Schlagwort: prostitutionsschutzgesetz

Wenn Frauen Frauen verraten: Die Mädchenmannschaft und die Sexarbeit

Frau auf einer Treppe

Blemished Paradise via flickr (CC BY-SA 2.0)

Gestern durfte ich einer jungen Frau ein Interview über Genderbezüge beim Bloggen geben. Dabei fragte sie mich, warum bloggende Frauen so unsichtbar sind. Die Antwort ist natürlich, dass sich patriarchale und sexistische Sichtweisen auch beim Bloggen durchsetzen – was bei Männern scharfzüngig ist, ist bei Frauen hysterisch und außerdem greifen z. B. männliche Journalisten lieber auf, was männliche Blogger schreiben. Das ist aber nicht der einzige Grund, denn Frauen sind generell weniger sichtbar als Männer.  Für den Feminismus muss also eines der obersten Ziele sein, Frauen und ihre Erfahrungen sichtbar zu machen. Genau daran aber hapert es, wenn weibliche Erfahrungen und eigene Überzeugungen einander ins Gehege kommen, da es auch unter Feministinnen große Konkurrenz gibt.  Der Wettbewerb heißt „Wer ist die bessere Feminisin“ und alle machen mit.  Anstatt die eigene feministische Analyse an den konkreten Erfahrungen von Frauen auszurichten, ist es deshalb auf vielen feministischen Blogs üblich, nur jenen Frauenerfahrungen Bedeutung zuzumessen, die in die eigene Selbstverortung passen. Als queerfeministischer Blog hat man pro Sexarbeit zu sein – deshalb löst es eine mittlere Krise aus, wenn auf einmal Frauen auftauchen und aus eigener Erfahrung erzählen, wie schrecklich diese tolle Sexarbeit ist. Jetzt hat man zwei Möglichkeiten: Sich auf den Diskurs einlassen – oder blocken, derailen, löschen und silencen. Beim Thema Prostitution hat sich der größte deutsche Blog für Feminismus, die Mädchenmannschaft jüngst für Letzteres entschieden.

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Deutschland ist das „Bordell Europas“ – und wir sollten uns dafür schämen

Hannover, Rotlichtviertel am Steintor

By Kamillo Kluth from Hannover, D (tabledance) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Dieser Artikel erschien am 10. Mai in englischer Sprache auf dem kanadischen Blog Feminist Current. Wir freuen uns,eine deutsche Version als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen.

Wenn wir als deutsche Abolitionistinnen international über die Prostitution in Deutschland sprechen, dann bekommen wir immer wieder das Gleiche zu hören: „Du verarschst mich jetzt aber, oder?“,  oder „Wie kann das alles sein?“. Bei Vorträgen im Ausland kommt es häufig vor, dass Menschen im Publikum in Tränen ausbrechen oder nach 15 Minuten um eine Pause bitten, um etwas frische Luft zu schnappen. Die gleichen Vorträge in Deutschland führen zwar auch zu Entrüstung, jedoch stellen wir fest, dass insgesamt eine stärkere Gewöhnung oder Abstumpfung erkennbar ist. Es ist auch immer wieder erstaunlich wie freimütig – manchmal auch stolz – sich Männer als Sexkäufer outen. Ein Sexkäufer zu sein, ist in Deutschland nichts, wofür mann sich schämen muss. Dies sind für uns besorgniserregende Anzeichen dafür, wie Jahrzehnte legalisierter und liberalisierter Prostitution eine Gesellschaft prägen.

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Neues Prostitutionsschutzgesetz zum Schutz von Männern Schall und Rauch: das neue Prostitutionsschutzgesetz

Prostitution is Human Trafficking

Markus Walker via Flickr [CC BY-NC-SA 2.0]

Endlich haben sich CDU und SPD über ein „Prostitutionsschutzgesetz“ geeinigt, über das so lange und viel geredet wurde. Natürlich könnte man eher sagen, dass lange und viel zerredet wurde. Wahrscheinlich wurde viel Rauch um Nichts mit der Zielsetzung gemacht, dass niemand merken sollte, welches völlig lächerliche Gesetz verabschiedet werden soll. Das Gesetz wird ausschließlich zum Ziel haben wirkungslose Pseudomaßnahmen einzurichten um die Milliardenindustrie der Prostitution und Pornographie weiter zu schützen.

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD) dagegen begrüßte die koalitionsinterne Einigung. „Es wird erstmalig klare Regelungen für die legale Prostitution in Deutschland geben, die dem Schutz der Frauen dienen“, sagte sie. Marcus Weinberg, frauenpolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, sprach von einem „schlechten Tag für die Menschenhändler und Ausbeuter von Prostituierten“.(http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-02/prostitutionsgesetz-koalition-durchbruch). Durch was wer geschützt werden soll, bleibt aber rätselhaft.

