the political struggle for visibility, empowerment and representation.
Therefore we will use “lesbian*” with an asterisk, so as to include anyone who identifies as lesbian, feminist, bi or queer, and all those who feel connected to lesbian* activism.“

Soweit.

Trotz des Instant-Dementi mit dem * und der dazugehörigen Erläuterung war der erste Kommentar, der mir auf einer größeren englischsprachigen Facebookseite zu der Konferenz begegnete und auf der ich die Konferenz gefunden hatte, ein Wutgeheul darüber, dass „gay women“ – also „schwule Frauen“ hier eine Konferenz hätten, ohne sich im geringsten zu bemühen „Transpersons“ einzubeziehen und wieso ihnen dies gestattet würde.

Was mich zu „Beißreflexe“ von Patsy L’Amour LaLove bringt, und zu der Hoffnung, dass sich die Queer-Community endlich ihren inneren Problemen widmet anstatt immer wieder ausgerechnet und fast ausschließlich auf Feministinnen oder Lesben loszugehen.

Dennoch möchte ich erst mal beim Thema „lesbische Sichtbarkeit“ bleiben und als Aufhänger dazu bei dieser Lesben*konferenz, die sich zu diesem Thema organisiert.

Sie organisiert sich dazu, weil nach mehr als zwei Jahrzehnten des Trans- und Queeraktivismus auffällt, dass hier einige Defizite sind. (Duh.)

Lesbengruppen, so es sie noch gibt, sehen sich oft sehr entpolitisiert, da die spezifischen Anliegen Homosexueller oder Genderqueerer wie Gleichstellung bei Eheschließung oder Zugang zur Acquise eigener Kinder/Elternschaft oder Benachteiligung bei Wohnungssuche oder ökonomische oder berufliche Diskriminierung angeblich oder oberflächlich keinen lesbischen Input brauchen, sie werden ohnehin durch die Community angegangen. Andere Formen der Diskriminierung, wie die von Frauen (2) bezüglich Karrierechancen oder Einkommen werden von Feministinnen angegangen, ebenso wie Gewalt gegen Frauen. Wozu also extra Lesben einbeziehen oder sich als solche einbringen?

Diese Entpolitisierung und Unsichtbarkeit wird dadurch verschärft, dass außer „lesbischer Sichtbarkeit“ viele Lesben in der LGB2TTQ*AAIPPP+ Community (3) nicht einmal sagen könnten, welche Anliegen das sind. Oft greifen sie die üblichen Verdächtigen an, sprich Feministinnen (solche, die Frauen in den Mittelpunkt ihres Engagements stellen), da dies die einfachsten Zielscheiben sind und da hier die Zustimmung des Queerstreams gewiss ist. Doch die wirklich wichtigen Themen sind feministische, wie das Recht über den (weiblichen!) eigenen Körper zu bestimmen und das Recht auf eigene Räume, das Recht über diesen Körper und die eigene Identität in politisch tragenden Begriffen zu sprechen und selber zu entscheiden, welche Begriffe und Definitionen angemessen sind, das Recht, den Einsatz ökonomischer Macht zur Benutzung und Unterwerfung dieses Körpers zu ächten, auch dann, wenn es andere Frauen betrifft  – doch das Bestehen auf diesen Punkten führt zu Ausschluss aus der Community.

Um diesem Ausschluss zu entgehen und im Interesse einer vordergründigen Harmonie verhalten sich die in der Community verbleibenden Lesben so, wie Frauen das zeit Jahrtausenden in toxischen Familien tun: Sie verstummen. Gehen Streit aus dem Weg. Oder unterstützen laut den Queerstream, der für Lesben ohnehin nichts übrig hat.

Mit dem Ergebnis, dass fast alle diejenigen Lesben, die einen inhaltlichen politischen Input beisteuern könnten oder würden, bereits gegangen sind – entweder vertrieben durch offene Feindseligkeit oder abgedrängt durch den Elefanten in Lesben- und hier meine ich Lesben*– Räumen, der inzwischen Brontosaurusgröße erreicht hat. Diese Frauen sind manchmal woanders zu finden, in feministischen Gruppen (die normalerweise keine Lesbenthemen angehen), in anti-rassistischen Gruppen oder Umweltgruppen, und auch hier tun sie, was Frauen seit Jahrtausenden tun. Sie schweigen über sich im Interesse eines „gemeinsamen Ziels“, einer vordegründigen und instabilen Harmonie.

