Schlagwort: mütter

Ich.bin.alleinerziehend

Mother

Owly9 via Flickr,  [CC BY-NC 2.0]

In der letzten Zeit wird viel über Stigma geredet. Prostituierte haben eins, Flüchtlinge auch. Stigma ist scheiße. Es ist ein unsichtbares Gefängnis, eine Fessel, die dich in einer bestimmten, besonders unangenehmen Ecke der Gesellschaft festhält und nicht entkommen lässt. Knapp 2,5 Millionen Frauen (ja, Frauen, denn sie machen über 90 Prozent der Alleinerziehenden aus, Tendenz steigend) in Deutschland sind alleinerziehend. Das Stigma, das sie erleben, ist so vielfältig und von so vielen Diskriminierungen durchmischt, dass es notwendig ist, es in seine Einzelteile zu zerlegen, um es in all seiner Drastigkeit zu verstehen.

Du.bist.nicht.gut.genug

Jüngst musste ich mit meiner Tochter, die bald eingeschult wird, zur sogenannten „Sprachstands-Feststellung“. Da wurden dem Kind sinnlose Fragen gestellt, um festzustellen, ob es auch ja deutsch spricht oder die Farben auseinander halten konnte. Es ist zugleich aber auch ein ziemlich offenkundiges Abklopfen von Familienverhältnissen. „Und“, fragte die nette Tante Lehrerin meine Tochter. „Spielst du denn auch manchmal mit deinem Papi?“ Meine fünfjährige Tochter blickte sie ganz ruhig an und antwortete: „Ich habe keinen Vater. Der wohnt woanders und hat eine neue Familie.“ „Oh“, kam es in süßlichem Ton zurück, erfreut, so in das Schwarze getroffen zu haben. „Das ist aber traurig.“ „Finde ich nicht“, entgegnete meine Tochter. „Mein Vater ist nämlich bescheuert. Weil er bei einer Frau wohnt, die mich nicht mag.“ An der Stelle schritt ich ein und sagte: „Sie kennt dich ja gar nicht. Was sie nicht mag, ist, dass er von ihr weg ist.“ Meine Tochter nickt, als würde sie das ganze Abgründige an dieser Aussage verstehen. Die Lehrerin mustert mich. Immerhin hatte ich mitten am Tag Zeit zu diesem Termin zu kommen. Ob ich wohl von Hartz IV lebe? Ich erwidere ihren Blick. Ich kann ohnehin nicht ändern, was sie denkt. Die Schublade hat sich geschlossen. Ich bin eine Frau, der es nicht gelungen ist, meinen Partner bei mir zu halten. Ich habe das meinem Kind angetan. Vermutlich bin ich eine fürchterliche Person, die es dem Vater UNMÖGLICH gemacht hat, bei seinem Kind zu sein. Oder promiskuitiv. Oder beides. Jedenfalls hat er der Vater keine Schuld. Niemals.

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Feindbild Mutterglück – warum Muttersein und Emanzipation kein Widerspruch ist

Buchcover: Feindbild Mutterglück

Antje Schmelcher: Feindbild Mutterglück, orrell füssli Verlag, 2014

Hat der Feminismus die Mütter vergessen? Warum sind Mütter in den Augen vieler Queer-Feministinnen voller Privilegien, wegen derer man sie kritisieren muss? Und ist es wirklich so verwerflich, so unemanzipiert, wenn eine Frau einfach Mutter sein möchte? Antje Schmelcher beschreibt in Feindbild Mutterglück – warum Muttersein und Emanzipation kein Widerspruch ist, wie Frauen als Mütter heute einer Vielzahl von Diskriminierungen und unerfüllbaren Leistungsansprüchen betroffen sind.

Mütter werden ständig bewertet. Sie sind entweder zu jung oder zu alt, zu ehrgeizig oder asozial. Sie haben zu viele oder zu wenig Kinder. Als hysterisch, chronisch überfordert und manipulierbar gelten sie auch noch, kaum in der Lage, den eigenen Nachwuchs zu erziehen. Die Gentrifizierung wird an ihren Kinderwagen abgelesen, ebenso die Höhe der Sozialhilfe. Die Vollzeitmutter gilt als Luxusmodell oder als prekär.

Tatsächlich versucht sich Deutschland seit einigen Jahren in einer „aktiven Bevölkerungspolitik“. Gut ausgebildete Akademikerinnen werden mit dem Elterngeld belohnt, sollen aber auch möglichst nach einem Jahr zurück in den Job. Alle anderen, die Alleinerziehenden, die schlecht ausgebildeten und alle die, die ihre Kinder länger selbst betreuen wollen, werden schon durch die staatlichen Leistungen diskriminiert.

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