Schlagwort: Gewalt

Mein Land mag keine Frauen-Imane Chibane

Imane Chibane

© Imane Chibane

Algerien verachtet die Frau…eine Situationsbeschreibung und ein Aufruf

Die Straßen meines Landes mögen keine Frauen. Einfach zu laufen, Gesicht, Haare, und Arme frei an der Luft, wird in diesem sozialen Kontext zu einer Handlung des Aufbegehrens mit großem Risiko….Eine Revolution, ein Akt des Widerstandes….Ich übertreibe? Versuche diesen Körper mit femininen Zügen und Rundungen zu einzunehmen und laufe, gehe, und versuche naiv einfach nur von der Sonne zu profitieren. Das wird zu einer Unmöglichkeit.

Algerien verachtet die Frau.
Die interessantesten meiner schlechten Erlebnisse fanden vor dem algerischen Parlament statt, zwischen dem Viertel „Quartier populaire und Quartier chic“, sogar im Herzen der Hauptstadt, sind wir nicht in Sicherheit.

Kaum wichtig welche Alltagskleidung wir tragen, nicht relevant der soziale Rang oder der ausgeübte Beruf. Wenig relevant ist es, Algerien verachtet die Frau. Und ich, die nie schweigt, sogar nicht bei den Blicken voller Hasses auf mir, der Frustration, den Worten gegenüber, die Dich auf ein Nichts reduzieren. Wie wollen Sie es schaffen, dass ich mein Gesicht senke und weitergehe, als wenn ich nie etwas gesehen habe, nie etwas gehört habe? Ja, ich halte an, ich beleidige, ich blicke zurück….ich spucke in ihr Gesicht.

Sei die Veränderung

Wir, die Frauen in Algerien, sind die Mehrheit in allen Bereichen, aber wir bleiben unterdrückt, zu schwach um eine Revolution anzuführen oder nur um einfach „Schluss, Barakat“ zu sagen. Macht die Veränderung, seit die Veränderung, gegen das Gesetz das uns nicht beschützt, gegen das Schulbuch, das immer noch diktiert, dass unser Platz in der Küche ist schon ab 10 Jahren, und welches die Diktatur des Patriarchats in die jungfräulichen Gehirne brennt.

Revolte? Oder Revolution? Gegen den Iman, der dazu aufruft uns zu unterdrücken, zu schlagen, uns zu unterwerfen durch Zwang…..Aufzustehen, Wiederaufzustehen, aufzuhören zu krepieren unter den Schlägen von denen, die im Namen Gottes aus uns die ewige Sklavin machen wollen.  Gegen den Macho Code der Familie (Gesetz: Code de la Famille); gegen die Firmen, die aus unseren Körper ein Objekt des Marketings machen,; gegen die rückschrittliche Gesellschaft,; gegen diese ganzen Vergewaltiger, diese Diebe, diese Irren; gegen uns, die Frauen, die zu schwach sind um unser Leben wieder in die Hand zu nehmen. Das Absurde ist es, in einem Land zu leben das Dir das Recht gibt Präsidentin zu werden! Aber nicht zu heiraten, zu reisen, oder zu atmen ohne Aufseher.

Lasst uns gegen diese Frauen revoltieren die wir sind, die ihren Töchtern beibringen, wie man sich sittsam verhält, wie man sich anpasst an den Status des Bürgers der zweiten Klasse, anstatt ihnen zu zeigen wie man sich befreit.

Marschiert mit dem Kopf hoch, liebt, sucht Eure Partner aus, oder seid einfach frei dazu, keinen zu haben.
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Männer, Gewalt und kollektive Verleugnung

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Dieses Jahr habe ich das erste Mal wieder nach vielen Jahren Silvester außerhalb meiner Wohnung gefeiert. Warum ich das Jahre lang nicht tat, hat Gründe. Der eine Grund ist, dass ich salopp formuliert, meine Couch lieber mag als Party-Locations, der zweite meine Gesundheit, die in den letzten Jahren in einem Zustand war, der mir Feiern überwiegend unmöglich machte. Der dritte Grund und in den meisten Fällen ausschlaggebender Faktor bei der Entscheidung, das Haus zu verlassen, ist die Anwesenheit von Männern oder sagen wir es ein wenig netter, die Anwesenheit der meisten Männer:

Irgendwann hatte ich einfach die Nase voll. Die Nase voll von Grenzüberschreitungen, die Nase voll von Respektlosigkeiten, die Nase voll von „Hab-dich-nicht-so“ und Hinterngegrabsche. Die Nase voll davon, dennoch darüber zu schweigen. Oder die Bitterkeit ganz be-like-the-boys-mäßig wegzulachen, während ich eigentlich heulen möchte oder innerlich erstarre.

