Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt

Buchcover "Warum hasst ihr uns so?" von Mona Eltahawy

Mona Eltahawy: Warum hasst ihr uns so?, Piper Verlag, 2015

Bereits im vergangenen Jahr hat die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahawy ein Buch geschrieben, das durch die Vorfälle in der Silvesternacht auch in Deutschland eine neue Brisanz bekommen hat: „Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt.“ Die Autorin analysiert, wie sich im Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika Traditionen, Religion und Frauenhass zu einem für Frauen zerstörerischen Gemisch verbinden: Todesstrafen und Peitschenhiebe für Untreue, genitale Verstümmelung, Kinderehen, das Gebot der Verschleierung, das Verbot, Autofahren zu dürfen und der Kult um Jungfräulichkeit und Ehre sind sichtbare Auswüchse der systematischen Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt. Sexuelle Belästigung ist  ein Teil dieser misogynen Haltung – 80 Prozent aller ägyptischen Frauen gaben 2008 schon einmal sexuell belästigt worden zu sein, 60 Prozent aller befragten Männer räumte ein, selbst Frauen zu belästigen. Obwohl Frauen auf dem Tahir-Platz für die Freiheit demonstrierten, waren sie nicht nur Übergriffen durch das Militär, sondern auch durch männliche Demonstranten ausgesetzt, die in „Jungfräulichkeitstests“ gipfelten. 2013 erklärten 99,7 Prozent der ägyptischen Frauen gegenüber einer Umfrage der Vereinten Nationen, bereits sexuelle Belästigung erlebt zu haben.

Die Misogynie in der islamischen Welt geht jedoch sehr viel weiter. Feministisches Bewusstsein entsteht aus Zorn über erlebte Ungerechtigkeit. So war es auch für Mona Eltahawy. Die in Ägypten geborene Autorin verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Saudi-Arabien, einem Land, über das sie schreibt:

Als ich diesem Land im Alter von 15 Jahren ausgeliefert war, trieb mich mein Trauma in den Feminismus  – anders lässt es sich nicht ausdrücken. Denn wer in Saudi-Arabien eine Frau ist, ist die wandelnde Verkörperung der Sünde. Das Königreich huldigt unbeeindruckt einem misogynen Gott […]

In verschiedenen Kapiteln beschäftigt sie sich mit Themen wie der Verschleierung, dem Kult um die Jungfräulichkeit, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, die Verbannung der Frau in die häusliche Sphäre und unter die Dominanz von Männern und endet mit einem Aufruf an die Frauen in der islamischen Welt, für ihre Freiheit zu kämpfen.

Mona Eltahawy widmet sich den unterschiedlichen Entwicklungen im Jemen, in Ägypten, in Libyen, Algerien, Syrien, Saudi-Arabien, Marokko und Tunesien und zeichnet so ein sehr umfangreiches Bild über die Lage der Frau in diesen Ländern. Der Kult um Jungfräulichkeit und Ehre im Zuge des Erstarkens des religiösen Fundamentalismus führen zu einer für Frauen gefährlichen und nachteiligen Situation. Scham und Angst verhindern häufig, dass die Frauen sich wehren. Werden sie beispielsweise Opfer einer Vergewaltigung, kann die Polizei sie zu erniedrigenden „Jungfräulichkeitstests“ zwingen oder dazu, ihren Vergewaltiger zu heiraten. So gibt es kaum eine Möglichkeit, sexuelle Gewalt zu ahnden, die Schuld wird zumindest im gesellschaftlichen Bewusstsein allein den Frauen zugesprochen. Gleichzeitig gibt es auch Hoffnung: saudi-arabische Frauen, die gegen das Fahrverbot protestieren, ägyptische Männer, die die sexuelle Gewalt auf den Straßen nicht hinnehmen wollen, Kiss-ins in Marokko und eine Vielzahl muslimischer Schriftstellerinnen, die laut Kritik üben und die von Eltahawy ausgiebig zitiert werden.

Im Zusammenhang mit der Verschleierung zitiert sie etwa die marokkanische Feministin Fatima Mernissi, die die entsprechende Stelle im Koran ganz anders interpretiert, als es heute üblich ist. Für sie ist der Schleier eine Trennung der Familie des Propheten von den zahlreichen Besuchern im Haus, keine Grenze zwischen den Geschlechtern.  Die für Frauen nachteilige Auslegung des Korans wird von fundamentalistischen Geistlichen und Politikern vorangetrieben, es geht um die fast schon zwanghafte Kontrolle über den weiblichen Körper.

