Schlagwort: Islam

Die Kölner Silvesternacht war ein Geschenk für deutsche Männer

Real fucky-fucky live show

Martin Witte (Flickr)[CC BY-NC 2.0]

Was sich während der Kölner Silvesternacht auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln abspielte, hat sich wohl jüngst während des „Karnevals der Kulturen“ in Berlin wiederholt. Frauen wurden von Gruppen von Männern gejagt, eingekreist, begrapscht und bestohlen. In beiden Fällen sind Männer mit Migrationshintergrund, vornehmlich muslimischen, an den Taten beteiligt, wie zumindest im Fall der Kölner Silvesternacht durch Ermittlungen nun zweifelsfrei feststeht.  Als die ersten Meldungen zu den Vorfällen beim „Karneval der Kulturen“ aufploppten, las ich mich auf Twitter quer durch die Kommentare. Etwas erschien mir seltsam, das ich jedoch erst nach längerem Nachdenken in Worte fassen konnte. Zunächst war da das Schweigen auf der feministischen Seite. All jene, die noch Anfang des Jahres #ausnahmslos unterzeichneten, waren still, äußerten sich nicht zu den neuesten Vorfällen. Das liegt daran, dass sie es unter allen Umständen vermeiden wollen, in die Rassismusfalle zu tappen. Also sagen sie lieber nichts und verraten so die Sache der Frauen, was einmal mehr zeigt, wie wenig Frauen eigentlich gelten. Lieber Frauenerfahrungen verschweigen, als irgendeinen Mann Rassismus aussetzen. Das ist nicht nur feige, das ist auch ideologisch und viel zu kurz gedacht.

Dann gibt es die andere Seite, die sich im Erfolg des neu erschienen Buchs von Alice Schwarzer „Der Schock“ ausdrückt, das wenige Tage nach seinem Erscheinen bereits vergriffen ist. Darin geht sie den Ereignissen der Kölner Silvesternacht nach und kommt zu dem Ergebnis, dass sie etwas mit einem im Islam verwurzelten Frauenhass zu tun haben, den wir durch Zuwanderung und Flüchtlinge regelrecht importiert und willkommen geheißen haben.  Dafür erhielt sie viel Zuspruch – für mich zunächst mal erstaunlicherweise gerade von männlicher Seite. Nie zuvor habe ich in meiner Timeline und auf Twitter so viele Männer gelesen, die begeistert ein Buch von Alice Schwarzer empfehlen. Auch das ist doch zunächst seltsam, immerhin sind das genau die Männer, die sich sonst gerne ausgiebig über Feministinnen im Allgemeinen und Alice Schwarzer im besonderen lustig machen.

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Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt

Buchcover "Warum hasst ihr uns so?" von Mona Eltahawy

Mona Eltahawy: Warum hasst ihr uns so?, Piper Verlag, 2015

Bereits im vergangenen Jahr hat die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahawy ein Buch geschrieben, das durch die Vorfälle in der Silvesternacht auch in Deutschland eine neue Brisanz bekommen hat: „Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt.“ Die Autorin analysiert, wie sich im Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika Traditionen, Religion und Frauenhass zu einem für Frauen zerstörerischen Gemisch verbinden: Todesstrafen und Peitschenhiebe für Untreue, genitale Verstümmelung, Kinderehen, das Gebot der Verschleierung, das Verbot, Autofahren zu dürfen und der Kult um Jungfräulichkeit und Ehre sind sichtbare Auswüchse der systematischen Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt. Sexuelle Belästigung ist  ein Teil dieser misogynen Haltung – 80 Prozent aller ägyptischen Frauen gaben 2008 schon einmal sexuell belästigt worden zu sein, 60 Prozent aller befragten Männer räumte ein, selbst Frauen zu belästigen. Obwohl Frauen auf dem Tahir-Platz für die Freiheit demonstrierten, waren sie nicht nur Übergriffen durch das Militär, sondern auch durch männliche Demonstranten ausgesetzt, die in „Jungfräulichkeitstests“ gipfelten. 2013 erklärten 99,7 Prozent der ägyptischen Frauen gegenüber einer Umfrage der Vereinten Nationen, bereits sexuelle Belästigung erlebt zu haben.

