Nicht euer Marsch: Wie die Linke versucht, die Frauenmärsche zu relativieren oder zu vereinnahmen

Der Tag danach: Viele reiben sich noch die Augen angesichts der überwältigenden Bilder aus aller Welt. 3 Millionen Menschen – vor allem Frauen – fanden sich weltweit zu Frauenmärschen zusammen, um gegen Trumps Politik zu demonstrieren. Die Demos wurden von Frauen organisiert und durchgeführt und es dauert keinen Tag, bis sich das linke Machotum positioniert: Wahlweise werden die Frauen in den Frauenmärschen einfach unsichtbar gemacht – oder aber rechtskonservative Verschwörungstheorien benutzt, um die Bewegung zu relativieren.

EDIT: Ich habe diesen Artikel aktualisiert. Da einige der originalen Post verschwunden sind beziehungsweise nachträglich relativiert wurden (auf einmal werden die Frauen und ihre Forderungen doch benannt und rechtspopulistische Kommentare gelöscht), verzichte ich jetzt auf die Nennung und Verlinkung von Namen öffentlicher Profile von Politikern, lasse die Screenshots der originalen Posts aber als Beispiel stehen.

Ein männliches Mitglied es Bundesvorstands der Partei DIE LINKE postete:

Rechtstrend der Gesellschaft? „Trump-Effekt“ als Gewinn für DIE LINKE? War da nicht noch was? Frauenrechte und so? Geht es noch zynischer? In erster Linie ging es bei den Märschen um den Protest gegen Trumps sexistische und frauenfeindliche Agenda, um Frauen aller Hautfarben und Religionen, LGBT, die um den Zugang zu Abtreibungen fürchten und eine Welle der sexistischen Gewalt. Anstatt diesen Kampf anzuerkennen, wird er sofort vereinnahmt. Wie wäre es, wenn die Linke sich erst einmal solidarisch mit den Frauen zeigt, anstatt gleich wieder zu überlegen, wie sie das für ihre eigene politische Agenda ausschlachten können?

Der Sprecher eines Kreisverbands DIE LINKE postete:

Genau. Frauen dürfen überhaupt erst für ihre Rechte protestieren, wenn sie sich vorher lang und breit gegen jedes Übel der Welt ausgesprochen haben. Doch es kommt noch besser: Diesen Kommentar ließ man über Stunden unwidersprochen stehen:

 

Wer sich jetzt seinen Augen nicht glaubt, dem sei gesagt, er sieht richtig. Männer in linken Kontexten sind sich nicht zu schade, öffentlich Breitbart News zu zitieren, jenes rechtskonservative Populistenorgan von Trump Unterstützer Stephen Bannon. Die Liste der Unterstützer, die er dort anführt, wurde von Trump Unterstützern verfasst, um den Women’s March zu diskreditieren; die Behauptung, der ganze Marsch sei nur von George Soros in das Leben gerufen worden, um Trump als Präsident zu destabilisieren, trieft nur so von Frauenhass. Frauen kriegen es nämlich gar nicht hin, so etwas zu organiseren, und wenn, dann muss eine Verschwörung dahinter stecken, hm? Richtig ist, dass Soros zu den Geldgebern des Women’s Marches gehört – wie genau, das haben wir hier erläutert. Nun aber zu behaupten, die ganze Sache sei völlig von ihm gelenkt, ist im besten Falle eine lächerliche Verschwörungstheorie, im schlimmsten Falle ein Ausdruck der widerlichen Machokultur linker Männer. Wir erwarten, dass Michael Pusch den Kommentar entweder löscht oder dazu Stellung bezieht. Und nein. Ein Link zur Epochtimes ist kein „Beweis“, höchstens für eine bedenkliche Gesinnung linker Männer. Aber wenn es gegen Frauen geht, ist eben alles recht, selbst rechtspopulistische Fakenews, nicht wahr?

Auch Russia Today wird gerade gerne und oft geteilt, für die die Proteste ein naiver „pro Nato“ Plot sind, die dazu dienen sollen, Trump auf Nato-Linie zu bringen.

