Schlagwort: vergewaltigung

Komm, wir spielen unsichtbar sein – Wie Opfer sexueller Gewalt wegdekonstruiert werden

Frau am Fenster

Rising Damp: Disappear, Flickr, CC BY SA 2.0

Es gibt Gründe, warum ich mich an der Uni nicht wohlfühle. Ich meine jetzt gerade mal nicht die klassistischen Strukturen da, die mich jedes Mal wieder spüren lassen, dass Uni nichts für welche wie mich ist. Konkret meine ich, dass sich an der Uni eine Haltung breitgemacht hat, in der die Art des Sprechens über Dinge plötzlich wichtiger ist als die Analyse derselben. Immer wieder sitze ich im Seminar und werde berichtigt. Vor allem drei Einwände tauchen immer wieder auf:

  1. „Wenn du sagst, dass Frauen unterdrückt werden, zementierst du diese Realität ja, du machst damit das Gleiche wie die Unterdrücker!“
  2. „Du kannst nicht den undifferenzierten Begriff „Patriarchat“ verwenden. Es werden nicht nur Frauen unterdrückt!“
  3. „Die Bezeichnung „Opfer“ solltest du nicht verwenden, die ist stigmatisierend.“

Ich verlasse diese Veranstaltungen jedes Mal mit einem Gehirnbrei, den ich nicht auseinanderklamüsert kriege. Und frage mich: verlassen Menschen, die sowas sagen, eigentlich jemals die Universität? Kamen sie überhaupt schonmal mit der Realität in Kontakt? Wo zur Hölle kaufen sie ein? Im gesafespaceten Laden irgendwo in einer genderbefreiten Bubble?

Diese Denke des liberalen Feminismus verursacht mir Unbehagen. Warum sie so problematisch ist, lässt sich gut an Hand zweier Interviews, die die Kulturwissenschaftlerin Mithu Melanie Sanyal der Süddeutschen gegeben hat, zeigen.

http://www.sueddeutsche.de/leben/rape-culture-wir-entmuendigen-vergewaltigte-frauen-1.3183107

Das Interview, welches unter der Überschrift „Wir entmündigen vergewaltigte Frauen“ abgedruckt wurde, wird eingeleitet mit:

„Frauen sind Opfer, Männer Triebtäter: Wenn es um Vergewaltigungen geht, kommen überholte Geschlechterbilder hoch. Die Autorin Mithu Sanyal ergründet, warum.“

Man könnte jetzt denken: Diese „überholten“ Geschlechterbilder kommen deswegen hoch, wenn man an Vergewaltigungen denkt, weil sie die Realität sind. Man könnte denken, dass diese Geschlechterbilder, wenn es um Vergewaltigungen geht, vielleicht nicht überholt sind, was ja hieße: die Bezeichnung bzw. die Assoziation, die diese Bezeichnung hervorruft, hinkt der Realität hinterher. Sondern dass sie zutreffen. Kurzer Faktencheck zum Thema Vergewaltigungen: Fast jede 7. Frau in Deutschland wurde schon einmal vergewaltigt. Dunkelfeld nicht mit eingeschlossen, denn nur 15% dieser Frauen gehen zur Polizei. Überholte Geschlechterbilder? Wirklich?

Erläutert werden soll laut Fragestellung in diesem Interview, warum über Vergewaltigung so „emotional und undifferenziert“ gesprochen wird wie bei keinem anderen Verbrechen. Zudem soll die Frage: „Wie kann man Vergewaltigungen verhindern?“ geklärt werden.

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Deutsche Verhältnisse: Das Kartoffelpatriarchat

End Patriarchy

istolethetv via Flickr, [CC BY 2.0]

Es sind gute Zeiten für das Kartoffelpatriarchat, jene deutsche Form der Misogynie, die so viel subtiler und deshalb unangreifbarer funktioniert als der rohe Frauenhass, der andernorts auf der Welt zu beobachten ist. Der Deutsche betrachtet offen zur Schau getragenen Frauenhass als „primitiv“, er hält es lieber mit einer stillen, weiter entwickelten Form der Frauenverachtung, die er hinter allerlei Gesetzen und Bekenntnissen verbirgt, bei Bedarf sogar spöttisch sezieren kann, nie aber aufgibt.

