Stimmen zu Köln

We All Can Do It - Poster

We all can do it - Poster by Valentin Brown, via Soirart/Tumblr

Wir haben für euch einige Stimmen verschiedener Frauen zu Köln gesammelt:

Sultana Sha: „Übergriffe in Köln: Als Muslima erlebt man desselbe“ (Huffington Post, 8. Januar 2016)

Ich bin aus Frankfurt und hier gibt es Orte, die ich tagsüber sogar vermeide. Dort sind viele Männer, die – je nachdem – in einem Café sitzen, Drogen verticken oder halt nach Frauen Ausschau halten (ganz nah neben einer Polizeidienststelle). Viele Männer aus einer bestimmten Region, mit einem bestimmten Migrationshintergrund, suchen explizit nach Frauen, die Kopftücher tragen. Ich muss sagen, dass ich keine 2 Minuten dort bin ohne irgendeine dumme Bemerkung zu hören. Und es vergeht kein Tag dort, ohne dass mindestens ein Typ kommt und nach der Nummer fragt. Ihm ist es glaube ich egal, ob ich sein Typ bin oder nicht, er sieht das Kopftuch und das zählt irgendwie.

Hilal Sezgin: „Ich bin es leid“ (Die Zeit, 6. Januar 2016)

Ich bin es leid, dass jede öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt – falls überhaupt mal eine geführt wird – so schnell vor den Karren unzähliger anderer politischen Agenden gespannt wird, dass sie eigentlich schon keine Diskussion über sexualisierte Gewalt mehr ist. […] Dieselben Kommentatoren, die noch vor drei Jahren fanden, die junge Dame solle sich doch bitte nicht so anstellen, wenn der FDP-Opi was Nettes über ihren Busen sagt, wissen auf einmal ganz viel über die Sexualnot von Flüchtlingen und ziehen kühne kulturelle Bögen von Köln bis Kairo und Kabul.

Hengameh Yaghoobifarah: Willkommen in der Hölle, Ladys (TAZ, 6. Januar 2016)

Wäre die Zahl der Anzeigen so hoch angestiegen, wenn die mediale Aufmerksamkeit so gering geblieben wäre, wie es in Vergangenheit an Silvester, Oktoberfest, Karneval oder Herrentag der Fall war? Auch hier lässt sich nur vermuten, erfahrungsgemäß wäre es aber still um die Betroffenheit der Frauen gewesen. Erfahrungsgemäß hätte man den Frauen nicht geglaubt, ihnen gesagt, sie müssen im angeheiterten Zustand einfach, ja, was? Unaufmerksam gewesen sein? „Falsche Signale“ ausgesendet haben? Sich etwas eingebildet haben? Ohne die Statistik der Angriffe in vorherigen Jahren lässt sich nur schwer festmachen, ob es sich um eine „neue Dimension der Kriminalität“ handelt. Fest steht: Organsierter Raub in Menschenmassen – ob an Touri-Hotspots, in Clubs oder an Silvester – ist genau so ein altes Phänomen wie die Zahl sexualisierter Übergriffe zu jenen Gelegenheiten. Ob am Tag der Deutschen Einheit am Brandenburger Tor, beim Headliner von Rock am Ring oder in den Zeltlagern der Occupy-Aktivist_innen: Männer, Alkohol und übersichtliche Menschengruppen waren schon immer eine Höllenkombination.

Rasha Khayat: „Köln. Ich kann nicht anders“  (West-Östliche Diva, 9. Januar 2016)

Ich schäme mich wahnsinnig zur Zeit; und nein, nicht wegen meines arabischen Aussehens oder Namens, sondern für diejenigen, die immer so viel besser, klüger, kultivierter sein wollen als die wilden Wüstenbarbaren, die uns offenbar grad überrennen! Was genau wissen wir denn eigentlich über all die Dinge, über die grad so laut geschrien wird, hm?! Know your facts or shut your mouth, und mögen alle Nazis and Vergewaltiger, welcher Hautfarbe oder Nationalität auch immer, kollektiv vom Blitz getroffen werden und von der Erde verschwinden.

Malaika Bunzenthal: „Rape Culture und rassistische Doppelmoral“ (Malifuror, 7. Januar 2016)

Ich weiß nicht mehr, was mich am Meisten aufwühlt. Dieser ganze Rasssismus als von Rassismus Betroffene? Die Instrumentalisierung von Vergewaltigungsopfern als selbst Vergewaltigungsopfer? Die Pseudo-Solidarität von Menschen, die im nächsten Moment wieder sexualisierte Gewalt kleinreden und Betroffene verhöhnen, beleidigen und bedrohen? Das Wissen, dass meine Vergewaltigung entweder als unwichtig oder als unmöglich (weil weißer Täter, nicht-weißes Opfer kann ja gar nicht sein) betrachtet wird? Die Erinnerung daran, was ich mir an verhöhnenden, kleinredenden, victim-blamenden Reaktionen auf meine Vergewaltigung an ebenfalls einem Silvesterabend, anhören musste von Menschen die nun im Fall von Köln Bestürzung und Empathie heucheln? Oder ist es auch die Angst davor wie viele rassistische Anschläge und Gesetze in den nächsten Tagen folgen werden?

