Mein weiblicher Körper, das Schlachtfeld

Der 8. März rückt immer näher, und allerorten ist vom „Frauenkampftag“ die Rede. Das Wort „Kampf“ lässt etwas in mir anklingen. Gegen wen habe ich gekämpft, bevor ich für den Feminismus zu kämpfen begann? Ich kämpfte gegen mich selbst, gegen meinen Körper. Dieser Kampf wurde pathologisiert, als verrückt erklärt, ich wurde eine Ausgestoßene ob der Narben, die ich mir selbst zufügte, die andere mir zufügten, die von mir erwartet wurden, damit ich mich überhaupt Frau nennen durfte, bis ich eines Tages auf dem Bücherflohmarkt vor meiner Universität ein kleines Suhrkamp Buch fand, orange, und ganz zerfleddert, „Frau und Natur“ war der Titel, geschrieben von Susann Griffin 1978 und ich begann in diesem Buch zu lesen und konnte nicht mehr aufhören, darin zu lesen, weil ich darin erkannte, dass das, was ich tat, das Schneiden, Verbrennen, Verstümmeln, Hassen, das Schminken, Bleichen, Zupfen, Quälen, nicht nur mich betraf, sondern dass diese Haltung zum Frausein selbst dazu gehört, es ist die stumme Sprache unserer Unterdrückung, unser Körper ist zugleich der sichtbare Ausdruck unserer Unterdrückung, die wir nicht in Worte fassen können, weil sie uns die Worte nicht lehren, weil wir sie selbst finden müssen, unter dicken Schichten neuen Frauenhasses vergraben, und weil wir statt die zu hassen, die uns unterdrücken, lernen, uns selbst zu hassen. Ich will von ihnen erzählen, von diesen Spuren des eigenen und des fremden Hasses auf meinem Körper und will diese Geschichte beispielhaft für so viele andere Frauen, der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft erzählen, die ähnliches, wenn nicht gleiches erleben. Der Hass auf unsere Körper muss nicht so extreme Formen annehmen wie meiner, um als solcher sichtbar zu sein. Irgendwo, irgendwie hassen wir Frauen uns alle ein wenig:

„In our culture, not one part of a woman’s body is left untouched, unaltered. No feature or extremity is spared the art, or pain, of improvement. Hair is dyed, lacquered, straightened, permanented; eyebrows are plucked, penciled, dyed; eyes are lined, mascaraed, shadowed; lashes are curled or false – from head to toe, every feature of a woman’s face, every section of her body, is subject to modification, alteration.“ (Andrea Dworkin: Woman Hating, 1974, S. 112)

Es wird zu wenig gesprochen über den Selbsthass unter uns Frauen, dabei zeigt er sich so überdeutlich an so vielen Stellen. Wir hassen unsere Körper, weil sie zu dick, zu alt, zu faltig, zu unförmig, zu behaart, zu ungenügend sind, wir hassen uns selbst, weil wir nicht sind wie die strahlenden Madonnen, die sie uns vorhalten und denen wir nacheifern sollen, und wir hassen die anderen Frauen, die, die perfekter sind als wir und die die es weniger sind, wir geifern und schimpfen und hassen und verachten und erledigen dabei die Drecksarbeit für das Patriarchat.

Was wir nicht wissen, was wir vergessen haben, ist wie uralt der Hass auf den weiblichen Körper ist und die Freude daran, ihn zu quälen. „Ich wünschte, sie hätten alle nur einen einzigen Körper, da mit wir sie alle gleichzeitig in einem einzigen Feuer verbrennen könnten“, schrieb Henry Boguet in seinem Discours des Sorciers über die europäischen Hexen und sein Wunsch gilt noch immer. Sie hassen unseren Körper, den sie für minderwertig halten, fehlerhaft, und auf den sie doch nicht verzichten können, also erfinden sie künstliche Körper und erwarten von unseren, echten, lebendigen Körpern, dass wir ihnen entsprechen. Alles, was mit unserem Körper zu tun hat, wird mit Scham belegt, aus Scham wird Selbsthass und aus Selbsthass wird Schmerz.