In Jonathan Franzens aktuellem Buch „Unschuld“ geht es, wie der Titel vermuten lässt, um Schuld und Unschuld und um Moralität und auch um Deutschland. Schon relativ am Anfang lässt Franzen eine seiner Figuren, eine Deutsche, folgenden Satz sagen: „Momentan ist es in Deutschland mit Männern und Frauen ziemlich schlimm.“ Dieser Satz wird bestätigt durch viele andere Nebensätze und Aufgaben, die erahnen lassen, dass Jonathan Franzen Deutschland nicht nur als Land von Pünktlichkeit, Teilung und toller Technik sieht, sondern auch als Land einer ganz besonderen Art von Misogynie, einer, die nur schwer greifbar ist und doch allgegenwärtig, die alles durchtränkt und doch unsichtbar bleibt, geleugnet und zugleich überall angewendet.

Rezensenten hielten dem Buch Frauenfeindlichkeit vor, wie immer bei Kunst und Literatur ist das wohl Interpretationssache, ich las viel mehr eine sehr gelungene Überspitzung der Tatsache, dass der Frauenhass alle gesellschaftlichen Befreiungsschläge überlebt, sich in jede Utopie einschleicht und durch das Internet nicht verringert, sondern gar katalysiert wird, was seine Ursache darin hat, dass er nie grundsätzlich reflektiert, sondern immer nur ein wenig kaschiert wird. Überall. Aber vor allem in Deutschland. Wir sind Weltmeister darin, Frauen in jovialer Altherrenmentalität auf ihre Plätze zu verweisen und ihnen entweder einzureden, es gäbe keine Unterdrückung ihres Geschlechts oder aber, wenn es sie gäbe, so seien sie selbst daran Schuld. Diese Art der Deutungsgewalt macht uns einmal mehr zu Vorbildern, wenn es darum geht, den alten Frauenhass in ein jüngst neu eingeläutetes Zeitalter zu transportieren: In der postfaktischen Gesellschaft zählt die Realität, ob beobachtet oder subjektiv empfunden, nicht mehr, sondern nur noch ihre Interpretation. Macht definiert sich über Deutungsmacht und Deutungsmacht ist die Macht des Patriarchats der Zukunft.

Diskriminierung effizient nutzen: Deutsche machen es vor

Wer in den letzten Tagen auf Facebook unterwegs war, der bekam ihn angezeigt, den Spot der Antidiskriminierungsstelle, mit dem sie das 10jährige Bestehen des Antidiskriminierungsgesetzes feiert. Darin werden „sexistische“ Stellenangebote vorgelesen, die es jetzt nicht mehr gibt, etwa die Suche nach einer „Haushaltsperle“ oder einer „Abwaschfrau“. Der ganze Spot soll vermitteln, wie viel sich doch in den letzten Jahren getan hat, vorgestern gab es auch einen großen Festakt zum Antidiskriminierungsgesetz, bei dem natürlich auch Heiko Maaß nicht fehlen durfte. Alles super im Gleichberechtigungsland Deutschland? Schluss mit sexistischer Werbung, Diskriminierung am Arbeitsplatz und überhaupt dem ganzen Frauen-Unrechts-Gedöns? Sicherlich war der Festakt ein Beispiel an Selbstbeweihräucherung der alten (und jungen) Herren und Herrschenden im Land und gleich wurde auch von einer „Führungsrolle“ Deutschlands für „Grundrechte und Gleichbehandlung in Europa“ gefaselt. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen – einmal mehr, hm?
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Im Westen nichts Neues – Kriegsschauplatz Frauenkörper

We don't need no patriarchal education.

