Alles Fake-Lesben? Aufräumen mit den Mythen über politisches Lesbentum

Politisches Lesbentum wird in radikalfeministischen und lesbischen Kontexten gerade (wieder) stärker diskutiert. Dabei kommt es immer wieder zu Eskalationen- verständlicherweise, denn es geht ja um nichts Geringeres als die Frage, mit wem frau ihr Leben verbringen möchte. Vor allem ranken sich viele Gerüchte um das Thema, eines der häufigsten wohl: Wir können doch unsere Sexualität nicht verändern. Doch Fakt ist eben: Es gibt Frauen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, genau das zu tun. Als Folge ihrer radikalfeministischen Analyse. Sheila Jeffreys zum Beispiel. Grund genug, darüber ins Gespräch zu kommen.

Leider gibt es kaum deutschsprachige Texte zu dem Thema, wohl aber mehrere englischsprachige. Ein Gastbeitrag des Blogs „radicallesbianfeminists“ (https://radicallesbianfeminists.wordpress.com/2013/11/14/political-lesbian-myth-busting/) widmet sich dem „Myth Busting“, also dem Aufbrechen von Mythen, die sich um politisches Lesbentum ranken.

Die Autorin beginnt mit dem Mythos, dass es bei Lesbentum nur darum gehe, wen frau attraktiv finde oder welche sexuellen Fantasien sie habe. Lesbischsein wird in der Hetero-Gesellschaft (und leider auch nicht selten unter Lesben) ausschließlich als sexuelle Orientierung angesehen. Ich erinnere mich, dass ich es kaum über die Lippen brachte, bei einem Abendessen mit Bekannten meiner Eltern zu erzählen, wo ich gerade herkam: Von einer Lesbendemo. Weil mich die Erfahrung lehrt, dass die meisten Menschen nicht nachvollziehen können, warum ich öffentlich in der Stadt zeigen muss, mit wem ich ins Bett gehe. Weil sie nicht verstehen, dass es gar nicht darum geht, mit wem ich ins Bett gehe. Sondern, worum geht es? Die Autorin des Artikels fasst dies zusammen als:

“Being a lesbian is a social construction of intimacy, community and cultures.“ (Übers.: Lesbischsein ist ein soziales Konstrukt von Vertrautheit, Gemeinschaft und Kultur).

Es geht auch nicht um Männerhass, sondern um die Liebe zu Frauen (und damit übrigens auch um die Liebe zu uns selbst- was erst einmal sehr beängstigend sein kann, weil es verdeutlicht, wie sehr wir zuvor verabscheut wurden)- eine Liebe also, die wir erst erlernen müssen, weil wir nicht in dem Wissen aufwachsen, dass Frauen liebenswert sind. Im Gegenteil.

Es gibt nicht den einen Weg aus der Zwangsheterosexualität. Für einige mag Lesbentum das Ziel sein, andere entscheiden sich (zunächst oder für immer), zölibatär zu leben. Ein lesbisches Leben allein ist per se auch noch nicht patriarchatskritisch, „nor will it, by itself, dismantle patriarchy, though it is a step along the way” (Übers.: noch wird es an sich das Patriarchat auflösen, auch wenn es ein Schritt auf dem Weg dorthin ist). Eine Lesbe, die Männern zwar nicht sexuell, jedoch weiterhin emotional, wirtschaftlich und vor allem ideologisch zur Verfügung steht, stellt keine Gefahr für das Patriarchat dar und wird gesellschaftlich deshalb auch weitgehend als „statistische Abweichung“ toleriert (siehe Mary Dalys Unterscheidung von „Lesben“ und „lesben“).

