Rufe alle Lesben bitte kommen!

Ausschnitt Cover "Beiträge 25/26/98"

Die altgewohnten Lesben unter uns wissen, woher der Titel stammt. Und ich gestehe: ich habe ihn gnadenlos geklaut! 1974 veröffentlichte ein Lesbenkollektiv die CLIT-Papiere. 1977 publizierte der Tomyris Selbstverlag die deutsch-sprachige Ausgabe, der ihr den besagten Titel gab. (Übrigens: Leseempfehlung, aber bitte vorher hetero-normative Abwehrreflexe ausschalten – denn da wird das hetero-sexistische Patriarchat gnadenlos bis an die Wurzel analysiert! Im Zweifelsfall: Das mitnehmen, was passt, und das, was nicht passt, zurücklassen 😉 ).

Nun gut, back to topic: Ich meine den Titel ernst. Gibt es Lesben noch? Und wenn ja, wo?

In den letzten Tagen ist in meinem Kopf ein Facepalmenstrand gewachsen, ich las zuviel über Lesben(magazine), zuviel über queer, zuviel über die vermeintlich große Akzeptanz nicht heteronormativen Begehrens in der Gesellschaft und sah im Gegenzug dazu keine Lesben und keine dezidiert lesbenpolitischen Inhalte.

Deswegen wird es Zeit für eine Kolumne! Jawohl! Und ich leite sie völlig durcheinander und unstrukturiert mit ein paar Fragen und Gedanken ein.

Zu allererst möchte ich sagen:

Ich bin lesbisch!

Ich bin nicht queer!

Ich knüpfe direkt die Frage daran: Darf ich mich noch als Lesbe bezeichnen?

Geht es noch anderen so, dass sie den Sammelbegriff „queer“ als Kategorie – auch – als eine Art Mogelpackung empfinden? Unter queer darf sich nun jede_r versammeln und als queer bezeichnen. Auch Menschen, die in Hetero-Beziehungen leben. Das finde ich an sich nicht schlimm, wenn an die Positionierung als „queer“ heutzutage nicht per se ein Unterdrückungsverhältnis geknüpft würde. Ich stehe etwas auf dem Schlauch. Was hat ein sich als queer verstehendes heterosexuelles Paar mit meinen Erfahrungen als lesbische Frau zu tun? Ich frage, weil wir uns ja theoretisch das selbe Mäntelchen teilen dürfen – das Queer-Mäntelchen (also, wenn ich es wollte).

„Wer ist denn bei euch der Mann und wer die Frau?“ Tausend Mal gehört.

„Und hattest du vorher schon Beziehungen mit Männern?“ (Mindestens genauso oft gehört).

„Ach heute ist das doch alles kein Problem mehr!“ (sagen die Heteros/Heteras)

„in den 1940er-Jahren hätte man euch vergast!“ (sagen charmante Menschen auf der Straße)

„Ist das hier nicht besser?“, alternder Mann, der auf sein bestes Stück dabei zeigt.

„Geil, Lesben …“ (naja, ihr wisst, wer sowas sagt)

„Ich wäre auch gerne eine Lesbe.“ (Und ich denke mir, dann werde es halt)

„Du musst nur mal ordentlich durchgef*ckt werden und dann wird das schon.“

Lesbenkultur? Was ist denn das?

Lesbengeschichte? Was ist daran so besonders?

Wo sind unsere Räume geblieben? Welche gab es früher?

Lesben und Schwule – welche Unterschiede gibt/gab es in den Kämpfen? (ja, ziemlich viele!)

Ich will wissen, wie wir es schaffen können, uns als Lesben stärker sichtbar zu machen, ohne gänzlich im Queer-Sumpf zu versinken und nicht nur dort, sondern in der Gesamtgesellschaft insgesamt. Ein L ist nicht genug. „MItgemeint fühlen“ ist nicht „mitgemeint“. Und ich will mich auch nicht so fühlen.

Ist Lesbisch-Sein eine (politische) Wahl? Ich sage z. B. ja, würde aber gerne auch andere Stimmen dazu hören.

Muss ich mit Penissen ins Bett steigen? Bin ich transphob, wenn ich es nicht tue?