Was eben Lesben grundsätzlich und in der Queer-Community in diesem politischen Limbo lässt und damit zu handfesten Problemen bezüglicher ihrer politischen Legitimation darin oder Notwendigkeit. Denn siehe oben – alle ihre Themen oder Belange werden ja schon von anderen angegangen, oder?

Doch wenn immer weniger Lesben überhaupt in die Community kommen oder sich da einbringen, kommen auch Fragen der Finanzierung auf den Tisch, sowohl innerhalb der Community als auch für die Kommunen oder staatliche Stellen. Denn wozu sollte eine Gruppe finanziell unterstützt werden, die nur noch von wenigen getragen wird und deren Ziele genauso (und lauter) von anderen „inklusiveren“ Gruppen vertreten werden?

Und daher bekommen wir in regelmäßigen Abständen die „Lesbische Sichtbarkeit“. Eine Forderung, die umgehend durch * und Lesbische* Sichtbarkeit kassiert wird. Lesbisch* beinhaltet den Einschluss von:

„Jede*r*m, der oder die oder d* sich als lesbisch, feministisch, bi oder queer identifiziert, und all jene*, die sich mit lesbischen* Aktivismus in Verbindung sehen.“

Gut – das ist eine sehr wortgenaue Übersetzung des englischen Texts und es ist gut möglich, dass die Organisator*innen es etwas anders formulieren werden. Aber „connected to lesbian* activism“ schließt letztlich sogar diejenigen ein, die sich durch jegliche Form dieses Aktivismus bedroht sehen. Hier wird nicht einmal explizit gefordert, dass diese Personen eine Grundsolidarität gegenüber Lesben haben müssen oder die Ziele und Werte lesbischen Engagements respektieren müssen.

Die Zielgruppen sind:

„Lesben* mit Erfahrungen im Aktivismus oder solche, die anderweitig dem Aufbau eines langfristigen Netzswerkes auf internationaler Ebene innerhalb Europas verpflichtet sind“

„Leute, die sich für ein zukünftiges aktives Engagement für Lesben* interessieren“

„Individuen, die teilnehmen wollen und zu den Bedürfnissen von Lesben* etwas lernen wollen.“

Nun gut. Grundsätzlich, und dies meine ich absolut ernst zwei Dinge: Ich respektiere die Autonomie der Orga, und ich erkenne die ungeheure Arbeit an einer solchen Konferenz uneingeschränkt an. Letztlich dürfen diejenigen, die die Arbeit machen, solche Entscheidungen fällen. Meckern kann jede, kann jeder und jede*r, und der „Femi*nismus“, den ich am meisten hasse, ist der berühmte „Egal, was Du machst, Du machst es falsch“-Feminismus. Daher wünsche ich den Organisator*innen und Teilnehmenden viel Glück.

Aber ebenso grundsätzlich – und unabhängig von der Frage, welche Leute bei einer solchen Konferenz dann herumlaufen – geht nichts davon die drängenden Fragen an. Was sind die Bedürfnisse von Lesben, und können sie überhaupt herausgearbeitet werden und zusammengestellt werden, wenn Lesben sich nur als Lesben* mit allen, die dazu wollen, treffen oder treffen sollen oder – siehe den allerersten Kommentar unter der Veröffentlichung der Konferenz in dieser Facebook-Gruppe – treffen dürfen? Wenn Lesben nicht einmal klären oder klären wollen, was diese Bedürfnisse sind oder wie sie sich zu Queer und zum Feminismus verhalten? Wenn noch vor einer Klärung solcher Fragen die Sprachpolizei über die Texte und Gedanken läuft und damit bereits die Sprache über unser Begehren oder unsere Körper unterlaufen wird?
Im Moment sehe ich nicht, wie sich die Sichtbarkeit von Lesben erhöhen lässt, solange die damit verbundene Entpolitisierung der Lesbengruppen im Queerstream nicht beendet wird. Und ich sehe nicht, wie sie beendet werden kann ohne eine – exklusive – Begriffsbestimmung von „Lesbe“.