Wir müssen zu einem Verständnis finden, dass Heterosexualität kein individuelles Begehren ist, sondern eine Institution. Nicht irgendeine Institution, sondern eine sehr zentrale, vielleicht die zentralste überhaupt, um das Patriarchat aufrecht zu erhalten. Wer der Meinung ist, das Patriarchat fände nur im öffentlichen Raum statt und hätte mit der eigenen Hetero-Beziehung nichts zu tun, sollte sich vielleicht noch einmal mit dem Grundsatz „Das Private ist politisch“ aus der zweiten Frauenbewegung vertraut machen. Derzeit gibt es eine politische Akzeptanz (und zwar, wie die Autorin des Artikels schreibt, ausschließlich an dieser Stelle) dafür, dass es kein Entkommen aus dieser Form der Frauenunterdrückung gibt. Es handelt sich also um eine Resignation. Wenn wir etwas ohnehin nicht ändern können, müssen wir auch nicht weiter darüber sprechen. Mal wieder ein geschickter Schachzug des Patriarchats, aber wir durchschauen ihn. Wir sprechen. Viele politische Lesben und radikale Feministinnen sind zu dem Schluss gelangt, dass es keine plausible Erklärung dafür gibt, warum ausgerechnet etwas so männer-zentriertes wie Heterosexualität nicht durch patriarchale Einflüsse sozial erworben worden sein soll, während wir uns bei allen anderen feministischen Themen niemals mit der Begründung „Ist angeboren“ zufrieden geben würden.

Wenn politische Lesben und andere Aussteigerinnen aus der Heterosexualität diese Gedanken äußern, folgen so gut wie immer Empörungsrufe: Sie würden damit „Homo-Heilern“ in die Hände spielen. Und ja, hier zeigt sich, wie wichtig es für die Schwulen-Bewegung damals war, Homosexualität als „ausschließlich angeboren“ zu deklarieren, um sich aus diesen menschenverachtenden Praktiken zu lösen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob jemand Menschen mit (physischer oder emotionaler) Gewalt dazu zwingt – und zwar selbstverständlich aus patriarchalen Gründen -, sich „umzuorientieren“ oder ob eine Frau sich entscheidet, diesen Weg zu gehen, weil sie erkannt hat, dass Heterosexualität eine wesentliche Institution des Patriarchats ist und ihr schadet. Maßstab für Feministinnen sollte immer sein, wie sich Frauen befreien können. Und aus der Heterosexualität auszusteigen, ist genau das: eine Befreiung. Die Befreiung aus einer Institution, die es Männern als Klasse ermöglicht, Frauen als Klasse zu unterdrücken:

„In fact, sexuality, as a social construction, is far, far more than merely who we are attracted to at any one point in our lives. It is moulded, institutionalised and structured to benefit men, as a class, and oppress women as a class.“ (Übers.: Sexualität, als soziales Konstrukt, ist viel, viel mehr als bloßes Begehren. Es ist in der Weise geformt, institutionalisiert und strukturiert, dass Männer, als Klasse, davon profitieren und Frauen, als Klasse, unterdrückt werden).

 

Auf einem anderen, sehr empfehlenswerten Blog (http://www.radicalfeminism.co.uk/heterosexuality.html) schreibt eine Autorin dazu sehr treffend:

„The reason feminist women advocate leaving men is because heterosexuality is not a healthy practice; it is conditioned into women from when they are little girls, through making girls think males have more value than themselves and other women. […] To enjoy sleeping with men and feel sexually attracted to them women have to eroticise male dominance and their own submission, this is neither natural nor healthy.“ (Übers.: Der Grund, warum feministische Frauen sich dafür einsetzen, dass Frauen Männer verlassen, ist, dass Heterosexualität keine gesunde Praktik ist; Frauen werden von klein auf darauf konditioniert, indem ihnen eingeredet wird, Männer hätten mehr Wert als sie selbst und andere Frauen. […] Um es genießen zu können, mit Männern zu schlafen und sie sexuell attraktiv zu finden, müssen Frauen männliche Dominanz und ihre eigene Unterdrückung erotisieren- das ist weder natürlich noch gesund.)