Public DomainChristopher Dombres

Erinnert ihr euch noch an das Sommerloch vom letzten Jahr? Damals ging es um das „Hotpants-Verbot an deutschen Schulen“ – alle diskutierten mit und regten sich auf. Jetzt, ein Jahr später, geht es wieder um Frauenkörper und was sie tragen – diesmal um die Burka und den Burkini. „Gesicht zeigen ist Teil unserer Kultur“, hört man da von offizieller Seite und wundert sich, warum das offensichtlich nur für Frauen gilt, nicht aber für Polizisten auf Demonstrationen. In allen Kommentarspalten, auf Facebook und in den Zeitungen selbst geht es nun hoch her, von „westlichen Werten“ ist die Rede und von gewollter Provokation, als vorgestern eine Frau im Burkini von französischen Polizisten am Strand dazu gezwungen wurde, Kleidung abzulegen, vor ihrem weinenden Kind. Parallel dazu wird Gina-Lisa Lohfink zu 20.000 Euro Strafe wegen Falschbeschuldigung verurteilt. Die Richterin erklärte, in dem Video, das übrigens von den Tätern selbst als „Vergewaltigungsvideo von Gina-Lisa Lohfink“ kurz nach der Tat Journalisten angeboten wurde, wirke es, als „würde sie [Gina-Lisa Lohfink] posen“ und außerdem „verhöhne“ sie „echte Vergewaltigungsopfer“. Genau zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Feministin, ihr Buch „Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens“, nachdem kurz zuvor schon Alice Schwarzers Buch „Der Schock“ über die Silvesternacht die Bestsellerlisten gestürmt hat. Im Zusammenhang mit Gina-Lisas Fall und den Ereignissen der Silvesternacht wurde das Sexualstrafrecht überarbeitet – „Nein“ soll demnach ab sofort auch wirklich „Nein“ heißen. Nur auf den ersten Blick stehen diese Ereignisse und die Reaktionen darauf in keinem Zusammenhang, tritt man einen Schritt zurück und unterzieht sie einer radikalfeministischen Analyse, so wird schnell deutlich, dass wir gerade Zeuge einer Entwicklung werden, die Grundlegendes über die Stellung von Frauen in westlichen Gesellschaften aufzeigt.

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Der Fall Gina-Lisa – Eine historische Chance für ein neues Sexualstrafrecht? #TeamGinaLisa

Frauen-Demo in Island

Frauen Islands - Quelle: FatGirlfoodsquad

Bereits seit 2012 kämpft Claudia D. gegen den Vorwurf der Falschbeschuldigung: Der ehemalige Fernseh-Wettermoderator Jörg Kachelmann, der aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, versucht auf diesem Wege, alles daran zu setzen, ihre Glaubwürdigkeit zu diskreditieren. Der nächste Prozesstag im Schadensersatzprozess vor dem Landgericht Frankfurt findet im Juli statt. Die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt verfolgt den Fall von Beginn an, eine Übersicht der bisherigen Ereignisse ist auf deren Blog zu finden.

Der Fall Gina-Lisa ist also kein Einzelfall. Zu der Scham und der Angst, eine Tat sexueller Gewalt anzuzeigen, da „einem eh nicht geglaubt wird“, kommt für viele Betroffene nun die Last dazu, eine Tat eindeutig beweisen können zu müssen, weil sonst droht, selbst eine Verurteilung zu kassieren. Verfahren, in denen die Betroffenen im Übrigen wieder und wieder drangsaliert und retraumatisiert werden. Jahre, in denen man nicht mit dem schrecklichen Geschehen (so gut es geht) abschließen kann – Jahre die der Verarbeitung eines traumatisierenden Erlebnisses im Wege stehen.

Deutschland und das Sexualstrafrecht

Deutschland hat eine durchschnittliche Verurteilungsquote bei sexueller Gewalt von rund 8%. Wenn man die Vielzahl der erst gar nicht angezeigten Fälle (siehe auch #ichhabnichtangezeigt) hinzuzieht, dann muss man konstatieren, dass sexuelle Gewalt ein nahezu strafloses Verbrechen ist.

Im Mai 2011 verabschiedete der Europarat die so genannte Istanbul-Konvention, nach denen die Staaten offensiv gegen jegliche Form von Gewalt gegen Frauen vorzugehen haben. Dazu gehört auch eine konsequente Strafverfolgung der Täter. Jene Initiativen, die sich für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt einsetzen, halten eine Reform des Sexualstrafrechts für dringend erforderlich. Deutschland hat die Konvention bis heute nur unterschrieben, aber nicht ratifiziert. Der zuständige Minister, Bundesjustizminister Heiko Maas, sah bis Ende 2015 „keinen Handlungsbedarf“.

