Willkommen im Freierparadies Deutschland

Hamburg St. Pauli Reeperbahn

By Moros (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Es war eine aufregende Woche im Kampf gegen Prostitution.  Am vergangenen Montag wurde in Kanada das Sexkaufverbot – Bill C-36 im House of Commons mit 156 zu 124 Stimmen beschlossen. Jetzt muss der Gesetz nur noch durch den Senat. Am Sonntag erreichte die Prostitutionsüberlebende Rosen Hicher nach einem 800 Kilometer Marsch die französische Hauptstadt Paris, wo sie von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt wurde. Es bewegt sich etwas auf der Welt, gegen Prostitution, gegen eine überkommene und menschenfeindliche Insitution.

Nur Deutschland tut sich wie üblich schwer. In den kommenden Tagen wird hier wohl ein Gesetz beschlossen werden, dass in typisch deutscher Manier am besten mit „Regulierung“ überschrieben werden kann. Die Regierungskoalition hat unter dem Druck der vergangenen Monate keine andere Wahl, als sich irgendwie mit Prostitution zu beschäftigen – wenn auch nur widerwillig. Deshalb wurden zu den Anhörungen im Bundestag auch nur solche „Expertinnen“ eingeladen, die sich dezidiert für Prostitution aussprechen. Der Rest blieb – trotz Protesten ungehört. Aber Deutschland verwaltet eben gerne. Wir verwalten die Armut in Form von Hartz IV, den Krieg in Form von Waffenlieferungen und schönen Worten und unseren eigenen Rassismus in Form von kaum verhohlener Fremdenfeindlichkeit und Deutschtümelei, warum also nicht auch die Prostitution.

Wie üblich in Deutschland werden dabei die hässlichen Seiten schön geredet oder als gesellschaftliche Normalität achselzuckend abgetan. Dafür haben wir hier auch eine ganze Reihe wundervoller Institutionen. Allen voran die Stiftungen. Dass in Deutschland rund 400.000 Frauen der Prostitution nachgehen, weil sie ansonsten im viel gepriesenen Europa keine Chance zum Überleben haben – in den Augen vieler ein Akt der Menschenfreundlichkeit und Großzügigkeit. Wer sich angesichts ökonomischer Alternativlosigkeit dafür entscheidet, macht das unter der Überschrift freiwillig. Dass mittlerweile unabweisbar belegt ist, dass die legale Prostitution der Grund dafür ist, dass Menschenhändler Deutschland als eine Art El Dorado betrachten, wird dabei getrost ignoriert, lieber wird schnell anhand einiger Berufsintellektueller – natürlich vor allem Frauen, wegen der Glaubwürdigkeit – Prostitution umgedeutet. Sie ist wechselweise Ausdruck einer befreiten Sexualität und Selbstbestimmung – auch wenn es allein die Männer sind, die den Diskurs um Preise und  Praktiken – oder gleich ein Dienst an der Gesellschaft. Während in Deutschland Pflegenotstand herrscht, fördert die Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Film, in dem drei behinderte Männer das Glück ihres Lebens durch bezahlten Sex finden und  Nina de Vries anschließend dem irritierten Publikum von ihrer Arbeit an schwerstbehinderten Männern erzählt, in der sie Sex an wehrlosen Patienten – nur männlichen natürlich – vollzieht und deren Orgasmus als nachträgliche Zustimmung interpretiert. Man muss sich das vorstellen – da liegt ein hilfloser Mensch, seiner körperlichen Selbstbestimmung durch Krankheit oder Alter beraubt, und dann nähert sich eine Frau, der von Familien und Pflegepersonal erlaubt wird, an diesem Körper sexuelle Handlungen vorzunehmen. Die Erektion ist ein Zeichen der Lust – und damit der Zustimmung. Dass dieser Mensch gerne selbst über sein Intimleben bestimmen möchte, wird getrost ignoriert, den entwürdigenden und übergriffigen Charakter dieses Aktes der Grenzüberschreitung  schiebt man bei Seite, um die wohltätige Seite der sexuellen Dienstleistung hervorzuheben. Prostitution – ein karitativer Akt am Nächsten – das ist wohl der Gipfel der zynischen Umdeutung der letzten Monate und steht in bester Gesellschaft mit dem Blödsinn, der auf dem Böll-Blog zum Thema Prostitution zum Besten gegeben wurde.

