Schlagwort: Racial Profiling

#Silvester2016: Eine zerstörerische Debatte und ihre Folgen für den Feminismus

Frau, die sich wehrt

European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

Als ich den letzten Artikel des vergangenen Jahres schrieb, konnte ich noch nicht ahnen, welchen Auftakt das neue nehmen würde. In den letzten Tagen wurde wütend gestritten, das ist nichts Neues, doch neu ist die Bruchlinie, die sich zwischen Linken und (Radikal-)feministinnen ergibt und die wir aus feministischer Sicht mit großer Sorge, wenn auch nicht mit wirklicher Verwunderung verfolgen. Keine von uns durfte sich in den letzten Tagen zu Silvester äußern, ohne vorher brav zu bekennen, dass sie Rassismus scheiße findet, ja, sie wurde sogar dazu gedrängt, zuzustimmen, die Polizei in Köln Racial Profiling betrieben, was sachlich einfach falsch ist, wie Manuela Schon hier wunderbar ausgeführt hat. Erst dann durften wir in einem kurzen Nebensatz hinzufügen, dass wir trotzdem froh waren, dass es in Köln „nur“ zwei Vergewaltigungen gab. Inzwischen wissen wir, dass es andernorts, in Wien, Malmö, Hamburg und Dortmund sehr wohl zu Zwischenfällen kam, aber auch darüber dürfen wir nicht reden, ohne dass uns der Vorwurf gemacht wird, den rechten Hetzern das Wort zu reden. Flugs ging auch ein neuer, linker Feminismusblog an’s Netz, der sich aber gar nicht mit Feminismus auseinandersetzt, sondern nur postuliert: „Rassismus ist kein Mittel gegen sexuelle Gewalt.“ Uff.

Was ist Rassismus? Rassismus bedeutet, einem Menschen aufgrund seiner tatsächlichen oder auch nur angenommenen Herkunft bestimmte „angeborene“ Merkmale zuzuweisen, die seinen Charakter betreffen und/oder generalisiert zu unterstellen, alle Menschen aus einem bestimmten Land oder einer Region seien „so oder so“ (hier dann wahlweise abwertende Eigenschaften einfügen“ und damit nicht mehr das Individuum, sondern nur noch seine Herkunft zu bestimmen. Zu den Eigenschaften kommen auch äußere Merkmale wie die Haut- und die Haarfarbe.

Wo kommt Rassismus her? Für uns Feministinnen ist das ganz klar: Rassismus ist ein weiteres Mittel männlicher Herrschaft, mit der die Welt in Herrschende und Beherrschte eingeteilt wird. Mit dem Rassismus erhebt sich der weiße Mann über die anderen und rechtfertigt zum Beispiel die Kolonialisierung. Rassismus ist ein patriarchales Konzept, das sich aus der Geschichte des Patriarchats ergibt: Wir wissen, dass die Unterdrückung der Frau in dem Moment der Menschheit begann, als der Krieger die Bühne der Weltgeschichte betrat und Städte und später Völker begannen, Berufskrieger um Ressourcen gegeneinander kämpfen zu lassen. Um diese Kriege zu rechtfertigen, bedarf es Ideologien und eine dieser Ideologien ist die Abwertung des Gegners. Das Patriarchat ist keine Herrschaftsform, die wir einfach mal so neu erfinden, wir alle, Männer und Frauen, werden in ihm sozialisiert. Männer lernen dann schnell, welche Privilegien ihnen das einbringt, Frauen hingegen kommen häufig an den Punkt, an dem sie bemerken, dass für sie andere Regeln gelten, als für Männer. Feminismus ist die Widerstandbewegung gegen das Patriarchat und alles, was es bedeutet, deshalb ist Feminismus per se antirassistisch, man kann ihn gar nicht anders denken.

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Lasst uns doch mal über No-Go-Areas und Grundrechte von Frauen reden

Fight Sexism Graffiti

by Metro Centric via Flickr, [CC BY 2.0]

2016 startete mit einer bundesweiten Debatte über…
Rassismus

Rund 650 Frauen wurden auf der Kölner Domplatte Opfer sexueller Übergriffe (Betatschen, sexuelle Nötigung, in 21 Fällen auch versuchte oder vollzogene Vergewaltigung). Insgesamt wurden 900 Sexualdelikte zur Anzeige gebracht (manche wurden mehrfach Opfer).
Statt über die Tatsache zu diskutieren, dass öffentliche Räume zunehmend für Frauen durch sexuell-aggressives Verhalten von Männern zu No-Go-Areas werden, musste eine schnelle Abwehr von „Rassismus“ her: Das sexuell-aggressive Täterverhalten der „Anderen“, wurde durch das sexuell-aggressive Verhalten der „Eigenen“ weggeredet, was am Ende einen legitimierenden Effekt hat (Boys will be Boys)
Im Regen stehen gelassen: Opfer sexueller Gewalt.

