Alle Artikel von Eva Yvory

Gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei – warum ich bei Terre des Femmes eintrat

Ich habe zwei Töchter, eine von ihnen kommt jetzt in die Pubertät. Jeden Tag, wenn ich sie ansehe, wird mir klar, wie unendlich verletzlich sie sind, in einer Welt, in der so viele Gefahren lauern. Immer wieder spüre ich schmerzlich, dass ich viel eher bereit bin, meinen Sohn im gleichen Alter alleine mit dem Fahrrad irgendwohin fahren zu lassen, als meine Tochter, und dass ich auf diese Weise Diskriminierung reproduziere.
Diese Welt ist kein sicherer Ort für Mädchen. Seit 37 Jahren kämpft Terre des Femmes dafür, dass sich das ändert, in Deutschland, weltweit. Die Erfolgsliste des Vereins ist beachtlich. Die Mitfrauen kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung, sie unterstützen geflüchtete Frauen, Opfer sexueller und häuslicher Gewalt und sie kämpfen für ein Ende der Prostitution. Gerade um letztere Position wurde 2014 intern heftig gerungen, doch letztlich blieb Terre des Femmes den eigenen Grundsätzen treu: Ein System, das Gewalt gegen Frauen immanent hervorbringt, ist nicht unterstützenswert, im Gegenteil, es muss bekämpft werden.

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Unsere Störenfrieda des Monats: Elly Beinhorn

Pilotin Elly Beinhorn

Walter Mittelholzer [Public domain], via Wikimedia Commons

Elly Beinhorn war die erste Frau, die in einem Flugzeug die Welt umrundete. Sie war berühmt für ihre Langstreckenflüge. Geboren in Hannover im Mai 1907 hörte sie mit Anfang 20 einen Vortrag des Ozeanfliegers Hermann Köhl und wusste sofort, dass sie fliegen lernen möchte. Der Hannoversche Aeroclub lehnte es ab, sie als Frau aufzunehmen, auch ihre Eltern waren dagegen. Ihr Vater wollte sie einem Nervenarzt vorstellen. Elly setzte sich durch und erwarb 1929 den Sportflugführerschein, kurz darauf weitere Flugscheine. Sie kaufte sich ihr eigenes Flugzeug – eine Messerschmitt M 23b. Das Geld dafür verdiente sie mit Reklameflügen und flog im Januar 1931 mit ihrer Klemm KL 26 bis nach Afrika. Ihr Fernweh war geweckt. Bereits im Dezember 1931 brach sie zu ihrem größten Abenteuer auf: Als erste Frau umrundete sie in einem Flugzeug die Welt. Über den Balkan nach Delhi, über Bangkok, Singapur und Java nach Australien von dort per Schiff (ihr Flugzeug wurde zerlegt) bis nach Panama und von Argentinien aus zurück nach Berlin. In Syrien zwang sie ein Sturm zum Notlanden, sie flog zum Himalaya, traf Könige, Präsidenten und andere Weltreisende und war dabei, als Konrad Spies, der Cousin des Künstlers Walter Spies, auf Bali von einem Hai getötet wurde.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Dear Ijeawele

Copyright: Random House

Chimamanda Ngozi Adichie gehört zu den wichtigsten feministischen Stimmen unserer Zeit. Mit dem Buch „Dear Ijeawele, or A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions„, erschienen bei Random House und als deutsche Übersetzung unter dem Titel „Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter zu selbstbestimmten Frauen werden“ beim S. Fischer Verlag, knüpft in seiner Bedeutung an Chimamandas bekanntesten Text „We should all be feminists an“.

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„Die Welt braucht mehr Pussy Power“ – im Interview mit Meike Bambuch von Pussy Paper

Meike Bambuch, 29 Jahre alt und Geschäftsführerin der Druckerei Hess & Co, hat ein neues Label für Kunst von Frauen, für Frauen und über Frauen geschaffen. Der Online-Shop „Pussy Paper“ hält, was der Name verspricht: Alles rund um Pussys, mal künstlerisch, mal frech. Wir haben mit Meike gesprochen.

Eva: „Hallo Meike, wie bist du denn zum Feminismus gekommen?“

Meike: „Mein Zugang war eigentlich mehr ein praktischer. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und 2013 in New York für eine große DIY-Seite den Social Media Bereich betreut, also ein sehr frauendominierter Bereich. Dann kam ich zurück und entschied mich, die Geschäftsführung unserer Familiendruckerei zu übernehmen und auf einmal war ich mitten in der Männerdomäne. Ganz schnell kam da die Frage auf: Wo sind eigentlich die Frauen, wo sind meine Rollenvorbilder? Also fing ich an, mich mit Feminismus zu beschäftigen, Kontakte zu knüpfen und zu erkennen, dass viele weibliche Netzwerke gerade erst im Aufbau sind. Da ich ein sehr visueller Mensch bin, fehlte mir aber immer die visuelle Sichtbarkeit von Frauen, in der Werbung, in der Kunst – eine Sichtbarkeit jenseits von Sexismus und reiner Deko, eine Sichtbarkeit mit Aussage.“

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Unsere Störenfrieda des Monats: Roswitha (Hrotsvitha) von Gandersheim

Roswitha von Gandersheim war die erste deutsche Dichterin, die im 10. Jahrhundert lebte.
Sie belebte die Kunst des Dramenschreibens aus der Antike wieder. Ihre Werke, allesamt in Latein verfasst, sprühen vor Witz und Erotik.