Dies schadet der Queer-Community nur am Rande oder gar nicht, es mag ihr sogar nützen, aber für Lesben und für Feminismus ist diese Entpolitisierung ein ernster Verlust.

Lesben waren immer unter den ersten, die traditionelle Ehevorstellungen und -gesetze angegangen sind. Heutzutage gehören viele zu den ersten, die ihren Anteil an der traditionellen Unterdrückung, die eine traditionelle Ehe ist, fordern. Sie haben sich gegen die Enge toxischer Klein-Familien gestellt. Heute wollen viele dieser entsprechen. Lesben haben Heterosexualität als Form der Kontrolle und patriarchale Praxis und damit Form der Unterdrückung thematisiert. Dafür wurden sie aus vielen feministischen Räumen ausgeschlossen, vor allem weil politische Kritik an einer kulturellen Praxis oder einem sozialen Tatbestand mit Kritik an Personen, die in einem bestimmten Kontext individuelle Entscheidungen treffen, verwechselt wurde und ihre Positionen als zu radikal galten. Am Rande – eine Verwechslung, die bis heute den sog. „liberalen“ (eigentlich neo-liberalen) „Feminismus“ von radikalem Feminismus unterscheidet.

Lesben sind auch heute noch diejenigen, die sich um die Archivierung von Frauengeschichte und Lesbengeschichte kümmern, die in diesen Bereichen die eigentliche Arbeit leisten und dabei das Wissen um unsere Geschichte erwerben und weitergeben. Die versuchen, auf diesem Wissen aufzubauen und darauf grundlegend und entscheidend aufbauend zur Entwicklung der Lesben-Community beitragen – sowohl innerhalb der queeren Community als auch der feministischen. Die Sichtbarkeit und Auftritts- und Rezeptionsmöglichkeiten für lesbische (und feministische) Künstlerinnen oder Autorinnen schaffen und unterstützen. Sie entwickeln und arbeiten an WGs und (mit Hetera zusammen oder alleine) an Wohnprojekten und Formen des Zusammenlebens im Alter und sichern sich (und den jetzt noch jüngeren) dadurch wesentliche Möglichkeiten der Autonomie. Ohne Lesben und ihren Input sähe die feministische Landschaft in Deutschland – auch die heutige – erheblich ärmer aus.

Feminismus ist das, was was Lesben brauchen um in jeder möglichen Community zu bestehen. Es sind Feministinnen, die darauf bestehen, dass der Körper einer Frau ihr Körper ist, dass sie das Recht hat, so über diesen Körper zu sprechen, wie sie will (und nicht so, wie Transaktivist*inn*en) es ihr vorschreiben), dass ökonomischer Zwang genauso übel ist wie jeder anderer und dass Praktiken wie Prostitution und Leihmutterschaft sowohl Ergebnisse als auch Stützen des Patriarchats sind – und kein Beitrag zu einer angeblich anderen „Sexualität“ oder „neuen“ Familienform. Dass Frauen eigene Räume brauchen, um zu diesen Themen arbeiten zu können, um ohne sofortige Hinterfragung oder Individualisierung oder Pathologisierung oder Relativierung eigene Erfahrungen berichten zu können, Meinungen zu Themen ungehindert auszudrücken, sich auf diese Themen einzulassen, zu ihnen ohne Unterbrechung durch andere lernen zu können, um das öffentliche Sprechen zu üben und um unterstützende  Strukturen aufbauen zu können. Dafür wurden und werden sie aus den queeren Gruppen vertrieben, vor allem da diese Gruppen sich weigern, patriarchale Strukturen herauszufordern oder zu hinterfragen, da zu viele ihrer Mitglider von ihnen profitieren oder das wollen und damit ihren Aktivismus auf ein Ausdehnen dieser Privilegien auf den eigenen Buchstaben konzentrieren.