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Sexroboter: Nicht Segen, sondern Fluch

Auge

Public Domain

Seit einiger Zeit liest man immer mehr Artikel über die Entwicklung von so genannten „Sexrobotern“.  Es handelt sich dabei quasi um eine Weiterentwicklung der bekannten „Gummipuppe“. Statt nur in Plastik und Silikon zu ejakulieren soll das Objekt der Begierde zukünftig über „Künstliche Intelligenz“ verfügen: Der Roboter soll aus den „Erfahrungen lernen“, dadurch die „individuelle Partnerschaft optimieren“ und damit seine „Fähigkeiten perfektionieren“.

Im November 2015 fand eine „Conference on Love and Sex with Robots“ in Malaysia mit TeilnehmerInnen aus aller Welt statt.

Sexroboter sind (genau wie „Gummipuppen“) Objekte in Form von (fast ausschließlich) Kindern oder Frauen, die als Ersatz für echte, menschliche Partnerinnen oder prostituierte Personen dienen sollen.

Manche sehen in solchen Entwicklungen eine Möglichkeit Vergewaltigungen zu verhindern, oder durch „kindliche“ Roboter Pädokriminellen eine Möglichkeit zur „Triebabfuhr“ an die Hand zu geben. Die gut schlecht bekannte Ventiltheorie. Sie wird unter anderem von Ronald Arkin, einem Professor des Georgia Institute of Technology, vertreten. Er möchte „mit Kinder-Robotern Pädophilie therapieren“ möchte.

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Der Teufel feiert Karneval: Die neue Täter-Opfer-Umkehr

The Shadow of Justice

"The Shadow of Justice" by Jack via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

In Köln gibt es ein Sprichwort. Es heißt: „Wenn es regnet und die Sonne scheint, dann feiert der Teufel Karneval“. Wer die Medienberichte der vergangenen beiden Wochen zum Thema sexuelle Gewalt verfolgt hat, der könnte sich in einem eben solchen teuflischen Karneval wähnen, so widersprüchlich waren die Meldungen und Forderungen. Da sind auf der einen Seite die Ereignisse der Kölner Silvesternacht, in deren Folge auf einmal Heiko Maas (Justizminister) die lange verwehrte Neuregelung des Vergewaltigungsparagrafen zur Chefsache macht. Auch sexuelle Belästigung soll nun, da nicht mehr weiße, deutsche Männer grabschen, sondern fremde, „nordafrikanische“, endlich strafbar werden. Die Talkshows, Feuilletons und Meinungsseiten überschlugen sich zu dem Thema, ein neues Hashtag unter #ausnahmslos wurde erfunden. Sexuelle Gewalt, so sind sich alle von den Netz- und Printfeministinnen bis zur CDU und Pegida einig, soll nun endlich, endlich konsequent bestraft werden. So weit so gut, so unterstützenswert, wenn da nicht diese rassistische Komponente wäre, die bei vielen Forderungen durchschimmert und sich in den überall aus den Boden schießenden „Bürgerwehren“ kulminiert.

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Die Farce von #Koeln

Abbildung: 2 Männer greifen nach einer Frau

Paul Townsend via Flickr, [CC BY-ND 2.0]

An Silvester wurde am Kölner Hauptbahnhof  und in anderen deutschen Großstädten eine bislang unbekannte Anzahl von Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt. Rund 150 Opfer sollen Anzeige gestellt haben, sogar von Vergewaltigung ist die Rede. Die Täter waren laut Beschreibung nordafrikanischer und arabischer Herkunft. Das Netz überschlägt sich seither. Da sind die einen, die vor rassistischen Vorwürfen warnen, die anderen wittern erneut den Untergang des Abendlandes. Die Politik spricht von „der harten Hand des Rechtsstaats“. Die Opfer kommen in dem ganzen Tumult überhaupt nicht vor.