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Alice – who the Fuck ist Alice

Die Frage, wer Alice Schwarzer wirklich ist, lässt sich seit den Terroranschlägen von Paris auf die Satirezeitung Charlie Hebdo wirklich stellen. Eine Feministin sicherlich nicht, das wurde spätestens seit ihren letzten Veröffentlichungen deutlich. Denn Alice Schwarzer findet sexuelle Übergriffe und Sexismus nur dann bedrohlich, wenn sie von Muslimen begangen werden. In rassistischer Vereinfachung verurteilt sie den Islam. Wer von antimuslimischem Rassismus spricht und damit die Diskriminierung von Muslimen als Muslimen konzeptionell als Rassismus begreift, sieht sich mit dem Einwand konfrontiert, dass religiöse Identität frei wählbar und damit (anders als zum Beispiel die Hautfarbe oder die Nationalität) veränderlich sei.

Zur Erinnerung:

Rassismus besteht darin, dass einer Gruppe von Menschen (keiner „Rasse“!) aufgrund ihrer Herkunft gemeinsame, negative Eigenschaften zugesprochen werden.

Die aktuelle gesellschaftswissenschaftliche Definition von „Rassismus“ ist: Vorurteil plus Macht. […] Kultureller Rassismus besteht in den Überzeugungen, Symbolen und den zugrunde liegenden kulturellen Verhaltensregeln, die eine ‚weiße Überlegenheit’ mit produzieren und billigen und welche über den Sozialisationsprozess an die jungen Individuen herangetragen werden. Obwohl der kulturelle Rassismus im alltäglichen Leben als natürlich wahrgenommen wird und nahezu unsichtbar ist, reflektiert er die Ideologie der dominanten Gruppe.“Der Braune Mob e. V.

Für Albert Memmi, einen der renommiertesten Rassismusforscher, bezieht sich

der Rassismus […] in der Gegenwart […] nicht mehr auf biologische und soziobiologische, sondern auf ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede.

Alice Schwarzer verurteilt den Islam für seine Frauenfeindlichkeit und spricht muslimischen Frauen ab, dass für sie das Kopftuch in ihren westlichen Heimatländern eben auch ein Symbol der Selbstbestimmung und Identität ist. Kopftuch = Unterdrückung, so lautet die Kampfparole, die in diesen Tagen natürlich wieder Anklang findet. Über dieses Thema gab es innerhalb der feministischen Community viele Diskussionen, da sich jüngere (und ja, wir wissen, das mag Alice Schwarzer nicht) Feministinnen sehr wohl in multikulturellen Zusammenhängen sehen und Seite an Seite mit feministischen Muslimas oder muslimischen Feministinnen für die Abschaffung von patriarchalen Ungerechtigkeiten kämpfen. Denn: Der gemeinsame Feind heißt nicht Islam, sondern Patriarchat.

Und weil garantiert ein solcher Kommentar kommt: Wir sind recht gut informiert, sprich, ja, wir wissen, dass in arabischen Ländern Frauenrechte beschnitten werden. So, wie wir wissen, dass Frauenrechte in der ganzen Welt beschnitten werden. Den aus der Mehrheitsgesellschaft gegen den Islam erhobenen Vorwurf er behandele „Frauen wie eine Ware“, finden wir – die wir im „größten Bordell Europas“ leben „dürfen“ und uns von Alltagssexismen gar nicht retten können – naja fast amüsant.
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Das Eigene und das Fremde – über kolonialistischen Feminismus

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Der tägliche Blick in die Facebook Chronik offenbart immer wieder dasselbe Bild: Frauen in der so genannten „westlichen Welt“ haben Probleme, und zwar nicht zu knapp. Aber gegenüber Frauen in als „muslimisch“ identifizierten Ländern ist das alles ja ein Fliegenschiss. Deren Leben wird pauschal als ein Alptraum definiert. Und: „Westliche“ Frauen fühlen sich offenbar bedroht, ich meine eine gewisse Angst aus all diesen Postings herauslesen zu können. Kontextuell gesehen wird das eigene Leben dann doch als „befreiter“ bewertet, als das der anderen. Man könnte auch sagen: Die eigene, „westliche“ Kultur wird als fortschrittlicher definiert, als die „muslimische“. Denn dort werden Frauen per definitionem schlecht behandelt, wer etwas anderes sagt gilt als „unehrlich“.

In der Tat: Die Bedingungen unter denen Frauen leben müssen variieren von Land zu Land. Aber der Gleichstellungsäquator läuft sicherlich nicht zwischen Orient und Okzident.