Der Anfang war die Scham

Etwas ist anders, in diesem Sommer irgendwann Ende der 1980er Jahre. Ich bin gerade 13 und ich trage Hotpants, weil alle sie tragen. Ich sehe die Blicke nicht, die mir mein Onkel zuwirft, aber meine Tante sieht sie und eines Tages packt sie mich am Arm, hart, mit einem Gesicht, so abweisend wie Stein, ich hatte gerade über einen Bottich gebeugt gestanden und mit meiner Nichte nach Wasserläufern geangelt und meine Tante sagt: „Geh nach Hause, zu deiner Mutter, es ist so weit.“ Was ist so weit? Um was geht es? In mir brennt die Scham, ich habe etwas falsch gemacht, aber was ist es, warum sieht sie mich so an, so zornig, so verachtend? Also gehe ich nach Hause zu meiner Mutter, sage ihr, was die Tante gesagt hat und sie blickt an mir herunter und ich sehe es. Es ist rot zwischen meinen Beinen, es hat sich die schmalen Hosenbeine meiner Hotpants empor gezogen. Meine Mutter wird blass, schlägt die Hand vor den Mund, zieht mich ins Badezimmer. „Zieh dich um“, sagt sie knapp und zieht die unterste Schublade unserer Badezimmerkommode auff, in der dicke, unförmige Binden liegen. Sie lässt mich mit ihnen allein, sie erklärt mir nichts, sie sagt mir nichts, als ich später in die Küche komme, ist ihr Gesicht ganz starr vor Scham. Seither blute ich, einmal im Moment, doch ich schäme mich so sehr dafür, dass ich noch nicht einmal mit meinen Freundinnen darüber spreche. Etwas an mir ist schmutzig und falsch, und ich weiß es. Die Scham über mein Frausein frisst sich wie ein hässlicher Wurm in mein Innerstes und nistet sich dort ein.

„Sie findet Blutspuren zwischen ihren Beinen und in der Toilette. Sie findet Blut auf ihrem Kleid, Blut auf ihrer ganzen Kleidung. Sie weint. Was sie wegwäscht, kommt wieder. Sie faltet Papierhandtücher zusammen und steckt sie sich zwischen die Beine. Sie versucht, das Blut aus ihrem Kleid zu waschen. Da sind Flecken, längliche, hellrote Spuren. Sie zieht sich wieder an. Sie bindet sich ihren Pullover um die Taille, damit man die hellroten Spuren nicht sieht. Sie wäscht sich die Hände, entfernt das Rot untern ihren Nägeln. Sie macht die Toilette, den Boden sauber. Wenn sie geht, fühlt sie die Papierhandtücher zwischen ihren Beinen. […] Sie geht nach Hause so schnell sie kann. […] Sie findet die Mutter. Sie flüstert ihrer Mutter zu, was passiert ist. Die Mutter bekommt ein rotes Gesicht. Sie nimmt das Mädchen mit nach hinten in das Has. Sie schließen sich im Badezimmer ein.[…] Sie sagen nicht, was sie gemacht haben, Mutter und Tochter. Vor den verlegenen Gesichtern behalten sie ihr Geheimnis für sich. (Griffin: Frau und Natur, S. 107-108)

Dann kam der Hass

Ich will nicht darüber schreiben, was dann geschah, die Sache mit meinem Onkel, wie aus seinen Blicken Hände wurden, die schaufelweise Scham und Hass in mich hineinbeförderten, bis ich glaubte, ihn unter meiner Haut sehen zu können, den Dreck, den Schmutz, mit dem er mich angefüllt hatte und wie ich begann, meinen Körper zu hassen, meine sprießenden Brüste, meine sich rundenden Hüften, und es wäre so einfach zu sagen, dass nur er diesen Körper benutzte, missbrauchte, doch die Wahrheit ist, ab dem Moment, an dem ich kein Kind mehr war, zumindest im Außen, war ich Freiwild. Ich erlebte so viele verwirrende Dinge, die ich erst heute, so viele Jahrzehnte später, wirklich verstehe. Da ist der besoffene Freund meines Vaters, der mich lüstern ansieht und mit meinem Vater über meine Brüste redet und mir, wenn ich mich verabschiede, auf den Hinter klopft und mein Vater, der mir sagt, dass ich stolz darauf sein kann, während der Blick meiner Mutter mir sagt, dass ich etwas Falsches getan habe, dabei habe ich doch gar nichts getan, die kalte Distanz meiner Mutter zu mir, je älter ich wurde, wie sie nachts an meinem Bett steht und „Schlampe“ zischt, weil sich ihre Schwester bei ihr beschwert hat, ich würde ihrem Mann schöne Augen machen. Es sind Fremde, die mich anstarren, begrabschen, denn eigentlich bin ich doch nur ein Kind, oder?