Mona Eltahawy beschreibt, wie sie auch anhand der eigenen Familienfotos verfolgen konnte, wie sich ab den 1970er Jahren immer mehr Frauen in Ägypten verschleierten. Ein Grund dafür ist in ihren Augen, dass viele Ägypter nach 1967 in Saudi-Arabien arbeiteten und von dort fundamentalistische Überzeugungen mitbrachten. Sie selbst entschied sich für den Schleier als Teenager, weil sie hoffte, er würde sie vor sexueller Belästigung beschützen. Lange war sie eine Verfechterin der Wahlfreiheit, der Ansicht, dass Frauen auch mit Schleier selbstbestimmt und frei sein können – eine Haltung, die sie inzwischen revidiert hat:

Der Schleier, ob Hidschab oder Niqab, ist die weiße Flagge, die wir schwenken, da wir uns den Islamisten und ihrem Konservatismus ergeben.

Und weiter:

Wer behauptet, das Tragen eines Niqab sei ein feministischer Akt, führt den Feminismus ad absurdum.

Eindrücklich beschreibt sie, mit wie viel Scham und Zweifeln das Ablegen des Schleiers verbunden war, dass sie aber dennoch erkannt hatte, dass dies der einzige Weg war, um sich zu behaupten. Solange sie ihn trug, spielte es keine Rolle, ob sie es freiwillig tat, denn sie hatte keine Kontrolle darüber, wie andere das Tragen interpretierten.

Die ganze Verlogenheit der Unterdrückung der Frau und der Angst vor ihrer Sexualität in arabischen Ländern wird offenbar, wenn das Ausmaß der beiläufigen und allgegenwärtigen sexuellen Belästigungen durch Männer durch das mutige Aussprechen von Frauen wie ihr zu Tage tritt. Auf ihrer eigenen Pilgerfahrt nach Mekka wurde sie bei der Umrundung der Kabaa gleich mehrfach betatscht – ein verstörendes Erlebnis.

Mona Eltahawy ist sich durchaus bewusst, dass ihre Kritik Wasser auf den Mühlen der westlichen Rechten sein kann, und erinnert deshalb daran, dass westliche Länder genug eigenen Frauenhass produzieren, sie kritisiert aber ebenso die privilegierte Blindheit der Linken, die aus Angst vor Rassismus jede Kritik an der Misogynie im Islam zum Schweigen bringen wollen. Sie betont, dass sie nicht von westlichen Feministinnen „gerettet“ werden will, sondern die eigene Kritik der muslimischen Frauen an den Verhältnissen bestärken möchte, denn nur diese können Veränderungen anstoßen, von innen heraus. Mit großer Sachkenntnis und sprachlicher Genauigkeit beschreibt sie die Situation der Frauen in der arabischen Welt, ohne ihre Wut über die anhaltende Unterdrückung einer falschen Sachlichkeit zu opfern.

Was Eltahawys Buch von anderen Kritikerinnen des Islam unterscheidet, ist, dass sie sich als Muslima in der islamischen Welt sehr gut auskennt, dass ihre journalistische Tätigkeit sie in Kontakt mit ganz verschiedenen Frauenschicksalen in den arabischen Ländern gebracht und sie dafür eintritt, nicht den Koran selbst zu verurteilen, sondern nur seine frauenfeindliche Interpretation. An vielen Beispielen zeigt sie, dass auch andere, für Frauen positivere Deutungen möglich wären.

Eltahawys Buch sei all jenen an das Herz gelegt, die sich in Folge der Silvesternacht mit der Frauenfeindlichkeit im Islam beschäftigen, die voreilige Schlüsse ziehen und Ratschläge geben wollen. Ein aufrüttelndes, mutiges und erschütterndes Buch einer leidenschaftlichen Freiheitskämpferin, die schonungslos auch ihre inneren Kämpfe gegen Scham und Erziehung offenlegt und damit zu einem mutigen Vorbild für andere Frauen wird. Das Patriarchat der arabischen Welt bedarf einer Revolution durch muslimische Frauen. Ihnen ist Eltahawys Buch gewidmet:

Für die Mädchen in Nahost und Nordafrika. Seid unanständig, seid rebellisch, übt keinen Gehorsam und wisst, dass ihr es verdient habt, frei zu sein.