Jahrelang haben irgendwelche Therapeuten an mir rumgedoktert, in dem sie mir verklickert haben, dass meine Menschenangst ein einzig pathologischer Faktor ist, den ich mittels Training, Training und nochmal Training überwinden können muss. Niemand – bis auf 2 Ausnahmen – dieser Helfer kam auf die Idee, mir zu sagen: Deine Angst ist berechtigt, es gibt einen Grund, als Frau Angst zu haben. Alles wurde verklärt, erklärt, analysiert, meine Kindheit und Jugend zum Erklärmuster Nummer eins erklärt, verantwortlich dafür, wie krank im Kopf ich bin, dass ich grenzüberschreitende Menschen nicht mag (wer mag die eigentlich?). Gesellschaftliche Analyse: Fehlanzeige. In der Psychotherapie herrschen mehrheitlich Individualschauplätze. Wenn du was nicht erträgst oder nicht funktionierst: selbst schuld, nicht genug angestrengt, so ganz Neoliberalismus-like. Jetzt habe ich eine Therapeutin, die Feministin ist und es geht mir besser. Weil sie das Wegwisch-Spielchen von gesellschaftlichen Hierarchien genauso wenig mitmacht wie ich.

An der chronischen und kollektiven Verleugnung männlicher Gewalt wird stur und hartnäckig festgehalten und zwar immer und fast überall und gerade in diesen Tagen. Auf Teufel komm raus, darf die nicht benannt werden. Male tears und not-all-men-Gerufe dominieren die Debatten. Silvester in Köln ist auch dieses Jahr wieder richtig schön praktisch: sowohl für die rechte als auch – und jetzt alle Luft anhalten –  für die linke Männerbande.

Es sind Männer. Die dürfen sexuelle Gewalt negieren, verharmlosen, sich darüber lustig machen, dass man allen Frauen überall auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten Gewalt antut. Männer fahren auf Weihnachtsmärkten in Menschenmengen, zünden Bomben, töten Menschen, führen Kriege, beuten die Menschheit und die Natur aus. Niemand ermahnt sie der Wichtigkeit, dass Antisexismus und Antirassismus nicht gegeneinander auszuspielen sind (davon mal abgesehen, dass das keine getrennten Dimensionen sind). Ihnen wird das durchgelassen und wir kapieren es nicht einmal. Frauen und Feministinnen wird auf die Flossen gehauen, weil einige mehr sich entschlossen haben, nicht mehr weg-ignoriert werden zu wollen. Und klar, irgendwie haben die ja auch das universelle Kümmer-Gen in sich. Männer überschlagen sich mit fadenscheinigen Argumenten und verfallen in kollektive Schnappatmung, weil Frauen ihnen erklären, dass sie es schlichtweg nicht mehr einsehen, permanent unter die Räder zu geraten. Frauenrechte sind in ihren Augen (oder besser Taten) aber lediglich temporäre Symbolpolitik. Den Artikel 3 des Grundgesetzes können sie runterbeten, nur, dass sie die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts irgendwie immer vergessen beim Zitieren. Die Ignoranz, Arroganz und Verlogenheit dieser ganzen Debatte ist jedenfalls mindestens bemerkenswert.

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Töten und Männlichkeit

Mann mit Gewehr

[Public Domain]

Als Zeichen der Männlichkeit wird traditionell Aggressivität und die Fähigkeit zum Töten gesehen. Es ist ein Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte, denn es erklärt auch, als ein Faktor, die massive Gewalt an Frauen und Kindern, und natürlich auch Amokläufe, Terrorakte und „Familiendramen“. Und Gewalt fängt auch beim Verhalten gegenüber Tieren an, beim Schlachten, denn auch hier schon beginnt die „Psychologie des Tötens“. Ein Aspekt bedingt den anderen. Ja, wir müssen über das Töten und Männlichkeit sprechen.

