Schlagwort: sexkaufverbot

Simon Häggström: Shadow`s Law. The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution

von Manuela Schon

Simon Häggström ist seit mehr als 10 Jahren Polizeikommissar bei der Anti-Prostitutionseinheit in Stockholm. Er und seine KollegInnen sind verantwortlich für die Umsetzung des so genannten „Sexkaufverbots“ in der schwedischen Hauptstadt. Sprich: Sie überführen Freier und führen sie der für sie vorgesehen Bestrafung zu. Wie das genau abläuft, und dass diese Ermittlungsarbeit kein Hexenwerk ist, davon bekommt man in seinem Buch SHADOW`S LAW, welches nach schwedisch nun auch auf englisch veröffentlicht wurde, einen guten Eindruck.

Wenn über die schwedische Prostitutionsgesetzgebung gesprochen wird hören wir immer die gleichen Argumente und Mythen. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu mit vielen dieser Mythen aus Sicht der Polizei aufzuräumen. Dabei lässt sich der Autor sehr viel Raum für Selbstkritik und LeserInnen erfahren eine Menge darüber, welchen Lernprozess Institutionen durchlaufen müssen, die mit der Implementierung einer solchen Gesetzgebung beauftragt werden.

Wer von dem Buch eine rosarote Darstellung der schwedischen Gesetzgebung erwartet wird eines besseren belehrt, denn die Schwierigkeiten die richtigen Entscheidungen im Sinne der Betroffenen zu treffen werden an einigen Stellen deutlich und werden von Häggström auch ganz offen benannt. Vor allem das ambivalente Verhältnis der prostituierten Frauen gegenüber der Polizei wird mehrfach betont. Auch übt der Autor da wo es notwendig ist offen Kritik an den Institutionen und zeigt auf wo sie seiner Meinung nach in der Implementierung versagen.

Auf der anderen Seite bringt er jedoch auch viele Mut machende Beispiele, die zeigen, dass der Weg den Schweden eingeschlagen hat sehr viele Vorteile mit sich bringt und warum die Legalisierung und Liberalisierung der Prostitutionsmärkte wie in Deutschland, den Niederlanden oder Neuseeland ein Holzweg ist.

Jede/r, der/die in dem Feld der Prostitution beruflich oder ehrenamtlich tätig ist, findet sich in den Beschreibungen des Autors sehr gut wieder: Auf der einen Seite ist da das gute Gefühl einen wichtigen Beitrag zu leisten zur Veränderung der gesellschaftlichen Zustände – auf der anderen Seite kennen wir alle das Gefühl wie diese Arbeit das eigene Privatleben beeinflusst, sehr oft auch stark beeinträchtigt und welcher Kraftakt nötig ist um die notwendige Balance zu finden.

„Der Rucksack den ich mit mir herumtrage ist so voller Müll, dass ich manchmal nicht weiß was ich damit anstellen soll. Es gibt Grenzen dessen was ein Polizeibeamter ertragen kann. Am Ende sind wir Menschen – wie alle anderen auch. Was macht der Job mit mir? Wie beeinflusst er mein Leben? Macht er mich zu einer kaltherzigen, wahnhaften Person, die jeglichen Glauben in die Menschlichkeit verloren hat? Wie wäre mein Leben verlaufen wäre ich Ingenieur oder Computerexperte geworden? […] Aber da ist mehr als der Schmerz und das Elend. Sogar an meinen schlechten Tagen verliere ich nicht den Glauben an die Menschlichkeit oder das Gute. Dieser Beruf bietet mir eine Lebensperspektive und hat mir hoffentlich dazu verholfen zu einem besseren Menschen zu werden. Auch wenn ich noch weit von dem Menschen entfernt bin, der ich gerne wäre.“

Dieser Auszug macht deutlich,  dass es in dem Buch um deutlich mehr geht als eine objektive Darstellung der schwedischen Situation: Simon Häggström, der regelmäßig international auch auf Konferenzen und Veranstaltungen von seiner Arbeit berichtet, bezeichnet das Schreiben selbst als Möglichkeit zur Selbstreflektion und Therapie.