Das Buch ist unter anderem hier erhältlich.

8 Kommentare

  1. „Mona Eltahawy ist sich durchaus bewusst, dass ihre Kritik Wasser auf den Mühlen der westlichen Rechten sein kann, und erinnert deshalb daran, dass westliche Länder genug eigenen Frauenhass produzieren, sie kritisiert aber ebenso die privilegierte Blindheit der Linken, die aus Angst vor Rassismus jede Kritik an der Misogynie im Islam zum Schweigen bringen wollen.“

    Das ist exakt das, was mich seit vielen Jahren in der Diskussion zum Verzweifeln bringt. Ich bin selbst aufgewachsen mit rassistischen Beschimpfungen gegen meine Mutter und hab gleichzeitig erlebt, wie sie in ihrem Sumpf von den „liberalen“ Linken in ihrer Umgebung hängengelassen wurde, weil Leid und Unfreiheit der Frauen als „Kultur“ gedeutet wurde, in die man sich nicht einmischt, selbst wenn die Hilfesignale deutlicher nicht sein könnten, nur nicht so weit gehen können laut „Hilfe“ zu schreien, weil sie sonst noch mehr Schläge bekommen hätte.

    Es ist ein Zwiespalt, in dem man von Außen da steckt. Aber eines ist sicher: So zu tun, als lasse die Mehrheit der muslimischstämmigen Einwandererfamilien (und auch andere) ihre Töchter nicht in einer Blase aufwachsen, in der die alten Traditionen volle Gültigkeit haben, hilft niemandem und ist auch nicht antirassistisch. Im Gegenteil, es ist positiver Rassismus, da zu schweigen. Es überidalisiert das Fremde und ignoriert dabei faschistische Verhaltensweisen und Einstellungen beim „anderen“. Es sind die Traditionen, die von Religionsstiftern übernommen und dann kristallisiert werden, womit sie schwerer wandelbar werden… aber es ist _nicht_ die Religion selbst aus der die viel älteren und oft selbst die Religion übertrumpfenden antifreiheitlichen und frauenverachtenden Traditionen stammen.

    Mich kotzen die regelmäßigen Hinweise an, die in etwa immer so gehen:
    – „Man darf nicht generalisieren.“
    – „Die können sich selber retten.“ Wer spricht von retten, wenn die Rahmenbedinungen für die Regeln hier für ihre Männer als „nicht verhandelbar“ ettiketiert werden? Durchsetzen müssen sich die Frauen dann noch immer selbst, aber wir dulden dann wenigstens keine gender-faschistische Einstellung mehr, als „normal“, weil „kulturell bedingt“ und „nicht so gemeint“.
    – „Die Lifestyle-Mathestudentin, Poetry-Slamerin und antirassistische Aktivistin Fatima xy aus Berlin sagt: Es gibt keine Frauenfeindlichkeit im Islam.“ (Ähh ja… genauso wenig wie im Christentum… )
    – „ZUERST müssen ALLE unsere bestehenden und verdrängten Probleme mit Gewalt gegen Frauen und Sexismus gelöst werden, bevor wir _überhaupt_ was über die bei Einwanderergruppen sagen dürfen.“
    – etc., etc.

    Dabei gibt es seit vielen Jahren in Deutschland muslimische Reformer*innen, die sich äußerst kritisch mit den heute verbreiteten Auslegungen islamischer Schriften auseinander setzen und wir LINKEN sind so gut wie nie an ihrer Seite. Stattdessen protzen sich dort die Konservativen breit… und, das nicht etwa weil sie Frauenrecht interessieren.

