Online-Dating – Flirtform der Gegenwart oder Schlachtfeld der Geschlechter? Ein Erfahrungsbericht

"You looked hotter online"

Cali4beach via Flickr, [CC BY 2.0]

Ich arbeite viel. Zu viel. Ich bin nicht mehr so jung, dass ich von Party zu Party fliege und dort einen aufregenden Mann nach dem anderen treffe. Vielleicht sind auch die Partys und die Männer jenseits der 30 einfach nicht mehr so aufregend. In den letzten Jahren haben fast alle meine Freundinnen geheiratet, Kinder bekommen oder leben zumindest in festen Beziehungen. Nur ich nicht. Nicht, dass ich das so wollte, es hat sich einfach so ergeben. Da war immer gerade dieses oder jenes Projekt, das wichtiger war und die Beziehungen, die ich hatte, krankten an faulen Kompromissen, die ich, je älter ich wurde, immer weniger bereit war auszuhalten.  Traf ich immer die falschen Männer? Mag sein. Die Sorte treusorgender Familienvater war mir immer ein wenig unheimlich. Machte ich Fehler in Beziehungen? Sicher. Ich bin sehr eingefahren in dem, wie ich meine Entscheidungen treffe. Eine Partnerschaft bedeutet für mich nicht, das aufzugeben. Warum? Ich will mit niemandem zusammen wohnen, ich will niemandem erklären müssen, wofür ich mein Geld ausgebe oder wie ich meine Zeit verbringe.

Trotzdem. Da war sie. Diese Sehnsucht nach einem Gefährten. Jemandem für laue Sommerabende auf dem Balkon, gemeinsame Urlaube, Zeit, die zusammen verbracht wird, Austausch, Intimität, Nähe. Doch weit und breit niemand in Sicht. Also dachte ich mir, ich gehe das Ganze jetzt mal professionell an. Ich melde mich auf einer Online-Dating-Plattform an. Ich wählte nach einigen Recherchen eine App, die eher international ausgerichtet ist und nicht auf schnellen Sex. Sie ist kostenlos und man kann rund 200 mehr oder weniger persönliche Fragen beantworten wie : „Würdest du jemanden daten, der sehr unordentlich ist?“ – „Wäre es für dich ok, beim ersten Date Sex zu haben?“ – „Nimmst du Drogen?“ – anhand der Antworten wird dann errechnet, wie sehr man mit jemand anderem „matched“. Also gut, dachte ich, nichts im Leben ist umsonst. Man kann selbst nach Profilen suchen oder bekommt welche aus der Nähe vorgeschlagen. Nach einigen Tagen und den ersten Kontakten stellte ich so eine Art internationale Arschloch-Hierarchie fest. Die nettesten, nicht sexistischen und emotional gesündesten Männer, soweit man das nach einigen Chatnachrichten sagen kann, kommen – wen wundert’s – aus Schweden, dicht gefolgt – das war eine Überraschung – den Briten, den Amerikanern und den Israelis. Die größte Arschlochdichte hingegen existiert unmittelbar um mich herum – in Deutschland. Da wurde plump nach kostenlosem Sex gesucht – „Hey, ich habe nicht viel Lust zum Schreiben, aber dein Profil gefällt mir – hast du Lust auf unkomplizierten Sex?“ – der Klassiker verheirateter Ehemann auf der Suche nach einem Abenteuer, aber zugleich auch eine unglaubliche Selbstdarstellung. Da wird seitenweise erzählt, wie toll, wie kreativ, wie außergewöhnlich und einzigartig man ist – ohne das Gegenüber auch nur zu fragen, wie es denn eigentlich heißt. Manche Schnäppchenjäger auf der Suche nach dem Fick umsonst waren sogar so dämlich, mich zweimal anzuschreiben. Eine Strichliste wäre ja das Mindeste.