Als Kind wurde Roswitha, vermutlich eine sächsische Adelstochter, in den 940er Jahren in das reiche Kanonissenstift Gandersheim gebracht, in dem die Nicht des Kaisers Otto I. wirkte und die Töchter Kaiser Ottos II. Die lese- und schriftkundigen Frauen des Stifts widmeten sich der Herstellung kostbarer Handschriften und beschäftigten sich mit der Kunst der Antike. Roswitha dichtete über die Heiligenlegenden und über die Geschichte der Ottonen, drei Teile umfasst ihr Werk: Das Legendenbuch, das Dramenbuch und einen Band mit historischen Schriften. Todesdatum ist nicht bekannt, vermutlich starb sie in den 970er Jahren.

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Wenn Männer mir die Welt erklären

Randomhouse

Rebecca Solnits wunderbares Buch „Men explaining things to me“ ist endlich in deutscher Übersetzung bei btb/Randomhouse unter dem Titel „Wenn Männer mir die Welt erklären“ erschienen. Es ist eine Sammlung analytischer Essays rund um die Themen Alltagssexismus und sexuelle Gewalt. Niemand erklärt „Mansplaining“ zu Deutsch „Herrklären“ besser als Rebecca Solnit, das spezifisch männliche Verhalten, Frauen Sachverhalte erklären zu wollen, von denen sie sich in besserer Kenntnis wähnen, nur weil sie Männer sind. Absurd bis unfreiwillig komisch sind Rebecca Solnits Ausführungen, ein aufrüttelndes Dokument über die Geschlechterverhältnisse unserer Zeit.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden oder nicht. Manche Männer jedenfalls. Jede Frau weiß, wovon ich spreche. Es ist jener Dünkel, der jeder Frau auf jedem Gebiet ab und an das Leben schwer macht; der verhindert, dass Frauen ihre Meinung äußern oder, falls sie es doch wagen, dass sie gehört werden; der junge Frauen brutal zum Schweigen bringt, indem er ihnen, ähnlich wie Belästigungen auf der Straße, vermittelt, dass diese Welt nicht ihre ist. Er schult uns Selbstzweifel und Selbstbeschränkung, während er zugleich das durch nichts gestützte überzogene Selbstvertrauen der Männer stärkt.“

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Chris Kraus: I love Dick

Matthes und Seitz http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/i-love-dick.html

Diese Buchrezension kann ich nicht wie jede andere schreiben. „I love Dick“ gehört zu den Büchern, die mein Leben verändert haben. Ich las es 2005 mit Anfang 20 und ich erinnere mich an jede der gefühlten Phasen, während des Lesens. Am Anfang nervte mich dieses überdrehte, hyperintellektuelle Pärchen, vor allem regte ich mich über Sylvére auf, diesen alten, selbstverliebten Mann, der sich in das neu entdeckte Begehren seiner Frau einmischte. Ich fand Dick, den Cowboy, so unglaublich lächerlich, und ich liebte Chris, ich liebte sie so sehr, denn sie war ich und sie war die Freundin, die ältere Ratgeberin, die ich mich so sehr wünschte.

Weil ich dieses Buch, das nun endlich, dank des Verlags Matthes und Seitz, auf Deutsch erschienen ist, so sehr liebe, kann ich es wohl kaum neutral bewerten. Als ich erfuhr, dass es nun auch auf Deutsch erscheint, durchfuhr mich ein Schreck. Was, wenn Leute hier das Buch zerreißen, wenn sie es anders interpretieren als ich, wenn sie es mir wegnehmen, wenn es Leute, die ich nicht leiden kann, aus den falschen Gründen feiern? Letzteres ist bereits eingetreten. Trotzdem las ich es noch einmal auf Deutsch, und jetzt, 12 Jahre später, liebe ich es noch mehr als mit Mitte 20.

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Unser Gentleman der Woche: Verivox für ihren sexistischen Werbeclip mit Mario Barth

„Verivox, so einfach, dass es jeder versteht“, erklärt Mario Barth im neuen Werbeclip von Verivox und ergeht sich dann in einer absurden Aufreihung lächerlichster Geschlechterklischees. Verivox sei angeblich so einfach, dass es sogar (sic!) seine Freundin versteht, dank seiner ach so witzigen Vergleiche zu Schuhkauf und endlosen Gesprächen. Frauen sind dumm, Frauen kaufen lauter Schuhe, Frauen reden gern sinnloses Zeug – was klingt wie Werbung aus den 1950er Jahren, halten die Werbestrategen von Verivox offensichtlich für eine innovative Idee.