Diesen Fragen und vielen mehr werde ich mich in nächster Zeit widmen.

Und rufe dazu aus: rufe alle Lesben, bitte kommen!

Und wenn da draußen Lesben sind, die selbst etwas schreiben möchten, dann meldet euch!

Die radikalfeministische Lesporterin freut sich über alle lesbische Kämpferinnen!

5 Kommentare

  1. Dann folge ich doch diesem Aufruf!

    Ich bin 27 Jahre alt und eine Lesbe und auch ich kann mit dem Wort queer nix anfangen, mich nicht damit identifizieren.

    Ist lesbisch sein eine (politische) Wahl? Ich kann nur für mich sprechen und für mich klar Nein!
    Ich habe mir nicht ausgesucht, nur auf Frauen zu stehen, es war schon immer so.
    Als ich ca. 6 Jahre alt war und weder von Sexualität noch Gender je etwas gehört hatte fand ich Penisse schon abstossend und wollte nicht das Jungs in meinem Kinderpool baden.
    Mit 11 habe ich mich das erste Mal verliebt, in ein Mädchen der Paralellklasse.
    Auch wenn ich mich erst mit 23 geouted habe, stand ich nie auf Männer.
    Ich erlebte übrigens nie sexuelle Gewalt, also daher kann meine abneigung gegen Penisse nicht kommen.

    Bin ich transphob wenn ich nicht mit Penissen ins Bett steige? Sicher nicht!
    Genitalien spielen nunmal eine zentrale Rolle beim Sex und wenn einen der Anblick eines Penis komplett sbturnt ist das eben so. Eine Frau dafür zu shamen dass sie keine Penisse im Bett will und versuchen sie via Schuldgefühle dazu zu bringen ist der Inbegriff von Rape Culture!

    Gibt es noch Räume für Lesben? Ich weiss es nicht, ich hab keine gefunden.
    Was ich gefunden habe sind junge Lesben die genau wie Heteras dem Pornokult nacheifern, Nacktbilder, Pornos guvken, Dildos, BDSM etc inklusive, genauso die Pornoposen, aufgestiled, geschminkt, rasiert etc..

    Ich wünsche mir Räume die Womyn only sind, wo starke Frauen über Feminismus und Weltgeschehen diskutieren können, wo das Frausein und auch die Frauenliebe zentral sind und nicht queer und pornoculture.

    Ich bin überzeugt das ich nicht die einzige bin die so denkt und fühlt..

  2. abgenervt

    Hier ist eine.

    Eine, die sich eine Zeit lang als queer bezeichnete und damit aufhörte, als sie erkannte, dass es eine superbequeme Form ist, Frauen – in diesem Falle Lesben – unsichtbar zu machen. (Oder auch unsichtbar zu sein.)

    Meinem Empfinden nach ist queer in erster Linie schwul und dann kommt trans. Und das gepaart mit einem enormen Maß an Frauenfeindlichkeit.

    Ich habe nichts gegen Penisse an sich. Es ist nicht so, dass ich drauf abfahre, aber sie stören mich auch nicht. Ich habe aber ein Problem mit dem, was dran hängt, um es mal überspitzt zu formulieren – ich habe ein Problem mit der Sozialisation von Männern und deren Auswirkungen. Auf das Leben von Frauen, auf mein Leben.

    Und deswegen sage ich da: No way.
    Ich bin nicht transphob. Das würde bedeuten, ich hätte Angst. Die habe ich aber nicht, zumindest nicht mehr als vor Männern im Allgemeinen. Ich bin transablehnend. Oder um es noch schlimmer zu formulieren: Ich glaube nicht an Trans. Keine Transfrau, die ich je kennengelernt habe, war nicht grenzüberschreitend – auf die Art wie Männer es sind. Kein Transmann hat sich nach seinem Coming-out als Trans nicht wie ein sexistisches Arschloch verhalten. Bei Trans stelle ich noch mehr Frauenfeindlichkeit fest als bei Männern.

    Die Ursachen für Trans sind mit mittlerweile egal – und das nach anfänglicher, völliger Offenheit. Ich dachte mir, „oh mein Gott, wie schlimm – im falschen Körper geboren“. Mittlerweile halte ich das für Quatsch.