Immer wieder wird man unverhofft mit direkter Gewalt an Tieren konfrontiert, seien es von Bäumen hängende Hasen in der Jagdzeit, auf die man während einer Fahrt mit der S-Bahn blicken muss, seien es an Gummiseilen tote hängende Meerschweinchen, die zur Fütterung in Zookäfigen hängen, oder Bräuche wie Gänsereiten in der Karnevalszeit, wo Reiter zwischen den Bäumen hängenden Gänsen den Kopf abreißen müssen. Früher wurde dies mit lebenden Gänsen durchgeführt und war auch in England und den Niederlanden üblich. Die Gewalt der Massentierhaltung ist versteckter, aber natürlich genauso grauenhaft. Alles aber sind Gesichter männlicher Gewalt, auch wenn sich einige Frauen an dieser Form der Gewalt beteiligen.

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Entsolidarisierung mit Gewaltopfern

Drei Affen - Nichts hören, nichts sehen

By Jakub Hałun (Own work) [GFDL or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Eigentlich finde ich den Titel etwas zu harmlos für das, was ich hier in relativer Kurzfassung beschreiben möchte. Ich bin nämlich – mal wieder – in Rage und hatte andere Vorschläge im Kopf, die aber alle aus dem Vulgärspektrum kommen, obwohl … vielleicht … doch … passender? Lassen wir das.

Es geht darum, dass von Frauen, die sexuelle (und andere Formen von) Gewalt erfahren haben, erwartet wird, sie mögen sich doch bitteschön etwas „sachlicher“, „rationaler“ und – oh, wie ich dieses Wort inzwischen hasse – „differenzierter“ zu ihrer Sache äußern.

Das ist nichts Neues, eigentlich ’ne patriarchale Silencing-Strategie deluxe (merken die nur nicht, aber wen wundert’s?). „Sei doch mal nicht so „hysterisch““ und so. Und: „Du bist viel zu emotional!“ Ihr kennt das alles …

Aber es gibt einen erneuten Anlass:

Huschke Mau, Aktivistin und Prostitutionsüberlebende hat eine astreine Replik auf den unsäglichen Positonierungsbeschluss der linksjugend [’solid] veröffentlicht und der geht ziemlich viral (Huschke, das war so auf die 12 – danke noch einmal an dieser Stelle) und wird ziemlich gemocht! Gefallen tut das natürlich nicht allen, der Lobby nicht und ihren FreundInnen und ClaqueurInnen auch nicht:

Einer LINKEN-Politikerin beispielsweise, dem „Sexarbeiterinnen“-Narrativ verfallen und offensichtlich Lobby-verblendet fällt als Reaktion auf den Post von Huschke zunächst einmal Folgendes ein (ich erwähne diese Zitate lediglich exemplarisch aus aktuellem Anlass, das ist mitnichten ein „neues Phänomen“):

„Diese Art Texte helfen doch nicht wirklich weit. Vielleicht wäre eine rationale Auseinandersetzung eine Alternative zur Meinungsbildung.“

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Wie die Sexindustrie unser aller Alltag beeinträchtigt: Frauen als entrechtetes Freiwild

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ich will meine (Lebens-) Geschichte erzählen. Denn diese spiegelt wohl die heutige Situation der Frauen in unserer Gesellschaft wieder.

Ich bin mittlerweile 32 Jahre alt, alleinstehend und lebe in Berlin, wo ich auch geboren und aufgewachsen bin.

Über Jahre wurde ich sexuell unter Druck gesetzt und bekam Dinge zu hören wie:

  • „das müssen wir machen, damit du das machst, du blöde Kuh“ (das sagte ein Polizist während meiner Ausbildung dort).
  • „du bist doch eine scheiß Lesbe, dass du das alles nicht machst. Deswegen machst du das alles ja nicht, weil du eine scheiß Lesbe bist.“
  • „du hast keine Rechte“
  • „das können wir alles machen, sie will es ja“
  • „du Schlampe, du Nutte, die vom Dienst“
  • „na warte, du, dann kommen wir alle mal ran, du immer mit deinem nicht-ran-lassen“

Doch der Reihe nach.

Mein Martyrium begann mit ca. 15 Jahren.

