Anarchafeminismus – auf den Spuren einer Utopie

Buchcover: AnarchaFeminismus

S. Lohschelder, I. Gutschmidt, L. M. Dubowy: AnarchaFeminismus - Auf den Spuren einer Utopie,
Unrast-Verlag, 2009

Feminismus und Anarchismus – wie geht das zusammen? Tatsächlich gibt es eine lange, gemeinsame Tradition, die jedoch auch von der feministischen Geschichtsschreibung gerne totgeschwiegen wird. In “Anarchafemininismus – auf den Spuren einer Utopie” fühlen Silke Lohschelder, Liane M. Dubowy und Inés Gutschmidt eben jener Geschichte nach.

Das Ziel des Anarchismus – die Befreiung – findet beinahe wie von selbst seinen Platz als feministische Utopie, in der vor allem viele radikalfeministische und linke Forderungen verwirklicht werden. Ziel ist keine reformierte oder gleichberechtigte Gesellschaft, sondern eine, in der Freiheit für alle gilt und die weder Herrschaft noch Unterordnung kennt, sondern über den gemeinsamen Konsens funktioniert.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Anarchistische Theorie, Anarchistinnen und den Anarchafeminismus.


In Teil 1 kommen die großen anarchistischen Vordenker Pierre-Joseph Proudhun, Michail Bakunin und Peter Kropotkin mit ihren Ansichten und Analysen zum Geschlechterverhältnis zu Wort. Dabei zeigt sich, dass Anarchismus nicht automatisch auch ein Verständnis für die Notwendigkeit der Befreiung der Frau mit sich brachte. So radikal Proudhun zum Beispiel auch in seinen gesellschaftlichen Visionen war – in der Frauenfrage blieb er ein patriarchaler Sexist, der Frauen im Dienste der Gesellschaft hinter den Herd verbannen wollte. Bakunin war da schon differenzierter, er forderte theoretisch die Gleichstellung der Frau, verlangte aber gleichzeitig, dass man diese aus den praktischen Kämpfen seiner Zeit heraushalten sollte. Ähnlich argumentiert auch Kropotkin. So wird verständlich, warum Anarchismus nicht genug ist und es den Anarchafeminismus braucht

Ganz anders dann die Anarchistinnen in Teil II: Louise Michel kämpfte in der Pariser Kommune. Sie saß mehrfach im Gefängnis, wurde sogar verbannt und überlebte sogar ein Attentat. Es ist bezeichnend, dass sie sich nicht nur über Hunger und Armut und die Lage der Frau empörte, sondern auch über Tierquälerei. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus.  Sie wollte keine Beteiligung an der Herrschaft, sondern Freiheit für alle:

Beruhigt euch, meine Herren, wir brauchen keinen Rechtsgrund, um eure Ämter zu übernehmen, wenn es uns passt! Eure Privilegien? Was Ihr nicht sagt! Wir mögen keinen alten Plunder, macht damit, was ihr wollt, es ist uns zu sehr geflickt und zu eng für uns. Was wir wollen, ist Wissen und Freiheit!

Im vorsozialistischen Russland finden sich viele Frauen unter den Revolutionären, die zum einen sichtbar gegen die Geschlechterordnung protestierten, indem sie sich die Haare kurz schnitten und Männerkleidung trugen, zum anderen aber auch Bildung und gesellschaftlichen Wandel forderten. Nicht wenige von ihnen beteiligte sich an Attentaten, wurden erschossen, verhaftet, ausgepeitscht. Besonders Vera Figner tritt hier heraus. Sie lernte revolutionäre Ideen in Frankreich kennen und war überzeugt davon, dass alle Ungerechtigkeit nur durch Armut und Unwissen entsteht. Nach langen Kämpfen im Untergrund war sie 1881 an dem Attentat auf Alexander II. beteiligten und wurde dafür mit 20 Jahren Haft bestraft.

Selbstverständlich darf in einem Buch über Anarchafeminismus Emma Goldman nicht fehlen. Die jüdische Russin emigrierte in die USA, weil sie sich dort mehr persönliche Freiheit erhoffte als im zaristischen Russland – und wurde bitter enttäuscht. Die Erfahrungen in der amerikanischen Arbeiterbewegung ließen sie endgültig zur Anarchistin werden. Emma Goldmans Vision war eine befreite und freie Gesellschaft, sie musste aber selbst in ihrem engsten Umfeld immer wieder feststellen, wie weit Theorie und Praxis gerade in der Frauenfrage auseinandergingen. 1919 wurde sie nach Russland ausgewiesen. Emma Goldman lehnte jede Zusammenarbeit mit dem Staat und seinen Organen ab. Über die Frauenfrage schrieb sie:

Es ist heute für die Frau notwendig geworden, sich von der Emanzipation zu emanzipieren, will sie wirklich frei sein.

Das war ihre Absage an die bürgerliche und auch die proletarische Frauenbewegung, die letztlich nur forderten, im gleichen Maße wie die Männer ausgebeutet und unterdrückt zu werden und das dann als Gleichberechtigung empfanden.

Ein eigenes Kapitel geht der deutschen anarchistischen Bewegung nach, die in der Geschichte eher eine Randerscheinung blieb und vor allem eine männlich geprägte Bewegung blieb. Dennoch oder gerade deswegen gab es anarchosyndikalistische Initiativen wie den Syndikalistischen Frauenbund. Sie traten für Kinderlosigkeit ein und kritisierten, dass die Idee der freien Liebe eigentlich nur dazu diene, Männern unkompliziert zu Sex zu verhelfen, die Bedürfnisse der Frauen jedoch außen vor lies.

Im spanischen Bürgerkrieg spielen die mujeres libres eine wichtige Rolle. Sie waren eine eigene Frauenorganisation innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens. Ihr Ziel war ein sozial gerechtes System des libertären Kommunismus, dennoch identifizierten sie klar das patriarchale System als zusätzlich zu überwindenden Widerstand für die Befreiung der Frau. Sie glaubten nicht daran, dass die sexistische Unterdrückung automatisch ein Ende haben würde, wenn der Kapitalismus überwunden würde.

Teil III gehört dem Anarchafeminismus und geht Gemeinsamkeiten und Differenzen in anarchistischer und feministischer Theorie und Praxis nach. Der Anarchafeminismus selbst entstand aus dem US-amerikanischen Radikalfeminismus. Peggy Kornegger und Carol Ehrlich diskutierten die Zusammenhänge zwischen Befreiung und Frauenbefreiung.  Für sie stand fest:

Feministinnen sind natürliche Anarchistinnen

und

Anarchismus und Feminismus entsprechen sich.

Ihre Argumente stießen bei männnlichen Anarchisten auf Widerstand. Die radikale und autonome Frauenbewegung ist ihrem Wesen nach eine anarchistische.

“Anarchafeminismus” ist ein höchst lesenswerter Streifzug durch die Geschichte der gemeinsamen Wurzeln von Anarchismus und radikalem Feminismus. Deutlich wird gezeigt, dass sowohl der Radikalfeminismus als auch der Anarchismus in ihrer Utopie eine befreite Gesellschaft haben – und dass beide natürliche Verbündete sind. Absolute Leseempfehlung!

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