In Deutschland wird es also bald ein neues Prostitutionsgesetz geben – es wird Prostitutionsschutzgesetz heißen, und macht damit schon im Namen deutlich, dass es offensichtlich etwas zu schützen gibt, was genau bleibt offen – die Prostituierten sind es nicht, näher liegt, dass es ein Gesetz zum Schutz der Institution Prostitution ist, die doch in den vergangenen Monaten einen argen Imageschaden erlitten hat – und dieses Gesetz wird die Prostitution, ein seit 12 Jahren unkontrollierter Apparat aus Armut, Ausbeutung, Gewalt und Ungleichheit, ein wenig regulieren. Es wird vermutlich ein Mindestalter geben – Prostitution ist dann erst ab 21 legal, es wird verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen, vermutlich eine Meldepflicht für Prostituierte und Auflagen für Bordellbetriebe geben. Das Mindestalter ist aktuell noch ein Streitpunkt – es wird argumentiert, dass damit Prostituierte unter 18 in die Illegalität getrieben werden. Korrekt ist: Mit einem Mindestalter machen sich all jene strafbar, die von einer unter 21jährigen Prostituierten profitieren oder Sex von ihr kaufen, nicht die Prostituierte selbst. Praktiken wie Flatrate-Sex und Gang-Bang-Parties sollen verboten werden und vorbestrafte Menschenhändler dürfen keine Bordelle mehr eröffnen.  Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hat verfassungsrechtliche Bedenken beim Mindestalter, weil man ja mit 18 volljährig ist und sich damit bitte schön auch freiwillig prostituieren darf. Was sie dabei vergisst: Nicht wenige Berufe sind an ein Alter gebunden, weil man damit eine gewisse persönliche Reife und ein größeres Verantwortungsgefühl voraussetzt – Kraftfahrer zum Beispiel oder Menschen, die Personen befördern. Auch die Kondompflicht sieht sie kritisch – und bläst damit in das Horn der Deutschen Aidshilfe. Frauen sollen selbst über die angebotenen Dienstleistungen bestimmen können – also ob mit Kondom oder ohne. Im Klartext heißt das: Wenn Frauen sich schon, um Überleben zu können, prostituieren müssen, dann sollen sie wenigstens zehn Euro mehr pro Dienstleistung dafür bekommen, dass sie dabei ihr Leben auf das Spiel setzen. Das fatale Signal solcher Aussagen ist: Verhütung ist eine Frage der Vorliebe und nicht der Verantwortung.
Nach langem Tauziehen sieht es so aus, als würde die Bestraftung von Freiern, die Zwangsprostituierte aufsuchen, nun doch umgesetzt werden – Straffreiheit gibt es nur, wenn die Freier versuchen, der Frau zu helfen. Ob vor oder nach vollzogener „Dienstleistung“ bleibt offen. An dieser Stelle erkennt die Politik an, was sie sonst so vehement leugnet, nämlich dass der einzig wirksame Zugang gegen Prostitution die Nachfrageseite bleibt – doch man zieht sich auf die in den vergangenen Monaten so oft betonte Grenze zwischen „schlechter“ Zwangsprostitution und „guter“, weil „freiwilliger“ Prostitution zurück. Dass die Grenze eine erfundene ist und sich selten so genau ziehen lässt, wird weiter ignoriert. Ist eine Frau, die von Familie oder Ehemann in die Prostitution gebracht wird, um die Angehörigen zu Hause zu versorgen und von ihrem Geld nichts behält, eine Zwangsprostituierte oder doch eher „freiwillig“ in der Prostitution? Die Antwort darauf bleibt die Politik schuldig, weil sie dann eingestehen müsste, dass die blanke Existenznot und das Armutsgefälle unter dem Deckmantel der „Freiwilligkeit“ und Legalität die viel wirksamere Gewalt sind, die Frauen in die Prostitution zwingt und sie dort Gewalt und Ausbeutung ausliefert.