Hard Facts:
• Es kam nicht vermeintlich, sondern tatsächlich zu massenhaften sexuellen Übergriffen aus der Deckung von Gruppen heraus von Männern gegen Frauen (unterschiedlicher Hautfarben und Pass-Ausstellungsbehörden)
• Diese wurden begangen von Männern. Diese Männer kann man genauer spezifizieren: Von den 183 (ermittelten) Beschuldigten waren 55 Marokkaner, 53 Algerier, 22 Iraker, 14 Syrer und 14 Deutsche. Knapp die Hälfte (73) waren Asylsuchende.
• Auch wenn sexuelle Gewalt auch durch „bio-deutsche“ Männer an der Tagesordnung ist: „Taharrush“ ist ein männliches Phänomen, von dessen Existenz wir erstmalig in den ägyptischen und tunesischen Aufständen erfahren haben (viele haben vielleicht sogar erst nach Silvester 2015/2016 davon gehört). Während deutsche Männer gerne gemeinschaftlich in den Puff gehen um (überwiegend prekarisierte, ausländische) Frauen zu belästigen und kommerziell zu vergewaltigen, haben Männer aus anderen Ländern andere Techniken zum male bonding entwickelt. Prinzip gleich, Ort und Praxis nicht gleich.
• Bis Juli 2016 gab es beeindruckende vier Verurteilungen (hat jemand nen aktuelleren Stand? – Sachdienliche Hinweise willkommen)

2017 startete mit einer bundesweiten Debatte über…
Rassismus

Trotz massiver Polizeipräsenz und polizeilichen Maßnahmen kam es an Silvester 2016/2017 also erneut zu sexuellen Übergriffen auf der Kölner Domplatte, die sich zwar „nur“ im zweistelligen und nicht mehr im fast vierstelligen Bereich bewegen, aber es kam zu sexuellen Übergriffen. Fakt

Darüber redet aber jetzt niemand, weil „es hätte ja noch schlimmer sein können“. Aha.

Statt also darüber zu reden, dass es auch Silvester 2016/2017 eine No-Go-Area für Frauen auf der Kölner Domplatte durch sexuell-aggressiv auftretende Männer gegeben hat, reden wir – wieder – über Rassismus.
Stein des Anstoßes: „Nordafrikanisch aussehende“ Männer, die auch noch ein paar andere Merkmale (s.u.) erfüllten, wurden Personenkontrollen unterzogen und bekamen teilweise Platzverweise. Die Rede ist von Racial Profiling.

Wie ein „nordafrikanischer“ Mann aussieht ist mir irgendwie unklar, erkennen allein ob optischer Merkmale funktioniert nicht wirklich. Ich selbst wurde mal in Norwegen für eine Türkin (vielleicht weil damals schwarzgefärbte Haare) und in Spanien für eine Estnin (vielleicht weil sehr helle Haut) gehalten. Wie breit denn auch „nordafrikanisch“ von der Polizei definiert wurde, kann man gut auf den Fotos sehen, da sind einige dabei, die ich persönlich ja vom Aussehen her für lupenreine Kartoffeln gehalten hätte.

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Linke Männer oder wie ich Feministin wurde

Mann und Frau

jan bocek (CC BY 2.0)

Manchmal fragen mich Männer, die ich von früher kenne, warum ich Feministin bin. „Ist doch klar, dass der Kapitalismus an der Unterdrückung der Frau schuld ist“, sagen dann die, mit denen ich früher in verrauchten Keller zusammen saß und über die Weltrevolution diskutierte, mir auf Demos die Stimme heiser brüllte, die Fingerspitzen blau von der Farbe auf unseren Flugblättern und das Herz voll Leidenschaft für die Rettung der Welt. „Wenn der Widerspruch in den Produktionsverhältnissen überwunden ist, dann endet auch die Unterdrückung der Frau.“ Das sagen sie und lächeln, ganz so, als sei es fast schon traurig, mir nach all den Jahren noch immer oder schon wieder das Offensichtlichste erklären zu müssen, ein wenig nachsichtig, denn ich bin ja eine Frau und außerdem habe ich Kinder und bin eigentlich schon lange ein wenig bürgerlich und ich sehe sie an, diese nicht mehr ganz jungen Männer, von denen ich die meisten schon früher ziemlich dämlich und langweilig fand und die heute noch viel langweiliger sind und in mir steigt Wut auf.

Ich erinnere mich an jene Zeit, in den Kellern, auf den Demos. Ich erinnere mich daran, dass es immer die Männer waren, die sprachen, laut, mit dröhnender Stimme, die uns in endlosen Monologen darzulegen versuchten, wie sehr sie den Durchblick hatten, jeder von ihnen mindestens ein neuer Rudi Dutschke oder gleich Che Guevara. Von uns Frauen, von uns ganz jungen Frauen, sprach nur selten eine. Wir waren nur Zierde, wir durften nur dabei sein, um zu bewundern und um Kuchen zu backen. Sprach eine von uns, so musste sie damit rechnen, von den Männern, den alten und den jungen, regelrecht auseinander genommen zu werden. Zu viel Gefühl, zu wenig revolutionäre Attitüde. Wir Frauen, wir bringen es einfach nicht. Hormone, PMS und all das. All das schwang immer mit, wenn sie sich diese männerbündischen Blicke zuwarfen, mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Die wenigsten unter uns ertrugen das, die meisten liefen rot an, begannen zu stottern und sagten nie wieder etwas. Das Diskutieren überließen wir lieber wieder den Männern.

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