Darüber kann man lachen. Tat ich zumindest. Und unterhielt meinen Freundeskreis damit. Aber da waren auch andere Sachen. „Ich mag deine Titten. Ich will sie anfassen.“ Freak? Mit einem Typ, einem Italiener, schrieb ich etwas länger. Er war aufgrund seiner Arbeit in der Stadt. Wir vereinbarten, uns zu treffen. Im Laufe des Tages kam mir etwas dazwischen. Ich sagte ab. Seine Antwort? „Bitch!“. Er war nicht Einzige, der mich unvermittelt beschimpfte oder beleidigte, abfällige Bemerkungen über mein Aussehen oder mein Alter machte. Ein anderer bekannte freimütig, dass er gerne zu Prostituierten geht. Andere, dass sie in festen Beziehungen waren, aber hier den gewissen „Kick“ suchten. In mir stieg langsam eine Ahnung auf. Konnte es sein, dass dieses Online-Dating ein Ventil war, um allen aufgestauten Frauenhass heraus zu lassen? Sich mal so richtig „männlich“ schweinisch zu benehmen – denn im Büro und im Freundeskreis kann man das ja nicht mehr.
Noch vor dem ersten Treffen wurden Forderungen gestellt: „Zeig mal mehr von dir“ – „Ich will dich nackt sehen“ – „Willst du meinen Penis sehen?“ – Penisbilder wurden mir auch unaufgefordert zugesendet. Vielleicht verstehe ich da etwas nicht. Aber was soll der Anblick eines fremden, errigierten Penis bei mir auslösen? Neid nach Freud? Männer nehmen an, dass dieser Anblick Frauen erregt. Mich nicht. Zu einem Penis gehört ein Mann und eine Situation um mich anzumachen. Kein Foto, dass dann unlöschbar in allen möglichen Speichern meines Handys auf immer erhalten bleibt oder mir sogar von Windows 8 in der Galerie vorgespielt wird.

Noch etwas bemerkte ich, das mir von anderen Frauen bestätigt wurde. Für Männer zählt beim Online-Dating das Profilbild. Schlank muss es sein, nach geltendem Schönheitsideal. Verführerisch, aber bloß nicht „nuttig“, die Frauen sollen möglichst jung sein, auch wenn die Männer es längst nicht mehr sind und selbst Glatze und ein paar Kilos zu viel haben. Das hält die Männer aber nicht davon ab, nach dem richtigen „Material“ zu suchen. Frauen, die aus diesem Bild rausfallen, kann man wegen Sex anschreiben, Daten eher nicht. Entspricht die Frau beim ersten Treffen äußerlich nicht absolut diesem Bild, wird gar nicht erst versucht, sie kennenzulernen. Es zählt einzig und allein die „Fickbarkeit“. Bei Frauen ist es anders. Da zählt, wie der Mann beim Treffen wirkt. Ein Profilbild ist da ein Anhaltspunkt, mehr nicht. Was zählt, ist, wie er sich verhält, nicht wie er aussieht. Das gilt für mich ebenfalls. Konflikte, Enttäuschungen und Verletzungen sind vorprogrammiert.

Eine ewige Wiederholung auch die Frage „Was suchst du hier?“ – damit wollen Männer abklopfen, ob die Frau nur Beziehungen sucht – bäh, wie langweilig – oder ob man sie vielleicht zu einem Abenteuer animieren kann. Nicht, dass ich etwas gegen Abenteuer habe. Doch Online-Dating ist für viele Männer so eine Art Abkürzung in das Bett einer Frau. Langes Kennenlernen? Freundlich sein? Alles unnötig. Mit einem Wisch zum Stich. Ich glaube nicht, dass alle Männer so drauf sind, die online nach einer Partnerin suchen. Doch in der Mehrzahl habe ich sie so kennengelernt. Ich habe die Gegenprobe nicht gemacht. Ich weiß also nicht, wie Frauen online flirten, ich kann nur von mir sprechen. Für mich, als jemand der ernsthaft nach einem Flirt oder gar der Aussicht auf eine Beziehung gesucht hat, war das irritierend. Manchmal auch verletzend. Denn ein wenig macht man immer auf, wenn man sich auf einen anderen einlässt. Ich möchte an dieser Stelle nicht das Klischee bedienen – Männer suchen Sex, Frauen Beziehungen. Es ist vielmehr so, dass es mir an Angeboten zu bedeutungslosem Sex in meinem Alltag nicht mangelt. Dafür brauche ich keine App. Woran es mangelt, sind Männer, mit denen mehr denkbar wäre. Doch genau die gibt es online nicht oder kaum oder sie geben sich alle Mühe, das zu verbergen. Bei vielen hatte ich das Gefühl, es ist eine Art Spiel, wie das Sammeln von Punkten in einem Online-Game. Auf eine Anfrage antworten – ein Punkt. Nummer getauscht – zwei Punkte. Nacktfotos ausgetauscht  – drei Punkte – ins Bett bekommen – volle Punktzahl. Ich will gar nicht wissen, wie viele Pick-up-Artists sich auf diesen Datingplattformen tummeln, um auf diese Weise möglichst effizient in die Unterwäsche eine Frau zu kommen. Um die Frau als Mensch geht es selten.