Naida Pintul: Facebook-Rant (5. Januar 2016)

Es fallen Begriffe wie Rassismus, Instrumentalisierung, etc. Was für Begriffe nicht fallen: Männliche Gewalt, struktureller Sexismus, Frauenhass. […] Ist es einfach kompletter Konsens, dass Frauen in der Hierarchie der Solidarität so weit unten stehen? Ist es so absurd, Gewalt, die von Männern ausgeht, „männliche Gewalt“ zu nennen? Wieso verkommen die anwesenden Frauen dieser Nacht am Kölner Hbf zur Nebensache eines Antirassismus, der sie an letzter Stelle priorisiert? Wieso eröffnen wir keine Diskurse über eine solche Epidemie wie männliche Gewalt und Frauenhass?

Riham Alkousaa: „Meine Erfahrung mit Sexismus in Deutschland“ (Cicero, 6. Januar 2016)

Am ersten Tag, als meine beste Freundin über Griechenland in Berlin ankam, gab ich an, wie sicher diese Stadt sei. Ich sagte sogar: „Und das hier gilt als die unsicherste Stadt in Deutschland.“ Es war acht Uhr an einem Sommerabend. Wir waren mit zwei weiteren syrischen Freundinnen auf dem Alexanderplatz unterwegs. Wir wurden von einer Gruppe junger Männer belästigt, und hier muss ich sagen, dass es junge afrikanische Männer waren. Sie versuchten, das Handy meiner Freundin zu klauen. Als sie davonrannte, begann einer der Männer, ihr nachzulaufen. Sie schrie – drei Minuten lang, mitten auf dem Platz – „Nein, nein“ – während wir anderen drei ihnen folgten und die Diebe anschrien. Die Männer waren betrunken. Irgendwann ließen sie von uns ab. Alaa und ich waren schockiert. Auf einem öffentlichen Platz kam keiner, um uns zu helfen oder dazwischenzugehen. Alle schauten zu, aber niemand wagte es, uns beizustehen. Wir waren junge Frauen, mitten in Berlin, und ganz alleine. […] Der „Islamische Staat“ hat die Welt erfolgreich davon überzeugt, den Islam mit Terrorismus zu verbinden, und seit dem 11. September 2001 haben Muslime versucht, ein Bild zu korrigieren, das eine kleine Gruppe von Schurken erschaffen hat. Es macht mich traurig, dass diejenigen, die die Mädchen am Kölner Bahnhof attackierten, nicht begriffen haben, dass sie nicht nur den Opfern und sich selbst geschadet haben. Sie schaden den Tausenden, die ihre Heimat wegen genau solcher Verbrecher verlassen haben.

Nadia Shehadeh: „Angstmacherei mit System“ (Neues Deutschland, 8. Januar 2016)

»Rape Culture« ist auch ein System, das sich von genau diesen diffusen Ängsten ernähren muss – nicht nur, um Opfer zu beschuldigen und Mythen zu reproduzieren, sondern auch um zu verhindern, dass eine wirkliche und großflächige Auseinandersetzung mit allen Arten von sexualisierter Gewalt und den Menschen, die diese erleben, stattfindet. Das Täterprofil dabei großflächig auf »ausländische Männer« auszulagern, ist dabei auch wichtiger Teil einer Schutzkultur. So wird erreicht, dass sexuelle Gewalt auf das »Fremde«, auf das »Draußen« reduziert wird – und nicht als etwas identifiziert wird, was in vielen Fällen beispielsweise auch im sozialen Umfeld geschieht, etwa im Falle von weit verbreiteter Beziehungsgewalt. Unsere sexistischen und gewaltvollen Strukturen werden verschleiert und Missstände ethnisiert – etwa dann, wenn davon ausgegangen wird, dass eine Meute betrunkener Männer nur bedrohlich sein kann, wenn diese »arabisch oder nordafrikanisch« (oder einfach: irgendwie ausländisch) aussehen. Es wird verschleiert, wo in unserer Gesellschaft überall Gewalt gegen Frauen ausgeübt, institutionalisiert, legitimiert und bagatellisiert wird.

