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„Versuche nicht, uns zu spalten“: Gloria Steinems Rede auf dem Women’s March in Washington

Gloria Steinem

By Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States of America (Gloria Steinem) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Am 21. Januar 2017 hielt die Feministin Gloria Steinem eine flammende Rede auf dem Women’s March in Washington. Wir haben sie übersetzt:

„Freunde, Freundinnen, Schwestern und Brüder, alle, die ihr hier und in 370 Märschen in jedem Bundesstaat dieses Landes und auf sechs Kontintenten vor mir steht, und alle, die sich um ein Uhr mit uns zu einer Schweigeminute für Gleichberechtigung in den Büros, Küchen, Fabriken, Gefängnissen, überall auf der Welt vereinen. Ich danke jedem von euch, und insbesondere danke ich den hart dafür arbeitenden visionären Organisatorinnen dieses von Frauen geführten, inklusiven Marsches, von denen eine sogar eine Geburt schaffte, während sie diesen Marsch mitorganisierte. Wer kann das schon von sich sagen?

Danke euch dafür, dass ihr versteht, dass wir manchmal unsere Körper dahinbringen müssen, wo unsere Überzeugungen sind. Manchmal ist es nicht genug, auf „Abschicken“ zu drücken. Und das verbindet uns mit den Vielen dieser Welt, die keine Computer haben oder Elektrizität oder Bildung, aber die gleichen Hoffnungen und die gleichen Träume haben wie wir.

Ich denke, da ich und meine geliebten Mitvorsitzenden – die „Golden Oldies“ nicht wahr? – Harry Belafonte, Dolores Huerta, LaDonna Harris – alle diese wunderbaren Menschen – vermutlich die ältesten Demonstrierenden hier heute sind; daher denke ich über den Nutzen eines langen Lebens nach und einer der Nutzen ist, sich an Zeiten zu erinnern, zu denen die Dinge schlimmer standen.

Wir erinnern uns an den Tod der Zukunft, mit Martin Luther King, mit Jack Kennedy, mit Bobby Kennediy, mit Malcolm X. Ohne diese Toten zum Beispiel wäre Nixon niemals gewählt worden und es hätte viele der Kriege nicht gegeben, die wir seither erlebten. Jetzt sind unsere großen Vorbilder wie Barack Obama und Michelle Obama immer noch unter uns und erinnert euch daran, wie sehr wir fürchteten, sie könnten es nicht sein, und wie viele Morddrohungen es gegen sie tatsächlich gab. Und doch sind sie unter uns.

Und heute auch unser verehrter Bernie Sanders ist immer noch bei uns. Und nicht nur bei uns, sondern er konzentriert sich auf wirtschaftliche Gerechtigkeit und kostenlosen Zugang zu Universitäten für Alle in meinem Bundesstaat New York. Und heute ist Hillary Clinton immer noch am Leben und definitiv nicht im Gefängnis. Sie, die der ganzen Welt gesagt hat, dass Frauenrechte Menschenrechte sind und Menschenrechte Frauenrechte. So entscheidend zu einem Zeitpunkt, da die kollektive Gewalt gegen Frauen auf dieser Welt eine Welt geschaffen hat, in der zum ersten Mal weniger Frauen als Männer leben.

Ich versuche nicht die Gefahren, die dieser Tag mit sich bringt, zu verleugnen. Trump und seine Handlanger haben einen Fuchs für jeden Hühnerstall in Washington gefunden und ein Twitterfinger darf kein Finger am Abzug werden. Einige sehr erfahrene Ärzte der American Psychiatric Association haben sich öffentlich geäußert, um uns zu warnen: „Seine weitläufig berichteten Symptome psychischer Instabilität inklusive Größenwahn, Impulsivität, Überempfindlichkeit gegenüber Unhöflichkeiten oder Kritik und eine offensichtliche Unfähigkeit, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden, lässt uns daran zweifeln, dass er für die immensen Verantwortlichkeiten seines Amtes überhaupt geeignet ist.“

Dies wurde bei seiner Antrittsrede gestern ganz klar vorgeführt. Alles, was vor ihm geschehen ist, war ein Desaster. Und alles, was er tun wird, wird fantastisch sein, das Beste jemals, Wunder und alle Superlative. Er sagte auch, er sei mit dem Volk. Er war das Volk. Ich formuliere ein berühmtes Zitat nur um und muss sagen:  „Ich habe das Volk getroffen – und du bist es nicht.“ Wir sind das Volk.