    Mich interessieren nur noch die Auswirkungen auf das Leben von Frauen, auf mein Leben.
    Und ich stelle fest, sie zerstören meinen Raum als Frau, indem sie mich zum Schweigen bringen wollen. Sie zerstören lesbische Räume – reale und virtuelle.

  3. Ja, ich kann als 63jährige Radikalfeministin, die schon immer Frauen begehrte, aber erst seit 33 Jahren nichts Sexuelles mehr mit Männern zu tun hat und damals endlich in Berlin auch politische Lesben fand, alles, was ihr schreibt, bestätigen und freue mich sehr, daß es auch junge frauenliebende Frauen, Lesben gibt, die die Mogelpackungen als solche entlarven!
    Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen sich auch sexuell nicht mehr (so) abhängig machen (müssen) von Männern. Das wäre ein erster entscheidender Schritt, den Nutznießern der patriarchalen Gewaltverhältnisse den Kampf anzusagen. Wenn Frauen sich auf Frauen beziehen, verändern sie die Welt!
    Wir sollten uns auch von solchen uns verarschenden, einlullenden, unterdrückenden und verschweigenden Modewellen wie LGBTblablabla und Queer nicht täuschen lassen: sie kamen und kommen in der großen Mehrheit immer Männern zugute, inklusive sexistischer, frauenverachtender Strukturen. In den 80er und 90er Jahren habe ich Hunderte von Spielfilmen auf ihr Frauen-Lesbenbild, auf Gewalt etc. untersucht und analysiert. Zur Berliner Ausstellung „100 Jahre Schwulenbewegung“ habe ich eine Dokumentation von Filmausschnitten mit Schwulen auf Klischees hin untersucht. Ein himmelweiter Unterschied und deshalb nicht „queer“ zu vermengen und zu verwursten. Doch es begann Ende des letztes Jahrhunderts die Queerbewegung auch bei uns, und so wurden als erstes Lesben-Frauenräume, -festivals etc. eliminiert und durch Schwul-Trans-Queeres „ersetzt“ – und viele Lesben paßten sich an, nicht nur notgedrungen, sondern u.a. auch aus Begeisterung darüber, endlich mehr Sichtbarkeit in einer größeren Masse (siehe CSD, pride-march u.a.) zu gewinnen. Doch alles, was ich sehe, sind große Verluste an Subversivität, Radikalität und Solidarität, z.B. mit nicht lesbischen Frauen, die mir zumindest in ihren gesellschaftlichen (Zwangs)Rollen immer noch näher stehen als Typen, die sich der Privilegien ihres Geschlechts häufig nicht einmal bewußt sind.
    Was meinen andere Lesben, die, wie ich, begeisterte Leserin von Störenfrieda sind?
    Maria

  4. Lesbische Kämpferinnen? Anwesend!

    Lesbisch sein, das war für mich eigentlich nie ein Problem. „Lesbisch“ fühlte sich gut an und hörte sich gut an. Ich verstand darunter sowieso immer mehr als nur eine reine sexuelle Orientierung, sondern sah darin auch eine wichtige politische Aussage, nämlich sich auf Frauen zu beziehen und Frauen in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen – ohne Ausnahmen, ganz exklusiv.

    Mit 24 Jahren bin ich aber leider Teil der Generation, die das Wort „queer“ und jeglichen, dazugehörigen gefährlichen Unsinn verbreitet hat. Das hat mich, obwohl ich eigentlich gar nichts damit zu tun hatte, beeinflusst. Irgendwann nannte ich mich nur noch „bisexuell“, um mögliche Transmenschen zu inkludieren, schwang Fahnen und hielt passionierte Reden, angefeuert vom überschwemmenden Mob im Internet, der immer und überall zu wissen glaubte, was richtig ist und was Feminismus denn eigentlich bedeutet.
    Dann lernte ich die volle Seite dessen kennen, was nun überall unter „queer“ gefeiert und hochgehalten wird.
    „Was ich gefunden habe sind junge Lesben die genau wie Heteras dem Pornokult nacheifern, Nacktbilder, Pornos guvken, Dildos, BDSM etc inklusive, genauso die Pornoposen, aufgestiled, geschminkt, rasiert etc..“ – BaldWolf aus dem ersten Kommentar
    Das trifft es auf den Punkt, dazu brauche ich kaum mehr etwas zu sagen. Meine Erfahrungen dazu konnte ich damals weder verlauten lassen, noch irgendwo Hilfe suchen. Es war ganz einfach nicht erwünscht, Kritik an all dem wurde metaphorisch tot geprügelt, die darunter Leidenden (wie ich) mussten still halten und aushalten.