Was mich zurückbringt zu Patsy L’Amour LaLove und seinem wichtigen Buch, und meinem eigenem Dilemma. Bisherige Diskussionen sowohl im englischen Sprachraum als auch in Deutschland waren oft durch wüste Angriffe geprägt, wobei gerade Angriffe bezüglich einer angeblichen Transfeindlichkeit (ohne weitere Definition und ohne jeglichen Beleg) häufig als Ersatzangriffe wegen anderer Positionen, z.B. der Ablehung von Prostituton, genutzt wurden und werden. Daneben stehen bedeutungslose bis den Status Quo stützende und damit gefährliche Appelle an eine „Harmonie der Vielfalt“. Wenn es eng wird, weil ein Verhalten gar nicht mehr zu akzeptieren ist, sei es verbal oder faktisch in Formen von Gewalt gegen Frauen, wird das Thema of abgebogen, es wird sich des Problems entledigt, indem entweder von einzelnen Trollen gesprochen wird (dafür sind es aber zu viele) oder von „Hipstern“, die queer als life-style choice und styling-Ansatz unterlaufen oder von „Infiltratoren“ oder „falschen“ Transfrauen oder einfach einzelnen Idioten. Was einfach und bequem ist und in Einzelfällen auch berechtigt, schließlich übernehme ich auch nicht die Verantwortung für jeden Text jeder einzelnen radikalen Feministin oder jeder einzelnen, die dieses Banner für sich beansprucht; was aber auch übersieht, wie die Wirklichkeit aussieht und den Elefanten im Zimmer zum Brontosaurus werden lässt.

Die Angriffe auf Frauen, auf Lesben und ihre Räume werden nicht nur von Maskulisten und Männer- und Vaterrechtlern im Queerstream ausgeführt, sondern nahtlos von Heteras, die es endlich mal den Lesben zeigen wollen, und neoliberalen Feministinnen übernommen, die Terminologie der Queers wird allen Frauen übergestülpt – also Frauen*  – und dies ohne jegliche Kenntnisse über den Feminismus der zweiten Welle, in einem Klima, in dem eine verzerrte und verleumdende Darstellung dieses Feminismus blüht. Ganz generell ist die hohe Beteiligung von zahlreichen „Netz“-„Feministinnen“ ohne jegliche Ahnung sowohl von Feminismus als auch von Queer eines der größeren Probleme, und das schöne an Patsy L’Amour LaLove’s Interviews (das Buch muss ich noch lesen) ist, dass hier endlich jemand schreibt, der sich auskennt. Was immerhin auch Gegensätze oder Meinungsverschiedenheiten auf eine andere Ebene stellt.
Wo liegt das Dilemma – einerseits besteht vielleicht die Chance, endlich vernünftig zu klären, wo die Bruchlinien sind und wo sie nicht sind, wo Gemeinsamkeiten liegen, wo grundlegende poltische Konflikte beüglich Sprache und Räume – die vielleicht nicht zu lösen sind, und wo es Konflikte gibt zu Themen wie Leihmutterschaft, in denen Krawall wohl nicht zu vermeiden ist und bei denen Kompromisse kaum möglich sind.  Aber eine Atmosphäre des Gesprächs könnte wenigstens diese Konflikte isolieren und andere Gemeinsamkeiten zulassen. Außerdem besteht bei der jetzigen Situation tatsächlich die Gefahr, dass die friedlichen Leute völlig zerrieben werden. Und denen will ich ihre Räume und ihre Äußerungen jederzeit zugestehen, letztlich sind das nicht die, die mir meine nehmen wollen.

Andererseits wittere ich hier nur ein punktuelles Zurückrudern – wobei ich hier nicht Patsy L’Amour meine, anders gesagt, ich unterstelle weder Patsy noch anderen, die dieses Buch und die Erfahrungen darin teilen, Taktik. Dennoch: das aggressive Auftreten zahlreicher Trans*aktivistInnen und Queers hat bei vielen Feministinnen und Lesben zu „Trans Peak“ geführt. Trans Peak ist der Moment, in dem ihnen klar wird, dass Kompromisse mit der Szene nicht möglich sind, und dass diese AktivistInnen erst aufhören werden, wenn jegliche sinnvolle Definition von „Frau“ bedeutungslos geworden ist. Dass unter diesen Bedinungen auch trans* keinen Sinn mehr gibt, ist wohl die Hoffnung derer, die Butler folgen – aufbrechen der Dichotomien durch Entleerung der Sprache durch Spielereien, und dann greifen Unterdrückungsmechanismen nicht mehr. Was soll ich sagen – netter Ansatz, hat nicht geklappt, next time: Bitte Machtanalyse einbeziehen und die Ergebnisse von Queer für Frauen ganz konkret zu Beweismaterial erklären…  Jedenfalls – siehe die  Ausführungen zu „Lesbischer Sichtbarkeit“ oben, die Frauen steigen aus oder bleiben weg und daher müssen ihnen ein paar Angebote gemacht werden.

