Unsere Störenfrieda des Monats: Zitkala-Ša

Zitkala-Ša

Gertrude Käsebier via Wikimedia Commons, Public Domain

Die Boarding Schools gehören zum dunkelsten Teil der US-amerikanischen und kanadischen Geschichte, sie stehen am Ende einer langen Geschichte der Vertreibung, des Genozids, der kulturellen Vernichtung und Marginalisierung, die bis heute nachwirkt. Die Yankton-Dakota Zitkala-Ša (Roter Vogel), die als Gertrude Simmons Bonin am 22. Februar 1876 in einem Reservat in Dakota geboren wurde, erfuhr durch ihre Mutter eine traditionelle Erziehung und lernte von ihr die Mythen und Bräuche der Dakota. Ihr Vater war ein Weißer, von dem nur wenig bekannt ist. Trotz der Armung und zahlreicher Probleme erlebte sie ihre Kindheit als sehr behütet und im Einklang mit ihren indigenen Wurzeln. Ihre Kindheit im Reservat beschrieb sie in ihrem ersten Buch „Impression of an Indian Childhood“. Mit 12 Jahren begann sie ein von Quäkern betriebenes Internat für die Umerziehung von indianischen Kindern (also ihre „Anpassung an die weiße Gesellschaft) zu besuchen. Der Kontrast zu ihrer bisherigen Kindheit hätte nicht größer sein können. Die dort angewendten Erziehungsmethoden übten massiven Druck auf die Kinder aus, ihre Herkunftssprache und Herkunftskultur zu vergessen und veränderten die Persönlichkeiten der Kinder grundlegend. Zitkala-Ša schrieb dazu später:

„Es war nahezu unmöglich, die eiserne Routine hinter sich zu lassen, nachdem die zivilisatorische Maschine ihr geschäftiges Tagewerk begonnnen hatte.“

Die Zeit im Internat war für sie traumatisch. Zitkala-Ša schnitt man die Haare ab, ein Akt, den viele indigene Völker Nordamerikas mit tiefer Trauer verbinden. Zitkala-Ša versteckte sich vor den Erzieherinnen, wurde aber dann mit Gewalt dazu gezwungen, ihre Haare nicht nur zu schneiden, sondern abzuscheren. Später verarbeitete sie die Erlebnisse an dieser Schule in dem Buch „The School Days of an Indian Girl“.
Nachdem sie die Schule verließ, fand sie keinen rechten Anschluss mehr an ihre Herkunftskultur. Die Traditionen und Bräuche, ja sogar die Sprache, waren ihr durch die Umerziehung entfremdet. Sie besuchte eine weiße High School, entdeckte ihre Liebe zu klassischer Musik und studierte dank eines Stipendiums am Bostoner Konservatorium Violine, ein zu dieser Zeit ganz und gar ungewöhnlicher Vorgang. Als Soloviolonistin ging sie auf Tour.

Anschließend arbeitete sie als Lehrerin an einer Schule in Pennsylvania, die von einem ehemaligen Armeeoffizier geleitet wurde, der alles „Indianische“ verabscheute. Als Zitkala-Ša das kritisierte, warf man ihr vor, undankbar zu sein. Sie verarbeitete ihre Erfahrungen und Beobachtungen in zahlreichen Kurzgeschichten, die in Zeitungen veröffentlicht wurden, 1901 trug sie in „Old Indian Legends“ die alten Erzählungen der Yankton Dakota zusammen, die ihre Mutter ihr einst erzählt hatte, ein bis heute einzigartiges, ethnografisches Dokument. Wie kaum jemand anderem zu jener Zeit war sie sich des Umstands bewusst, dass Kultur, Sprache und Überlieferungen unzähliger indigener Gruppen in Nordamerika bereits verschwunden waren oder in naher Zukunft verschwunden sein würden, sei es durch Vertreibung, Krieg und Krankheit oder durch Assimilation an die weiße Gesellschaft. Die Boarding Schools sorgten dafür, dass das indianische Erbe verloren ging und sich viele sogar ihrer Abstammung schämten. Zitkala-Ša war es ein Anliegen, so viel wie möglich aufzuzeichnen und zu bewahren. Sie heiratete, bekam ein Kind und unterrichtete Musik in verschiedenen Reservaten.
1913 wurde die von ihr verfasste Oper „Sun Dance“ – eine Anspielung auf den traditionellen Sonnentanz – uraufgeführt, eine einzigartige Verbindung indianischer Erzählkultur und klassischer Musik. Bis heute ist es die einzige Oper, die von einer amerikanischen Indigenen verfasst wurde.

Zitkala-Ša engagierte sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung, 1916 wurde sie Generalsekretärin der Society of American Indians und legte sich in dieser Funktion immer wieder mit dem Bureau of Indian Affairs in Washington an. Sie wurde Redakteurin der Zeitschrift „American Indian Magazine“ und gründete 1921 das „Indian Welfare Committee“. Ihre Erlebnisse als Aktivistin schilderte sie ein Jahr später in dem Buch „American Indian Stories“. Bis zu ihrem Tod 1938 blieb sie eine engagierte Aktivistin, die an der Anklageschrift gegen Staat Oklahoma und dessen „legalisiertem Landraub“ an der indigenen Bevölkerung mit und setze sich für die Verbesserung der indigenen Bevölkerung, insbesondere der Frauen ein.

2000 wurde eine bislang unveröffentliche Sammlung von Kurzgeschichten von ihr entdeckt, die 2015 auch auf Deutsch erschienen:

Roter Vogel erzählt. Geschichten einer Dakota, von: Zitkala-Ša, Palisander Verlag 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.