Dass Mario Barth sexistische Klischees tradiert, ist hinlänglich bekannt, die Firma Verivox setzt also ganz bewusst auf ihn und seine Aussagen und positioniert sich damit als ein Unternehmen mit gewollt sexistisch diskriminierender Werbestrategie, die mit Frauenverachtung um neue Kunden buhlt. Alle Frauen und auch sonst jeder, der das mit der Gleichberechtigung ernst meint, sollte um Verivox einen großen Bogen machen sollte. Sexistische Kackscheiße zahlt sich nicht aus, Verivox. Das ist so einfach, das versteht sogar ihr.

Linke Männer oder wie ich Feministin wurde

Mann und Frau

jan bocek (CC BY 2.0)

Manchmal fragen mich Männer, die ich von früher kenne, warum ich Feministin bin. „Ist doch klar, dass der Kapitalismus an der Unterdrückung der Frau schuld ist“, sagen dann die, mit denen ich früher in verrauchten Keller zusammen saß und über die Weltrevolution diskutierte, mir auf Demos die Stimme heiser brüllte, die Fingerspitzen blau von der Farbe auf unseren Flugblättern und das Herz voll Leidenschaft für die Rettung der Welt. „Wenn der Widerspruch in den Produktionsverhältnissen überwunden ist, dann endet auch die Unterdrückung der Frau.“ Das sagen sie und lächeln, ganz so, als sei es fast schon traurig, mir nach all den Jahren noch immer oder schon wieder das Offensichtlichste erklären zu müssen, ein wenig nachsichtig, denn ich bin ja eine Frau und außerdem habe ich Kinder und bin eigentlich schon lange ein wenig bürgerlich und ich sehe sie an, diese nicht mehr ganz jungen Männer, von denen ich die meisten schon früher ziemlich dämlich und langweilig fand und die heute noch viel langweiliger sind und in mir steigt Wut auf.

Ich erinnere mich an jene Zeit, in den Kellern, auf den Demos. Ich erinnere mich daran, dass es immer die Männer waren, die sprachen, laut, mit dröhnender Stimme, die uns in endlosen Monologen darzulegen versuchten, wie sehr sie den Durchblick hatten, jeder von ihnen mindestens ein neuer Rudi Dutschke oder gleich Che Guevara. Von uns Frauen, von uns ganz jungen Frauen, sprach nur selten eine. Wir waren nur Zierde, wir durften nur dabei sein, um zu bewundern und um Kuchen zu backen. Sprach eine von uns, so musste sie damit rechnen, von den Männern, den alten und den jungen, regelrecht auseinander genommen zu werden. Zu viel Gefühl, zu wenig revolutionäre Attitüde. Wir Frauen, wir bringen es einfach nicht. Hormone, PMS und all das. All das schwang immer mit, wenn sie sich diese männerbündischen Blicke zuwarfen, mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Die wenigsten unter uns ertrugen das, die meisten liefen rot an, begannen zu stottern und sagten nie wieder etwas. Das Diskutieren überließen wir lieber wieder den Männern.

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Warum eine Bundespräsidentin kein Sieg des Feminismus ist

Hände

Exchanges Photos via flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Joachim Gauck will nicht mehr Bundespräsident sein. Die Spekulationen laufen auch Hochtouren und schon gibt es eine fleißig auf Facebook beworbene Seite, die 68 Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin vorschlägt, alle samt hochgebildet und hochdekoriert. In den USA behauptet Hillary Clinton gerade, sie würde als erfolgreiche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten Geschichte schreiben. Frauen, so sagt sie, sollten sie wählen. Weil sie eine Frau ist. „Gender Identity Politics“ nennt man das. Frausein wird in die Waagschale geworfen, um Frauen als Unterstützerinnen zu mobilisieren. Was aber bringt es den Frauen in Deutschland, in den USA wirklich, wenn Frauen die höchsten Ämter bekleiden? Dass das mit feministischem Siegestaumel nur wenig zu tun hat, zeigt ein ernüchternder Blick auf die Lage der Frauen unter zehn Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel. Wir kämpfen noch immer verzweifelt darum, dass „Nein“ endlich „Nein“ (oder konkret: Nur „Ja“ auch wirklich „Ja“) heißt und sexuelle Gewalt konsequent bestraft wird. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt, Prostitution ist in Deutschland legal, sexistische Werbung allgegenwärtig und Frauen werden nach wie vor auf vielfältige Weise diskriminiert. Um „Frauenthemen“ machte Angela Merkel in ihrer Kanzlerschaft bislang erfolgreich einen Bogen – weil es ihrer Macht Abbruch getan hätte. Hillary Clinton verriet andere Frauen, als sie sie unter Druck setzte, die sexuellen Übergriffe ihres Mannes zu vertuschen. Und was wissen die Frauen, die jetzt als Kandidatinnen für das BundespräsidentInnenamt gefeiert werden, wirklich über Frauenalltag in Deutschland – und sind sie, nur weil sie auch Frauen sind, dazu geeignet, ihn zu verbessern?

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