    Warum sind wir nicht an ihrer Seite? Weil sie Dinge sagen, die unsere coole „Antifa-Alles-Wird-Gut-Sozialromantik“ und gefährden könnten. Dinge, die alles irgendwie verdammt kompliziert machen. Dinge, die klarmachen: Mist… viele unserer Flüchtlinge und Zuwanderer kommen aus Ländern mit antifreiheitlichen und antifeministischen Traditionen und können leider ihr gesamtes Denken nicht einfach so mir nix dir nix ablegen. Es mag genügend geben, die aus sozioökonomischen Schichten kommen, die Frauen als freie Wesen unterstützen und etablieren wollen, auch viele Männer. Aber, wir können froh sein, wenn das die Hälfte betrifft. Mit dem Rest werden die die gleichen oder noch schlimmere Entwicklungen erleben, wie mit den türkischen Zuwanderern aus vorwiegend ländlichen Gebieten mit geringer Bildung, die zu uns kamen: Die Mädchen werden in einer Blase aufgezogen, in der die Tradition und das was die Community über sie „redet“ gilt und nicht, was die Lehrer*innen oder das Grundgesetz sagen. Diese Art von Integration fand vielfach nicht statt, weil wir Linken ein Sprech- und Denkverbot in dieser Richtung erlassen haben. Wir verteidigen bestimmte Dogmen wie eine Art Religion, die es unmöglich machen, offen zu kritisieren ohne Rassimus- oder Generalisierungsvorwurf.

    Die Mädchen, die es trotz all dessen geschafft haben, können wir _nicht_ als Gegenbeweis hernehmen. Sie haben es _trotz_ unserer feigen Haltung geschafft. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatten oft Glück: Mit einigermaßen zugänglichen Eltern, mit einer Lehrer*in aus dem gleichen Kulturkreis, die Zugang gefungen hat oder einer Community, die die Eltern nicht zu sehr unter Druck setzte, wenn das Mädchen seinen eigenen Weg gehen wollte und sich das Kind so nur gegen seine Eltern und nicht gleich gegen das gesamte soziale Netz (das bei kollektivistischen Gesellschaften krass viel Einfluss hat) kämpfen musste.

    Wir müssen umdenken. Dringend! Und, offen zu sein, heißt nicht zueb generalisieren. Es heißt aber auch nicht, jedem vorzuschreiben, was er wie zu interpretieren und zu denken hat, wie der größte Oberlehrer, den man sich vorstellen kann. Angst vor dem Fremden ist nicht „krank“ und nicht „unnormal“. Es ist ein stinknormaler evolutionär bedingter Instinkt. Der kann überwunden werden und hat mit Rassismus erstmal nicht viel zu tun, sondern nur mit Angst vor Unbekanntem. Das ist ein großer Unterschied. Diese Angst kann man nicht per besserwisserischem Dekret wegdiktieren, sondern es braucht Schnupper und Gewöhnungszeit. Und, völlig klar ist: Wer in eine fremde Umgebung kommt, hat eine Bringschuld, die sich auf die Offenheit und den Respekt gegenüber den dort vorherrschenden Sitten und Gewohnheiten bezieht. Wer diese mitbringt, verdient dann auch Offenheit von der zuvor dort ansässigen Bevölkerung. Erst wenn DAS aufgrund von bleibenden Ressentiments ausbleibt, sind diese Menschen dafür zu kritisieren. Ebenso sind sie zu kritisieren, wenn sie durch ihre feindselige Haltung von Beginn an, eine Integration unmöglich machen, bzw. Neuankömmlinge abschrecken. Aber auch dann, sind sie erstmal nicht mit Belehrungen und Abwertungen zu kritisieren, sondern mit Fingerspitzengefühl heranzuführen. Das Fremde löst seit Urzeiten Vorsicht und Angst aus. Das ist okay, solange das nicht so bleibt, wenn beide Seiten sich bemühen.

    BEIDE Seiten! Mich nervt die linke Attitüde der deutschen Bringschuld gegenüber allem und jedem NUR NOCH. Und… ich glaube, das geht inzwischen vielen so. Links verliert komplett sein Ansehen und jeglichen Einfluss, wenn es da nicht umdenkt.

    Sich bei antifreiheitlichen Traditionen und zum Teil offener Abwertung unserer Werte bei Neuankömmlingen komplett rauszuhalten ist nichts als Feigheit. Und, die coolen toleranten Reden sind sogar manchmal, scheint mir, nichts als Selbstdarstellung, die/der coolste antifaschistische Linke in der _eigenen_ Peergroup zu sein.

