Schlagwort: Zuhälterei

Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist

Pixabay CCO Public Doman

Ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Die Debatte um Sexualassistenz hat mich richtig derbe aufgewühlt. Ich hab mehrere Nächte gebraucht um auseinanderzuklamüsern, was genau mich so fertig macht daran. Was mich daran hindert, einfach einen neuen bösen Text zu schreiben.

Ich bin nicht nur Exprostituierte, ich habe nicht nur Erfahrungen in der Prostitution. Ich hab auch mal für ein paar Wochen im Behindertenheim gearbeitet. Und während der Debatte sind mir so viele Bilder von damals wieder aufgetaucht. Wir hatten einen 50igjährigen auf der Station, der hatte seit einem Hirnschlag keinerlei Kontrolle mehr über sein Sprachvermögen (unter anderem). Und das bei vollem Bewusstsein. Greifen ging nicht mehr, essen ging nicht mehr, sprechen ging nicht mehr. Zu dieser Zeit hatte ich einen Flirt mit einem Pfleger auf der Station. Niemand hat das mitbekommen, nur der Patient hat immer gegrinst, wenn er uns beide sah, hat zwischen uns hin- und hergeschaut und die Augenbrauen neckisch hochgezogen. Wir haben uns angelacht und fortan wussten also 3 Menschen von diesem Geheimnis. Aber ich habe mich auch unglaublich geschämt, dass ich einfach so rumlaufen und mich verlieben und das auch ausleben darf, während andere das nicht mehr können. Dann war da noch eine Patientin mit Trisomie 21, die mich dauernd umarmt hat. Ich kannte das nicht von Zuhause, liebevoll angefasst zu werden, und hab gleich erstmal losgeheult. Und jeden Tag hat sie mich auf ihre Hochzeit eingeladen. Sie hat sogar schon Bilder gemalt, von sich und ihrem Kleid und den Luftballons und den Gästen. Wenn man auf die leere Stelle neben der Braut getippt und gefragt hat: „Wo ist denn dein Bräutigam? Wen willst du denn heiraten?“ meinte sie immer leichthin: „Och, das weiß ich noch nicht. Aber bis morgen ist doch auch noch Zeit!“

Heute Morgen hab ich dann endlich klargekriegt, was mich an der Debatte so fertig macht.

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Wenn ZuhälterInnen sich als „SexarbeiterInnen“ ausgeben

Screenshot Al Jazeera Stream

Screenshot Al Jazeera Stream "Should buying and selling sex be a crime?" 09/08/2015

Gestern fand auf Al Jazeera eine Live-Diskussion zur Positition von Amnesty International statt, dass „Sexarbeit“ komplett entkriminalisiert weltweit werden sollte –  inklusive Zuhälterei und Sexkauf. Diese Entscheidung hat weltweit für große Entrüstung gesorgt. Amnesty Schweden hat seither bereits mehr als 1800 Mitglieder verloren. Neben einer Vertreterin von Amnesty durfte die obligatorische „häppy sexwörkerin“ natürlich nicht fehlen.

Als Simone Watson, eine Prostitutionsüberlende von der „Nordic Model in Australia Coalition“ die Verurteilungen von Mary Ellen (Maxine) Doogan wegen Zuhälterei thematisierte, war man sichtlich bemüht, sie schnellstens zu unterbrechen und ihr Unfairness und „Beschimpfung“ anderer Gesprächsteilnehmerinnen vorzuwerfen. Aber ist es nicht absolut relevant für eine solche Diskussion, wenn eine Profiteurin der Sexindustrie sich als „Sexarbeiterin“ ausgibt und sich für ein Politikmodell einsetzt, bei dem Zuhälterei entkriminalisiert werden soll? Und ob das relevant ist!  Insbesondere dann, wenn sie wie Doogan nicht belegte Falschaussagen über das Nordische Modell, welches ihren Interessen als „Geschäftsfrauen“ (und „-männern“) entgegen steht, verbreitet.

Zum konkreten Fall:

Wie „The Examiner“ bereits 2008 berichtete, betrieb Maxine Doogan Ende der 1990er Jahre eine Escort-Agentur („A Personal Touch“) in Seattle und wurde wegen Zuhälterei (hier: „profiting from prostitution“) verurteilt. Zwei ihrer Angestellten sagten aus, dass Doogan von 150 Dollar pro Termin einen Anteil von 50-60 Dollar erhielt (siehe Court Listener).

The Examimer berichtete weiter, dass Doogan vor einem Kammergericht in San Francisco gegen die Veröffentlichung einer WählerInneninformation zu einem neuen Gesetz (Prop. K), von dem ExpertInnen sagten, dass es sehr negative Konsequenzen für prostituierte Frauen haben würde, aber viele Vorteile für ZuhälterInnen und MenschenhändlerInnen mit sich brächte, klagte. Doogan wollte die Information gestrichen haben, dass der Vorschlag die Polizei darin schwächen werde, gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung vorzugehen. Außerdem, dass es die Möglichkeiten der finanziellen Förderung für die Betreuung von Opfern sexueller Ausbeutung verschlechtern werde. Also alles Dinge, die für Frauen in der Prostitution von großem Interesse sind. Wie San Francisco Citizen berichetete, stammte Prop K. sogar aus der Feder von Doogan. Auf ihrem Blog „Bound not Gagged“ forderte Doogan, dass ZuhälterInnen sich „SexarbeiterInnen“ nennen sollten, weil es sich bei ihnen um „Hilfspersonal“ (support staff) handeln würde.

Sie erhielt zudem eine gerichtliche einstweilige Anordnung, nachdem sie ehemalige prostitutierte Frauen, die in einem Theater an einem Stück arbeiteten, schikaniert hatte.

Nachdem Vorwürfe laut geworden sind, dass die Entscheidung von Amnesty International maßgeblich von Douglas Fox, dem Betreiber der größten Escort-Agentur in Großbritannien, mitgestaltet wurde (er bezeichnet sich übrigens auch als „Sexarbeiter“), muss von Amnesty erwartet werden, dass sie sich zu ihrer offenen Zusammenarbeit und Unterstützung mit/von ZuhälterInnen erkären. Sie vertreten offensichtlich deren Interessen und nicht die derjenigen, die tatsächlich in der Prostitution tätig sind. Diese werden jedoch, wie der Umgang mit Simone Watson in der gestrigen Sendung zeigte, nicht ernst genommen, sondern ihre Argumente sollen mit nicht belegten Behauptungen über das Nordische Modell zerstampft werden.