Seien wir wachsam gegen die manipulierten Proteste, die gegenwärtig von den bisher dominierenden Kräften des Krieges gegen den kommenden US-Präsidenten Donald Trump inszeniert werden. (Quelle Russia Today Deutsch)

Klar. Dass Frauen wirklich Angst davor haben, demnächst wieder mit dem Kleiderbügel Abtreibungen vornehmen zu müssen oder zum Freiwild für sexuelle Übergriffe werden, dass LGBT Personen um ihre Sicherheit ebenso fürchten wie PoC, das spielt alles keine Rolle, im Mächtespiel der alten weißen Männer. Wir sind alle nur Schachfiguren, Schlachtvieh – auch für Linke, die so einen Schwachsinn teilen und sich dann auch noch für die Durchblicker halten.

Die zuvor erwähnten linken Männer befinden sich mit ihrer Haltung übrigens in bester Gesellschaft, schaut man sich in den Kommentarspalten der Taz um:

Quelle: Facebookseite der Taz

Bei der Jungen Welt weiß man offensichtlich noch nicht so ganz, was man von den Märschen halten soll, aber frauenfeindliche und rassistische Kommentare lässt man trotzdem stehen:

Quelle: Facebookseite Junge Welt

Also, Frau – und dann noch Kopftuchträgerin? Nein, da muss etwas faul sein, hm? Aber immerhin antisemitsch ist sie (Sie ist Amerikanerin mit palästinensischen Wurzeln, aber wen interessieren schon Fakten, wenn es darum geht, eine Frau im öffentlichen Diskurs zum Schweigen zu bringen?)

Den Vogel aber schoss ein Kommentator bei Der Freitag – dem linken Meinungsmedium ab:

Quelle: Facebookseite Der Freitag

Richtig gelesen: Napalm auf Frauen werfen ist eine unter linken Lesern offenbar vertretbare Ansicht. Ihr seid Helden.

Die zitierten Kommentare stehen beispielhaft für so manchen Blödsinn, den ich seit gestern auf leider nicht öffentlichen Profilen und Gruppen zum Thema Women’s March lesen musst. Die linke Rhethork ist ein einziges, großes ad hominem Argument (heißt leider so, weil in einer männlichen Welt eben auch nur männliche Diskutanten gedacht werden können): Statt sich mit den Inhalten zu beschäftigen, wird kritisiert, wer da spricht, aus welchem Hintergrund und mit welchen Motiven die Frauen kommen könnten und warum deshalb, das, was sie zu sagen haben, nicht weiter beachtenswert ist. So bleibt die Männerwelt intakt, nicht wahr? Große Demos, das können doch nur linke Männer, oder? Schade nur, dass das in der letzten Zeit irgendwie nicht mehr so recht funktioniert hat. Klar, dass etwas daran faul sein muss, wenn das Frauen einfach so gelingt. Gut, dass es linke Herrklärer gibt, die die Welt sofort wieder ordnen, so dass am Ende hinter dem Protest doch wieder ein Mann steht – in dem Fall Georg Soros, an dem man sich abarbeiten kann. Frauen sind eben doch nur „Pussys“.

Was nicht nur in Bezug auf die zitierten Bespiele wütend macht, ist die Tatsache, dass bereits die ersten linken Blogs versuchen, die Frauenmärsche als Protest von Menschen gegen Rassismus zu interpretieren. Erst auf unseren Protest hin wurden die Frauenmärsche überhaupt als solches benannt. Ja, Rassismus war ein wichtiges Thema der Frauenmärsche, aber das verbindende Element war die Sorge um Frauenrechte, und zwar die ALLER Frauen. Diese kamen auf den Protestmärschen nicht unter „ferner liefen“ vor, sie waren dominant und präsent und es stünde den Linken, der Partei, ihren Organen und ihren Meinungsmachern im Netz gut zu Gesicht, das anzuerkennen. Niemand hat die Frauen gestern geschickt oder gelenkt.
Es handelt sich um eine klassische Graswurzelorganisation, bunt, vielfältig und sehr erfolgreich. So vielfältig, dass es auch aus feministischer Sicht einige Kritikpunkte gibt, doch statt uns um die zu kümmern, sind wir mal wieder damit beschäftigt, dagegen zu kämpfen, dass in linken Kreisen Frauen wahlweise unsichtbar oder diskreditiert werden. Wo sind die deutschen, linken Männer, die schreiben: „Bravo, gut gemacht, danke für euren Mut, wir schließen uns gerne an“? Ich konnte sie nicht finden, weder auf Facebook, noch auf Twitter, noch in Pressemitteilungen.