Dann die Selbstverletzung

Ich weiß nicht, wann ich die Entscheidung traf, mich selbst zu verletzen, es geschah irgendwann, ich nahm die Rasierklinge, ich ritzte mich und es fühlte sich so unfassbar gut an. All der Dreck, all die Scham bluteten aus mir heraus. Es war mein dunkles Geheimnis, und zugleich barg es so viel Freiheit.

Doch es blieb nicht lange verborgen. Meine Mitschüler bekamen es mit, ich wurde zur Ausgestoßenen. Dann entzündeten sich die Wunden und ich kam in das Krankenhaus, wo der zuständige Kinderpsychiater mit verächtlichem Blick auf mich herabsah und mich fragte, ob es mir Spaß mache, meinen Eltern solche Sorgen zu machen. Ich machte weiter, später irgendwann entdeckte ich den Hunger, das Kotzen und all die anderen Formen aus Selbsthass und Selbstkontrolle, die so viele Frauen da draußen so gut kennen. Ich wünschte, ich könnte schreiben, das sei nur eine Phase, ich hätte das irgendwann hinter mir gelassen doch die Wahrheit ist, es begleitet mich bis heute. Ich kann im Büro niemals kurze Arme tragen. Jeder Mann, der mit mir schläft, sieht sofort, was ich mal für eine war. Noch immer bin. Dass ich mich selbstverletzt habe. Damit bin ich ein Mensch zweiter Klasse.

Aber. Das ist nicht der echte Kampf, den ich mit meinem Körper kämpfe, das ist auch nicht der Kampf, über den ich schreiben will. Der Kampf, den ich kämpfe und irgendwie wohl auch jede Frau, ist der Kampf, mich selbst, meinen Körper zu lieben. Ihn trotzdem zu lieben, wo doch eine ganze Gesellschaft von mir erwartet, ihn zu hassen.

Da sind die Haare, die überall wachsen, und gegen die wir unser Leben lang ankämpfen. Glatt rasiert hat er zu sein, der Frauenkörper, wie die Frauenkörper in den Pornofilmen, kindlich, unschuldig, unberührt. Aber sie wachsen weiter die Haare. Am Kopf sollen wir sie lang tragen, wallend, Stunden in ihre Pflege und ihr Styling investieren, an anderen Stellen sollen wir sie ausreißen, rasieren, bleichen.

Feine, helle Härchen auf unserem Rücken. Weiche Härchen auf unseren Unterarmen. Unseren Oberlippen. Der Körper nimmt erwachsene Umrisse von Hüften und Brüsten an. Haar kitzelt unsere Beine. Liegt auf unseren Wangen. Die sekundären Geschlechtsmerkmale erreichen die Reife. Haar rundet sich über unserer Vulva. Haar lockt sich in unseren Achseln. Unseren Nasen. Der Uterus senkt sich in das Becken. Haar überrascht uns. Verrät uns. Unsere Geheimnisse. Eine Lotion wird auf die Haut aufgetragen, die jedes Haar entfernt. Die Lotion Wir sind mit borstigen, schwarzem Haar bedeckt. Das Follikel wird mit einem elektrischen Gerät an der Wurzel zerstört. Haar wächst wild über unseren ganzen Körper.“ (Griffin: Frau und Natur, S. 110)

Kurzes Haar ist heute noch eine Kampfansage, wird gar als Selbstverstümmelung wahr genomen, eine Frau, die so etwas tut, verrät ihre Weiblichkeit, es wird ihr nur zugestanden, wenn sie die kurzen Haare mit allerlei sonstigen weiblichen Attributen ausgleicht. Ich habe mir meine Haare abrasiert. Mehr als einmal. Und jedes Mal war es für mich ein Schritt in Richtung Freiheit. Es war die Ansage, dass die erdrückenden Schönheitsideale für mich ein Stück weit weniger galten und ich begann, ich selbst ein wenig mehr zu lieben, dieses unfertige, eigenartige Ich mit diesem Körper, den sich andere zu eigen gemacht hatten, lange bevor ich selbst ihn entdecken durfte.