Will ich darauf eingehen – ? Ja. Und dennoch weiß ich genau, dass ich dann doch nur mitspiele. In diesen Diskussionen sind Feministinnen (diejenigen, bei denen der Begriff überhaupt eine auf Frauen bezogene Bedeutung hat) die Sandsäcke in der Debatte, an denen die inneren Brüche abgearbeitet werden. Sobald nach ein paar Gesten Frauen zurück sind, sobald wieder alles gut ist, sobald noch ein paar Frauen denken, schaut, wir haben ja doch Platz hier, wird das da capo kommen. Denn die andere Seite ist ja die: Solange ich und meinesgleichen in den Diskussionen sind, stabilisieren wir das System. Solange wir da sind, können Transaktivistinnen ihre fertig vorformulierten Standardsätze gegen uns ins Feld führen und damit ihre inneren Zweifel beruhigen. Wäre ich weg, müssten sie die direkt angehen, ohne den einfachen und disziplinierenden Umweg über mich. Und ist keine Frau anwesend, an der der Hass ausgelassen werden kann über den weiblichen Körper, der weder durch Operationen noch durch sprachliche Manipulationen erreicht noch völlig abgelegt werden kann, dann – ja. Was dann. Wo wendet dieser Hass sich dann hin? Wäre ich queer, hätte ich davor auch Angst.

Allerdings zähle ich mich nicht zu den Queer, sondern zu den L. Und zwar L, nicht L*. Mir geht es also um diese Community. Welche praktischen Folgen also? Es bleibt im Moment nur, immer wieder zu versuchen, das Thema Feminismus in diese L-Community zurück zu bringen. Und von diesem Boden aus ebenso konfliktreiche wie auch klärende wie auch stärkende Gespräche zu führen.

