Schlagwort: psychiatrie

Ein sicherer Raum? Sexualisierte Gewalt in Psychatrien

Girl with closed eyes

via Pixabay, CC0 Public Domain

Es existieren zahlreiche, überzogene und verzerrte Ideen darüber, wie es in Psychiatrien aussieht oder was in ihnen vorgeht. Sie sind die Kulisse für Horrorfilme, sie sind Symbole für gesellschaftliches Scheitern, für Krankheit, Ausgrenzung und Wahnsinn. Obwohl statistisch gesehen in jeder Familie ein Mensch mit einer psychischen Krankheit lebt, ist alles rund um psychische Krankheiten mit einem großen Tabu belegt. Betroffene und Angehörige schämen sich, weil man den Kranken noch immer eine Mitschuld an ihrer Erkrankung gibt – eine absurde Idee. Wirklich wissen, was hinter den hohen, geschlossenen Mauern geschieht, will niemand, die meisten beziehen ihre Vorstellungen aus der Fantasie oder aus Extremfällen wie Gustl Mollath. In Psychiatrien gibt es längst keine Zwangsjacken und Gummizellen mehr, auch Elektroschocks kommen nur noch selten zur Anwendung. Psychatrien sollen sichere Räume darstellen für Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr für sich selbst sorgen können. Worüber kaum jemand sprechen möchte, ist, dass es gerade auf den geschlossenen Stationen regelmäßig zu Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen kommt. Männer und Frauen leben eng zusammen, aufgrund der akuten Krankheit ist die Wahrnehmung gerade bei Männern oft verzerrt und die Impulskontrolle herabgesetzt und schlägt sogar in Aggressivität um. Viele der kranken Frauen wiederum haben, oft schon in der Kindheit, sexuelle Gewalt erlebt und befinden sich in einem Zustand höchster psychischer Verletzlichkeit. Psychiatrische Stationen bieten ihnen wenig bis gar keinen Rückzugsraum vor Zudringlichkeiten und Übergriffen durch andere Patienten und auch das Machtgefälle zwischen männlichen Pflegern und weiblichen Patientinnen lässt viel Raum für sexuelle Gewalt – ein Tabuthema.

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(Internalisierter) Neoliberalismus: Jetzt reiß dich halt zusammen!

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Anmerkung: Dieser Text ist stellenweise zynisch. Das ist nicht unbedingt ein „literarisches Mittel“, sondern in erster Linie eine Überlebensstrategie.

Mein Rentenversicherungsträger hat mir kürzlich mitgeteilt, dass ich weder arbeits- noch rehabilitationsfähig bin. In der Konsequenz heißt das, dass er mich in Rente (auf Zeit) schickt. Das gibt Mitmenschen Anlass mir mitzuteilen, dass ich entweder faul bin oder mich nicht so anstellen soll oder zu sagen: „Ich schaffe es schließlich auch.“

In meinem Leben gibt es im Moment ein Tabu, einen Teil Alltag, den ich am liebsten immer und überall verschweigen möchte: Ich lohn-arbeite nicht, denn ich bin nur begrenzt gesellschaftlich verwertbar arbeitsfähig. Als ich vor ca. einem Jahr an einer schweren Depression erkrankte und sich zeitgleich die Symptomatik meiner Posttraumatischen Belastungsstörung (in der Ausprägung einer Dissoziativen Identitätsstruktur1) drastisch verschlechterte, musste ich ins Krankenhaus, in ein psychiatrisches versteht sich. Nach wenigen Monaten kündigte mir mein Arbeitgeber und meine Kund_innen aus selbstständiger Tätigkeit suchten sich eine andere Dienstleisterin (verständlich, zumindest Letzteres). Ca. 5 Monate war ich von der Bildfläche verschwunden, mein mir ohnehin nur spärlich möglicher (wegen meiner Erkrankung/en) politischer Aktivismus fror ein, soziale Kontakte brachen ab und Freund_innen (nicht alle! Es verfestigten sich zeitgleich andere <3.) suchten (mal wieder) das Weite. Als ich Mitte August nach Hause kam, war ich in noch desolaterem Zustand als vorher, denn ich hatte eine abgebrochene, versuchte Traumatherapie hinter mir (hierzu wird in nächster Zeit ein weiterer Artikel erscheinen, in dem dezidiert über das Erlebnis mit – missglückter – Traumatherapie berichtet wird). Diese wurde mir im Krankenhaus empfohlen, weil monatelanges Rumdoktern an meiner Psyche erfolglos blieb; hätte ich eine Traumatherapie erst einmal hinter mir, würde auch alles andere nach und nach besser.

