Stalking – soziale Disziplinierung im Patriarchat

Tracking, Stalking

via Pixabay, Public Domain CC0

2007 wurde der sogenannte „Stalking“-Paragraf § 238 STGB erlassen. Dort wurde festgehalten, dass es als „Nachstellung“ gilt, wenn ein Täter ein Opfer über einen Zeitraum von mindestens durchgehend acht Wochen mindestens zwei „intrusive“ Verhaltensweisen zeigt – also ungewünschtes Auftauchen am Arbeitsplatz, Eindringen in das zu Hause, Verfolgen auf der Straße. Entscheidend ist aber die „schwerwiegende Beeinträchtigung“ für das Opfer. Erst dann will die Justiz eingreifen. Betroffenenverbände, Richter und Polizisten fordern seither eine Neuregelung des Stalkingparagrafens, um Opfer besser zu schützen, die von der großen Koalition auch zugesagt wurde – bereits im letzten Jahr. Seither ist nichts passiert. In der Zwischenzeit wird Stalking zu einem beliebten Thema von Serien und Musikvideos – wir erinnern uns an Maroon 5’s Hymne auf einen Frauenstalker – in den USA läuft eine ganze Serie mit dem Titel „The Stalker“, in der eine Spezialeinheit in Los Angeles Stalkern nachstellt. Der ermittelnde Detektive ist selbst ein Stalker, sein weibliches Pendant ein Stalkingopfer. Die Serie begleitet die Täter und Opfer minutiös und gibt so gleich eine Anleitung mit. „The Fall“, eine britisch-amerikanische Coproduktion dreht sich ebenfalls um Stalking, mit einer eigenartig wirkenden Parallele zwischen einer promisken Ermittlerin und einem braven Familienvater, der nachts fremde Frauen ermordet. Beide Serien inszenieren Stalker als „nette Kerle von nebenan“. Sie sind ganz normale Männer, gut aussehend sogar, bestens integriert in die Gesellschaft. Sie sind keine Fremden, keine Außenseiter, ihre Opfer hingegen sind allesamt lebenslustige, gutaussehende Frauen, die allein leben. Die Botschaft: Jeder kann zum Stalker werden – und jede zu einem Opfer. Und genau darum geht es: Mediale Darstellungen wie die oben genannten inszenieren ein Schreckensbild, das vor allem einen Zweck hat: Frauen Angst zu machen. Jede Frau kann ein Stalkingopfer werden – aber es gibt eine Gruppe, die besonders als Opfer heraussticht: alleinlebende, attraktive und selbstbewusst Frauen. Sie werden dafür bestraft, die nach wie vor für Frauen geltenden gesellschaftlichen Grenzen im Patriarchat überschritten zu haben – der Stalker ist nur das ausführende Instrument der sozialen Disziplinierung allzu unabhängiger Frauen. Die aktuelle Inszenierung erinnert ein wenig an das Schreckgespenst der „Weißen Sklaverei“, was zur Jahrhundertwende dramatisiert wurde, um Frauen daran zu hindern, auf eigene Faust in die Welt hinauszuegehen und ihr Geld zu verdienen. Ihnen wurde angedroht, noch am Bahnhof von Menschenhändlern in die Prostitution verschleppt zu werden.  Gleichzeitig nehmen die realen Zahlen von Stalking-Fällen zu, die Täter werden allerdings nur selten verurteilt. Offensichtlich sind immer mehr Männer der Meinung, Stalking sei ein Verhalten, das ihnen zustünde – und die Rechtspraxis bestätigt sie darin. Wirklich erstaunlich ist das angesichts der fortschreitenden Pornifizierung unserer Gesellschaft nicht. Was Stalker antreibt, sind nämlich der allgegenwärtige Sexismus und die Vorstellung, dass Frauen nur Objekte sind, Puppen, die ihnen zur Verfügung stehen – jene machtvollen Erzählungen des Patriarchats, auf die Spitze getrieben von Porno und Co.

Der alltägliche Terror

Stalker terrorisieren ihre Opfer durch Auflauern, ständige Anrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit, dem Ausspionieren von persönlichen Informationen, Kontakt zu Angehörigen und Freunden, durch Beschimpfungen, Briefe und Nachstellen, Eindringen in die Wohnung, dem Bestellen von Waren auf den Namen des Opfers, gefakte Social Media Profile im Namen des Opfers und Drohungen. So werden Todesanzeigen inseriert, tote Tiere zugeschickt oder vor die Haustür gelegt. Beliebt ist es auch, den Ruf des Opfers durch das Verbreiten von Gerüchten zu zerstören. Stalking traumatisiert die Opfer, sie leiden unter Angststörungen, Depressionen, doch das allein reicht bislang nicht, um einen Stalker zu verurteilen – erst wenn es „schwerwiegende Beeinträchtigungen“ gibt, wird der Fall überhaupt erst genommen. Was genau diese ausmacht, ist Interpretationssache. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als wegzuziehen und den Namen zu ändern. Smartphones und Social Media bieten Stalkern neue, ungekannte Möglichkeiten, ihrem Opfer nachzustellen – zum Beispiel, in dem der Aufenthaltsort des Opfers über dessen Smartphone geortet wird.