Ich ging damals in die 8./ 9: Klasse eines Gymnasiums. Es war die Zeit, in der die Mädchen unter dem enormen Druck stehen, einen Freund haben zu müssen. Mir war es damals zu früh für einen Freund, ich wollte gar  keinen haben. Ich wollte außerdem keine kurzen wechselnden Beziehungen haben, sondern lieber auf „den Richtigen“ warten. Damit ging ich nach meinem eigenen Gefühl, es gab keine „Jungfräulichkeitsbewegung“ in meinem Umfeld.

Mobbing: Traumatisierungsfolgen

Im Laufe der Zeit fiel ich in der Gunst meiner Mitschüler. Ich verlor meine Freundinnen, ich wurde zum Außenseiter und schließlich zum Mobbingopfer. Ich bekam eine Tierbezeichnung und wurde nur noch mit dem Tiernamen angesprochen, man malte eine Szene an die Tafel, auf dem dieses Tier mit einem langen Messer erstochen wird. Mobbing war an der Tagesordnung, auch Schläge und Tritte.

Psychotherapeutin verstärkt den Druck

Ich bekam deswegen gesundheitliche Probleme und begab mich in die ambulante Psychotherapie einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Berlin. Diese erklärte nach einiger Zeit: „ich wundere mich doch, warum ich gemobbt werde, ich wolle doch, dass das aufhöre. Das liege daran, dass ich bei dem „Beziehungsführen“ nicht mitmache.“ Ich solle mir auch einen Freund suchen, damit werde das Mobbing aufhören.

Ich hatte der Therapeutin aber erklärt, ich wollte dabei nicht mitmachen, ich hatte andere Pläne. Dies war mein eigener Wunsch, es gab keine „Jungfreulichkeitsbewegung“ in meinem Umfeld. Dann wurde sie wütend und sagte doch, ich solle auch mitmachen, dass sei nicht nett von mir.

Sie begann zudem, mich mit der Zeit während der Gespräche zu „sexualisieren“.

Ich begann dann Kennenlernphasen zu haben, die ich abbrach, weil die damaligen Jungs mir für eine Beziehung nicht zusagten. Als die damalige Therapeutin dies mitverfolgte und erfuhr wurde sie wieder wütend und sagte so, ich mache das nicht, ich hätte jetzt tolle
Männer kennengelernt, die ich alle nicht wollte, jetzt solle ich halt so mit einem mitgehen, der mich anspricht für „mal eben Spaß“ haben.

Das „erste Mal“: traumatisierend

„Wenn ich mich nicht auf eine Beziehung einließe, dann mache ich jetzt das, dass ich so mitgehe“. Das sagte sie zu einem jugendlichen Mädchen, dass „entrechtet“ wurde durch ihr Umfeld, das erhebliche gesundheitliche Beschwerden (Panikattacken) und insbesondere Todesängste hatte. Ich konnte damals diesem Druck und dieser Nötigungslage nicht mehr standhalten und „musste“ dann (sexuell) irgendetwas machen, was ich selbst so nicht gewollt habe. Das war für mich eine furchtbare Erfahrung, mein ganzer Körper war taub und ich hatte gar kein Gefühl mehr in meinem Körper.
In einer anderen Situation, in der ich wieder lediglich Hilfe gesucht habe, wurde ich von einer Ärztin angeschrien, so dass ich daraufhin einen „Hyperventilationsanfall“ bekam und das Gefühl hatte, ersticken zu müssen.

Traumatisierende Psychotherapie – Forderung: schwanger werden!

Als ich meiner Therapeutin dann von meinem „ersten Mal“ erzählt habe, war diese hoch erfreut und lächelt zufrieden.Sie begann sogar im Lauf der Zeit mir vorzuschlagen, ob es denn so schlimm wäre, wenn ich schwanger werden würde. Ich war noch in der Schule, in Richtung Abitur, natürlich wollte ich kein Kind bekommen. Die Therapeutin drängte mich unaufhörlich, ich könne doch mal schwanger werden, dann würden mir sicher auch alle helfen mit dem Kind. Sie sagte „wir schaffen das mit dem Kind zusammen!“ Mehrmals sah ich andere KlientInnen mit Kinderwagen zu ihr kommen: ob diese jungen Frauen auf ihr Drängen hin schwanger geworden waren?

Traumatisierendes soziales Umfeld

Ich hatte zu dieser Zeit außerdem Probleme mit Bekannten der Familie. Da ich ja einen Freund suchen „musste“, hatte eine Bekannte der Familie es geschafft, mich mit dem Kumpel ihres Sohnes zu verkuppeln. Ich löste die Verkupplung nach wenigen Wochen wieder auf. Dann begannen die Leute zu stalken und mir ins Gewissen zu reden, ich möge doch wieder mit dem jungen Mann zusammen kommen.