Dem Kampf gegen Rassismus, für die Linke längst ein Kampf um den Status Quo gegen den Rechtspopulismus, muss inzwischen alles untergeordnet werden. Feminismus darf sein, aber nur, wenn er bei der Abwehr gegen Rechts hilft und das als oberste Priorität setzt. Einfach nur für Frauenrechte sein, das reicht nicht mehr für linken Feminismus 2017. Dass Feminismus seinem Wesen nach schon immer antirassistisch ist, wird dabei gerne vergessen. Bei den ganzen Distanzierungen gegen Rassismus schweigt die Linke (die Partei und die Szene) ohrenbetäubend laut, wenn es um den Rassismus in der Prostitution geht. Wessen Körper werden für ein „Taschengeld“ auf deutschen Straßen und Bordellen ausgebeutet und im schlimmsten Fall ermordet? Vor allem die Körper von Frauen, die migrantischen Minderheiten angehören.

Auch auf Twitter ergießt sich einbeispielloser Strom misogyner Verachtung unter dem #womensmarch. Wo sind sie, die linken Männer, die von uns am liebsten vor jedem Artikel ein ausführliches, antirassistisches Bekenntnis verlangen? Die uns belehren, Antifaschismus sei immer auch antisexistisch? Wo ist euer Entgegentreten gegen den Frauenhass, wo euer Pochen auf eine politisch korrekte Sprache? Euer Schweigen heißt Zustimmung, ihr erst macht diese Ergüsse möglich. Die Finger wund schreiben könnt ihr euch vor Empörung über Höcke schreiben, aber gegen den Frauenhass im Netz rührt ihr keinen Finger.

Ich bin nicht alleine, wenn ich schreibe: Wir haben die Schnauze voll von euch. Wir lassen nicht zu, dass ihr die von Frauen geführten Kämpfe vereinnahmt, unsichtbar macht oder diskreditiert. Zeigt ein bisschen Respekt, ihr Luschen. Oder tretet wenigstens beiseite und belästigt uns nicht auch noch mit eurem sexistischen, paranoiden Scheiß. Wenn wir da Bedarf haben, gibt es rechts der Mitte genug zu erleben.

Wie das dann aussieht, zeigt der folgende Screenshot eines OB Kandidaten der AfD

Zwei Tage nach den Frauenmärschen ist der Frauenhass auch in den Kommentarspalten der deutschen Zeitungen angekommen. Verachtung, Hass, Häme und Spott sprechen Bände darüber, wie ungern es in der ach so gleichberechtigten deutschen Gesellschaft gesehen wird, wenn Frauen auf die Straße gehen. Die Screenshots sind das Ergebnis von fünf Minuten Recherche auf den Profilen überregionaler Tageszeitungen in Deutschland unter Posts zum Women’s March und stehen beispielhaft für das, was sich derzeit über den Women’s March ergießt: Die ganze hässliche Wucht patriarchaler Misogynie:

Positive Kommentare sind – außer von Frauen, die an den Märschen teilgenommen haben – nicht zu finden. Was daran erstaunt ist: Viele linke Männer und besorgte Bürger sind sich seltsam einig bei dem Urteil, dass die Märsche nur ein von Georg Soros inszeniertes Spektakel waren. Allein das sollte zu denken geben, aus feministischer Sicht aber nicht weiter verwunderlich: Das Patriarcht als älteste, erfolgreichste Unterdrückungsform wirkt über die poitischen Gräben hinweg. Wenn es darum geht, sich über die politschen Kämpfe von Frauen lustig zu machen, sind sich die Herren Welterklärer einig. Der einzige Unterschied: Beim besorgten Bürger mischen sich noch fremdenfeindliche Töne unter den Spott, über Kopftücher und vergewaltigende Flüchtlinge. Tenor: Wer für Flüchtlinge ist, darf sich nicht beschweren, wenn ein Präsident Frauen an die Pussy grabscht. Es ist wichtig, hier etwas ganz deutlich zu benennen: Ganz gleich, was Frauen tun, es ist falsch. Demonstrieren nicht, sind sie schuld, wenn die falschen an die Macht kommen und Kriege führen, demonstrieren sie, dann sind sie alle gelenkt und unfähig, simpelste Zusammenhänge zu verstehen, die Männer nach zwei Sekunden Recherche bei Breitbart oder Russia Today kapieren. Die Handlungsfähigkeit von Frauen im politischen Diskurs wird immer weiter eingeschränkt, die Schuldzuweisungen aber erhöhen sich unter dem Vorwand einer vermeintlich erhöhten politischen Teilhabe. Was wir hier erleben, ist die klassische patriarchale Gehirnwäsche, beschleunigt durch die Meinungsmache in sozialen Netzwerken. Das Schweigen von Frauen auf öffentlichen Profilen, beispielsweise bei Tageszeitungen, die Positives von der Teilhabe an den Women’s Marches zuberichten haben, ist bezeichnend. Wir mögen zwar die Märsche erlebt, vielleicht sogar mitgestaltet haben. Die Deutung aber bestimmen wir nicht. Das nehmen uns die Männer ab, die die Frauenmärsche mit verächtlicher Geste entweder für ein höheres Ziel vereinnahmen oder gleich als belanglos erklären.