Wenn beispielsweise die SPD  befürchtet, dass eine Heraufsetzung des Mindestalters auf 21 Jahren junge Frauen in die Illegalität treiben würde ist uns  unklar was sich in der Illegalität verschlimmern sollte. Die Preise liegen teilweise bei 20 Euro in einigen Gebieten und sexuelle Handlungen umfassen potentiell immer auch Praktiken wie Analverkehr, teilweise Ass-to-Mouth oder Urin und Fäkalienspiele. Wie es hier mit der zukünftigen Kondompflicht aussieht ist spannend. Gibt es Kondome für Fäkalien? Weiterlesen

Die mutigen Frauen vom La Strada

Café La Strada

Café La Strada (Foto: privat)

Ein diesiger Herbstnachmittag in Stuttgart, die roten Lichter des Leonhardsviertels in Stuttgart strahlen nur schwach und vereinzelt durch den Oktobernebel, doch aus der Küche des La Strada duftet es schon köstlich. Die drei Frauen, Anna, Daniela und Teresa stehen in der Küche und kochen Essen aus ihrer Heimat, Bulgarien und Ungarn. Sprachfetzen fliegen durch die Luft, es wird viel gelacht. Das La Strada ist eine Anlaufstelle für Prostituierte, hier gibt es ein Abendessen, Kleidung, kostenlose medizinische Versorgung durch einen Arzt des Gesundheitsamtes und vor allem immer ein offenes Ohr. Ich helfe den Frauen in der Küche, schnippele Gemüse, lasse mir das Ofengericht aus Kartoffeln, Paprika und Ei erklären, das würzig duftet.

„Mein Sohn hatte letzte Woche Geburtstag“, erzählt mir Teresa. Sie zeigt mir ein Foto von einem selbstbewussten Jungen, der freundlich in die Kamera lächelt, während er sein neues Fahrrad festhält, ein Geschenk seiner Mutter. Daniel lebt im Heim, seit seiner Geburt. Seine Mutter sieht ihn nur alle paar Wochen, doch sie strahlt vor Glück und Stolz über das ganze Gesicht.
Bei einer Zigarette erzählt mir Daniela, dass sie vor wenigen Wochen ihre Tochter aus Ungarn nachholen konnte. Seit Ende 2013 prostituiert sie sich nicht mehr, sie macht einen Deutschkurs und möchte als Verkäuferin arbeiten. Sie ist eine schöne Frau mit Augen so tief wie Waldseen. Sie spricht gut Deutsch, nur wenn ich zu schnell rede, lacht sie und runzelt die Stirn, damit ich langsamer spreche. Ich frage sie, wie es war, auf der Straße und die blauen Augen verdunkeln sich. „Früher“, sagt sie, „war besser. Ich habe immer sauber gearbeitet. Ich hattte meine Klienten. Dann kamen die anderen Frauen. Sie machen es für 10 Euro ohne Kondom. Das wollten meine Klienten auch. Da habe ich gesagt, es ist genug.“ Daniela kam mit ihrem Mann nach Deutschland. Sie wusste, dass sie sich hier prostituieren würde. Ich frage sie, ob es so war, wie sie es sich vorgestellt hat, damals in Bulgarien. Sie schüttelt den Kopf. „Alle Männer scheiße“, sagt sie mit Nachdruck. Danielas Geschichte ist eine der Erfolgsgeschichten aus dem La Strada. Ihr ist der Ausstieg gelungen, ihre Tochter lebt bei ihr und sie hat sich von ihrem Mann getrennt, ist selbstständig. Den anderen Frauen geht es nicht so. „Keine arbeitet ohne Zuhälter“, erklärt sie mir. „Nicht hier.“ Draußen wird es dunkel und die Ersten drängen sich bereits vor den Türen des La Strada, das um 19 Uhr seine Türen öffnet. Mehrere ehrenamtliche Frauen sind gekommen, um zu helfen – sie übersetzen, hören zu oder arrangieren Bücher und Deko zum Mitnehmen für die Frauen.

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Willkommen im Freierparadies Deutschland

Hamburg St. Pauli Reeperbahn

By Moros (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Es war eine aufregende Woche im Kampf gegen Prostitution.  Am vergangenen Montag wurde in Kanada das Sexkaufverbot – Bill C-36 im House of Commons mit 156 zu 124 Stimmen beschlossen. Jetzt muss der Gesetz nur noch durch den Senat. Am Sonntag erreichte die Prostitutionsüberlebende Rosen Hicher nach einem 800 Kilometer Marsch die französische Hauptstadt Paris, wo sie von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt wurde. Es bewegt sich etwas auf der Welt, gegen Prostitution, gegen eine überkommene und menschenfeindliche Insitution.

Nur Deutschland tut sich wie üblich schwer. In den kommenden Tagen wird hier wohl ein Gesetz beschlossen werden, dass in typisch deutscher Manier am besten mit „Regulierung“ überschrieben werden kann. Die Regierungskoalition hat unter dem Druck der vergangenen Monate keine andere Wahl, als sich irgendwie mit Prostitution zu beschäftigen – wenn auch nur widerwillig. Deshalb wurden zu den Anhörungen im Bundestag auch nur solche „Expertinnen“ eingeladen, die sich dezidiert für Prostitution aussprechen. Der Rest blieb – trotz Protesten ungehört. Aber Deutschland verwaltet eben gerne. Wir verwalten die Armut in Form von Hartz IV, den Krieg in Form von Waffenlieferungen und schönen Worten und unseren eigenen Rassismus in Form von kaum verhohlener Fremdenfeindlichkeit und Deutschtümelei, warum also nicht auch die Prostitution.

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Ein bisschen Prostitutionsschutz geht nicht

Prostitute

By Seedfeeder (Own work by uploader. All original non-derivative.) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die aktuelle Regierungskoalition von CDU und SPD verhandelt über das neue Prostitutionsgesetz. Entgegen ihrer Versprechungen rudert die SPD zurück. Prositution besser machen? Ja, aber nur ein wenig. Die großen Themen sollen nicht angefasst werden. Bereits im Herbst soll ein neues Gesetz vorliegen – das aber an den grundlegenden Problemen wenig ändert wird, wenn die SPD weiter an ihren Punkten festhält. Ein bisschen Prositutionsschutz gibt es nicht – wir müssen das ganze System verändern.

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