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Als die Soldaten kamen

Buchcover: Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen, März 2015, DVA-Sachbuch, Verlagsgruppe Randomhouse

Es ist ein großes Tabu, an dem die Historikerin Miriam Gebhardt mit ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ rüttelt. Über die Vergewaltigungen am Ende des 2. Weltkrieges wurde nicht gesprochen, hunderttausende von Frauen schwiegen aus Scham. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft war kein Platz für ihre Trauer. Es galt, die vertraute patriarchale Ordnung wieder herzustellen und die seelischen und körperlichen Wunden der Kriegsversehrten zu heilen. Das Land lag in Trümmern, da galten die Traumata der Frauen wenig. Vergewaltigung im Krieg ist nichts leider kein Alleinstellungsmerkmal des 2. Weltkrieges. In allen Kriegen wird vergewaltigt, um den Feind zu demütigen, seinen Rückhalt zu zerstören. Die Frauenkörper sind dort wie anderswo nur Mittel zum Zweck. Vergewaltigung im Krieg ist als Kriegswaffe anerkannt. Wie viele Frauen Vergewaltigungen durch die sogenannten Befreier erlitten, lag lange im Dunkeln. Im Zuge der zweiten Frauenbewegung versuchte die Feministin Helke Sander das Schweigen zu brechen – und stieß auf heftigen Widerstand. Eingestehen wollte man höchstens, dass die Rotarmisten vergewaltigten, es unterstrich die rassistische Sicht auf die „Untermenschen“ aus dem Osten. Dennoch regte sich höchstens verletzter Nationalstolz ob des verlorenen Krieges und der „geschändeten“ Frauen, Mitgefühl mit den Frauen, Anerkennung oder gar Entschädigungen gab es nicht. Zusätzlich überragte das Entsetzen über die Gräueltaten des Holocaust jede emotionale oder wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Verlusten des „Tätervolkes“.

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Die Neuregelung des Vergewaltigungsparagraphen

1 in 3 women are raped - Poster

by Jonathan McIntosh via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Der Vergewaltigungsparagraph § 177 STGB soll nun doch reformiert werden. Das haben die Justiziminister der Länder auf einer gemeinsamen Konferenz beschlossen – auch SPD-Bundesjustizminister Heiko Maas stimmte dafür.  Bislang war eine Vergewaltigung nur dann strafbar, wenn eine tatsächliche Bedrohung für Leib und Leben vorlag und die Gegenwehr des Opfers erkennbar war. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) hat mehr als 100 Fälle schwerer sexueller Gewalt untersucht und dabei gezeigt, dass die weitaus häufigste Reaktion von Opfern eine Schockstarre und keineswegs physische Gegenwehr oder Flucht ist. Ohne Gegenwehr des Opfers oder die Anwendung von Gewalt war eine Vergewaltigung bislang nicht strafbar. Nicht strafbar waren auch jene Fälle, in denen ein Täter das Opfer überrumpelt, zum Beispiel im Gedränge einer Veranstaltung. Mit der Neuregelung soll ein „Nein“ ausreichen. Anlass für die Neuregelung ist auch die sogenannte Istanbul-Konvention, einer Vereinbarung des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen. Dort heißt es, die EU-Mitgliedsstaaten müssen aus Sicht des Völkerrechts für die Bestrafung aller nicht einvernehmlicher sexueller Handlungen sorgen. Auch die Opferschutzorganisation „Der Weiße Ring“ unterstützt die Neuregelung.

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Vergewaltigung – „unfassbar“ oder „alles frei erfunden“

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Aktuell beschäftigen zwei Fälle von Vergewaltigungen die deutsche Öffentlichkeit: Da ist der Fall des 22jährigen aus der Nähe von Stade, der ein 14jähriges Mädchen und eine 21jährige Frau vergewaltigte und sich und die Tat dabei fotografierte – „unfassbare Tat“ lauten die Schlagzeilen und der Fall der jungen Frau aus Regensburg, die der Polizei mitteilte, im Juli von drei Männern entführt und vergewaltigt worden zu sein – und bei der die Ermittler jetzt aus nicht näher erklärten Gründen davon ausgehen, die Tat sei „frei erfunden“ und habe „nie stattgefunden“ – obwohl die medizinische Untersuchung der Frau nach der Tat ihre Aussage bestätigte.  An beiden Fällen wird deutlich, wie der Umgang der Öffentlichkeit mit Vergewaltigern ist, welche widerliche Heuchelei auf Kosten der Opfer betrieben wird.

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