    Den Frauen und ihren Nachkommen hilft all das kein bisschen. Es hilft nur den alten Traditionen. Und, den eben zum Teil noch patriarchalen Männern, als jene, mit denen wir uns eh schon die ganze Zeit rumschlagen, in Partnerschaften, Chefetagen, politischen Ämtern und in der Presse. Überall.

    Das ändert nix daran, dass es eben noch eine zusätzliche Packung mehr zu tun gibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

  2. Nachtrag: „Sex und die Zitatelle“ und „Das rote Band der Sexualität“ sind in dem Zusammenhang ebenso empfehlenswert, wie das oben zurecht gelobte Buch von Mona Eltahawy. Aber… vielleicht wurden die hier ja auch schon irgendwo besprochen. Hilft enorm gegen linke Scheuklappen ohne undifferenzierte Bilder „von Außen“ zu malen. Und, so bleibt zurecht die Frage: Warum stehen nicht _Linke_ an der Seite dieser Frauen?

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gastbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    Warum lässt ausgerechnet das linke Bürgertum muslimische Reformer*innen, die antifreiheitliche Traditionen offen benennen und kritisieren derart hängen, wie Schrimbeck oben im Artikel zurecht fragt? Wären wir doch in deren Ländern, die ersten die dazugehören würden. Doppelmoral gibts also nicht nur beim rechtskonservativen Bürgertum, was „Feminismus“ angeht. Es gibt ihn zuhauf und in meinen Augen _besonders_ auch unter jungen, linken Feministinnen oder solchen aus dem bildungsbürgerlichen Umfeld.

  3. (PPS: „Das rote Band der Sexualität“ ist der Zeit-Artikel zu „Marjams Geschichten“)

  4. Ganz genau so wie Susanna dies beschreibt, sehe ich es auch.
    Es fehlt bei allen Diskussionen die generelle Empathie gegenüber gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen. Es ist eben NICHT Entweder-/-Oder, Gewalt Hier-/ oder Dort, sondern wie wir wissen, an beiden Orten zugleich. Bei uns ist die Gewalt gegen Frauen vielleicht subtiler und versteckter, aber eben genauso vorhanden und zu bekämpfen. Zuerst und überall muss einmal eine Frau als weiblichen Menschen, mit eigenen Rechten wahrgenommen werden, und nicht nur als Ware oder Anhängsel.
    Gewalt gegen Frauen ist ein feiges und abscheuliches Delikt, und das Wegsehen ist genauso feige. Gewalt macht Frauen sehr sehr einsam.

  5. Ich habe am 13.01.2016 folgenden Kommentar zu einem Beitrag von Henryk M. Broder verfasst. Nicht weil ich Broder so sehr mag, verweise ich darauf, sondern weil sogar er als mindestens Beschneidungsverharmloser sich offenbar mit dem Thema auseinanderzusetzen beginnt.

    Kommentar: „In ihrem Beitrag zu Köln (RP-Online) verwendet Necla Kelek zwei mal die Wendung von den “verlorenen Söhnen”. Es ist der Titel ihres gleichnamigen Buches, welches sich mit den Ursachen der muslimischen Gewaltkultur befasst. Als eine wesentliche Ursache benennt Necla Kelek darin die Beschneidung des männlichen muslimischen Kindes.

    Dieser Einschätzung schließe ich mich an. Ich halte die Genitalverstümmelung des männlichen Kindes, die gerade bei der muslimischen Beschneidung, die im bewussten, erlebnisfähigen Alter geschieht, für den Anfang von allem. Dort beginnt die Saat der Gewalt und dort wird sie festgeschrieben.

    Wer die Gewaltkulturen ändern will, muss die Genitalverstümmelung des männlichen Kindes verbieten. Dies gilt für die ganze Welt und dies gilt für die Zielsetzung einer erfolgreichen Integration von Muslimen hier in Deutschland.