Es gibt viele Gründe, warum jemand zum Stalker – oder dessen Opfer wird. Einige Stalker sehen sich selbst als Opfer, andere fantasieren eine Beziehung, die es nicht gibt, wieder andere können mit der emotionalen Verletzung einer Zurückweisung nicht umgehen. Grundsätzlich zeigen alle Stalker die Unfähigkeit, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, das eigene Erleben wird als überhöht wahrgenommen. Es ist bezeichnend, dass dies genau die Entwicklungen sind, die durch Pornographie hervorgerufen werden: Pornokonsum senkt die Empathiefähigkeit und übersteigert den Anspruch, die eigenen, sexuellen Bedürfnisse sofort und unmittelbar zu befrieden. Regelmäßige Pornokonsumenten treffen überdurchschnittlich hoch die Aussage, Opfer sexueller Gewalt trügen eine Mitschuld an der Tat – kein Wunder, wenn in den allermeisten Pornos Frauen erniedrigt werden und die Gewalt an Frauen als ein normaler Bestandteil von Sexualität inszeniert wird.

Die meisten Stalkingopfer sind Frauen

Stalkingopfer sind zu 80 Prozent Frauen – und es werden immer mehr. Seit Inkrafttreten des Stalking-Gesetzes hat sich ihre Zahl von 11 401 Fällen auf 23 831 Fälle mehr als verdoppelt. Die geschätzte Dunkelziffer liegt bei bis zu 800.000 Stalkingopfern pro Jahr. 2010 gab es 26 848 angezeigte Fälle von Stalking, angeklagt wurden davon nur 3,7 Prozent und letztendlich verurteilt nur 1,9. Die auffallend geringen Verurteilungsraten waren es, die die große Koalition als Anlass nahm, zu handeln – mit geringem Erfolg bisher. Die Kritik ist vielfältig. So erfahren Beschuldigte im Rahmen einer Anzeige aktuelle Telefonnummern und Adressen – der Schutz wird ad absurdum geführt. Die Formulierungen des Gesetzes lassen viele Handlungen, die ein Opfer terrorisieren, außer Acht – denn wann genau ist eigentlich eine schwerwiegende Beeinträchtigung gegeben? Wenn das Opfer seinen Job verliert? Das Haus nicht mehr verlässt? Die Täter sind häufig Ex-Partner oder Bekannte. Stalking wird zu einem neuen misogynen Hobby im Patriarchat. In jedem fünften Fall bleibt es nicht beim Stalking: es kommt zu körperlicher und/oder sexueller Gewalt bis zum Mord. Die Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigte, dass zum Untersuchungszeitpunkt in der EU etwa 9 Millionen Frauen Opfer von Stalking geworden waren. In den meisten Fällen hielt das Stalking über mehrere Jahre an. Auch die Zahlen zu Stalking sind schwierig: So wird statistisch nur die Straftat erfasst, die mit der höchsten Strafe belegt ist – aber Stalking setzt sich eben aus einer Vielzahl von Straftaten zusammen, die auch in den Bereich anderer Gesetze fallen.

Auch wenn sich Stalking-Opfer frühzeitig an die Polizei wenden, so können sie auf diese Weise dem Stalker nur in den seltensten Fällen Einhalt gebieten. Es gibt die Möglichkeit einer einstweiligen Verfügung, die den Täter zwingt, keinen Kontakt mehr aufzunehmen oder Abstand zu halten, doch die meisten Täter finden bald einen Weg, diese zu umgehen. Besonders schlecht haben es Frauen, die von einem Ex-Partner gestalkt werden, mit dem sie Kinder haben, hier ist ein Kontaktabbruch nicht möglich. Dramatisch ist auch, was von den Opfern verlangt wird: Sie dürfen sich in keinem Fall auf Kontakt mit dem Täter einlassen, zum Beispiel, weil sie versuchen, die Situation zu klären. Jede Antwort kann zu ihrem Nachteil ausgelegt werden, auch wenn sie in früherer Zeit Kontakt mit ihm hatten, kann das die Verurteilung eines Täters erschweren – denn dann könnte der Täter eventuell gar nicht wissen, dass sein Verhalten nicht erwünscht ist – so wurde im Rahmen eines Freispruchs bereits argumentiert. Opfer müssen ihre persönlichen Daten schützen, sich genau überlegen, wem sie welche Informationen über sich selbst preisgeben und sich im schlimmsten Fall vor Freunden und Kollegen erklären.