Das da zwischen unseren Beinen

Da ist meine Klitoris, über die ich gar nichts weiß, wer soll mir auch etwas davon erzählen? Meine Mutter, selbst Opfer sexueller Gewalt, einer ganzen Familiengeschichte sexueller Gewalt, weitergegeben von Generation zu Generation? Meine Freundinnen, die sich gegenseitig „Flittchen“ nennen, wenn eine von uns einen Junge zu sehr mag? Ich entdecke sie selbst, meine Klitoris, und mit ihr auch die Scham, denn ich weiß, ich sollte das nicht tun, es ist falsch.

„Das einzige Organ, ,das wirklich als minderwertig betrachtet wird, ist der verkümmerte Penis, die Klitoris des Mädchens“, schrieb Siegund Freund in „Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit.“ und „Eine Vergrößerung der Klitoris, die manchmal mit einer gewissen Verhärtung…, manchmal mit einer Erschlaffung ihres Gewebes einhergeht, und die immer zu einer abnorm hohen Reizbarkeit führt, ist…meistenteils die Folge von eigenem Missbrauch…Ihre radikale Kur [die operative Entfernung der Klitoris] liegt glücklicherweise in unserer Hand“, schrieb Isaac Baker Brown in On Surgical Diseases of Women.

Wir erfahren nichts von der Existenzs unserer Klitoris. Die Existenz der Klitoris wird vor uns geleugnet. Wir fühlenn, aber wir haben keinen Namen für das, was in uns fühlt. Wir sagen nichts von diesem Gefühl. Die Verleugnung des Gefühls wird nicht als Lüge bezeichnet. Die Leugnung der Klitoris wird nie ausgesprochen. Von der Existenz, beziehungsweise der Nichtexistenz der Klitoris spricht man niemand.(Griffin: Frau und Natur, S. 112)

Schätzungen zu Folge erleben zwischen 11 und 26 Prozent aller Frauen nie einen Orgasmus, obwohl es dafür keine organischen Ursachen gibt. Wie kann es sein, dass wir unserer eigenen Lust so sehr entfremdet sind? Dass wir nicht lernen, unsere Körper zu entdecken, zu unseren eigenen Liebhaberinnen zu werden? Weil tief in uns noch immer der Glauben steckt, dass unsere eigene Sexualität schmutzig oder weniger wert ist, und dass wir wenn überhaupt, Sex doch nur mit unseren männlichen Partnern genieißen sollten, neuerdings unter zu Hilfenahme von allerlei Sexspielzeug und Spielarten wie BDS, wo dann der Schmerz die Lust ersetzen sollten.

Die Lüge unserer „Freiheit“

1995 formulierte die UN das Konzept von gefährlichen traditionellen/kulturellen Praktiken, die weibliche Körper verstümmeln. Dazu gehören weibliche Genitalverstümmelung, ebenso wie die kosmetische Beschneidung der Schamlippen durch Schönheitsoperationen, das erzwungene Essen ebenso wie das erwartete Hungern. Jedes vierte Mädchen in Deutschland leidet an Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht. Rund 30.000 schönheitschirurgische Eingriffe werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt, die beliebteste ist die Brustvergrößerung bzw. Bruststraffung. Mehr als die Hälfte der Frauen ist zwischen 18 und 42 Jahren alt, rund 4,1 der Operationen betreffen Straffungen des Intimbereichs bzw. des Zurückschneidens der inneren Schamlippen.

