Unsere Störenfrieda des Monats: Roswitha (Hrotsvitha) von Gandersheim

Roswitha von Gandersheim war die erste deutsche Dichterin, die im 10. Jahrhundert lebte.
Sie belebte die Kunst des Dramenschreibens aus der Antike wieder. Ihre Werke, allesamt in Latein verfasst, sprühen vor Witz und Erotik.

Als Kind wurde Roswitha, vermutlich eine sächsische Adelstochter, in den 940er Jahren in das reiche Kanonissenstift Gandersheim gebracht, in dem die Nicht des Kaisers Otto I. wirkte und die Töchter Kaiser Ottos II. Die lese- und schriftkundigen Frauen des Stifts widmeten sich der Herstellung kostbarer Handschriften und beschäftigten sich mit der Kunst der Antike. Roswitha dichtete über die Heiligenlegenden und über die Geschichte der Ottonen, drei Teile umfasst ihr Werk: Das Legendenbuch, das Dramenbuch und einen Band mit historischen Schriften. Todesdatum ist nicht bekannt, vermutlich starb sie in den 970er Jahren.

Nach ihrem Tod geriet sie rasch in Vergessenheit, wurde aber mehrfach „wiederentdeckt“, so vor allem durch den Humanisten Conrad Celtis im 16. Jahrhundert. Dieser nannte sie nach Sappho die „elfte Muse“. Als im 19. Jahrhundert die Forderung nach dem Zugang von Frauen zu Bildung immer lauter wurde, entblödete sich der Wiener Historiker Joseph Aschbach zu behaupten, Roswitha habe nie existiert, sondern sei eine Erfindung Conrad Celtis‘. Seine Begründung: Eine so gebildete Frau mit so viel Sinn für Humor und Erotik konnte es im 10. Jahrhundert nicht gegeben haben.

Die Frauenbewegung entdeckte Roswitha von Gandersheim früh für sich, als ein historisches Vorbild und Teil der Frauengeschichte. Prompt wurde wieder behauptet, Roswitha habe nie gelebt, sei eine Erfindung und ihr Werk sei eigentlich von einem Mann verfasst worden.

Wer übrigens mal subtile Misogynie im Zusammenhang mit Frauengeschichte nachlesen möchte, der sollte sich den Wikipedia Artikel zu Roswitha von Gandersheim durchlesen. Von „übertriebenen Kenntnissen“, von „Anhängern der Frauenbildung instrumentalisiert“ ist da die Rede, so wie von der falschen Einordnung Roswithas durch die Frauenbewegung, die den Vorwurf der Fälschung selbst hervorgerufen haben und der in jüngerer Vergangenheit dann endlich mal die schlaue Geschichtswissenschaft etwas entgegenzusetzen hat. Außergewöhnlich sind demnach nicht ihr Talent und ihr Wissen, sondern sie ist lediglich das Produkt der Gelehrsamkeit der Klöster im 10. Jahrhundert, die es statt ihrer zu bewundern gilt. Dass sie Faust lange vor Goethe in einem Drama erzählte, verschweigt der Artikel ebenso wie den Umstand, dass sie an der Chronik Gandersheim weitreichend mitschrieb, eine für eine Frau bemerkenswerte Tätigkeit, die sonst nur den gelehrtesten Männern vorbehalten war, da das Schreiben der Chronik auch dem Schreibenden ein bleibendes Denkmal setzte. Zufall, dass Wikipedia das verschweigt? Ganz sicher nicht!

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