Stalking als Mittel sozialer Disziplinierung

Auch heute noch wird bei Stalking-Fällen vom Umfeld und den Behörden noch gefragt, ob das Opfer irgendetwas getan habe, was den Täter zu seinen Handlungen ermutigt hat. Auf diese Weise wird versucht, dem Opfer eine Mitschuld an Ereignissen zu geben – es habe sich einladend verhalten, entsprechende Signale gesendet, nicht eindeutig oder nicht früh genug „Nein“ gesagt oder durch eine Zurückweisung den Täter erst aufgestachelt. Das ist Victimblaiming – das Verhalten des Opfers hat NIE Einfluss darauf, warum jemand zum Stalker wird, entscheidend ist die Überzeugung des Stalkers, im Recht zu sein, das Recht zu haben, einer Frau nachzustellen, sie zu beschimpfen und sie zu terrorisieren. Stalking und Sexismus gehören zusammen – Stalker haben die Vorstellung, dass Frauen zu ihrer Bedürfnisbefriedigung existieren, internalisiert und leben diesen Anspruch aus. Frauen sind für sie nur Objekte, keine Menschen mehr, deren Grenzen gewahrt werden müssen. Bis zur Gewalt ist es nur ein kurzer Schritt. Wenn Stalking so prominent in Serien und Videos dargestellt wird, wie es aktuell geschieht, dann hat das eine fatale Signalwirkung an alle Frauen: Sie sollen in Angst leben, noch mehr Schutzmaßnahmen treffen, und noch mehr darauf achten, wie sie sich verhalten – sonst könnte ein Stalker auf sie aufmerksam werden. Die Opfer in den oben genannten Serien sind allesamt attraktive, alleinlebende Frauen mit einem spannenden Beruf. Es wird suggeriert, dass es für solche Frauen keine Sicherheit und keinen Schutz gibt. Frauen sollen sich also am besten aus der öffentlichen Sphäre zurückziehen, wenn sie Stalkern keine Angriffsfläche mehr bieten wollen, auch Trennungen sind ab sofort tabu. Stalking und die Angst vor ihr bzw. das allgemeingültige Wissen, dass die Justiz ohnehin erst handelt „wenn es zu spät ist“, soll Frauen davor warnen, die eigene Sexualität allzu freizügig auszuleben, allzu kontaktfreudig zu sein, einen erfolgreichen Beruf zu haben oder gar allein zu leben. So wird Stalking zu einem widerlichen Instrument sozialer Disziplinierung im Patriarchat. Die Gründe der Täter werden überhaupt nicht erst diskutiert, niemand fragt, was sie dazu bringt, einer Frau so etwas anzutun. Sie und ihre mediale Darstellung sind willfährige Agenten des Patriarchats, die dafür sorgen sollen, dass Frauen auch ja da bleiben, wo sie das Patriarchat haben will: zu Hause, in der ausschließlichen Kontrolle ihres Ehemannes. Dass dieser noch sehr viel häufiger gewalttätig wird als ein Stalker, steht für das Patriarchat natürlich auf einem anderen Blatt.

Das Patriarchat versucht sich zu restaurieren

Die wachsende Zahl von Stalkingfällen mit einer immens hohen Dunkelziffer zeigt, dass eine steigende Zahl von Männern mit dem Selbstbewusstsein von Frauen ein Problem haben: Sie stören sich daran, dass Frauen das Recht haben, sie ungestraft zurück zu weisen, ja glatt ihr Leben ohne einen Mann leben oder beruflich sogar erfolgreicher sind als Männer. Der Lebensweg solcher Frauen rüttelt an den Machtverhältnissen im Patriarchat und weil niemand mehr ernsthaft erwarten kann, dass Recht und Gesetz sie in ihre Schranken weisen werden, nehmen das immer mehr Männer eben in die eigenen Hände. Stalking bleibt dabei genau in jenem Graubereich, der genügt, um ein Opfer zu zermürben, aber nicht ausreicht, um den Täter dingfest zu machen; das perfekte Instrument, um Frauen terrorisieren und alle jene zu verunsichern, die von Stalking in der Presse oder in Serien hören. Stalking kann also als ein Symptom sozialen Umbruchs verstanden sein, durch das versucht wird, bereits überkommene Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern wieder zu restaurieren. Stalking als Phänomen zu überwinden erfordert ein Umdenken in der Gesellschaft, die Stärkung von Frauen, konsequenten Kampf gegen Sexismus und vor allem den Schutz von Opfern. Ein Stalker ist nicht zwangsläufig „psychisch gestört“, wie es immer so schön heißt. Um ein Stalker zu werden, genügt es, eine ganz normale männliche Sozialisation im Patriarchat zu durchlaufen. Genau da müssen wir ansetzen.

1 Kommentare

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