Die Wahrheit ist: Auch jene Staaten, in denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist, unterscheiden sich teilweise eklatant. Genauso wie jene Staaten, die mehrheitlich nichtmuslimisch sind. Es gibt Unterschiede nach Urbanität, ländlichen Gebieten, sozialer Klasse, der Geschichte, des Vorhandenseins nationaler Befreiungsbewegungen, der Armut in einem Land, usw. Ein wissenschaftlicher Beweis über das Nichtvorhandensein oder die mangelnde Entwicklung von Frauenrechten in als „muslimisch“ definierten Ländern bleiben jene die das behaupten schlicht schuldig. Offensichtliche Dinge werden einfach übersehen, so zum Beispiel die Tatsache, dass es in vielen „muslimischen“ Staaten bereits gewählte weibliche Staatsoberhäupter gab, und zwar schon lange bevor Angela Merkel im Jahr 2000 Deutschlands erste Bundeskanzlerin wurde (geschweige denn von den USA, wo es noch nie eine Präsidentin gegeben hat).

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Interview: Lasst uns das Patriarchat gemeinsam bekämpfen

We All Can Do It - Poster

We all can do it - Poster by Valentin Brown, via Soirart/Tumblr

Wie im Artikel „Wir könnten Verbündete sein…“ angekündigt, wollen wir zukünftig regelmäßig muslimische Feministinnen bei uns zu Wort kommen lassen. Den Anfang machen wir mit einem Interview mit Yasemin.

Die Störenfriedas: Liebe Yasemin, erzähle uns was über dich und deinen feministischen Aktivismus: In welcher Form engagierst du dich für die Befreiung der Frau?

Yasemin: Für die Befreiung der Frau engagiere ich mich seit jeher in allen Formen. Ich war noch ein Teenager und mir war höchstwahrscheinlich das Wort Feminismus noch unbekannt, als mein Engagement begann, und zwar indem ich Literatur las, in der es um die Unterdrückung der Frau ging (z. B. Prostitution, Gewalt im Namen der Ehre, sexuelle Gewalt). Dazu gehörten z. B. Simone de Beauvoir, Seyran Ates und Alice Schwarzer.

In meinem türkischen Elternhaus war mir bereits früh klar, dass die Dominanz meines Vaters über meine Mutter etwas Unnatürliches, Ungerechtes, Vergiftendes hatte. Fast nicht zu ertragen war für mich jedoch die Situation meiner türkischen Freundinnen, die mir oft wortwörtlich aus dem Spielplatz, in dem wir gerade noch im Sand gespielt hatten, weggenommen und verheiratet wurden. Eine sehr enge Freundin, mit der ich fast jeden Tag auf dem Spielplatz war, sagte mir nach den Sommerferien – sie war gerade 13 geworden – dass sie nun verlobt sei und im kommenden Jahr verheiratet sein würde. So kam es dann auch. Mit 15 bekam sie ihren Sohn. Diese Dinge waren es, die mich als Teenager zu meinem Kampf für die Befreiung der Frau führten.

So begann ich Türkinnen in meinem Freundeskreis vor der Zwangsverheiratung zu „retten“, und zwar indem ich ihnen bei der Flucht in ein Frauenhaus oder auch einige Male zu ihrem heimlichen Freund half. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen türkische Eltern wutentbrannt vor der Tür meines Elternhauses standen und mich mit bedrohlichen Gesten – vergeblich – dazu bringen wollten, das Versteck ihrer Tochter zu verraten.

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Wir könnten Verbündete sein…

Immer wieder stößt man im Netz auf antimuslimische Hetze gegen Muslim*innen unter Feministinnen. Mir war nie wirklich klar, woher diese stammt. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, die sozialen Netzwerke überhaupt zu nutzen und habe erst damit begonnen, als ich angefangen habe, für die Störenfriedas zu bloggen. Was ich dort nun zu lesen bekomme, verschlägt mir schlicht die Sprache.

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Islamischer Feminismus oder feministischer Islam und wieso ein dringlicher Versuch hierzu notwendig ist Teil II

Women in Islam

By Petar Milošević (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Teil 2: 

Der feministische Islam ist untergegangen, fast, aus den in Teil 1 genannten politischen Gründen, aber vor allem wegen dem Patriarchat.

Aber was ist der feministische Islam überhaupt und wieso kann der Islam feministisch sein?