 

Ein weiterer Mythos, den die Autorin von „radicallesbianfeminists“ anspricht, ist jener, dass es sich bei politischem Lesbentum um eine Form der Aneignung des Begriffs und der Identität „Lesbe“ handele, bzw. dass politisches Lesbentum selbst eine Identität sei. Politische Lesben würden also nichts anderes tun als transidentifizierte Männer, die sich als Frauen bezeichnen. Hier liegt, so die Autorin, ein Verständnis von „authentischem Lesbentum“ zugrunde. Nur wenn es ein authentisches, „echtes“ Lesbischsein gibt, kann es auch ein unechtes geben. Dieser Mythos bedient also auch die hetero-patriarchale Denkweise, dass Sexualität angeboren und unveränderbar sei.

Es gibt keine „falschen“ Lesben. Wir alle sind vom Hetero-Patriarchat geprägt und bringen diese Prägung mit in unsere lesbischen Beziehungen und Gemeinschaften. Der Weg aus der Zwangsheterosexualität ist oft ein langer, beschwerlicher. Viele Frauen erkennen erst nach Beendigung von Hetero-Beziehungen die Schädigung, die von ihnen ausging. Viele erkennen die Befreiung, die von der Entscheidung für politisches Lesbentum ausgeht. Sie müssen nun nicht mehr in dem ständigen Zwiespalt leben, ein unterdrückerisches System erkannt und analysiert zu haben, sich allerdings nicht (vollständig) daraus befreien zu können:

„Many women have freed themselves from the clash of being intimately tied to an oppressive system while having a radical, critical analysis about it. Many women have discovered that they can, and should, love women as a direct result of their feminism.“ (Übers.: Viele Frauen haben sich von dem Konflikt befreit, einerseits eng an ein unterdrückerisches System gebunden zu sein, während sie gleichzeitig eine radikale, kritische Analyse dazu haben. Viele Frauen haben herausgefunden, dass sie Frauen als eine direkte Folge aus ihrem Feminismus lieben können und sollten).

 

Die Autorin des Blogs „radicalfeminism.co.uk“ hat ein derart schönes Schlusswort zu der Thematik gefunden, dass es hier noch einmal einen Platz finden soll:

„However, we cannot make the decision for you to fight against your own oppression; you have to do that for yourself. Your lesbian sisters will stand by you and support you, if you want to join us in fighting for women’s liberation.“ (Übers.: Wie dem auch sei, wir können nicht für euch die Entscheidung treffen, gegen eure eigene Unterdrückung anzukämpfen, das müsst ihr selbst tun. Eure lesbischen Schwestern werden an eurer Seite stehen und euch unterstützen, wenn ihr euch uns im Kampf für die Befreiung von Frauen anschließen wollt).

 

Wir alle standen irgendwann ganz am Anfang, und das ist völlig in Ordnung. Liebe Late Bloomers, liebe Ex-Heteras, liebe Zweiflerinnen und Suchenden: Ihr seid sehr willkommen.

5 Kommentare

  1. So sehr ich dir in der Analyse zustimme, die Realität sieht oft anders aus. Allzu oft werden besonders Frauen, die sich als Bisexuell oder Ex-Hetera outen, von Lesben als Krankheitsüberträgerinnen (diseased), Oppertunistinnen oder gar “Zuträgerinnen” für männliche Fantasien diskriminiert. Es wird sich nicht die Mühe gemacht herauszufinden, ob die Betreffende nach langjähriger Analyse und Lernprozess für sich entschieden hat, ihre feministische Überzeugung auch in dieser Konsequenz zu leben, oder ob es sich um eine patriarchal verwurzelte Frau handelt, die nur mal was Neues ausprobieren will. Das ist schade und auch sehr verletzend.