Die Therapeutin bekam all dies mit und hat mir nicht geholfen, obwohl es sich um Kupplung, Nachstellung und Nötigung gehandelt hat. Sie half den Kupplern, indem sie sagte, das sei aber mutig von mir, die Beziehung zu beenden, das sei ja ein toller Mann gewesen. Na, vielleicht komme ja später noch mal  was, und ich würde ja jetzt sehen, was ich davon habe, wenn meine Klassenkameraden erfuhren, dass ich den jungen Mann verlassen habe! Weiterlesen

Wie #Aufschrei alles verändert hat

Violence against women, we can stop it!

"Violence against women, we can stop it!" by European Parlament via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Bis vor nicht allzu langer Zeit hätte und habe ich auf die Frage ob ich jemals Beziehungsgewalt erlebt habe voller Überzeugung und ohne zu zögern „Nein“ geantwortet. Durch zahlreiche Fälle sexueller und häuslicher Gewalt in meinem Umfeld (meist im Kindesalter, aber nicht nur) begann ich mich näher damit zu beschäftigen. Aber erst durch das sich in Windeseile verselbstständigte Hashtag #Aufschrei auf Twitter wurden mir die Augen bezüglich meiner eigenen Betroffenheit geöffnet. Plötzlich wurden mir einige Dinge bewusst, wurden fast vergessen wieder erinnerlich, bzw. erschienen mir in einem anderen Licht.

  • Emotionale Gewalt I: Als ich 16 war führte ich eine (sehr) kurze Fernbeziehung. In zwei Monaten habe ich ihn wegen der großen Entfernung genau einmal sehen können. Ansonsten sprachen wir nur am Telefon. Außer Küssen lief aus Mangel an Gelegenheit nie etwas zwischen uns. Das alles war mir, beschäftigt mit Schule und zahlreichen zeitintensiven Hobbies, viel zu anstrengend, so dass ich die „Beziehung“, von der man nicht wirklich sprechen kann, beendete. Zwei Tage später erhielt ich einen Brief: „Wenn du das liest bin ich tot. Ich habe mir Schlaftabletten besorgt und werde die jetzt nehmen“ Auf der Stelle rief ich an und hatte seine Schwester am Apparat: „C. ist nicht zu Hause, er hat versucht sich umzubringen und liegt auf der Intensivstation“ C. hat den Selbstmordversuch überlebt. Ich brach den Kontakt vollkommen ab, weil ich damit überhaupt nicht umgehen konnte und überhaupt nicht verstehen konnte warum er das getan hat. Ich verdrängte und versuchte so schnell wie möglich zu vergessen
  • Sexuelle Gewalt und Betrug: Ein Jahr später hatte ich das lang ersehnte erste Mal. Viel später als alle meine Freundinnen. Ich hatte einen neuen Freund und wollte es so unbedingt. Leider blutete es wie verrückt und tat entsetzlich weh. Das Laken sah hinterher aus als wäre darauf jemand geschlachtet worden. Ich sagte ihm dass er aufhören soll und dass es weh tut. Seine Antwort war: „Ist gut. Ich bin gleich fertig.“ Ich musste die schrecklichen Schmerzen noch etwa 10 Minuten länger ertragen bis er endlich gekommen war. Hinterher stellte ich fest, dass er das Kondom, das er eh nur sehr widerwillig und auf meinen eindringlichen Wunsch übergezogen hatte, heimlich abgestreift hatte und es unbenutzt daneben lag. Darüber, dass dies alles so gar nicht okay war machte ich mir zum damaligen Zeitpunkt keine Gedanken. Das erste Mal tut halt weh, da muss man halt durch. So dachte ich. Außerdem fühlte ich mich geehrt, dass dieser 24-Jährige coole Typ, auf den alle standen, sich ausgerechnet für mich interessierte. Also war auch das schnell abgehakt. Nicht so schnell kam ich darüber hinweg, dass dieser Typ es schaffte mich innerhalb des einen Monats in dem wir zusammen waren insgesamt mit drei anderen Frauen zu betrügen, darunter meine seinerzeit beste Freundin. Darüber hinaus erfuhr ich von seinem besten Freund, dass er einmal tatsächlich direkt von mir ins Bordell gefahren ist. Er hatte mich auch darüber bewusst getäuscht, dass er Fan von damals angesagten Nazibands war, die ich wie er wusste abgrundtief hasste. Sein CD-Regal hat er vor meinen Besuchen extra gründlich „bereinigt“. Auch das erfuhr ich alles erst viel später. Ich brach auch hier den Kontakt ab und beschloss diesen Vollidioten einfach so schnell wie möglich zu vergessen. Nun ja, nachdem ich zunächst voller Angst einen AIDS-Test hinter mich gebracht hatte
  • Emotionale Gewalt II: Ein weiteres Jahr später begann ich eine Beziehung, die insgesamt knapp sieben Jahre anhielt. 4 davon mehr oder weniger glücklich, 3 Jahre lang alles andere als das, mit täglichen Streitereien und der Drohung, dass er sich umbringen wird wenn ich ihn verlasse. Damals war mir nicht bewusst, dass das zuvor geschilderte Erlebnis mit dem durchgeführten Selbstmordversuch der Grund war warum ich diesen notwendigen Schritt nicht gehen konnte. Hinzu kam die Angst davor mich ganz alleine durchschlagen zu müssen, inbesondere finanziell (ziemlich bescheuerte Angst wenn man bedenkt, dass ich ihn mit meinem geringen Gehalt noch mit durchgebracht habe weil er sein damals höheres bereits am 5.ten eines Monats erfolgreich für seine Wünsche durchgebracht hatte). Das Ende vom Lied: Er, der sich so sicher war sich niemals in eine andere Frau verlieben zu können hatte nach zwei Monaten eine neue Freundin, ich hingegen bin bis heute, rund 6 Jahre später, noch immer (aufgrund bewusster Entscheidung) mehr oder weniger ledig.