Betül Ulusoy: Facebook Post (5. Januar 2016)

Man denkt fast: Endlich! Endlich wird über Frauen, Frauenrechte, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen in Deutschland gesprochen – und dann reden doch wieder alle nur über Männer.
Allerdings andere Männer, nordafrikanische Männer, fremde Männer. Und während wir wieder einmal damit beschäftigt sind, mit dem Finger auf vermeintlich andere zu zeigen, zeigen erneut drei Finger auf uns zurück […] Wem nutzen die Diskussionen heute also wieder? Den Frauen jedenfalls nicht. Wir tun uns und vor allem Frauen keinen Dienst, indem wir das Thema Gewalt gegen Frauen von uns weg und anderen zu schieben. Auf ihrem Rücken werden erneut heuchlerische Debatten über fremde Männer geführt.

Kübra Gümüsay: „Wir führen eine rassistische Debatte“ (Interview, Bayrischer Rundfunk, 7. Januar 2016)

Es ist jetzt nicht so, dass das inherent in der ägyptischen Kultur ist, dass Männer in Mobs rumlaufen und Frauen vergewaltigen. Ja, es gibt massiven Sexismus in Ägypten, es gibt aber auch sehr, sehr viele Männer und Frauen, die dagegen ankämpfen. Ich habe kein Problem damit, dass wir diese Debatte führen. Ich habe ein Problem damit, wie wir sie führen: auf eine rassistische Art und Weise. Wir tun so als seien diese Menschen aufgrund ihrer Herkunft so. Nein, diese Menschen sind so, weil sie in patriarchalen Strukturen leben. Diese Männer sind sexistisch und übergriffig, weil wir das anscheinend nicht genügend negativ sanktioniert haben. Sie sind so, weil sie sich innerhalb der vergangenen Jahre anscheinend ganz frei und selbstverständlich in patriarchalischen Strukturen bewegt haben. Das ist das Problem. Wollen wir, dass diese Männer jetzt alles, was ihre Kultur bedeutet, eliminieren und dann sind sie nicht mehr Sexisten? Nein.

Nochmal Nadia Shehadeh: Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Shehadistan, 8. Januar 2016)

Ich weiß nicht wie viele Menschen in Deutschland seit Silvester 2015 glauben, dass Syrien in Nordafrika liegt, aber ich schätze es sind mehr als zehn. Ich weiß nicht wie viele Menschen in Deutschland seit Silvester 2015 glauben, die Mehrheit der nach Deutschland geflüchteten Menschen kommt aus Nordafrika™, aber ich glaube es sind mehr als 20.  […] Selbst ich möchte nicht über arabische und nordafrikanische Länder sprechen because, they are not a country und ich keine Planetenexpertin. Ich bin froh wenn ich mir in Nablus ein Falafel bestellen kann ohne mich halbwegs zu blamieren – warum zum Teufel sollte ich jetzt also anfangen über Geschlechterordnungen in Mauretanien zu sprechen? Ich schätze, meine Cousins und Cousinen und Onkel und Tanten außerhalb Deutschlands (alle arabisch aussehend™, natürlich), haben mehr Sorge was mein Wohlergehen in Deutschland betrifft als das andersrum mein Orakeln über ihre akute Geschlechterordnung die Kackscheiße von Köln erklären könnte. Sie werden spätestens dann diese Sorgen entwickeln wenn sie sehen was grad in der internationalen Presse rumgeistert, nämlich die Behauptung, die Stadt in der ich lebe sei eine No-Go-Area für Frauen

Khola Maryam Hübsch: „Der muslimische Mann. Legende vom triebhaften Orientalen“ (TAZ, 10. Januar 2016)

Seit jeher gehört es zum antimuslimischen Ressentiment, die muslimische Sexualität als krasses Gegenbild zur westlichen zu konstruieren. Was mehr über den Westen sagt als über den Islam: Solange in Deutschland noch eine prüde, christlich geprägte Sexualmoral herrschte, wurde diese als Garant für Fortschritt und Zivilisation und in Abgrenzung zur „dekadenten“ muslimischen Sexualmoral idealisiert. Gleichzeitig war der Orient eine Projektionsfläche für Fantasien: ein Ort ungehemmter Haremserotik. Der Islam, eine unzivilisierte Religion der erotischen Libertinage. Doch durch die sexuelle Revolution in den 1960er-Jahren änderte sich das Bild. Plötzlich wurde in Deutschland eine selbstbestimmte und freie Sexualität propagiert. Nun galt der Islam als rigide, lust- und körperfeindlich. Das Bild, das damals wie heute vom Islam gezeichnet wird, sagt mehr darüber aus, wie wir uns selbst sehen möchten, als über die vielfältige sogenannte islamische Welt.

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