    Selbstverständlich kann dann auch die jüdische Beschneidung nicht erlaubt bleiben. Wir müssen uns also die Frage vorlegen, ob wir die Menschenrechte konsequent durchsetzen wollen oder nicht. Und wenn nicht, brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn wir selbst Opfer genau dieser Menschen werden, denen wir die Menschenrechte nicht zugestehen wollen. Wem wir sogar hier in Deutschland den körperteilamputierenden Übergriff in den Genitalbereich als Kind(!) zumuten, von dem können wir nicht erwarten, dass er die körperliche Unversehrtheit und die sexuelle Selbstbestimmung anderer zukünftig achtet. Der wird den Wert, den unsere Rechtsordnung mit § 1631d BGB an ihm legt und in ihn einschneidet, durch sein Leben weitertragen.“
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/kommentare/die_beschaffenheit_der_frau#49605

    Auch Mona Eltahawy hat die „genitale Verstümmelung“ im Blick. Ich fürchte allerdings nur die weibliche.

    Die Genitalverstümmelung des männlichen Kindes ist Etablierung, Festschreibung und Weiterleitungsgrundlage des gewaltbasierten, sexuell übergriffigen und besitzergreifenden patriarchalen Machtanspruches. Ohne die Beseitigung der Genitalverstümmelung des männlichen Kindes kann es daher auch keine Gleichberechtigung der Frau geben.

    Ich möchte daher zu einer Zusammenarbeit diesbezüglich anregen.

  6. Silvia Kolios

    ich habe nun viel gelesen.
    seit 59 Jahren lebe ich hier. ich war viel auf reisen. Zugegeben immer mit Taschengeld – Urlaubsgeld. Ein Land gibt es, da will ich nie wieder hin. Tunesien. Auch in Indonesien war es nicht einfach – aber möglich. In Tailand und Malaysia habe ich mich akzeptiert und wohl gefühlt – als Frau. Wie sieht es mit der Doktrin, der Religion in diesen Ländern aus?
    Buddismus, Hinduismus oder ??? das was in Tunesien und durchaus auch in anderen Teilen unserer gemeinsamen Welt als Islam gelebt wird?
    Es geht hier nicht um uns Frauen, auch nicht um Gott oder ALLah. Da ist gründlich was schief gelaufen. Dafür sind die Männer verantwortlich, die heute noch Mitgift und Kamele mit Hotels und Touristinen verrechnen.

  7. Susanna,was erwartest Du als Feministin von einer Linken,die sich im Nachkriegsdeutschland heranbildete und die in den ach so „flotten“ Endsechziger-/Siebziger- Jahren das fundamentalistische Credo hatte von „der Frauenproblematik als Nebenwiderspruch“,der aufzulösen wäre,wenn erst der Kapitalismus besiegt wäre. – Ich weiß,wovon ich als Frau rede;hatte leider nur allzutiefe Einblicke in diese Art „linker“ Denke. Man war als Frau/Ehefrau/Mutter auch hier wieder nur halbmenschliche Nebensache,Hauptsache man hat gemäß dem traditionell geprägten Frauenbild nur schön gespurt und malocht;das liebt auch der „linke“ Mann. Den Vorwurf der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft und Lebensenergie hätte er entrüstet von sich gewiesen. – Ich kann mit der Klassifizierung „links“ eh nicht mehr viel anfangen,weiß aber,dass die politisch etablierte Linke (und die Grünen) nicht auf meiner Seite als Frau steht,man bedenke nur die beschämende Prostitutionsdebatte.

  8. Karla Kekz

    Das liest sich sehr interessant und macht neugierig auf das Buch. Dennoch bin ich über einen Satz gestolpert, zu dem ich meine Gedanken mitteilen möchte.
    „An vielen Beispielen zeigt sie, dass auch andere, für Frauen positivere Deutungen möglich wären.“
    Ich kann den Drang der Frauen verstehen, etwas Positives deuten zu wollen. Allerdings ist es mir als radikale Feministin (Radix = Wurzel) lieber, an die Ursachen zu gehen. Kluge Frauen haben die Frauengeschichte bereits gut aufgearbeitet und entschleiert. Ich finde es schade, dass dieses Wissen immer wieder verschüttet wird. So gehört bspw. „Reiligion“ – und ich setze es bewusst in Anführungszeichen, denn eigentlich ist es politische Theologie – zu den Grundmechanismen des Patriarchats, um Frauen nach und nach zu unterwerfen. Frau kann sich solcher misogynen Mechanismen nicht „positiv“ bedienen, denn sie sind bereits im Kern vergiftet.