200 Millionen Frauen sind nach aktuellen Schätzungen der WHO von Beschneidungen betroffen. Und jedes Jahr kommen etwa 2 Millionen dazu. Das sind täglich 6.000 Mädchen.
Durch den Eingriff sterben 5 – 10 %. Weitere 20 % sterben an Spätfolgen.
In Deutschland gibt es nach Schätzungen 20.000 Betroffene Frauen. (Quelle: http://www.faduma-korn.de)

Häufig wird dann argumentiert, dass westliche Schönheitsoperationen ja das Ergebnis einer Entscheiung, nicht einer kulturellen Praxis unter Zwang seien und deshalb nicht mit FGM verglichen werden können. Genau dem widerspricht die Definition der UN. Mädchen und Frauen wachsen in einer Kultur auf, sie sind dem Druck und den Erwartungen ihrer Herkunftskultur ausgesetzt, und wenn sie dazu gehören möchten, müssen sie ihnen entsprechen. Die traditionelle FGM hat ihre Wurzeln in der Vorstellung, unbeschnittene Frauen seien „unrein“, die Schönheitsindustrie hingegen vermittelt den Frauen den Eindruck, unoperierte Körper seien „hässlich“, wobei Schönheit das höchste weibliche Gut ist, das unsere Gesellschaft anzubieten hat.

Ähnliches wird oft behauptet, wenn es um Make-Up und High Heels im Verhältnis zum Kopftuch geht. Letzteres sei Zwang, ersteres nur eine Erwartung. Hier widerspricht Sheila Jeffreys:

„Rather than being two sides of the same coin of women’s oppression, the veil and makeup are most usually seen as opposites. Makeup can even be seen as the liberated alternative to wearing the veil. Whereas there is apparently a difference, that is, respectable women in Islamic culture are expected to cover their heads and bodies so that men are not sexually tempted, while in the west women are expected to dress and makeup in such a way that men are sexually tempted and to create a feast for men’s eyes, there can be seen to be a connenction. These expectations reflect the traditional dualism with regard to women’s function under male dominance.“ (Jeffreys, Beauty and Misogyny, S. 37)

Wir sind alle Schwestern in unserer Unterdrückung, ob sie nun Kopftuch heißt oder Makeup, ob sie nun Schönheitsstandards oder Zwangsehe heißt. Die eine Unterdrückung als Freiheit zu loben, heißt, das Leid unserer Schwestern zu verkennen. Wir alle leiden darunter, dass unsere Körper durch die männnliche Herrschaft enteignet werden und wir sie uns nur Stück für Stück zurückerobern können.

Der Hass auf unsere Vulvas

Nichts dokumentiert den Hass auf unsere Körper besser als der Umgang der Männer mit unserer Vulva und unseren Gebärmüttern. Dammschnitte, Kaiserschnitte, der rohe Umgang mit dem weiblichen Körper, die Foltermethoden der Hexenjäger der Frühen Neuzeit, der gewalttätige „Sex“ in der Pornografie, in der Vulven gedehnt, gerissen, zerstört werden, das alles sind keine zufälligen Ereignisse, sondern Ausdruck einer Kontinuität des Hasses auf den weiblichen Körper, den wir längst internalisiert haben. Deshalb gilt der postnatale Körper der Frau als „hässlich“, deshalb muss sie sich anstrengen, um in Form zu kommen, deshalb kursiert allenthalben die Rede von „ausgeleierten“ Frauen nach einer natürlichen Geburt, die keinem Mann mehr Freude bereiten können. Das weibliche Körpergefühl? Wie weibliche Würde? Ausradiert. Ausgelöscht.
Auch meine Vulva ist hässlich. Die inneren Schamlippen sind zu groß, sie ist haarig und nass und sie ist mir fremd. Da draußen gibt es vermutlich viele Männer, die besser wissen, wie ich dort unten aussehe, als ich selbst. In der zweiten Welle des Feminimus wurde vorgeschlagen, die eigene Vulva mit einem Handspiegel zu begutachten, sie kennenzulernen. Ich frage euch, ihr Frauen da draußen, wie viele von euch wissen wirklich, wie ihre Vulva aussieht?

Das Alter und der Körper

Ich bin 40. Ich bin nicht mehr jung. Ich habe Kinder zur Welt gebracht, zweimal haben sie mir den Leib aufgeschnitten und eine Narbe hinterlassen, ich habe Kinder gestillt, meine Brüste sind nicht mehr fest, sie hängen, sie sind weich. Vor kurzem sagte mein Liebhaber zu mir: „Willst du dir nicht mal die Brüste machen lassen?“ und ich weinte, denn ich mag meine Brüste.Sie haben Kinder ernährt, unendliche Stunden aus Wärme, Wonne und Nähe, sie sind weich, sie sind einzigartig und sie sidn tausendmal mehr ich als es zwei Silikonkissen je sein könnten. Warum also kann ein Fremder eine solche Forderung an mich stellen? Und warum sitze ich ihm still gegenüber und bin verletzt, anstatt auszuholen und ihm eine schallende Ohrfeie zu verpassen?