(1)    https://europeanlesbianconference.org
(2)    Frau – ohne Sternchen und offenbar immer erklärungsbedürftig: Eine erwachsene Person, von Geburt an (oder vom Ultraschallbild an) wegen ihrer Biologie und die dadurch vermutete Gebärfähigkeit in der Gesellschaft auf die Position „weiblich“ und „Frau“ gestellt. Eine Person, die sich von dieser Position aus mit ihrer Biologie und ihrem Körper auseinandersetzen muss und ihr Leben von dieser Position aus von Anfang an gestaltet. (Feministin: dito, mit dem Zusatz – und die sich von dieser Position und den anderen Frauen in dieser Position nicht wegdistanziert. Lesbe: Eine solche Person, die andere solche Personen liebt.)
Frau – mit *: Ein wesentliches und absolut übersehenes Problem mit dem * hinter Frauen* und Männern* ist, dass davon ausgegangen wird, dieses * wirke hinter den beiden Begriffen auf gleiche Weise. Damit würde auf den Konstruktcharakter dieser Begriffe hingewiesen, heißt es, und außerdem würden die Kategorien geöffnet für alle, die sich dazuzählen wollen, und dies würde diese Kategorien schließlich hinterfragen und langsfristig in ihrer einschränkenden und platzzuweisenden Funktion zerstören. Soweit die Theorie. Aber mehr als 20 Jahre nach Gender Trouble hat sogar Butler gemerkt, dass Machtanalysen hierbei eine Rolle spielen und sowohl LinguistInnen als auch anderen WissenschaftlerInnen zumal der Gender Studies müsste klar sein, dass bei unterschiedlichen Machtverhältnissen ein- und dieselbe sprachliche Intervention unterschiedlich wirkt. Die Hinterfragung der Kategorie „Männer*“ per * unterhöhlt über die Betonung des Konstruktcharakters und der offenen Zugehörigkeit zu dieser Kategorie letztlich die Wahrnehmung und Skandalsierung ihrer privilegierten Position in der Gesellschaft, sprich das eigentliche Problem, nämlich die Hierachiserung dieser Kategorie gegenüber der weiblichen* Form erwachsener Menschen, wird „konzeptionalisiert“ und damit in einer Weise hinterfragt, die diese Privilegien einfach über Leugnung kongnitiv und sprachlich abschafft. Das hat aber auf die Lebenswirklichkeit der betroffenen Personen absolut keine Auswirkung, außer, dass ihnen die Mittel zum politischen Kampf genommen wird. Das * hinter Frauen* wirkt effektiv komplementär – ihre untergeordnete Stellung ist letztlich Ansichtssache und muss als Wahrnehmung (nicht als Tatsache) genauso hinterfragt werden, wie ihre Identität – wobei die Bedingungen ihrer Zugehörigkeit zu dieser Kategorie, die längst durch die Trennung von „sex“ (Geschlecht) und „gender“ (Geschlechterrolle) im Feminismus der zweiten Welle analysiert worden ist, ebenso in einer Weise konzeptualisiert werden, die nur als Ablenkungsmanöver von der Benennung der Tatsachen wirkt. Letztlich wirkt die Zuteilung der * hinter den Begriffen so wie der Umgang der Nation mit gegenderter Sprache. Im Allgemeinen gilt das generische Maskulinum als ausreichend, nur in der Sekunde, in der es um geschlechtsspezifische Gewalt geht, sei sie sexuell oder in Partnerschaften, beherrschen plötzlich noch die Konservativsten der Konservativen Formen der „geschlechtergerechten“ Sprache. Dies in einem Kontext, dem das Maskulinum (generisch oder nicht) erheblich zutreffender und damit gerechter wäre. Solange sich an den tatsächlichen Bedinungen nichts ändert und solange dies auch gar nicht das Ziel irgendwelcher Politik ist, kann durch sprachliche Manipulationen nur abgelenkt werden, geändert werden kann dardurch nichts. Nur die Analysekategorien verschwinden konzeptionalisieren sich so schön einfach und werden weg verschoben von denen, um die es geht. Theoretisch ist es nach wie vor möglich, auch in * Texten gesellschaftliche Gewalt gegenüber Frauen anzugehen – aber bei den Texten, die das tun, bringt das * keinerlei Gewinn und es ist kein Zufall, dass uns diese * immer wieder bei Texten von Leuten begegnen, die sich gar nicht schnell genug von jeglichem Feminismus mit tatsächlicher politisch kritischer Bedeutung wegdistanzieren können.
(3)    LGB2TTIQ*AAPPP+  Lesbian, Gay, Bisexual, Two-Spirit, Transsexual, Transgender, Intersexual, Queer, Asexual, Agender, Polyamourous, Pangender, Pansexuell – das Plus ist kein offizieller Bestandteil, es wurde von mir für alle Fälle, zur Inklusion weiterer Identitäten, gesetzt.