Mit großer Bedacht wurden die (mitunter sehr skurrilen) Geschichten aus dem Berufsalltag von Simon Häggström und seinen KollegInnen ausgesucht – sie machen immer wieder deutlich wie unmenschlich das Geschäft mit der kommerzialisierten Sexualität ist, und wie absurd es eigentlich ist für eine Gesellschaft solche Zustände zu romantisieren oder schönzureden.

Der Ansatz von SHADOW`S LAW ist mutig, ehrlich und selbstkritisch und genau dies macht es für mich zu einem wichtigen Beitrag in der Prostitutionsdebatte. Auch wenn mein fachlicher Zugang als (Radikal)Feministin zu der Thematik ein anderer ist, habe ich mich sehr gut selbst in diesem Buch wiederfinden können und auch nach einigen Jahren Anti-Prostitutionsaktivismus viel neues dazu gelernt.

Titel: SHADOW`S LAW. The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution

Verlag: Bullet Point Publishing

ISBN: 978-91-88153-20-3

Chris Hedges: Die Hurerei der Linken

Not For Sale: Human Trafficking

by Ira Gelb via Flickr, [CC BY-ND 2.0]

VANCOUVER, British Columbia – Prostitution ist der vollkommene Ausdruck des globalen Kapitalismus. Unsere Firmenchefs sind Zuhälter. Wir alle werden entwürdigt und erniedrigt, verarmt und machtlos zurückgelassen, um den grausamen und lüsternen Ansprüchen der Wirtschaftselite zu dienen. Und wenn sie uns leid sind, oder wir nicht länger von Nutzen sind, werden wir als menschlicher Abfall ausrangiert. Wenn wir Prostitution als legal akzeptieren, wie Deutschland das getan hat, als einer Zivilgesellschaft statthaft ansehen, dann nehmen wir einen weiteren gemeinsamen Schritt in die globale Kultur, die von den Mächtigen errichtet wird. Der Kampf gegen Prostitution ist der Kampf gegen einen entmenschlichenden Neoliberalismus, der bei der Unterordnung von verarmten Mädchen und Frauen beginnt, aber nicht dort endet..

Armut ist kein Aphrodisiakum. Diejenigen, die ihre Körper für Sex verkaufen, tun dies aus Verzweiflung heraus. Sie enden oftmals physisch verletzt, mit einer Vielzahl von Krankheiten und medizinischen Leiden, und leiden unter ernsthaften emotionalen Traumata. Die Linke begeht moralischen Bankrott durch ihren Fehler legale Prostitution nicht als ein anderes Gesicht des Neoliberalismus zu erfassen. Seinen Körper zu verkaufen hat nichts mit Wahlfreiheit zu tun. Es hat nichts mit Freiheit zu tun. Es ist eine Form ökonomischer Sklaverei.

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Willkommen im Freierparadies Deutschland

Hamburg St. Pauli Reeperbahn

By Moros (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Es war eine aufregende Woche im Kampf gegen Prostitution.  Am vergangenen Montag wurde in Kanada das Sexkaufverbot – Bill C-36 im House of Commons mit 156 zu 124 Stimmen beschlossen. Jetzt muss der Gesetz nur noch durch den Senat. Am Sonntag erreichte die Prostitutionsüberlebende Rosen Hicher nach einem 800 Kilometer Marsch die französische Hauptstadt Paris, wo sie von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt wurde. Es bewegt sich etwas auf der Welt, gegen Prostitution, gegen eine überkommene und menschenfeindliche Insitution.

Nur Deutschland tut sich wie üblich schwer. In den kommenden Tagen wird hier wohl ein Gesetz beschlossen werden, dass in typisch deutscher Manier am besten mit „Regulierung“ überschrieben werden kann. Die Regierungskoalition hat unter dem Druck der vergangenen Monate keine andere Wahl, als sich irgendwie mit Prostitution zu beschäftigen – wenn auch nur widerwillig. Deshalb wurden zu den Anhörungen im Bundestag auch nur solche „Expertinnen“ eingeladen, die sich dezidiert für Prostitution aussprechen. Der Rest blieb – trotz Protesten ungehört. Aber Deutschland verwaltet eben gerne. Wir verwalten die Armut in Form von Hartz IV, den Krieg in Form von Waffenlieferungen und schönen Worten und unseren eigenen Rassismus in Form von kaum verhohlener Fremdenfeindlichkeit und Deutschtümelei, warum also nicht auch die Prostitution.

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