„Die weibliche Brust ist als „Sinnbild der Weiblichkeit“ bezeichnet worden.Um ästhetisch angenehm zu wirken, sollten es verhältnismäßig feste, volle Brüste sein, die vom Brustkasten abstehen und mit Gewißheit verkünden: Ich bin feminin“ Dr. John Ransom Lewis Jr., Atlas of Aesthetic Plastic Surgery, zitiert nach (Griffin: Frau und Natur, S. 110)

Ich trage Falten im Gesicht. Es ist nicht mehr jung. Ich habe viel gelacht. Ich habe oft bis spät in die Nacht gearbeitet. Mein Gesicht trägt die Spuren meines Lebens, und doch darf ich nicht in Würde altern. „Sie hat sich gut gehalten“, sagt man über Frauen, und meint damit, dass sie jung aussehen. Jung ist alles, was wir noch sein dürfen. Wenn wir nicht mehr jung sind, sind wir gar nichts mehr. Wir werden unsichtbar.

Unsere Gesichter sterben langsam. Sie sind voller Defekte. Unsere Stirn zum Beispiel hat Falten. (Bei transversalen Stirnfalten wird die Haut über dem vorderen Haaransatz eingeschnitten und die Falten werden durch das Anheben und Verkürzen der Stirnhaut ellimininiert.) Unser Fleisch altert. Wir bekommen ein Doppelkinn. (Gegen Schlaffheit des Kinss wird ein Teil des Gewebes herausgeschnitten und die Haut zur Anhebung der Kinnspitze in querlaufendender Richtung gestrafft.) Wir nennen die Falten über unserem Nasenrücken „Sorgenfalten“. Wir versuchen, uns nicht zu sorgen, wir versuchen, unsere Gesichtsmuskeln nicht zu bewegen.) (Griffin: Frau und Natur, S. 108)

Der liberale Feminismus behauptet, wir könnten sie uns aneignen, die Schönheitsoperationen, sie seien ein Weg, unsere Körper zurückzuerobern, „Body Positivity“ nennen sie das und lenken den Fokus weg von all den frauenhassenden Praktiken in unserer Kultur hin zu uns selbst. Wir müssen nur positiv umgehen mit unseren Körpern, mit unseren „Fehlern“, mit unserem Fett und unseren Falten, dann verschwindet der Hass ganz von selbst, doch wenn wir ihn nicht bennen, ihn als Teil der sehr vitalen Misogynie um uns herum, als Teil unserer strukturellen Unterdrückung begreifen, wird er nicht verschwinden, wenn wir uns nur um uns selbst drehen. Sheila Jeffreys hat das in „Beauty and Misogyny – Harmful Cultural Practices in the West“ sehr eindrücklich dargelegt:

„The takeover of postmodern understandings, in combination with a decline in the strength of feminism and other social movements for radical change, undermined the feminist critique of beauty. The emphasis in the work of some feminist research changed from examining how beauty practices work to oppress and harm women to the quewstion of how women could enjoy these practices and be empowered by them.“ (Jeffreys, Beauty and Misogyny, S. 15)

Es war ein langer Weg, weg von dem Hass, der in mich gepflanzt wurde, lange bevor ich überhaupt wusste, was ich für einen Körper hatte, welche Wunder und welche Abgründe er für mich bereithielt. Am Anfang habe ich mir verziehen. Ich habe das kleine, orangene Büchlein so oft gelesen, dass es fast auseinander fiel, und dann habe ich es mir in einem Online Antiquariat noch einmal gekauft, und während ich diesen Artikel schreibe, sitzt meine Tochter mit gekreuzten Beinen mir gegenüber und liest mit gekräuselter Stirn darin, ich lese in ihrem Gesicht das gleiche Erkennen, das ich einst hatte, als ich verstand, was es heißt, eine Frau zu sein, eine Frau, mit einem weiblichem Körper, der jedem mehr gehört als mir selbst. Ich hoffe, dieses Buch kann sie schützen und sie stärken. Wir müssen kämpfen, um jeden einzelnen Frauenkörper da draußen, so wie ich um meinen gekämpft habe und noch immer kämpfe. Doch heute gehört er mehr mir als den anderen.