    Ich kopiere hier mal einen Text von mir, in dem ich versuche dies hauptsächlich am Bsp. des Christentums zu verdeutlichen. Das lässt sich aber auch auf andere „Religionen“ übertragen:

    Das Problem an den monotheistischen Religionen (als auch am Hinduismus und Buddhismus) ist halt der Ursprung, die Wurzel, aus der heraus sie entstanden sind, und dem entsprechend halt auch das Warum; und dies ist schlichtweg die Entstehung und Zementierung des Patriarchats. Dies ist durch wiederkehrende Aspekte gekennzeichnet, wie die Verdrängung/Umdeutung und damit Auslöschung der frauenzentrierten Aspekte. Ein solcher Aspekt ist auch die „Kopfgeburt“ bzw. das Klonen, was der gänzlichen Auslöschung des Mutteraspektes entspricht. Diese anfänglichen Manifestierungen des Patriarchats finden sich schon bei den alten Griechen:

    Dionysos wurde bspw. von Zeus geboren. Und zwar hatte Dionysos‘ Mutter Semele (bereits schwanger von Zeus) Zeus in seiner wahren Gestalt sehen wollen, um zu überprüfen, ob er wirklich er selbst sei. (Man könnte hier feststellen, dass die Frau die Vormachtstellung und Berechtigung des GötterVATERS anzweifelte und nach dem wahren Selbst fragte. Sie könnte damit also die große Lüge des Patriarchats, die unaufhörlich durch derartige Mythen aufrechterhalten werden muss, angezweifelt haben.) Zeus zeigte sich daraufhin in seiner wahren Gestalt als Blitz und verbrannte Semele dabei. (Allein dies ist wieder ein zutiefst patriarchaler und lebensfeindlicher Aspekt.) Das Kind in Semeles Leib wurde von Hermes gerettet und in Zeus‘ Schenkel eingenäht, wo Zeus das Kind drei Monate lang austrug. Damit wird eindeutig die Mutterrolle verneint (die Mutter wird getötet) und der lebensgebärende Aspekt auf den Mann, den Schöpfer übertragen.

    Ein weiteres Bsp. ist Athene. Sie wurde aus dem Kopf des Zeus geboren, nachdem dieser ihre Mutter Metis aufgefressen hatte, weil es hieß, sie brächte ein Kind zur Welt, das Zeus ebenbürtig sei. Zeus tötete wieder die Mutter, aus Angst, seine Vormachtstellung und Berechtigung zu verlieren (siehe meine Anmerkung oben). Athene, als Zeus‘ „Hirngespinst“, verhielt sich dementsprechend dann auch als des Vaters Tochter, die diese HERRschaft stützte.

    Und genauso verhält es sich auch bei Jesus, nur subtiler, denn das Patriarchat hat inzwischen dazugelernt und die Methoden verfeinert, die Lüge aufrecht zu erhalten. Ich formuliere das jetzt sehr spitz und weiß, dass ich mir damit jetzt wohl wenig Freunde mache:

    Gott, der Vater, will einen Sohn. Er sucht sich Maria als das Gefäß dafür. (Maria – die ohnehin nicht wirklich gefragt wird, aber selbst wenn – kann nicht nein sagen, da sie bereits vor ihrer Geburt heiliggesprochen und ihr das Himmelreich zugesichert wurde. Sie kommt also auf die Welt und hat ihre Kreditkarte schon überzogen und „schuldet“ diesen „Gefallen“. Damit war es Zwang und kann mit Vergewaltigung verglichen werden.) Und da geschrieben steht, dass der Vater und der Sohn identisch sind, ist der Sohn ein Klon. Sohn und Vater lieben sich so innig, sprich Gott liebt sich selbst so dermaßen, dass daraus der heilige Geist erwächst. Dieser heilige Geist, also die Selbstliebe Gottes ( = Narzissmus), „befüllt“ das Gefäß Maria mit dem Sohne/Klon. Ein zutiefst patriarchaler Mythos, der die Mutter zwar nicht körperlich aber geistig tötet sowie den parthenogenetischen Aspekt der Göttin und der Natur (Entstehen von Leben aus sich heraus ohne Zutun) durch diese Jungfrauengeburt ad absurdum führt und auslöscht, weil ja der Heilige Geist „etwas beisteuert“/„das Gefäß Maria befüllt“/mitmischt. (Gleichzeitig wird damit die Unterwerfung der Frau und der Natur gerechtfertigt. Denn es braucht ja immer einen Schöpfer, der mitmischt. Ich erinnere hier an Leihgeburt, Klonen, Genveränderung, Fracking, etc., die alle nur logisch weiter gedachte Formen dieses Aspektes sind.)