  2. Ich nehme an, du sprichst aus deiner persönlichen Erfahrung heraus, Alex? Es tut mir leid, dass du Ablehnung erfahren hast, und kann nachfühlen, dass sie dich verletzt hat.
    Ich glaube, dass, wenn eine das will (und ausschließlich dann, nicht als Imperativ), es helfen kann, sich genau die Mühe, die sie bei den/der anderen vermisst (hat), selbst zu machen. Sich zu überlegen, welche Lebensrealität, welche Erfahrungen, welche Umstände etc. gegeben sein müssen, um so zu reagieren, wie beschrieben. Es weniger persönlich nehmen, die Gemeinsamkeiten erkennen zwischen einer selbst und der anderen Frau. Nicht davon ausgehen, dass die andere mir etwas schuldet (Aufnahme, Glauben, Unterstützung, Offenheit), sondern bei mir anfangen und genau das, was ich mir so sehr wünsche, der anderen geben. Eine Art inneres Ja. Schwer zu beschreiben. In keinem Fall will ich die Erfahrung, ausgeschlossen zu werden/sein und die damit einhergehenden Gefühle klein reden.
    Und dann aber auch nicht bei “das ist schade” stehen bleiben. Denn eigentlich ist es ja eher scheiße als schade, aber eben ursprünglich nicht den Ablehnung aussprechenden Frauen zuzuordnen, sondern dem Patriarchat, in dem auch diese Frauen leben. Und dann zu sagen “trotzdem”. “Trotzdem du mich nicht siehst, nicht anerkennst, mir nicht glaubst, mich ausschließt, sehe ich dich, erkenne ich dich an, glaube dir und schließe dich mit ein.” Da heilt vielleicht die äußere Verbindung nicht oder zumindest nicht sofort, die innere zu sich selbst, der eigenen Weiblichkeit und der generellen Gemeinschaft aller Frauen aber, wenigstens ein bisschen. (nochmal, weil es mir wirklich wichtig ist: Das ist kein “mach doch das, dann gehts dir besser – wenn du es nicht machst, biste selbst schuld daran, dass es dir schlecht geht!” Es ist mein Weg, eben um aus der Falle zu klettern, die überall zu lauern scheint, und die Andrea Dworkin als “die Drecksarbeit für das Patriarchat/die Männer erledigen” bezeichnet hat.)

  3. susann summer

    ein artikel, der mir aus der seele spricht; seit meinem 25.Lj bin lebe in diesem sinn.
    ausschliessliche frauenbezogen (bücher, ärztin,…..)
    ich hatte das große glück, aufgeregt und als aufgetakeltes püppchen, von zwei sehr respektvollen lesben im frauenbuchladen empfangen worden zu sein.
    stolz und mit liteatur (tips) versorgt, habe ich den laden verlassen
    mit feministischen grüßen
    susann (mittlerweile 67)

  4. Wird denn eine Trennung zwischen politischen und sagen wir natürlichen Lesben benötigt? Ich denke nicht, denn frau kann lesbisch sein, ohne dass es eine bewusste Entscheidung ist und sie kann zur selben Zeit auch politisch sein. Doch auch wenn eine lesbische Frau nicht politisch ist, so ist sie trotzdem eine lesbische Frau. Eine Wertung nach dem Motto ich bin aber aus Überzeugung lesbisch, was manche als höhenwertiger Empfinden könnte, halte ich komplett für falsch, denn eine Trennung oder gar Zersplitterung wäre negativ für alle lesbische Frauen.

  5. Ich bin nicht sicher, ob ich Aspekte des Textes missverstanden habe. Aber man muss noch nicht lesbisch werden, bloß weil man Zwangsheteronormativität feststellt. Wenn manche “von Natur aus” lesbisch sind, dann doch auch manche “von Natur aus” hetero? Und wenn manche sich für die Liebe zu Frauen bewusst entscheiden, dann doch auch manche für die Liebe zu (feministischen) Männern? Ich sehe zumindest keinen progressiven Gedanken darin, die (männliche) Hälfte der Menschheit von Grund auf von Liebe auszuschließen.

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