Der Islamische Feminismus ist eine Form des Feminismus und befasst sich mit der Rolle der Frau in der islamischen Gesellschaft. Er zielt auf die Gleichheit aller Muslime, ungeachtet des Geschlechts, im öffentlichen und privaten Leben. Muslimische Feministinnen vertreten Frauenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau und soziale Gerechtigkeit in der islamischen Gesellschaft. Obwohl im Islam verwurzelt, haben die Pioniere der Bewegung auch säkulare und westliche Diskurse verwendet und sie sehen die Rolle des islamischen Feminismus als Teil einer weltweiten feministischen Bewegung. Vertreterinnen und Vertreter der Bewegung betonen die tief verwurzelten Lehren der Gleichheit im Koran und ermutigen dazu, die patriarchalische Interpretation der islamischen Lehren durch den Koran (Wort Gottes), Hadith (Überlieferungen über Mohammed) und die Schari’a (das islamische Gesetz) zu hinterfragen bezüglich einer egalitäreren und gerechteren Gesellschafthttp://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Feminismus

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Islamischer Feminismus oder feministischer Islam und wieso ein dringlicher Versuch hierzu notwendig ist Teil I

Women in Islam

By Petar Milošević (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Teil 1: Hintergründe Angesichts der zunehmenden Vermischung von Islam mit dem Patriarchat, oft in letzter Zeit mit der medialen Vermengung mit I.S./Islamic State und Themen wie „female genital mutilation“, Zwangsheirat und sexuellem Djihad, ist es für mich notwendig geworden, den Versuch zu machen mich dem Thema Islam und Feminismus zu nähern. Der Westen bereitet gerade mit einer massiven Medienkampagne zum Islamic State und dem Kalifat Kriegseinsätze vor. I.S. wird als der Inbegriff des Reich des Bösen und der finsteren Mächte bezeichnet, mit immer neuen verübten (angeblich-ich war selbst nicht dabei, aber Alles ist möglich) Gewalttaten, oft auch im Bereich der sexuellen Gewalt. I.S. Kämpfer sind sozusagen völlig entmenschlicht,  und nichts besseres wie Ungeziefer. Wieso sich 30000 Kämpfer gefunden haben um ihr Leben für die eventuelle Verübung von sadistischer Gewalt zu riskieren bleibt unklar (zu viel Pornos gesehen und eine neue Steigerung notwendig?). Ich unterstütze nicht I.S., und habe dies auch nicht vor dem Verbot von I.S. in Deutschland getan, natürlich nicht, aber die Berichterstattung lässt trotzdem die Frage offen, wieso es überhaupt soweit kommen konnte. Sie lässt auch die Frage offen, was von den Handlungen überhaupt zum Islam gehören kann, auch wenn viel Spielraum für Interpretation möglich ist. Weiterlesen

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) – ein muslimisches Frauenunterdrückungsinstrument?

Anti Infibulation Logo, FGM

By Rugby471 (SVG); User:Shir Khan~commonswiki (PNG) (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor rund einem Monat machte die Nachricht die Runde, dass man in Schweden eine ganze genitalverstümmelte Mädchenschulklasse entdeckt habe. Tausendfach wurden entsprechende Links geteilt, häufig mit dem Verweis auf die rückständigen, frauenfeindlichen Muslime, die mit großer Freude die Messer wetzen (lassen) und ihre kleinen Mädchen der Klitorisverstümmelung zuführen. Wir haben hier über die wahren Hintergründe dieser Meldung berichtet.

FGM im Irak

Knapp einen Monat später dann die Nachricht, dass die etwa 10.000-Mann starke Al-Qaida-nahe salafistische ISIS, die insbesondere in Syrien und dem Irak aktiv ist, eine Fatwa herausgegeben habe, nach der alle 11-46-Jährigen im Irak einer FGM zu unterziehen seien. Die ISIS ist sicherlich nicht die Vorfeldorganisation des internationalen radikalen Feminismus, aber wer sich auch nur ein bisschen mit der Verbreitung von FGM befasst hat, der weiß, dass es sich dabei insbesondere um ein in 28 afrikanischen Staaten vorkommendes Phänomen handelt und weniger in anderen Regionen der Welt und dem Nahen Osten angewandt wird. Im Irak ist FGM bisher nur in Zusammenhang mit einigen kurdischen Stämmen im Nordirak bekannt geworden, von denen ein kleiner Teil jüdisch und zwei weitere, größere Teile christlich, bzw. muslimisch sind (genauer gesagt im 7. Jahrhundert islamisiert wurde) Im Irak verhält es sich übrigens grundsätzlich nicht anders als im Rest der Welt: „Den Islam“ und „die Muslime“ gibt es in dieser Form nicht: Es gibt Schiiten, Sunniten, Sufis, Ahl-e Hagg, Schabak, Hagga usw. usw. usw.

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