Mit dem neuen Prostitutionsschutzgesetz sollen die hässlichen Auswirkungen der Prostutiton ein wenig gemildert werden, erhofft man sich. Ein bisschen weniger Elend, ein bisschen weniger Gewalt, die Branche hat es offenbar verkackt, ihr Schmuddelimage selbst zu bereinigen, so dass jetzt Papa Staat einspringen muss, um dafür zu sorgen, dass Prostitution nicht mehr nur ein Steuerposten bleibt, sondern nun auch ein Verwaltungsakt wird. Deutschland liegt schon immer dem Irrglauben auf, dass man durch Verwaltung einem gesellschaftlichen Abgrund den Schrecken nehmen könnte. All diese Dinge werden am Alltag der Prostitution nur sehr wenig ändern, dazu ist sie als Institution längst zu mächtig. Diese Regulierungsansätze gehen davon aus, man könne Prostitution, das Geschäft mit der Ware Frau, reformieren, indem man die Verfügbarkeit der Ware Frau an minimale Bedingungen knüpft und verkennt dabei, dass das Problem die Warenförmigkeit an sich ist. Die Branche wird einen Weg finden, sich aus all diesen Reglementierungen herauszuwinden. Keine Gang-Bang-Parties mehr? Dann heißt es eben in Zukunft freiwilliger Gruppensex gegen Kostenpauschale. Und woran genau soll ein Freier nun die Zwangsprostituierte erkennen? Blaue Flecken können ebenso als Ergebnis einer vorangegangenen Dienstleistung aus der SM-Sparte stammen – denn wenn eine Prostituierte irgendetwas zustimmt, ganz gleichgültig aufgrund welchen Zwangs, dann gilt das im Freierparadies Deutschland als „freiwillig“ und legal. Vielleicht will sie sich ja von ihrem Zuhälter schlagen lassen, ebenso wie sie kein Kondom benutzen will.

In 12 Jahren haben sich Männer daran gewöhnt, in den Puff zu gehen, sie schreiben öffentlich darüber, tauschen sich in Foren aus – wo das bei einigen aufkeimende schlechte Gewisse sofort dienstbeflissen von ein paar Prostituierten weggetröstet wird – nein, die Freier sind nicht schuld, wenn Prostitution Frauen zerstört, es sind die Frauen, die sich den falschen Job ausgesucht haben, die Männer können doch da nun wirklich nichts für – sie bewerten in diesen die Frauen und ihre „Dienstleistung“ und warnen sich gegenseitig vor solchen, die ihrer Meinung nach nicht enthusiastisch genug fremde Sexualität gegen Geld über sich ergehen lassen. Menschenhändler aus ganz Europa wissen, dass sich mit nichts schneller und ungefährlicher Geld verdienen lässt, als mit einer Frau, die zur Prostitution nach Deutschland gebracht wird. Die EU-Krise und das Armutsgefälle in Europa sorgen dafür, dass für hunderttausende Frauen Prostitution der einzige Ausweg ist.

In 12 Jahren ist das Elend auf den Straßenstrichs und den Bordellmeilen längst Alltag geworden – auch die Berichte von Ausgestiegenen, von der Gewalt und dem Ekel berühren kaum noch jemand. Der Thrill, sich an dem fremden Leid und dem bisschen Sex zu ergötzen, ist vorbei. Stattdessen gibt es jetzt Bio-Prostitution zum Anfassen – die wenigen Lobby-Prostituierten sind medial omnipräsent und erzählen jedem, der es hören will, was für ein toller Beruf Prostitution ist. So lässt es sich dann gut wegsehen, vom Schicksal all jener, die keine Stimme haben, weil sie zu jung sind, die Sprache nicht sprechen oder für sich keine andere Wahl sehen, die für 20 Euro in einer Verrichtungsbox lehnen oder sich in den Mund koten lassen müssen und mit der ständigen Gefahr gewaltsamer Übergriffe rechnen müssen, die dankbar sein müssen, wenn sie bis zu zehn Männer am Tag in und auf sich ertragen dürfen, weil dann das Geld wenigstens zum Zahlen der Miete oder dem Ausbleiben der Schläge ihres Zuhälters reicht, all das ohne Kondom, weil es die Freier so wollen und die damit jeden Tag ihre Gesundheit riskieren. Deutschland bleibt, auch mit dem Prostitutionsschutzgesetz, ein Freierparadies.