Was ist nun also bei #Aufschrei passiert? Es ist als wären mir die Augen geöffnet worden. Ich habe zum allerersten Mal in meinem Leben die geschilderten Ereignisse reflektiert und verstanden, dass sie mein Leben viel mehr beeinflussen als ich jemals gedacht habe. Mir ist erstmals bewusst geworden, dass mir Gewalt angetan wurde, auch wenn ich bis heute noch oft den Reflex in mir habe auf eine, wie eingangs formulierte Frage spontan mit „Nein“ zu antworten.

Ich habe zum ersten Mal das Gefühl des Ekels und des mich Übergeben Müssens beim flüchtigen Geruch eines bestimmten Parfums in der Stadt einordnen können (glücklicherweise benutzen das offensichtlich nicht viele Männer, dabei fand ich damals vor dem Ereignis den Geruch eigentlich eher sehr angenehm) – nämlich das meines Vergewaltigers wie ich es heute benenne. Die Ironie der Geschichte ist, dass jene Person mir ausgerechnet zu der Zeit als mir bewusst wurde, dass es sich um nichts anderes als eine Vergewaltigung gehandelt hat, eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt hat. Ich habe kurzzeitig überlegt ihm zu schreiben was für ein Arschloch er doch ist, habe aber dann davon abgesehen und ihn blockiert.

Durch #Aufschrei habe ich mich erstmalig auch mit emotionaler Gewalt auseinandergesetzt und verstanden, dass meine heutige Weigerung mich an eine Person fest zu binden, zusammen zu ziehen, eine gemeinsame Zukunft zu planen und dergleichen, mit dieser katastrophalen Beziehung zusammenhängt. Ich brauche eine Pufferzone, einen Sicherheitsabstand zwischen mir und meinen Partnern, was natürlich in den seltensten Fällen auf Verständnis stößt.

Ich kann heute darüber sprechen, ich kann darüber schreiben. Und ich bin froh, dass ich mein eigenes Verhalten besser verstehen und einordnen kann. #Aufschrei ist so viel mehr wie die Debatte über ein zweifelsohne widerliches Fehlverhalten von Rainer Brüdele. Viele haben dies leider nicht verstanden.

Ich frage mich sehr oft: Wie vielen Frauen geht es wie mir, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass sie Betroffene von Gewalt sind? Welchen Auslöser werden sie brauchen, damit ihnen die Augen geöffnet werden? #Aufschrei hat ohne Zweifel mein Leben geändert.