    Schließlich brach ich aus, nannte mich Radikalfeministin und sprach – auch unter großen Shitstorms und vielen gewaltvollen Worten – das aus, was ich dachte. „Queer“ ist nichts anderes als das aufgehübschte, dekorierte Patriarchat, misogyn bis zum geht nicht mehr und von so großer Gewalt untermauert, dass es mich immer noch schaudert.

    Die „Lesbe“ für mich zurückzuerobern, war und ist wichtig. Nicht nur allein für mich, sondern auch für außen, damit all die anderen Menschen wissen, dass es sie noch gibt. Die Lesben. Nicht unterzukriegen vom Queer-Brei.
    Dabei möchte ich aber auch nicht die Punkte vergessen, die es mir bis heute manchmal schwer machen, mich mit dem Wort „Lesbe“ wirklich wohl zu fühlen. Butch/Femme-Dynamiken/Rollen, die doch nichts anderes sind als die typischen Geschlechterrollen und -dynamiken einer Heterobeziehung. Die Kämpfe zwischen „echten“ Lesben und all denen, denen diese „Auszeichnung“ verwehrt wird. Objektifizierung von Frauen innerhalb lesbischer Zusammenhänge. Es gibt sicher noch mehr Punkte. Über all das möchte ich reden und diskutieren, Wege finden, um anders zu handeln und es besser zu machen. Am lesbisch sein arbeiten.

    Trotzdem bin ich Lesbe. Denn ich möchte ein Zeichen setzen, möchte zeigen und sichtbar machen. Und nicht nachgeben.

    Hoffentlich trauen sich noch viele andere Frauen, lesbisch zu sein, zu leben und zu kämpfen.

  5. abgenervt

    „Butch/Femme-Dynamiken/Rollen, die doch nichts anderes sind als die typischen Geschlechterrollen und -dynamiken einer Heterobeziehung.“

    Dem widerspreche ich.

    Meine Frau und ich leben in einer Butch-Femme-Beziehung. Sie Butch, ich Femme. Wir leben definitiv keine Heterobeziehung nach oder irgendwelche Rollen, und ich kann das beurteilen, denn ich hatte früher genügend Hetero-Beziehungen, die ich damit vergleichen kann.

    Wir sind beide Frauen, beide Lesben, und wir sind beide Feministinnen. Und zwar keine ’neumodischen‘ Queer’feministinnen‘, die Pornografie oder Prostitution als Befreiung der Frau empfinden oder ähnlichen Unfug.

    Butch-Femme bezieht sich in erster Linie auf unsere Erotik, also das, was uns sexuell anzieht, und das hat mit unserem Alltag ansonsten nicht viel zu tun. Wir kochen beide, wir kaufen beide ein, wir putzen beide etc. Keine Rollenverteilung wie in Hetero-Beziehungen.

    Wir haben beide unsere (sogenannten) femininen und maskulinen Seiten. Und auch wenn ich mich schminke und auch gerne mal aufstyle, macht mich das nicht minder zur Feminstin. Ebenso wie meine Frau, wenn sie mal Anzug trägt, nicht weniger Feministin ist.

    Frausein hat so viele Facetten und bietet so viele Möglichkeiten, dass es eine Schande wäre, wenn man diese Freiheit nicht nutzte und sich selbst so einschränkte, wie es außerhalb unserer „Community“ immer wieder von uns gefordert wird.

    Das werde ich nicht tun. Und ich lasse mir damit auch nicht sagen, dass ich damit weniger Feministin oder weniger Lesbe bin, geschweige denn irgendwelche Hetero-Beziehungen nachäffe.

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