Dieser Marsch in Washington heute erforderte 1000 Busse mehr als die gesamte Amtseinsetzung. Ein ganzes Tausend mehr. Und ich sprach gerade mit Menschen von unseren Schwestermärschen, inklusive dem in Berlin und sie baten mich, eine besondere Nachricht weiterzugeben: „Wir in Berlin wissen, dass Mauern nicht funktionieren.“

Und erinnert euch an Polen, wo die Regierung im letzten Monat ein Anti-Abtreibungs-Gesetz verabschiedet hat und sechs Millionen Frauen auf die Straße gingen und das Gesetz geändert werden musste. Wir sind das Volk. Wir haben die Macht des Volkes und wir werden sie nutzen. All die Macht, die du versucht hast zu eliminieren. Zum Bespiel wolltest du das Congressional Ethics Committee abschaffen. Du musstest es wieder einsetzen, richtig? Wegen der Macht des Volkes. Denn dies, dies, ist die andere Seite der Kehrseite. Das ist ein Ausbruch an Stärke und wahrer Demokratie, wie ich sie noch nie in meinem sehr langen Leben gesehen habe. Er umfasst alle Altersgruppen. Er ist wirklich divers. Und erinnere dich, die Verfassung beginnt nicht mit „Ich, der Präsident“, sondern mit „Wir, das Volk.“

Also versuche nicht, uns zu spalten. Versuche nicht, uns zu spalten. Wenn du die Muslime zwingst, sich registrieren zu lassen, werden wir uns alle als Muslime registrieren lassen. Ich weiß, dass es Frauen in Unternehmen und den Medien und allen möglichen Stellen gibt,  die es für dich riskant machen, zu sagen, wofür du dich einsetzt, was du fühlst und was du unterstützt. Und es gibt Frauen hier, die ich kenne, die die von Übergriffen auf ihre Körper lebende nationale und globale Sexindustrie überlebt haben. Wir haben uns hier für die Unangreifbarkeit des Körpers zusammengefunden. Wenn du über deinen Körper nicht vom Inneren heraus verfügen kannst, dann kannst du es auch nicht von Außen, du kannst nicht über Leben, unsere Leben, verfügen. Und das bedeutet, das Recht zu entscheiden ob und wann wir gebären – ohne Einmischung durch eine Regierung.

Wir sind hier und überall auf der Welt für eine tiefe Demokratie, die sagt, dass wir nicht schweigen werden, wir uns nicht beherrschen lassen, dass wir für eine Welt arbeiten, in der alle Länder mit einander verbunden sind. [Der Teufel] Gott mag im Detail liegen, aber die Göttin liegt in der Verbindung. Wir sind eins miteinander, wir sehen einander an, nicht zu jemandem hoch. Wir fragen Daddy nicht länger.

Wir sind verbunden. Wir haben keine Rangordnung. Und dieser Tag wird uns für immer verändern, denn wir sind zusammen. Jede von uns, individuell und kollektiv, wird nie mehr dieselbe sein. Wenn wir einen möglichen Präsidenten wählen, gehen wir oft nach Hause. Wir haben einen unmöglichen Präsidenten gewählt, wir gehen nie mehr nach Hause. Wir stehen zusammen. Und wir übernehmen. Ich danke euch aus meinem tiefsten Herzen. Denkt daran, euch einander vorzustellen und zu entscheiden, was ihr morgen und übermorgen und überübermorgen machen werdet und wir werden nie kehrtmachen. Danke euch!“

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Die Originalrede im Wortlaut als Text gibt es hier.

Women’s March: Frauen weltweit protestieren nach Trumps Amtseinführung

Aus der Idee einer Rentnerin aus Hawaii wurde kurz nach Trumps Wahlsieg eine weltweite Bewegung. Nachdem das Ergebnis der USA Wahl fest stand, postete Teressa Shook auf Facebook die Worte „I think we should march“. Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich dieser Aufruf in den sozialen Netzwerken viele tausende Male und am Ende stand eine Bewegung, die einen Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps als 45. Präsident der USA weltweit knapp eine Million Frauen auf die Straße brachte. Zum „Women’s March on Washington“ kamen fast 500.000 Frauen, sie protestierten gegen den Sexismus Donald Trumps und für eine freie und liberale Gesellschaft.

Sowohl Popstar Madonna als auch die Feministin Gloria Steinem hielten flammende Reden, in denen sie sich für Solidarität einsetzten. „Make America kind again“ war einer der Slogans, den man auf vielen Schildern las – im Gegensatz zur Forderung in Trumps Wahlkampf „Make America great again“. Gloria Steinem sagte, wenn Trump seine Idee Muslime registrieren zu lassen, durchsetze, würden sich eben alle Muslime registrieren lassen. Trotzige Solidarität und entschlossener Widerstand war überall zu spüren – und die Bereitschaft, den öffentlichen Diskurs nicht durch den Hass dominieren zu lassen. Zwar verstand sich der Marsch ausdrücklich inklusiv, doch eine klare frauenkämpferische Attitüde war nicht nur in Washington, sondern auch auf den 200 weltweit stattfindenden Schwestermärschen zu spüren.

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