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel. Ich selbst arbeite für das Archiv Frau und Musik in Frankfurt/Main, das von großteils Lesben 1979 gegründet wurde, um endlich Musik von Frauen in die Öffentlichkeit & Forschung zu bringen. Dieses in Deutschland einzigartige Archiv (& weltweit (!) das älteste, größte & bedeutendste dieser Art) mit seinem kollektivem Kulturmusikgedächtnis ist bereits auf der Roten Liste bedrohter Kultureinrichtungen. Wenn wir dies verlieren, verlieren wir die Grundlage des Ursprungs der weltweiten Frauenmusikforschung. Das Archiv Frau und Musik ist organisiert im i.d.a.-Dachverband deutschsprachiger FrauenLesbenarchive – wie im Artikel geschrieben bis heute großteils von Lesben in der Orga be- & umgetrieben. Als ich davon hörte, dass es eine große Lesbenkonferenz gebe, war ich voll begeistert & schaltete mich mit der Orga kurz, die zu dieser Zeit über die Farbwahl der PR diskutierte. Es stand Pink im Raum. Pink. Ich schlug die Farben Weiß-Grün-Purpur/Lila vor und es wurde gefragt, was diese Farben mit Lesben zu tun hätten. Ich erklärte: Dass es die Farben der Suffragetten- & Frauen(wahl)rechtsbewegung waren & dass die organisierende Spitze dieser Bewegung großteils lesbisch war & teils auch so offen lebte (Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Ethel Smyth, Cicely Hamilton etc.) – dieser Umstand war der Leitung überhaupt nicht bekannt. Lesbische Geschichte war überhaupt nicht bekannt. Die Farben wurden nach meiner Bedeutungserklärung begeistert übernommen & es schien sich ein bisschen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Seitdem gehe ich davon aus, dass auch zur neueren Lesbengeschichte (z. B. dass die so wichtigen Mütterzentren von Lesben gegründet wurden) nichts oder nur wenig bekannt ist. Und dann frage ich mich, woher so viel Geschichtsvergessenheit kommt. Ich selbst entdeckte „den Feminismus“ auch erst zu Anfang der 2000er zu Studiumszeiten, weil ich ein Frauenzentrum mit einer hervorragenden Bibliothek aufsuchte, das mir die Augen öffnete – der vorher augenscheinlich nicht existent war, wo ich aufgewachsen war. Lesbengeschichte war nie Thema im Schulunterricht (diesen Umstand dürften wir alle kennen) – viele mussten sich das selbst hart & hartnäckig erarbeiten. Vielen hat das die Augen geöffnet & mit viel Wut im Bauch weitermachen lassen. Viele konnten erst dadurch in ihrer Persönlichkeit reifen & fanden den Grundstock ihres Selbst-Bewusstseins. Wer kann, gehe bitte zur Konferenz, am besten mit eigenen entsprechenden Vorträgen, zu denen man sich derzeit noch einschreiben kann – wir brauchen Sichtbarkeit lesbischer Geschichte so dringend! http://www.archiv-frau-musik.de/cms/aktuelles/bedrohte-archivs-zukunft

  2. Ich kenne mich wenig aus mit dieser ganzen Queer-Szenerie. Aber für mich hört sich die im Artikel geschilderte Queer-Praxis an wie ein groß angelegtes Inquisitionsgericht, das die Denk- und Sprechweisen von Frauen und Lesben kontrollieren, zensieren und untersagen will. Schon allein die Fragestellung zu der Lesben-Konferenz – „dürfen die das?“ (sich treffen) – spricht Bände. Mich hat das sehr erheitert, weil ich´s so entlarvend finde.
    Wie konnte es so weit kommen, daß Frauen und Lesben heutzutage „beweisen“ müssen, daß sie sich um die Integration aller möglichen eindeutig nicht-weiblichen Leute „bemüht“ haben? Das ist ein großer Rückschritt oder sogar Abstieg zu dem, was Frauen und Lesben schon erreicht hatten.
    Vor der Queer-Ideologie hatten Frauen & Lesben die Definitionsmacht darüber, wem sie Zugang zu ihren Räumen gestatteten und wem nicht. Jetzt haben sie offenbar diese Definitionsmacht (freiwillig?) abgetreten an Leute, die erst seit kurzem Frauen sind oder ein bißchen Frau-Sein spielen. Solange bis dies Experiment nicht mehr exotisch genug ist und deshalb eingestellt wird – siehe Conchita Wurst, die ihre „innere Frau“ mittlerweile „überwunden“ und zu ihrem wahren Selbst zurückgefunden hat.
    Wie kam es zu diesem Machtverlust? Durch moralische Erpressung mittels Political Correctness? Liebe Frauen (ohne pc-korektes *), wie lange wollt ihr euch denn noch verar**en lassen? Eine Frau gibt ihre Eigen-Macht unter gar keinen Umständen ab – egal, was andere sagen.

  3. Es ist hoch an der Zeit, dass Frauen/Lesben/Mädchen endlich ihr Ding machen. Und zwar ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was Männer darüber denken könnten. Männer machen seit Jahrtausenden ihr Ding, und es ist ihnen herzlich wurscht, wie das für Frauen ist. Deshalb sind sie auch an der Macht. Wenn wir das Patriarchat stürzen wollen dann müssen wir das von ihnen lernen. Gesunder Egoismus ist angesagt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.