Niemand hat uns je gesagt, dass es diese Bewegung gab. Dass es diese Bewegung gab, ist uns verschweigen worden. Wir glaubten, wir seien die ersten, die gewillt waren, zu handeln. Wir dachten, wir seien die ersten , die sich weigerten, sich zu unterwerfen. […] Das Verschweigen dieser Bewegung wird nicht als Lüge bezeichnet. Das Verschweigen dieser Bewegung wird nie erwähnt. Niemand hat je davon gesprochen, dass es diese Bewegung gab oder nicht gab. […] Es wird uns gesagt, wir seien die einzigen in der Geschichte. Unsere Geschichte sei die Geschichte der Passivität, sagen sie, wir seien unsere eigenen Unterdrücker. Sie geben unserer Passivität die Schuld an unserem Leiden. […] Wir sagen, wir haben das Geschehen in uns selbst entdeckt. Wir sagen, wir sind entschlossen, selbst wenn wir die ersten sind. […] Aber wir sagen, wir glauben nicht, dass wir die ersten sind. Wir sagen, es ist unmöglich. Wir entdecken die alten Schriften. Wir lesen die alten Berichte. Wir sehen, es hatte seinen Grund, dass man sie uns verschwieg. (Griffin: Frau und Natur, S. 244-245)

5 Kommentare

  1. Genau so ist es, dem gibt’s nichts mehr beizufügen, ausser dass dieser Krieg gegen die Weiblichkeit und ihren Körper ständig weitergeführt wird und immer perversere Formen annimmt. Wehe, Du bist alt und dick und stehst noch dazu. Wehe, du getraust Dich Deine Beleidiger an- oder auszulachen!
    Da wirst Du verbal (oder richtig?) gesteinigt.
    Aber: Es liegt an uns, diesen Hass und internalisierten Selbsthass zu durchbrechen. Männer nehmen uns dies sicher nicht ab. Andere Frauen auch nicht. Ja, es ist eine lebenslange Aufgabe. Aber sie lohnt sich.

  2. Als Ausweg wird uns nahegebracht, man solle überall die Schönheit sehen. Ältere Frauen seien doch „auch schön“, dickere / weiblichere Frauen seien doch „auch schön“, dunklere Frauen seien doch „auch schön“ usw. Klingt erst mal gut. Aber sollte man nicht endlich weitergehen und sagen, warum überhaupt Schönheit? Schön sein – was ist das für eine Eigenschaft, das ist inhaltsleer, das ist Schwachsinn, das ist gar nichts außer den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Warum geht es nie um richtige Eigenschaften und echte Gefühle… Als ich klein war, sagte meine Oma immer: Jeder Mensch ist auf seine Weise schön. Damit hatte sich für mich als Kind das Konzept Schönheit erledigt. Bis ich feststellen musste, für die anderen nicht.

  3. Bri Lunzer-Rieder

    Kürzestkommentar;
    werdets MÄCHTIG(er), dann ist alles Andere schlicht;
    unWICHTIGer.
    .

  4. Bri Lunzer-Rieder

    Stimme gutteils mit dem Text inhaltlich überein, Daqnke dafür!

    Aber;

    z. B. auch hier wird tlw. generalisierend & mMn unrichtig argumentiert;

    *Kurzes Haar ist heute noch eine Kampfansage, wird gar als Selbstverstümmelung wahr genomen, eine Frau, die so etwas tut, verrät ihre Weiblichkeit,*

    Stimmt SO nicht. Langes Haar, frei getragen, offen, im Winde wehend usw…, ist AUCH in unserer Kultur DAS Körperzeichen für;
    persönliche FREIHEIT.
    Kurzes Haar mussten in Rom die Sklaven tragen. Geschorene Köpfe bekamen die Insassen der KZ`s…usw…

    Ich selbst trage seit vielen Jahren langes Haar. Meine Mutter, tlw. früher beruflich sehr emanzipiert, hat auch mir als Kind mein Haar immer kurz schneiden lassen.
    Kurz, für mich persönlich ist das 1 Zeichen der (Über-)Anpassung.
    Empfinde das als Gegenteil von echter Freiheit.
    Wobei im Grunde genommen ALLES, was wir äusserlich so mit uns selbst machen (können), prinzipiell mal nur UNSERE Sache sein sollte.