Schließlich kam es aber doch zu einem Treffen – ausgerechnet mit einem Deutschen. Er gab sich ein wenig bärbeißig, mir gefiel das. Aber es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, dass sich hinter seinem rauen Charme blanker Frauenhass verbarg.  Die Gespräche waren gut, aber da passte etwas nicht.  Ich kam erst nach und nach dahinter. Vor mir saß einer, der es in seinem Leben nicht allzu weit gebracht hatte, kein Geld, keinen Erfolg, was nicht schlimm ist. Schlimm ist der Hass auf mich als Frau, weil es mir besser gelungen ist. Ständig wusste er alles besser.  Linke sind scheiße, Flüchtlinge sind scheiße – na und Veganerinnen auch. Feministinnen sowieso, wenn sie nicht beim Anblick eines Schwanzes in Entzücken geraten. Versuchte mich mit den ersten kleinen Gesten zu verunsichern. Zum Glück reagieren meine Sensoren mit fortschreitendem Alter immer besser darauf. Als ich ihn nicht mehr wiedersehen wollte, empfahl er mir, einen Arzt aufzusuchen und Tabletten zu nehmen. Klar. Wenn ich dich nicht will, kann ich nur verrückt sein.

Vielleicht finde ich meinen Gefährten noch, aber sicher nicht online. Offenbar ist die altmodische Art doch die erfolgreichste. Ich habe es aufgegeben, das Online-Dating. Für mich ist es keine moderne Flirtform, sondern ein nur ein neues Schlachtfeld der Geschlechter, auf dem der alte Frauenhass in neuen Formen wütet. Ich mache stattdessen jetzt Yoga. Das bringt mir erkennbar mehr Wohlbefinden und Lebensfreude als das nervtötende, misogyne Verhalten männlicher Singles jenseits der 30 auf Online-Dating-Seiten. Vielleicht ist etwas dran. Wer jenseits der 30 noch allein ist, mit dem stimmt etwas nicht. Ich weiß, was mit mir nicht stimmt. Ich will die Männer nicht, die mir online zur Verfügung stehen. Und für Kompromisse bin ich zu alt. Zum Glück!

 

8 Kommentare

  1. Yvonne Flückiger

    Genau so ist es!!! Einfach nur traurig! Die Frau als Objekt, für die Bedürfnisse des Mannes, resp. seinen Penis. So ist es bei uns, und die „Steinigungen“ finden (noch) nur verbal statt. Wehe, eine Frau will Menschlichkeit, Humor, Einfühlungsvermögen, na ja, eben alle guten Eigenschaften, die einen „guten Mann“ ausmachen, dann ist sie so was von altbacken und total OUT!!!! oder noch schlimmer, total „krank“! Was ist weltweit nur mit den Männern los? Also an den Feministinnen kann dieser menschliche (männliche) Wertezerfall kaum liegen. Denn die meisten Feministinnen machen ja mittlerweile und aus Verzweiflung bereits so zweifelhafte Kompromisse.
    Traurig! Vielleicht sollte ja jetzt endlich eine Männerförderung und Anstandsschulung stattfinden, statt eine weitere Frauenförderung.

  2. Unglaublich, aber genau die gleichen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Auch ich habe aufgehört, Online einen Mann kennen lernen zu wollen, denn mein Männerbild wäre sonst noch mehr geschädigt worden.

  3. Ich war jahrelang auf online dating Plattformen. Es ist zwar nicht ausschließlich so dass Männer Sex suchen und Frauen Beziehungen, aber beim größten Teil trifft das eben zu. Es gibt eine Schwemme an Frauen zwischen 30 und 40, die ihre Uhr ticken hören. Du wirst es jetzt nicht glauben, aber es ist auch für Männer unglaublich langweilig.
    Ich bin 41 und komplett ausgestiegen. Wenn habe ich nur noch bedeutungslosen Sex oder eben gar keinen. Aber ich beschwere mich nicht darüber und gebe den Frauen die Schuld dafür. Ich sage nicht Frauen -wie Du oben geschrieben hast-wollen sich in einer Beziehung nicht einschränken, aber fordern die guten Eigenschaften der Männer. Ich ziehe halt ähnlich wie Du meine Konsequenz. Ich mache jetzt zwar kein Yoga aber dafür beschäftige ich mich mit Dingen, die mir Spaß machen und setzte selbstbestimmt meine Prioritäten.
    Meine Beobachtung in meinem Bekannten und Freundeskreis -der nicht gerade klein ist- ist der, dass der Anteil der Männer ohne Beziehungen in den letzten Jahren extrem stark gestiegen ist. Und zwar nicht aus dem Grund zwanglosen Sex zu haben, sondern weil kein Benefit in einer Beziehung gesehen wird. Eine Beziehung wird eigentlich immer stärker als eine Belastung und eine Beschneidung der Selbstbestimmung gesehen.