Fehlsch(l)uss.

Dieser Tiefschlag im letzten Jahr war nicht der erste in den letzten Jahren. Er war vielmehr der dritte innerhalb der letzten 4 Jahre. Davor ging es mir lange Zeit einigermaßen gut (so gut es einer eben gehen kann mit Traumafolgestörungen und rezidivierender depressiver Erkrankung) und ich führte ein stabiles und gesellschaftlich (einigermaßen) unauffälliges Leben. Vor vier Jahren erreichte mich dann nach langer Zeit wieder ein massiver gesundheitlicher Einbruch. Von der Traumafolgestörung abgesehen: Eine schwere Depression ist unendlich schmerzhaft und mit ihr geht einher, dass eine sich genauso unendlich schämt. Dafür, einfach nichts mehr zu schaffen. Auch nicht, eine Packung Pommes in den Ofen zu schieben. Depressionen erzeugen Schmerzen in Körper und Seele, die unerträglich sind. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurück denke, breche ich in Tränen aus, Tränen, die ich während der Depression nicht weinen konnte (ich hätte so gerne gewollt!). Und nachdem es mir wieder besser ging, dauerte es kein Jahr, bis der nächste Schub kam. Und dann, dann wurden die Abstände immer kürzer, die Abstände zwischen gut und schlecht gehen und durch einen Auslöser in meinem familiären Umfeld fiel ich Anfang des letzten Jahres so tief, dass ich, im Rahmen einer dissoziativen Amnesie, einen Haufen Medikamente aus meinem Tablettenfundus – von dem ich bis dato nicht mal wusste, dass er existiert – in mich reinstopfte.

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„Wahnsinnsfrauen“ – Psychische Krankheit als Mittel zur Diskriminierung von Frauen, die sich der gesellschaftlich vorgesehenen Rolle verwehren

Johanna von Kastilien

Master of the Joseph Sequence (fl. circa 1470-1500) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die wundervolle Luise F. Pusch hat gemeinsam mit Sibylle Duda Anfang der 1990er Jahre einen dreiteiligen Band herausgegeben, der unter dem Titel „Wahnsinnsfrauen“ den Zusammenhang zwischen psychiatrischer und psychischer Erkrankung und dem Frausein herausgearbeitet. „Wahnsinn“ kann ein Unterdrückungsmittel sein und zugleich ein Fluchtort aus der Enge der gesellschaftlichen Rollen. Das Attribut „hysterisch“ zeugt bis heute von diesem Diskriminierungspotenzial, das darauf abzielt, Frauen und ihr Verhalten für das Patriarchat zu entwaffnen. Und auch psychische Gesundheit ist nach dem männlichen Ideal ausgerichtet:

Auch heute noch und bisher nicht ausdrücklich revidiert, arbeiten Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Leitbild einer psychisch gesunden, erwachsenen Persönlichkeit, das nach dem Leitbild des Mannes, wie es das gängige Geschlechterstereotyp vorgibt, ausgerichtet ist. Demnach gibt es keine psychisch gesunde erwachsene Frau, sie gilt nur dann als normal, wenn sie sich unauffällig unterordnet, möglichst nicht die Begrenzungen ihrer weiblichen Rolle durchbricht. [1]

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