Mich erinnert die Debatte übrigens an ein Buch von 1915, das ich in Pennsylvania in einem Museum fand. Es trägt den Namen „Ten little Suffragettes“ und erzählt in Bilderbuchform die Geschichte von 10 Frauen, die für das Wahlrecht demonstrieren. Sie alle gehen zur Wahl, aber werden von lauter hübschen Sachen wie Schmuck und Hüten abgelenkt und dann führt sie auch noch der Sandmann in die Irre, bis keine mehr von ihnen übrig ist. Die Parallelen zu Hohn und Spott, der sich über die Suffragetten ergoss und schließlich in Gewalt mündeten, zu den Kommentaren zum Womens’s March sind an vielen Stellen offensichtlich und wert, in einem eigenen Artikel berachtet zu werden. Bei den Suffragetten behauptete man übrigens auch, eine „weltjüdische Verschwörung“ stünde hinter ihnen, eine paranodie Lüge, die sich unter antifeministischen Kreisen bis heute hartnäckig hält. Uns sollte das Warnung und Antrieb zugleich sein.

Es tröstet vielleicht nicht, doch es ist gut zu wissen, dass es Frauen in anderen Ländern nicht besser geht. Wäre es nicht so traurig, es wäre zum Lachen:

 

4 Kommentare

  1. So ist es! Das Patriarchat, (Bubiokrat) ist nach wie vor die Ursache aller Unterdrückung von „Andern“, was auch immer, Frauen, Schwule, Farbige,
    reiche Frauen, arme Frauen, Andersdenkende, etc. Nur „DER MANN“ definiert was „normal“ und respektabel ist. Nämlich er selbst. Alles andere wird abgewertet, bekriegt, unterdrückt und zum Schweigen gebracht. Nein, es ist schon lange kein Klassenkampf mehr. Es ist (wieder einmal) die massive Unterdrückung von Frauen und ihrem Recht auf ihre Definition und Selbstbestimmung. Ja, ich habe auch genug von diesem ständigen mansplaining, das leider auch viele Frauen beherrschen.

  2. Danke für diese rasche Analyse. Vor ein paar Tagen habt ihr einen Beitrag von Manu Schon veröffentlicht, wenn auch Gastbeitrag, in dem zu lesen stand, dass der Marsch keine feministische Veranstaltung sei, ja sogar programmatisch Frauenrechte mit Füßen trete. Teilt ihr diese Analyse nun angesichts des überwältigenden Erfolgs des Marsches nicht mehr? Ist es nun wieder „Unser Marsch“, der gegen Vereinnahmungen verteidigt werden muß?

  3. Ja, auch ich bin/war etwas irritiert über den ersten Artikel der den Marsch abgewertet hat und nun doch volle Zustimmung geniesst. Aber ich denke, es bracht eben Zeit alles genau zu verstehen und zu durchblicken. Es gab ja auch massive Kritik von schwarzen Frauen und zu meiner Freude standen dann doch Frauen aller Couleur gemeinsam auf der grossen Bühne …

  4. PS: Jetzt wird auch moniert, dass Soros (Illuminati) den Frauenmarsch finanziert habe. Frauen allein wären NIE dazu willens und fähig gewesen.

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