All dieses Elend werden wir in Zukunft verwalten und wann immer jemand darauf hinweist, dass Prostitution auch mit Regulierung ein abscheuliches Gemisch aus Gewalt und Ausbeutung ist, wird dann erwidert werden, man hätte das Gesetz ja schließlich verändert. Aber Prostitution lässt sich nicht regulieren. Ihr Ursprung ist die Ungleichheit, die Annahme, dass Männer das Recht darauf haben, Frauen für ihre Zwecke, ihre Befriedigung zu benutzen. So lange Freier für Geld Sex kaufen können, werden sie versuchen, für dieses Geld das Maximum aus dem gekauften Körper herausholen zu können, sie werden mit einer Anspruchshaltung in Bordelle und auf die Straßenstrichs gehen, deren Ergebnis AO-Sex, Gewalt und Preisdrückerei ist. Geld ist dabei nur eines von vielen Gewaltmitteln, es ist das Symbol für die Verteilung von Macht – auf der einen Seite der Sexkäufer, der Deutsche mit Job, Reihenhaus und Familie, mit sozialer Sicherheit und seinem Penis als wichtigstem Privileg von allen – und auf der anderen Seite die Prostituierte, eine Frau, Ausländerin, mittellos, alles, was sie hat, ist ihr Körper, sind ihre Körperöffnungen, ihr Ertragen, ihr Aushalten, um überhaupt eine Existenzberechtigung im Wohlstandsland Deutschland zu haben. Dieses Machtgefälle, dessen Konsequenz die immer wieder kehrende sexuelle Ausbeutung der Abhängigen ist, auf Kosten ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit und mit verschwindend geringen Chancen, all dem zu entkommen, wird durch die abzusehende Regulierung zementiert, in Stein gemeißelt, für die nächsten zehn Jahre. Prostitution lässt sich nicht schöner machen mit ein wenig Kosmetik für das bürgerliche Gewissen, sie ist ebenso wenig reformierbar wie Sklaverei. Es gibt keine „gute“ oder „harmlose“ Prostitution, es gibt nur unterschiedliche Abschwächungen des immer gleichen Prinzips – der Mann kauft, die Frau gibt, muss geben. So lange es Prostitution gibt, so lange wird es Gründe geben, sich zu prostituieren. Es ist der Sexkäufer, der die Wahl hat, nicht die Prostituierte, deren ökonomisches Überleben darauf ausgerichtet ist. Wir brauchen ein Sexkaufverbot in Deutschland und echte Alternativen für die Frauen. Überall reagieren wir allergisch auf Sexismus, aber wenn in deutschen Großstädten Männer durch Türen in Form gespreizter Frauenbeine marschieren, um drinnen Sex zum Preis eines Bratwürstchens zu kaufen, finden wir es ok. Wir romantisieren lieber ein wenig von „sündigen Meilen“ und moralischer Freiheit, als diese gesamtgesellschaftliche Schizophrenie zu beenden. Prostitution ist ein Relikt von vorgestern. Es ist die Macht einer noch immer zu tiefst patriarchalen Gesellschaft und ihrer Helfershelfer, die dafür sorgen will, dass Prostition ein legales, marktwirtschaftlich – und nun auch irgendwie sozialverträgliches Arrangement bleibt, in dem Freier sich nicht darum scheren müssen, was das für die von ihnen gekaufte Frau bedeutet. Legale Prostitution bedeutet Gewissensfreiheit für Freier und alle Profiteure und das zynische Signal an alle Menschen in der Prostitution, dass sich für ihr Schicksal wirklich niemand interessiert. Das Prostitutionsschutzgesetz ist die Fortschreibung des Prostitutionsgesetzes von 2002. Wir werden uns damit nicht zufrieden geben. So lange es Prostitution gibt, wird keine von uns frei sein – abolish prostitution now!

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