    Dazu kommt, dass die Gestalt des Jesus bewusst so beschrieben wird, dass er eher als androgyn bzw. weniger maskulin/herrisch erscheint, damit sich v.a. Frauen ihm anvertrauen und ihm folgen. Damit ist es eine süße Verführung der Frauen dem Patriarchat zu folgen. (Diese Phänomen findet sich schon damals bei der Charakterisierung des Dionysos.)

    Und weil das alles nicht lebensverneinend genug ist, tötet der Vater seinen Sohn, um dann nochmals gänzlich ohne Frau – weder als Mutter noch als „Gefäß“ – (wieder)geboren zu werden; sprich die komplette Auslöschung des Weiblichen aus dem Schöpfungs-/Geburtsvorgang. Dabei steht das christliche Kreuz als totes Stück Holz, an dem eine Leiche hängt, symbolisch für den getöteten Lebensbaum der Heiden. Ein weiterer patriarchaler und nekrophiler Aspekt findet sich im Vampirismus, der sich im symbolischen Trinken des Blutes Jesu und dem Verspeisen seines Leibes zeigt. Das Wort wurde zu Fleisch! Es ward Patriarchat!

    Diese Erklärungen stammen übrigens nicht von mir, sondern können bei Mary Daly ausführlich nachgelesen werden. Die „religiösen“ Mythen sind durchzogen von Frauen-, Mutter- und Göttinnenmord. So wurde die sumerische Göttin Iahu, deren Name „erhabene Taube“ bedeutet, was auch ihr Symbol war, zu Iahwe, der das Symbol teilweise übernahm und den weiblichen Aspekt trotz angeblicher Geschlechtslosigkeit auslöschte (Ansprache mit „Herr“). Gerda Lerner zeigt in „Die Entstehung des Patriarchats“ sehr schön, wie weibliche Göttinnen zunehmend männliche Götter an die Seite gestellt bekommen, dann mit diesen gleichgesetzt und dann von ihnen verdrängt werden, während gleichzeitig die Gesetzestexte immer stärker zum Nachteil der Frauen ausgelegt werden. Kirsten Armbruster verfolgt die Geschichte noch weiter zurück als Gerda Lerner und zeigt, wie „Reiligion“, also politische Theologie, zunehmend eigentliche Religion verdrängt und so patriarchale Strukturen etabliert werden – einhergehend mit der Abwertung der Mutter und dem Auflösen der matrifokalen Clans.

    Was ich mit meiner Darstellung nicht will: Jemanden vor den Kopf stoßen oder Gläubige in ihren Motiven anzweifeln/kritisieren/… Jeder Mensch bleibt schlussendlich Individuum und kann trotz einer Konfession menschlich handeln.
    Was ich mit meiner Darstellung will: Die Mechanismen des Patriarchats und die Fallen aufzeigen und reflektieren (und Leseanregungen geben). Denn viele dieser Mythen sind uns leider schon in Fleisch und Blut übergegangen, so dass selbst Atheisten diese verinnerlicht haben und weitertragen. Das ist der Grund, warum ich die Diskussion auch weniger auf einzelne Konfessionen bezogen verstanden haben möchte, sondern eher ganzheitlich. Die heutigen (Welt-)Religionen sind Teil, Mittel zum Zweck, Werkzeuge und Spiegelungen. Sie sind nicht die Wurzel, aber sie wurzeln aus dem Auslöschen der integrativen mütterzentrierten Ordnung und der Sicherung des Patriarchats, das sich von Anfang an des Mittels/Werkzeuges der „Religion“ bediente. So ein Werkzeug kann frau m.M.n. nicht positiv umdeuten. Ich liebe nicht die Peitsche, die mich schlägt oder die Knebel, die mich fesseln. Eine „positive Umdeutung“ – so nachvollziehbar und verständlich ich diese Reaktion finde – ist nichts anderes als Verschleierung/Beschönigung/Selbstbetrug.

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