  4. Käsestulle

    „sondern weil kein Benefit in einer Beziehung gesehen wird“

    Stimmt, MGTOW, Frauen brauchen heutzutage keine Männer mehr, die Waschen-Kochen-Sex-Service erwarten und Chef spielen wollen. Das kannste dir jetzt alles selbst machen. Geh deinen eigenen Weg und bestell die am Schniblowtag dein Schitzel beim Lieferservice.

  5. Das ist bei den schwulen Männern, die ich kennen gelernt habe, nicht anders. Ich glaube Ihr versteht so langsam, das ich allein schon aufgrund dieser Dinge mit meinem eigenen Geschlecht nicht viel zu tun haben will. Nicht das ich nicht auch mit diesen Erfahrungen geprägt bin und so ganz frei möchte ich mich auch nicht sprechen von den zumindest beim ersten flüchtigen Kontakt entstehenden Eindrücken (es gibt einfach geprägte Sichtweisen, die einen zunächst triggern und ein oder 2 Fehler, die man halt mal so aus Verzweifelung bereit ist zu machen). Allerdings habe ich gelernt, das man nicht nach dem ersten Eindruck gehen soll und siehe da, läßt man den Sex einfach mal weg (ein kurzer Gedanke daran sei erlaubt) kan man sich wunderbar mit einer Frau nonstop 7h unterhalten ohne das einem langweilig wird, wobei dabei der geistige Horizont und das gelebte Leben sicherlich eine Rolle spielt. Solange ich die Möglichkeit habe, mich ebenfalls zeitweise zurück zu ziehen in meine eigenen 4 Wände, meine eigene Kreativität ausleben darf und wenn ich müde bin, schon mal um 22 Uhr ins Bett gehen und bei der Anwesenheit von mehreren Frauen auch mal überfordert sein darf. Gut, zurück zum Thema. Die Frage, die sich dabei stellt, wie können wir etwas ändern? Ich habe da so ein paar Ideen und Erfahrungen über die ich mich gerne mit Euch austauschen würde, jedoch nicht in aller Öffentlichkeit wie Webseiten, Facebook oder Twitter. Es gibt ein verschlüsseltes Chat-Programm namens „Threema“. Das bietet zwar keine hundertprozentige Sicherheit, jedoch ist ein grundsätzlicher Schutz schon gut. Dort kann man auch mit Hilfe von scannbaren IDs sicherstellen, das frau die Person persönlich kennt.

  6. @Kasestulle: Ich beklage mich doch gar nicht darüber! Ich brauche einfach keine Frau! Ich wasche selber, bin mein eigener Chef und die Sexfrage bleibt unbeantwortet 😉 aber da brauche ich auch keine Frau.

    Und ich kann kochen! und ziemlich gut sogar. Mich wunderdert, dass genau dieses Argument nicht kam.

    Im Grunde genommen beklagst Du Dich doch, dass ich Dich nicht brauche…. (prsöhnlich abgesehen und abstrakt betrachtet)

    P.S. ich hatte noch einen Kommentar am 03. July geschrieben, der zensiert wurde

  7. Käsestulle

    „Im Grunde genommen beklagst Du Dich doch, dass ich Dich nicht brauche“

    Nein, MGTOW. Ich teile dir mit, dass eine Beziehung mit dir (abstrakt und nicht persönlich gesehen) und wie du sie dir vorstellst, auch mir (abstrakt und nicht persönlich) keinen Benefit bringt.

    Du kannst dich allein versorgen und brauchst niemanden, um deinen Haushalt zu erledigen. Das ist doch prima.

  8. @Käsestulle
    Ich habe zu keinem Zeitpunkt erwähnt, wie ich mir eine Beziehung vorstelle, da ich keine Beziehung führen werde und führen will. Insofern funktioniert bei mir auch Dein shaming nicht.

    Ja alles ist prima. Du brauchst mich nicht und ich Dich nicht.

    Ich date auch keine Frauen mehr.
    Ich habe in meinem Kommentar zum Artikel Single Platform einfach nur meine Erfahrungen als Mann beschrieben und welche Konsequenz ich daraus gezogen habe.
    Wenn Eva Yvory ihre Erfahrungen und die Konsequenz, die sie daraus gezogen hat, dann ist das ganz toll. Wenn ich ähnliche Erfahrungen und auch ähnliche Konsequenzen (deutlich radikaler aber ähnlich) beschreibe, bin ich ein Idiot, der sich am 14. März (übrigens heißt es Schniblo-Tag) Schnitzel per Lieferservice bestellen soll.

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