Your streets? Our streets!

Fight Sexism - Streetart

by Steffi Reichert via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Heute traf ich zufällig eine Freundin, nennen wir sie hier Lena, in der Stadt. Wir hielten ein bisschen Smalltalk, alberten herum, lachten viel, bis sie plötzlich ganz ernst wurde und sagte: „Ach Hanna, jetzt muss ich da gleich wieder an dieser Trinkhalle vorbei. Ich wünschte, ich wäre schon zuhause.“ Sie meinte eine Trinkhalle, die nur 5 Hausnummern von ihrer eigenen Wohnung entfernt ist. Natürlich fragte ich nach, warum sie dort nicht gerne vorbei geht und was sie mir dann erzählte, machte mich unglaublich wütend:

Lena erzählte, dass sie sich vor etwa zwei Monaten auf dem Weg vom Sport nach Hause, völlig verschwitzt und abgekämpft und noch in ihren Trainingsklamotten, in dieser Trinkhalle ein Wasser kaufen wollte. Den Besitzer kannte sie noch aus ihrer Arbeit als Steuerfachangestellte, da er dort mal Mandant gewesen sei. Er begrüßte sie nett und lud sie zum Kaffee ein. Sie dachte sich nichts dabei und willigte ein. Nach zehn Minuten belanglosem Gespräch sagte er zu ihr „Warum ziehst du dich nicht mal sexy an, wenn du bei mir einkaufen kommst.“ Sie dachte zuerst an einen blöden Scherz und scherzte, jedoch bereits etwas verunsichert, zurück: „Okay, beim nächsten Mal ziehe ich mir einfach einen roten Trainingsanzug an.“ Er erwiderte, er habe das so nicht gemeint, sondern er dächte ja eher an einen kurzen Rock und hochhackige Schuhe, so wie sie das immer bei ihrer Arbeit getragen habe. Er rückte immer näher und machte Anstalten, ihr die Hand aufs Bein zu legen. Sie wies ihn deutlich zurück und erklärte ihm, sie würde jetzt nach Hause gehen. In ihr stieg Panik auf und sie überlegte, mit welchem Gegenstand sie ihn ausknocken könnte, sollte er ihr zu nahe kommen. Sie schloss ihren Bericht mit dem Satz: „Aber zum Glück ist ja nichts passiert.“

Ist denn wirklich nichts passiert? Wenn eine Frau seit zwei Monaten einen Teil der Straße, in der sie lebt, möglichst meidet? Und wenn sie ein Unwohlsein bekommt, wenn sie nicht darum herum kommt, doch durchzugehen? Dann ist doch sehr wohl etwas passiert. Ein Stück öffentlicher Raum wurde ihr weggenommen.

Sofort dachte ich darüber nach, ob ich bereits ähnliche Erlebnisse hatte und spontan fielen mir zwei Orte ein, die ich, ebenfalls resultierend aus Grenzverletzungen durch Männer, meide. Später fielen mir noch weitere ein. Teilweise sind diese Straßenzüge für mich bereits seit Jahren (!) instinktiv tabu. Sich dessen bewusst zu werden, macht wütend.

Der Vorsatz fürs neue Jahr steht also: „Reclaim the Streets!“ Nur, wie anstellen? Dazu werde ich mir wohl noch eine Weile den Kopf zerbrechen müssen….

 

 

1 Kommentare

  1. Aada K. Lopez

    Man stelle sich vor, solche Dinge ereignen sich bei der Arbeitstelle. …Und man muss jeden Tag dort hin zurück.

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