    Typisch; wenn ich in meiner Herkunftsfamily frage, was denn so `das Ärgste` gewesen sei, was ich mir an Rebellion und Aufmüpfigkeit geleistet habe, wird von FRAUEN vorrangig diese eine Sache genannt;

    (M)eine Frisur, mit 24 Jahren, wo ich eine Kopfseite ganz kurz trug, und auf der anderen Seite lang, samt Lockenkranz unten. Wirkte toll, fand ich. So wirkte ich von der einen Seite optisch (fast) männlich, und von der anderen Kopfseite weiblich. 😉
    Damals hoffte ich mit dieser Optik, als junge Künstlerin ein sofort sichtbares Statement -auch meines inneren Wesens- zu geben.
    Männliche Künstler tun sowas ja seit jeher.
    Bei mir wurde nur blöd geguckt, ungläubig, dann meist nur selber kopfgeschüttelt, und dann herumbekritelt.
    Nur ganz wenige reagierten positiv bzw neutral…
    Nutzen für mich also bei minus fufzig Punkte. Ergo liess ichs dann wieder…
    Vorheriges Kommunenleben (mit kollektiefer Glatzenverordnung für uns Frauen) ? Spätere politische Aktivitäten samt mal heftigerer Aktionen? Wie März 1984 quasi-nackert im hautfarbenen Trikot, samt stark aufgemalten Geschlechtsmerkmalen, und Gebärmutter & Eierstöcken auf dem Bauch, öffentlich in dominanter Körpersprache vorm Stephansdom herumspazierend, die damalige Aktion von Gegnern der Fristenregelung bisserl störend, griffige Flugblätter dabei, Femi-Freundinnen mit, feste diskutierennd (auch mit den jungen Polizisten, die mich dann abführen mussten und nicht wussten, wie mit mir umgehen)?
    Alles; kein Thema (Lüge !!! Hatte ja Wirkung!)
    Es wurde schlicht; möglichst TOTgeschwiegen. Und zwar quer-durch…!
    Was `nicht sein darf, wird nicht gesehen/kommentiert´.
    Das ÖFFENTLICHE verbale `Niederbügeln´ in diversen Diskussionen führender Männer (Haider, Zilk, Bornemann etc..), für das ich früher geradezu `berüchtigt´war (weil ich sowas kann); deto kein Thema, im Nachhinein…

    Nur diese HAARE… diese Frisur…DIE blieb im Gedächtnis.

    Ey; was ist denn da los mit uns (selbst), hm?!

    Im kollektiven Bewusstsein, sozusagen.
    Bin ja mit solchen Er-fahrungen nicht alleine.

    1968, er-sieinnern sich Ältere an diese Beatles-Frisuren ?
    Heute wirkens lächerlich als Aufreger ,-)

    Und jetzt;
    Stichwort Kopftüchlsache; dieses Haare verstecken (müssen).

    Wie billig wir uns abspeisen lassen mit den Themen.

    Als ob es nicht egal, nebensächlich wäre, was eine Frau auf dem Kopf trägt. Oder halt grad nicht.

    Aber insgesamt stimmt es leider; unsere weiblichen Körper sind DAS Schlachtfeld des PatriARSCHats.

    Strategien; sich selbst mental mehr aneignen.
    Z. B. übers Akt-Zeichnen.
    Funktioniert.
    Das Zeichnen ist AUCH mentale Arbeit.
    Wesentlich anspruchsvoller als was zu fotografieren.
    Einerseits ists optische Auseinandersetzung mit dem anderen Körper, der als Aktmodell, in der Objektrolle dient (sic !), aber es ist AUCH eine innere Angelegenheit; wie sehe ich dies und jenes… und stelle es SO dar (oder schaffe DAS gar nicht gut, weil ich selbst innerlich das gar nicht kann, noch..) etcetc…spannend.

    Und insgesamt ists AUCH sehr bewusstseinsbildend ,-)
    Wir machten das in kl. Gruppen. Wo AUCH die zuerst Zeichnenden sich dann selber mal nackig hinsetzten, und im Objektstatus still hielten.

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